Dies ist in seinen wesentlichen Zügen der Inhalt des ersten noch erhaltenen Teils dieser großen Vaterlandsdichtung. Wie wir sahen, hatte dieses Werk für seinen Verfasser einen tiefen sittlichen Sinn gewonnen; es war seine Absicht, uns erst eine Reihe von hohlen, lasterhaften und erbärmlichen Menschen vorzuführen, um uns dann ein schönes Bild ihrer Erhebung zu geben; diese Dichtung war in den Augen des Autors eine an sein Vaterland gerichtete Verheißung, daß es sich einst von allem Häßlichen und Schmutzigen reinigen und der göttlichen Liebe würdig erweisen werde. Dieser ethische Sinn seines Werkes wurde Gogol durch seine religiösen Anschauungen, seinen Patriotismus und sein weiches, mitleidiges Herz diktiert. Es steht fest, daß Gogol als Ankläger des Lasters, der Schwäche, der Gemeinheit, der Trägheit und Indolenz, mit einem Wort, aller nur möglichen persönlichen und sozialen Schäden, einer der fortgeschrittensten russischen Männer gewesen ist, und dieses hohe Verdienst um das Vaterland vermag ihm niemand zu entreißen oder zu schmälern.

Aber bei einer näheren Bekanntschaft mit seinen Werken überzeugt man sich leicht, daß seine Kraft und sein Talent nicht allein in der Anklage und Geißelung bestand. Dieser Satiriker war in Wahrheit ein weicher, milder, zum Mitleid geneigter Mensch, und wußte gegen dieselben Menschen gerechte Nachsicht zu üben, die er in seinen Werken an den Pranger stellte. Er fand Worte der Vergebung und Rechtfertigung noch für den Lasterhaftesten, ja er liebte es eigentlich gar nicht, von Lastern zu sprechen und zog es vor, sie Schwächen zu nennen, wobei er den Leser stets zur Milde gegen die Angeklagten und Verworfenen zu stimmen suchte. Er brachte die Menschen zur Erkenntnis ihrer Sündhaftigkeit. Nicht sowohl durch die Aufdeckung ihrer Schlechtigkeiten und ihrer Sünden, als vielmehr dadurch, daß er in ihnen das Mitleid für ihre Nächsten weckte, die durch eigene oder fremde Schuld ins Unglück geraten waren.

Doch es sind nicht diese sittlichen Ideen und Anschauungen, die die große Bedeutung der „Toten Seelen“ für die Literatur und das Leben Rußlands ausmachen. Das Werk blieb unvollendet, und der russische Leser erlebte nichts von den kühnen Verheißungen des Dichters. Der Leser behielt nichts in seiner Hand zurück, als eine große Anklageschrift gegen die Gesellschaft, in der er lebte, eine Anklageschrift freilich, die von der Hand eines Meisters der Wirklichkeitsdichtung und eines großen realistischen Künstlers stammte.

Die „Toten Seelen“ sind das erste Muster eines großen realistischen Romans in der Literatur Rußlands, und das Schicksal, das oft sein ironisches Spiel mit den Menschen treibt, wollte es, daß dieses große Vorbild eines realistischen Romans von einem Romantiker und von einem Dichter geschrieben werden sollte, der seine Schriftstellerlaufbahn mit einem romantischen Traum begann und sie mit einer religiösen Predigt beschloß.

Aber die Natur hatte diesem Prediger ein wunderbares Talent in die Wiege gelegt, er besaß wie kein anderer die Fähigkeit einer reinen, ungeschminkten, von jeder Idealisierung freien Wirklichkeitsdarstellung — und in der kurzen Periode, wo dieses Talent seinen Kulminationspunkt erreichte, um schnell und für immer zu erlöschen, erschuf der Dichter dieses großartige Gemälde von tiefster Wahrheit, in dem der Russe zum erstenmal sich selbst und sein eigenes Leben in einem Spiegelbilde von verblüffender Treue erblickte.

Nestor Kotljarewski.

Die Abenteuer des Grafen Tschitschikows
oder
Die Toten Seelen.
Erster Teil

Erstes Kapitel

Durch das Tor eines Gasthofes der Provinzstadt N. N. rollte ein schmucker, leicht federnder, kleiner Wagen, wie ihn gewöhnlich Junggesellen zu benutzen pflegen, als da sind: Oberstleutnants a. D., Majore, Edelleute, die etwa hundert Bauern besitzen, u. s. w. — mit einem Worte jene Klasse von Menschen, die man wohlgeborene Herren mittleren Ranges nennt. Im Wagen saß ein Herr von nicht gerade überwältigender Schönheit, aber doch von angenehmem Äußeren; er war weder allzu dick noch allzu dünn, man konnte nicht sagen, daß er alt war, doch war er andererseits auch nicht übermäßig jung. Seine Ankunft erregte in dem Gasthofe nicht das geringste Aufsehen und war von keinerlei besonderen Ereignissen begleitet; nur zwei Bauern, die vor der Türe der dem Gasthof gegenüberliegenden Schenke standen, machten ein paar Bemerkungen, die sich noch dazu mehr auf das Gefährt, als auf den Insassen bezogen. „Sieh dir mal das Rad an,“ sagte der eine zum andern. „Was meinst du? Würde es wohl zum Beispiel bis Moskau halten, oder nicht?“ — „Gewiß,“ antwortete der andere. „Aber bis Kasan wird es wohl nicht halten, denk ich.“ — „Bis Kasan wohl kaum,“ versetzte der andere. Damit war die Unterhaltung zu Ende. Als dann der Wagen vor dem Gasthofe hielt, ging noch ein junger Mann vorüber. Er trug kurze, sehr enge weiße Nankinghosen und einen Frack, der modern sein sollte und unter dem ein Vorhemd hervorguckte, das eine Tulasche-Nadel mit einem Kopf in Form einer bronzenen Pistole schmückte. Der junge Mann drehte sich um, sah sich den Wagen an, während er seine Mütze, die der Wind fortzublasen drohte, mit der Hand festhielt, und ging seiner Wege.

Als der Wagen in den Hof fuhr, wurde der Herr von dem Kellner oder Aufwärter, wie man sie in den russischen Schenken zu nennen pflegt, empfangen, einem so lebhaften und beweglichen Wesen, daß es ein Ding der Unmöglichkeit war, ein Bild von seinen Gesichtszügen zu gewinnen. Gewandt und sicher kam er mit der Serviette in der Hand herausgelaufen, ein hoch aufgeschossener Bursche in einem langen baumwollenen Rock, dessen Taille beinahe in der Höhe des Nackens saß, schüttelte seine Mähne und führte den Herrn flink durch den langen hölzernen Flurgang, um dem Reisenden das ihm von Gott bestimmte Gemach zu zeigen. — Das Zimmer war eins von der bekannten Art; denn auch der Gasthof war einer von der bekannten Art, wie nämlich alle Gasthöfe in den Provinzstädten sind, wo die Reisenden für zwei Rubel täglich ein ruhiges Zimmer erhalten: mit Schwabenkäfern, die wie Pflaumen aus allen Ecken hervorgucken, und mit einer Kommode vor der Tür, die ins anstoßende Gemach führt, in dem der Nachbar wohnt, ein stiller, schweigsamer, aber äußerst neugieriger Mann, der sich aufs lebhafteste für den Reisenden und alle Einzelheiten seiner Person interessiert. Die äußere Fassade des Gasthofes entsprach durchaus dem Innern: sie war sehr lang und hatte zwei Stockwerke; das untere war nicht geweißt und ließ noch die dunkelroten Ziegelsteine erkennen, die, an sich schon nicht ganz sauber, infolge der heftigen Witterungsumschläge noch mehr nachgedunkelt waren. Die obere Etage war gelb angestrichen, wie überall. Unten waren Läden, wo Pferdegeschirr, Bindfaden und Bretzel verkauft wurden. In dem Eckladen, oder richtiger im Fenster des Ladens saß ein Sbitenverkäufer[1] mit einem Samowar aus Kupfer und einem Gesicht, das ebenso kupferrot war wie sein Samowar, sodaß man aus der Ferne fast glauben konnte, auf dem Fenster ständen zwei Samoware, wenn nicht der eine von ihnen einen pechschwarzen Bart gehabt hätte.