Während der Reisende sich noch sein Zimmer näher ansah, wurde sein Gepäck hereingetragen. Zunächst ein etwas abgenutzter Koffer aus weißem Leder, dem man es ansah, daß er nicht zum erstenmal eine Reise machte. Der Koffer wurde vom Kutscher Seliphan, einem kleinen Mann in einem kurzen Pelz, und vom Lakaien Petruscha hereingebracht. Letzterer war ein Bursche von etwa dreißig Jahren und trug einen weiten abgetragenen Rock, der offenbar von seinem Herrn stammte; er machte einen etwas strengen und mürrischen Eindruck und hatte große dicke Lippen und eine ebensolche Nase. Nach dem Koffer wurden ein kleines Kästchen aus Mahagoni mit eingelegten Verzierungen aus Korelischem Birkenholz, ein Paar Schuhleisten und ein gebratenes Huhn hereingebracht, das in blaues Papier eingewickelt war. Als alles besorgt war, begab sich der Kutscher Seliphan in den Stall, wo er sich mit den Pferden zu schaffen machte, während sich der Lakai Petruscha in dem kleinen Vorzimmer einrichtete, einem finstern Loche, wohin er aber schon seinen Mantel und zugleich mit diesem einen merkwürdigen Geruch mitgebracht hatte, der nur ihm eigentümlich war. Dieser Geruch teilte sich auch einem Sack mit allerhand Utensilien der Bediententoilette mit, den er gleich darauf hereinschleppte. In dieser Kammer stellte er an der Wand ein enges dreibeiniges Bett auf und legte einen Gegenstand darauf, der einer Matratze ähnlich sah, flach und zusammengedrückt wie ein Pfannkuchen und vielleicht ebenso fettig wie dieser; er hatte sich das Ding von dem Gastwirte geben lassen.
Während die Diener mit der Einrichtung beschäftigt waren, begab sich der Herr in den Salon des Gasthofes. Jeder Reisende weiß aus Erfahrung, wie so ein Salon beschaffen zu sein pflegt: immer dieselben mit Oelfarbe gestrichenen Wände, die oben vom Rauche geschwärzt und tiefer unten wie poliert sind durch die Rücken der Reisenden und mehr noch durch die der einheimischen Kaufleute, die an Markttagen sechs oder sieben Mann hoch hierher kommen, um ihre bestimmte Anzahl Tassen Tee zu trinken; dieselbe rauchige Decke, derselbe geschwärzte Kronleuchter mit einer Unzahl herabhängender Glaskristalle, die jedesmal herumhüpften und klirrten, wenn der Kellner über den abgeriebenen Läufer von Wachstuch sprang und dabei gewandt das Tablett schwenkte, auf dem eine Unmenge von Teetassen ruhte, wie Vögel am Meeresstrande; dieselben Ölgemälde, die eine ganze Wand einnahmen, mit einem Wort: es war alles wie überall, höchstens mit dem Unterschied, daß auf einem der Bilder eine Nymphe mit so gewaltigen Brüsten dargestellt war, wie sie der Leser noch nicht gesehen hat. Übrigens begegnet man ähnlichen Naturspielen auf vielen historischen Gemälden, von denen man nicht weiß, woher sie, wann sie und von wem sie zu uns nach Rußland gebracht wurden; mitunter freilich waren es unsere vornehmen Würdenträger und Kunstliebhaber selbst, die sie in Italien auf Anraten der sie begleitenden Kuriere kauften. Der Herr warf seine Mütze hin und legte sein wollenes, regenbogenfarbenes Halstuch ab, wie es unsere Ehefrauen ihren Gatten eigenhändig zu häkeln pflegen, wobei sie stets noch allerhand nützliche Lehren hinzufügen, wie das Tuch umgelegt werden muß; wer sie dagegen den Hagestolzen anfertigt, das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, Gott weiß es, ich habe nie ein solches Halstuch getragen. Nachdem also der Herr sein Halstuch abgelegt hatte, bestellte er sich ein Mittagessen. Während die verschiedenen Speisen, die einem gewöhnlich in den Gasthöfen vorgesetzt werden, aufgetragen wurden, als da sind: Krautsuppe mit Pasteten aus Blätterteig, die wochenlang für die Reisenden aufgehoben und bereit gehalten werden, ferner Hirn mit Schoten, Würstchen mit Kraut, eine gebratene Pularde, eine saure Gurke und das unvermeidliche jederzeit vorrätige Splittertörtchen; während also dies alles aufgetragen wurde, aufgewärmt oder kalt, ließ er sich von dem Diener oder Kellner allerhand törichte Geschichten erzählen: wer den Gasthof früher besessen habe, wer sein jetziger Besitzer sei, wie groß die Einnahmen seien, ob der Herr ein großer Hallunke sei usw., worauf der Kellner die gewohnte Antwort gab: „Oh! ein großer Spitzbube! gnädiger Herr!“ Wie in dem aufgeklärten Europa, so gibt es jetzt auch in dem aufgeklärten Rußland eine Menge höchst ehrenwerter Leute, die es nicht über sich bringen, in einem Gasthaus zu speisen, ohne mit dem Kellner zu schwatzen oder gar mit ihm ihre Scherze zu treiben. Übrigens stellte der Ankömmling nicht nur sinnlose Fragen: er erkundigte sich auch ganz genau nach dem Gouverneur, nach dem Gerichtspräsidenten und Staatsanwalt der Stadt — mit einem Wort: er überging auch nicht einen von den hohen Beamten; und mit fast noch größerer Ausführlichkeit erkundigte er sich nach allen bedeutenden Großgrundbesitzern der Umgegend: wieviel Bauern ein jeder von ihnen habe, wie weit von der Stadt er wohne, ja sogar was er für einen Charakter habe und wie oft er in die Stadt komme; er fragte genau nach den Zuständen, die im Kreise herrschten, ob es in der Provinz vielleicht Krankheiten oder Epidemieen, wie tödlich verlaufende Fieber, Blattern u. s. f. gegeben habe, und dies alles tat er mit einer Peinlichkeit und Ausführlichkeit, die weit mehr als bloße Neugierde erkennen ließ. Im Betragen des Herrn lag etwas Gesetztes und Solides; auch schneuzte er sich ungewöhnlich laut. Es läßt sich kaum sagen, wie er das machte, jedenfalls tönte seine Nase dabei gleich einer Trompete. Aber dieser scheinbar so harmlose und unbedeutende Vorzug eroberte ihm die Hochachtung des Kellners, welcher jedesmal, wenn er diesen Laut vernahm, seine Mähne schüttelte, sich ehrerbietig aufrichtete, seinen Kopf etwas von seiner Höhe herabsinken ließ und fragte: „Wünschen der Herr vielleicht etwas?“ Nach dem Essen trank der Herr eine Tasse Kaffee und ließ sich auf dem Sofa nieder. Er schob sich ein Kissen in den Rücken, das in den russischen Gasthäusern statt mit weicher Wolle mit einem Etwas gestopft wird, das die größte Ähnlichkeit mit Kieseln oder Ziegelsteinen hat. Er begann zu gähnen und ließ sich in sein Zimmer führen, wo er sich niederlegte, um zwei Stunden lang zu schlummern. Nachdem er geruht hatte, schrieb er auf den Wunsch des Kellners seinen Stand, Vor- und Familiennamen auf einen Papierfetzen, damit diese, wie sich’s gehört, der Polizei mitgeteilt werden könnten. Als der Kellner die Treppe hinabstieg, buchstabierte er den Inhalt des Geschriebenen: „Kollegienrat Pawel Iwanowitsch Tschitschikow, Gutsbesitzer, reist in eigenen Angelegenheiten.“ Während der Kellner den Zettel noch immer zu entziffern suchte, verließ Pawel Iwanowitsch Tschitschikow den Gasthof, um sich die Stadt anzusehen, die offenbar einen befriedigenden Eindruck auf ihn machte; denn er fand, daß sie sich durchaus mit jeder andern Provinzhauptstadt messen konnte: die gelbe Farbe der steinernen und das bescheidene Dunkelgrau der hölzernen Häuser fielen besonders ins Auge. Die Häuser hatten ein, zwei oder anderthalb Stockwerke, mit den stereotypen Mansarden, die wohl nach der Ansicht der dortigen Architekten besonders schön waren. Stellenweise schienen diese Häuser wie verloren inmitten der Straße, die breit wie ein Feld war, und zwischen den Bretterzäunen, die gar kein Ende nehmen wollten; an andern Punkten dagegen stießen sie eng aneinander, und hier machte sich auch mehr Leben und Bewegung bemerkbar. Hie und da sah man vom Regen verwaschene Schilder, auf denen ein Bretzel oder ein Stiefel, oder ein Paar blaue Hosen abgebildet waren, und die die Unterschrift zierte: Arschawski, Schneidermeister. Oder ein Hutgeschäft, mit Mützen und Hüten und einem Schild mit der Inschrift: „Der Ausländer Wassili Fjodorow.“ Auf einem dieser Schilder sah man ein Billard mit zwei Spielern in Fräcken abgebildet, wie sie in unseren Theatern die Gäste zu tragen pflegen, die im letzten Akte auf der Bühne erscheinen. Die Spieler waren in der Stellung dargestellt, wo sie mit den Queues gerade zum Stoße ausholen, mit ein wenig zurückgezogenen Armen und gekrümmten Beinen, als ob sie soeben einen Luftsprung gemacht hätten. Unter diesem Bilde befand sich die Inschrift: „Hier ist eine Schenke!“ Hie und da standen unter freiem Himmel auf der Straße Tische mit Nüssen, Seife, und Honigkuchen, die gleichfalls wie Seife aussahen. Etwas weiter befand sich eine Garküche, auf deren Aushängeschild ein mächtiger Fisch abgebildet war, in dem eine Gabel steckte. Am häufigsten aber begegnete man den zweiköpfigen schwarzen Staatsadlern, welche heute bereits durch die lakonische Inschrift: „Ausschank“ ersetzt sind. Das Pflaster war überall ziemlich schlecht. Der Herr warf auch einen Blick in den städtischen Garten, der aus ein paar dünnen Bäumchen bestand, welche offenbar sehr schlecht fortkamen und unten von Pfählen gestützt wurden, die ein Dreieck bildeten und mit grüner Ölfarbe angestrichen waren. Übrigens hieß es von ihnen in den Zeitungen, obwohl sie kaum Schilfhöhe erreichten, bei Beschreibung einer Illumination: „Dank der Fürsorge unseres Zivilgouverneurs ward unsere Stadt durch einen Garten voller breitkroniger, schattenreicher Bäume verschönt, die an heißen Sommertagen angenehme Kühle spenden.“ Weiterhin hieß es: „Es sei rührend anzusehen, wie die Herzen der Bürger in überquellender Dankbarkeit erzitterten und Tränenströme in warmer Anerkennung der Verdienste unseres verehrten Stadtoberhauptes vergössen.“ Der Herr erkundigte sich bei einem Polizisten ausführlich nach dem kürzesten Wege zur Domkirche, zu den Amtsgebäuden, zum Gouverneur und begab sich schließlich zum Fluß hinab, der mitten durch die Stadt floß. — Unterwegs riß er einen Reklamezettel ab, der an einer Plakatsäule klebte, um ihn zu Hause in Ruhe durchzulesen. Dann betrachtete er aufmerksam eine Dame von recht angenehmem Äußeren, die auf den Holzbrettern des Bürgersteiges an ihm vorüberging, begleitet von einem Knaben in militärischem Aufputz, der ein Bündel in der Hand trug. Und nachdem er noch manchmal einen Blick auf das Ganze geworfen hatte, wie um sich die Örtlichkeit gründlich einzuprägen, ging er nach Hause und stieg geradewegs die Treppe zu seinem Zimmer empor, gefolgt vom Kellner, der ihn hierbei leicht unterstützte. Nachdem er seinen Tee getrunken hatte, setzte er sich an seinen Tisch, ließ sich eine Kerze bringen, nahm das Plakat aus der Tasche und begann zu lesen, wobei er sein rechtes Auge ein wenig zukniff. Übrigens stand nicht viel Bemerkenswertes auf dem Zettel. Man gab ein Drama von Kotzebue, in dem ein Herr Popljowin den Rolla und ein Fräulein Sjablowa die Kora spielten. Die übrigen Personen waren noch unbedeutender. Trotzdem las er sämtliche Namen durch, bis auf die Preise der Parterreplätze und erfuhr, daß der Zettel in der städtischen Buchdruckerei hergestellt worden war; dann drehte er ihn um, um sich zu überzeugen, ob nicht noch etwas auf der Rückseite stehe. Aber da er nichts fand, rieb er sich die Augen, faltete ihn sorgsam zusammen und legte ihn in das Kästchen, in dem er alles aufzubewahren pflegte, was ihm unter die Finger kam. Ich glaube der Tag wurde mit einer Portion kalten Kalbsbratens, einer Flasche Kislischtschi (Kaltschale) und einem festen Schlaf beschlossen, den ein Schnarchen begleitete, ähnlich dem Geknarr eines Pumpenkrahns, wie man sich in einigen Gegenden unseres geräumigen russischen Vaterlandes auszudrücken pflegt. —
Der ganze folgende Tag war Besuchen gewidmet. Der Reisende stellte sich allen Honoratioren der Stadt vor. Er machte dem Gouverneur einen Achtungsbesuch, der, wie sich’s herausstellte, ebenso wie Tschitschikow weder dick noch dünn war, den Annenorden im Knopfloch trug und, wie man sich erzählte, selbst Prätendent des Sternes war; im übrigen war er ein gutmütiger alter Herr, der sich sogar bisweilen in Tüllstickereien versuchte. Sodann begab er sich zum Vizegouverneur, zum Staatsanwalt, zum Gerichtspräsidenten, zum Polizeimeister, zum Branntweinpächter und Direktor der staatlichen Fabriken ... leider ist es nicht ganz leicht, all die Gewaltigen dieser Welt aufzuzählen; genug, unser Reisender entwickelte eine lebhafte Geschäftigkeit im Besuchemachen: er ging sogar zum Inspektor der Sanitätsverwaltung und zum Stadtbaumeister, um ihnen seine Aufwartung zu machen. Und lange noch saß er in seinem Wagen, bei sich erwägend, wem er wohl noch einen Besuch machen könne, aber leider fand sich in der Stadt kein Beamter mehr, den er nicht schon beglückt hätte. Im Gespräch mit den Machthabern verstand er es vorzüglich, einem jeden von ihnen eine Schmeichelei zu sagen. Zum Gouverneur sagte er wie beiläufig, wenn man in seine Provinz komme, glaube man sich im Paradiese, die Wege seien herrlich, es sei einem, als führe man über Samt; und er fügte hinzu, die Regierung, welche es verstände, weise Männer auf verantwortungsvolle Stellen zu setzen, verdiente das höchste Lob und die größte Anerkennung. Dem Polizeimeister sagte er etwas höchst Schmeichelhaftes über die städtischen Polizisten und den Vizegouverneur und den Gerichtspräsidenten, die erst Staatsräte waren, nannte er im Gespräche zweimal wie im Versehen „Exzellenz“, was ihnen sichtlich Freude bereitete. Der Erfolg von alledem war, daß der Gouverneur ihn noch am selben Tage zu einer kleinen Abendgesellschaft in seinem Hause einlud; auch von den übrigen Beamten erhielt er Einladungen, vom einen zum Diner, vom andern zu einer Partie Boston oder einer Tasse Tee.
Über sich selbst viel zu reden, vermied der Reisende offenbar. Und wenn er etwas sagte, so waren es meist Gemeinplätze. Er drückte sich mit einer auffallenden Bescheidenheit aus, und sein Gespräch bewegte sich in diesen Fällen in Redewendungen aus der Büchersprache, wie etwa folgende: er sei ja nur ein unbedeutender Wurm auf dieser Welt, nicht wert, daß man sich viel um ihn kümmere. Er habe in seinem Leben schon viel erfahren und durchgemacht, für die Wahrheit gelitten und sich viele Feinde erworben, die ihm sogar nach dem Leben trachteten. Jetzt sehne er sich nach Ruhe, und daher suche er sich endlich ein Plätzchen, wo er ungestört leben könne. Er habe es bei seiner Ankunft in dieser Stadt für seine erste Pflicht gehalten, die hervorragenden Repräsentanten des Beamtenstandes aufzusuchen und ihnen seine Hochachtung auszusprechen. Das war alles, was man in der Stadt über den Fremden in Erfahrung bringen konnte, der nicht zögerte, bei der Soiree des Gouverneurs zu erscheinen. Die Vorbereitungen zu dieser Abendgesellschaft nahmen gute zwei Stunden in Anspruch, und hierbei legte der Reisende eine solche peinliche Aufmerksamkeit für seine Toilette an den Tag, wie man ihr nur selten begegnet. Nach einem kurzen Nachmittagsschläfchen ließ er sich ein Waschbecken reichen und rieb sich hierauf lange Zeit beide Wangen mit Seife, wobei er die Zunge von innen gegen die Backe drückte. Dann nahm er dem Hausdiener das Handtuch von der Schulter, trocknete sein rundliches Gesicht überall sorgfältig ab, indem er bei den Ohren anfing und dem Diener zuvor zweimal gerade ins Gesicht prustete. Dann trat er vor den Spiegel, um sich das Vorhemd anzulegen, riß sich zwei aus der Nase hervorragende Härchen aus und stand gleich darauf in einem preißelbeerfarbenen roten gesprenkelten Fracke da. Nachdem er so seine Toilette vollendet hatte, bestieg er seine eigene Equipage und fuhr durch die ungemein breiten Straßen, welche von dem spärlichen Lichte beleuchtet wurden, das aus einigen Fenstern fiel. Das Haus des Gouverneurs war indessen so glänzend erleuchtet wie bei einem Ball; vor dem Hause standen Wagen mit hellen Laternen, sowie zwei Gendarmen. Aus der Ferne klangen die Rufe der Vorreiter herüber; mit einem Wort, es war alles so, wie es sich gehörte. Als Tschitschikow den Saal betrat, mußte er die Augen für einen Moment schließen, weil der blendende Glanz der Lichter, der Lampen und Damentoiletten geradezu überwältigend war. Alles war wie mit Licht übergossen. Schwarze Fräcke schwirrten einzeln und in Gruppen durch den Saal, wie Fliegen um den Zuckerhut an einem heißen Julitag, während ihn die Wirtschafterin zerteilt und vor dem offenen Fenster in weiße leuchtende Stücke zerschlägt: alle Kinder umstehen sie und verfolgen mit Neugierde die Bewegungen ihrer arbeitsharten Hände, welche den Hammer schwingen, während geflügelte Schwadronen von Fliegen von einem leichten Winde emporgetragen, kühn herbeifliegen, als wären sie die Herren des Hauses, und sich die Kurzsichtigkeit der Frau und das Sonnenlicht, das ihr Auge blendet, zu nutze machend, die süßen Leckerbissen hier vereinzelt, dort in dichten Haufen umschwirren. Gesättigt vom reichen Sommer, der ohnehin auf Schritt und Tritt leckere Gaben austeilt, kamen sie herbeigeflogen, nicht etwa um zu naschen, sondern bloß um sich zu zeigen, auf dem Zuckerhaufen herumzuspazieren, eine an der anderen ihre Vorder- oder Hinterfüßchen zu wetzen und sie an den Flügelchen zu reiben oder endlich, die beiden Vorderpfötchen vorstreckend, sich das Köpfchen zu krauen und mit einer kühnen Wendung davonzufliegen, um bald in neuen, zudringlichen Schwärmen wiederzukehren. Tschitschikow fand kaum Zeit, sich umzusehen, als der Gouverneur ihn schon am Arme faßte und der Gouverneurin vorstellte. Auch bei dieser Gelegenheit vergab sich der Reisende nichts: er sagte der Dame ein Kompliment, wie es sich für einen Mann in mittleren Jahren schickt, dessen Rang und Titel weder sehr hoch noch sehr niedrig sind. Als die tanzenden Paare Aufstellung nahmen und alle Zuschauer an die Wand drückten, stand er, die Hände auf dem Rücken gekreuzt, da, und betrachtete die Tänzer einige Minuten lang sehr aufmerksam. Viele von den Damen waren sehr gut gekleidet und trugen moderne Toiletten, andre dagegen hatten an, was Gottes Vorsehung in eine Provinzstadt gelangen läßt. Die Herren zerfielen hier wie überall in zwei Kategorien: die einen waren sehr dünn und hager und drehten sich beständig um die Damen herum; unter diesen gab es einige, die man nicht leicht von Petersburger Herren hätte unterscheiden können; sie hatten ebenso sorgfältig gepflegte Backenbärte, und ihre Barttracht war ebenso wohl überlegt und geschmackvoll, oder sie hatten einfach hübsche, glattrasierte Ovale, nahmen ebenso ungezwungen neben den Damen Platz, sprachen ebensogut französisch und brachten die Damen genau so zum Lachen wie in Petersburg. Die andere Kategorie von Herren bildeten die dicken, oder die, welche Tschitschikow glichen, also weder sehr dick waren, ohne doch wiederum zu dünn zu sein. Diese waren ganz anders in ihrem Auftreten, sie sahen weg, gingen den Damen aus dem Wege und schauten immer aus, ob nicht der Kammerdiener des Gouverneurs irgendwo einen grünen Tisch für das Whistspiel aufgestellt habe. Ihre Gesichter waren rund und wohlgenährt, einzelne hatten sogar eine Warze oder Pockennarben; sie trugen ihr Kopfhaar weder in Form von Büscheln, noch Locken, noch ‚a la Diable m’emporte‘ (Hol mich der Teufel), wie die Franzosen es nennen. Das Haar war entweder kurz geschoren oder glatt ins Gesicht gekämmt, wie geleckt, und ihre Gesichtszüge waren rund und kräftig. Das waren die geachteten Würdenträger der Stadt. Ach ja! Die Dicken verstehen es besser, auf dieser Welt Geschäfte zu machen als die Dünnen. Die Dünnen sind meist Beamte für besondere Aufträge oder werden bloß in den Listen geführt und treiben sich müßig herum; ihre Existenz hat etwas gar zu Leichtes, Luftiges und ist ganz unsicher. Die Dicken besetzen dagegen nie einen Platz, der abseits vom geraden Wege liegt, sie nehmen immer die bedeutenden Stellungen ein, und wenn sie sich einmal hinsetzen, so sitzen sie fest und sicher, sodaß eher der Sitz unter ihnen kracht oder sich biegt, als daß sie herunterfallen. Jeder äußere Glanz ist ihnen verhaßt, der Frack sitzt ihnen freilich nicht so gut, wie den Dünnen, dafür sind ihre Schatullen voll, und es ruht der Segen Gottes auf ihnen. Der Dünne hat schon nach drei Jahren keine Seele mehr, die nicht verpfändet ist, der Dicke aber lebt ganz ruhig, und siehe da — plötzlich steht irgendwo am Ende der Stadt ein Haus da, das er sich auf den Namen der Frau erworben hat, dann am andern Ende ein zweites, ferner ein kleines Gut in der Nähe des Städtchens und ein Stück Land mit allem Zubehör. Und schließlich quittiert der Dicke, nachdem er Gott und dem Kaiser genug gedient und sich die allgemeine Achtung erworben hat, seinen Dienst, verläßt die Stadt und wird Landwirt, ein prächtiger russischer Landjunker, macht ein offenes Haus und lebt ruhig und herrlich und in Freuden. Seine dünnen Erben aber bringen wiederum nach guter russischer Sitte den ganzen väterlichen Besitz im Eilposttempo durch. Es läßt sich nicht verheimlichen, daß unseren Tschitschikow ähnliche Betrachtungen beschäftigten, während er sich die Gesellschaft näher ansah, und die Folge hiervon war, daß er sich schließlich zu den Dicken gesellte, wo er beinahe lauter bekannte Gesichter vorfand: da war der Staatsanwalt, ein Herr mit buschigen, schwarzen Augenbrauen, der ein wenig mit dem linken Augenlid zuckte, wie wenn er sagen wollte: „kommen Sie doch ins Nebenzimmer, ich möchte Ihnen etwas erzählen“ — übrigens ein ernster und schweigsamer Mann. Da war der Postmeister, ein kleines Männchen, aber ein Witzbold und Philosoph; ferner der Gerichtspräsident, ein sehr verständiger und liebenswürdiger Herr — sie alle begrüßten ihn wie einen alten Bekannten, worauf Tschitschikow sich ein wenig linkisch, aber doch nicht ohne Grazie verbeugte. Hier machte er auch die Bekanntschaft eines sehr höflichen und freundlichen Herrn, eines Gutsbesitzers, namens Manilow, und eines etwas plump aussehenden Herrn Sabakewitsch, der ihm sofort auf den Fuß trat und „Bitte um Entschuldigung“ dazu sagte. Zugleich reichte man ihm eine Spielkarte, als Aufforderung zu einer Partie Whist, die er mit der gleichen höflichen Verbeugung annahm. Man setzte sich an den grünen Tisch, und blieb bis zum Abendessen sitzen, ohne sich zu erheben. Die Unterhaltung hörte sogleich auf, wie das immer zu sein pflegt, wenn man nun endlich an eine ernste Beschäftigung geht. Und obwohl der Postmeister sehr redselig war, so erhielt doch auch sein Gesicht einen nachdenklichen Ausdruck, er bedeckte seine Oberlippe mit der unteren und verharrte während des ganzen Spiels in dieser Stellung. Wenn er eine Figur ausspielte, dann schlug er mit der Hand kräftig auf den Tisch. War es eine Dame, dann fügte er hinzu: „Raus, alte Popin!“ War es dagegen ein König, so rief er: „Raus mit dem Tambower Bauern!“ Der Präsident aber antwortete: „Dem geb ich’s auf den Schnauzbart! Dem geb ich’s auf den Schnauzbart!“ Zuweilen entschlüpften ihnen Ausdrücke, wie die folgenden, während sie mit den Karten auf den Tisch schlugen: „Ach was: Was nicht is, is nicht, in solchen Fällen spielt man Schellen!“ oder einfache Ausrufe wie: „Herzen! Herzchen! Pikentia!“ oder „Piekchen, Piekchen, Pickelchen!“ oder einfach „Pikkolo“. Lauter Namen, mit denen sie in ihrer Gesellschaft die Farben zu bezeichnen pflegten. Nach Beendigung eines jeden Spieles wurde, wie das so zu geschehen pflegt, laut gestritten. Unser neu angekommener Gast beteiligte sich auch am Streit, aber er wußte das so geschickt zu machen, daß alle zwar sahen, daß er auch mitstritt, doch aber immer liebenswürdig blieb. Er sagte niemals: „Sie spielten ...“ sondern stets: „Sie hatten die Güte ... zu spielen“ oder: „ich habe mir erlaubt, Ihre Zwei zu stechen“ u. s. w. Um seine Gegner noch mehr zu gewinnen, reichte er ihnen jedesmal seine emaillierte Tabaksdose, auf deren Grunde zwei Veilchen zu sehen waren, die er des Wohlgeruchs wegen hineingetan hatte. Am meisten interessierten unseren Reisenden die beiden Gutsbesitzer Manilow und Sabakewitsch, von denen schon oben die Rede war. Er erkundigte sich sogleich nach ihnen beim Präsidenten und beim Postmeister, die er hierbei ein wenig beiseite nahm. Die wenigen Fragen, die er ihnen vorlegte, ließen erkennen, daß der neue Gast nicht nur sehr wißbegierig, sondern auch sehr gründlich war, denn er suchte vor allem in Erfahrung zu bringen, wieviel Bauern ein jeder von ihnen besäße, und in welcher Verfassung sich ihre Güter befänden; erst hierauf fragte er auch nach ihren Vor- und Zunamen. In ganz kurzer Zeit wußte er sie alle zu bezaubern. Der Gutsbesitzer Manilow, ein Mann in den besten Jahren, mit Augen süß, wie Zucker, die er beim Lachen stets zusammenkniff, war ganz begeistert von ihm. Er drückte ihm lange die Hand und bat ihn inständig, ihm doch die Ehre eines Besuchs bei ihm auf dem Lande zu machen, und er fügte hinzu, sein Gut wäre nur fünfzehn Werst vom Stadttor entfernt, worauf Tschitschikow mit höflichem Kopfnicken und warmem aufrichtigem Händedruck erwiderte, er werde dieser freundlichen Aufforderung nicht nur mit dem größten Vergnügen nachkommen, sondern halte es sogar für seine heiligste Pflicht. Sabakewitsch aber sagte lakonisch: „Ich bitte gleichfalls darum,“ dabei machte er eine kleine Verbeugung und zog den Fuß ein wenig an, der in einem Stiefel von so gewaltigen Dimensionen steckte, daß man wohl vergeblich nach einem zweiten Fuß suchen würde, der zu diesem Stiefel gepaßt hätte, besonders zu unserer Zeit, wo die Recken und Ritter in Rußland im Aussterben begriffen sind.
Am folgenden Tag war Tschitschikow zum Mittagessen und zu einer Abendgesellschaft beim Polizeimeister geladen. Um drei Uhr, nach dem Mittagessen setzte man sich an den Tisch zum Whistspielen und spielte bis zwei Uhr nachts durch. Dort machte Tschitschikow unter anderm auch die Bekanntschaft eines Gutsbesitzers namens Nosdrjow, eines sehr gewandten Herrn von dreißig Jahren, der ihn nach drei bis vier Worten zu duzen begann. Den Polizeimeister und den Staatsanwalt duzte Nosdrjow gleichfalls und behandelte sie höchst familiär; aber als man sich hinsetzte und um einen hohen Einsatz zu spielen anfing, gaben der Polizeimeister und der Staatsanwalt sehr genau auf die Stiche acht, die er machte, und ließen keine Karte aus den Augen, die er ausspielte. Den nächsten Abend war Tschitschikow beim Gerichtspräsidenten, der seine Gäste, darunter zwei Damen, in einem etwas fettigen Schlafrock empfing. Dann besuchte er eine Soirée beim Vizegouverneur, ein großes Diner beim Branntweinpächter und ein kleines Diner beim Staatsanwalt, das sich übrigens neben dem großen wohl sehen lassen konnte; und endlich noch ein Dejeuner nach der Messe, welches vom Stadthaupt veranstaltet wurde und gleichfalls ein Mittagessen aufwog. Mit einem Wort, er war kaum eine Stunde zu Hause und kam nur in den Gasthof, um zu schlafen. Der Reisende verstand es dabei, sich in jede Situation zu finden und zeigte sich überall als erfahrener Weltmann. Worauf auch die Rede kam, er wußte immer ein passendes Wort einzuflechten; sprach man von Pferdezucht, so wußte auch er etwas über die Pferdezucht zu sagen; sprach man von den Vorzügen der Hunde, so machte er auch hierbei ein paar feine Bemerkungen; unterhielt man sich über eine Untersuchung, die vom Gerichtshof angestellt wurde, — so ließ er merken, daß ihm auch die gerichtlichen Kniffe nicht ganz unbekannt seien; war die Rede vom Billardspiel — so gab er sich auch beim Billardspiel keine Blöße; kam das Gespräch auf die Tugend — so konnte er auch sehr schön, und sogar mit Tränen im Auge von der Tugend reden; oder kam man auf die Branntweindestillation zu sprechen, auch über Branntweindestillation wußte er Bescheid — oder auf die Zollwächter und Zollbeamten — er sprach auch über diese, als ob er selbst Zollbeamter oder Zollwächter gewesen wäre. Das Merkwürdigste dabei war, daß er bei alledem eine gewisse Würde und Gesetztheit bewahrte, und immer ein feines und vornehmes Betragen zeigte. Er sprach weder zu laut noch zu leise, sondern ganz so, wie es sich schickt. Mit einem Wort: von welcher Seite man ihn auch betrachten mochte, er war durchaus ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle. Alle Beamten waren hoch erfreut über die Ankunft dieser neuen Erscheinung. Der Gouverneur erklärte ihn für einen wohlgesinnten Mann — der Staatsanwalt für einen tüchtigen Mann — der Gendarmerieoberst für einen gelehrten — der Gerichtspräsident für einen hochgebildeten und ehrenwerten — der Polizeimeister für einen ehrenwerten und liebenswürdigen Mann und die Frau des Polizeimeisters für einen sehr liebenswürdigen und galanten Mann. Ja selbst Sabakewitsch, der selten gut über seine Mitmenschen redete, sprach, als er spät abends aus der Stadt zurückkehrte, während er sich entkleidete und zu seiner mageren Frau ins Bett stieg: „Schatz, ich war heute abend beim Gouverneur und beim Polizeimeister zu Mittag, wo ich die Bekanntschaft des Kollegienrates Pawel Iwanowitsch Tschitschikow gemacht habe: ein äußerst angenehmer Herr!“ Worauf seine Gemahlin „Hm“ machte und ihm einen leichten Fußtritt gab.
Diese für unseren Gast so schmeichelhafte Meinung bildete und erhielt sich so lange in der Stadt, bis eine seltsame Eigentümlichkeit des Reisenden sowie eine Unternehmung oder eine Passage, wie man sich in der Provinz auszudrücken pflegt, von der der Leser in Kürze Näheres erfahren soll, nahezu die ganze Stadt aufs höchste in Staunen und Zweifel versetzten.
Zweites Kapitel
Schon mehr als eine Woche lebte der Fremde in der Stadt, indem er beständig die Diners und Abendgesellschaften besuchte und so, wie man zu sagen pflegt, seine Zeit auf recht angenehme Weise verbrachte. Endlich entschloß er sich, seine Besuche auch über die Stadtgrenze auszudehnen und den beiden Gutsbesitzern, Manilow und Sabakewitsch, seinem Versprechen gemäß seine Aufwartung zu machen. Mag sein, daß ihn hierzu noch ein anderer triftigerer Grund veranlaßte, eine ernstere Angelegenheit, die ihm noch mehr am Herzen lag ... Doch von alledem wird der Leser schon nach und nach und an der richtigen Stelle etwas erfahren, vorausgesetzt, daß er die Geduld hat, diese lange Erzählung durchzulesen, die sich in ihrem weiteren Verlauf noch mehr ausdehnen und freier entfalten wird, je mehr sie sich dem Ende nähert, welches unser Werk krönen soll. Der Kutscher Seliphan empfing die Weisung, die Pferde in aller Frühe vor den uns schon bekannten Wagen zu spannen; Petruschka aber erhielt den Befehl, zu Hause zu bleiben und das Zimmer nebst dem Koffer zu bewachen. Es wird für den Leser nicht überflüssig sein, die Bekanntschaft dieser beiden Leibeigenen unseres Helden zu machen. Obwohl beide zwar nicht gerade bemerkenswerte und auffallende Persönlichkeiten, sondern wie man zu sagen pflegt, Leute zweiten oder sogar dritten Ranges sind, und obgleich die bedeutendsten Vorgänge und die Federn dieser Dichtung eben nicht auf ihnen ruhen, und sie höchstens einmal berühren oder leichthin streifen; — der Verfasser liebt es nun einmal so sehr, in allen Dingen möglichst gründlich und ausführlich zu sein, und so möchte er auch hier, trotzdem er selbst ein sehr guter Russe ist, genau und peinlich verfahren, wie ein Deutscher. Auch wird es gar nicht viel Zeit und Raum in Anspruch nehmen, weil nicht mehr viel zu dem hinzuzufügen bleibt, was der Leser schon weiß, wie z. B. dies, daß Petruschka einen etwas weiten braunen Rock trug, der einmal seinem Herrn gehört hatte, und daß er wie alle Leute seines Schlages eine große Nase und dicke Lippen hatte. Er neigte eher zur Schweigsamkeit als zur Geschwätzigkeit und war sogar von einem hohen Trieb zur Bildung d. h. zur Lektüre beseelt, worin er sich nicht irre machen ließ, auch wenn er den Inhalt der Bücher nicht verstehen konnte: es war ihm vollkommen gleichgültig, was er las, ob es nun „Die Abenteuer eines verliebten Ritters,“ eine einfache Fibel oder ein Gebetbuch war, — er las alles mit der gleichen Aufmerksamkeit; hätte man ihm ein chemisches Lehrbuch in die Hand gegeben, — er hätte auch dieses nicht verschmäht. Ihn freute nicht das, was er las, sondern das Lesen selbst, oder richtiger der Prozeß des Lesens, daß sich nämlich aus den Buchstaben stets irgend ein Wort bildete, dessen Bedeutung freilich mitunter nur der Teufel selbst enträtseln mochte. Diese Lektüre wurde gewöhnlich im Vorzimmer in liegender Stellung, auf dem Bett oder auf der Matratze vorgenommen, die infolge dieses Umstandes ganz zusammengedrückt und dünn wie ein Pfannkuchen war. Außer der Lesewut hatte er noch zwei Gewohnheiten, die zwei weitere Charakterzüge seiner Person bildeten: er liebte es zu schlafen, ohne sich auszukleiden, so wie er ging und stand, in dem bekannten Rock, und ferner schleppte er immer eine eigene Atmosphäre, jenen ihm eigentümlichen Geruch mit sich, der ein wenig an den Duft eines Wohnzimmers erinnerte, so daß er nur irgendwo sein Bett aufzustellen und seinen Mantel und seine Habseligkeiten mitzubringen brauchte, um sofort den Eindruck zu erwecken, daß dieses Zimmer seit zehn Jahren von Menschen bewohnt werde, selbst wenn bislang noch niemand darin gewohnt hatte. Tschitschikow, ein sehr empfindlicher Herr, der leicht Ekel empfand, rümpfte gewöhnlich die Nase, wenn er morgens gleichsam auf nüchternen Magen mit dem ersten Atemzuge diese Luft einzog, schüttelte den Kopf und murmelte: „Hol’ dich der Teufel, Kerl! Du schwitzt wohl? Geh doch einmal ins Bad!“ Worauf Petruschka gar nichts erwiderte und sich nur mit etwas zu schaffen machte; er nahm wohl die Bürste, um den an der Wand hängenden Frack seines Herrn auszubürsten, oder er begann einfach die Stube aufzuräumen. Woran dachte er wohl, während er still schwieg? Vielleicht sagte er zu sich selbst: „Du bist mir auch der Rechte! Bist du’s noch immer nicht satt, vierzigmal ein und dasselbe zu wiederholen ...“ Gott mag es wissen, es ist schwer zu erraten, was ein leibeigener Bedienter sich denkt, wenn sein Herr ihm gute Lehren gibt. Das ist etwa alles, was sich zunächst über Petruschka sagen läßt. Der Kutscher Seliphan war ein ganz anderer Mensch ... Aber der Autor hat schwere Bedenken, seine Leser so lange mit Leuten der unteren Klasse zu unterhalten, da er aus Erfahrung weiß, wie ungern sie die Bekanntschaft der niederen Stände machen. So ist nun einmal der Russe: nach nichts verlangt ihn mehr, als die Bekanntschaft von Leuten zu machen, ja mit ihnen familiär zu werden, die auch nur um einen Rang höher stehen als er, und der Gruß eines Grafen oder Fürsten gilt ihm mehr als die herzlichste Freundschaft. Der Autor macht sich sogar einige Sorgen, weil sein Held nur Kollegienrat ist. Ein Hofrat wird sich noch allenfalls dazu herablassen, ihn kennen zu lernen, aber die, welche bereits den Rang eines Generals erreicht haben — werden am Ende gar, was Gott verhüte, einen jener verächtlichen Blicke auf ihn werfen, wie sie der Mensch stolz auf alles wirft, was ihm zu Füßen einherkreucht, oder werden was noch schlimmer wäre, mit einer Nichtachtung an ihm vorbeigehen, die für den Autor tödlich wäre. Doch so betrübend beides auch sein mag, wir müssen dennoch zu unserem Helden zurückkehren. Nachdem er also noch am Abend sämtliche notwendigen Anordnungen getroffen hatte, erwachte er in aller Frühe, wusch sich, rieb sich vom Kopf bis zu den Füßen mit einem nassen Schwamm ab, was er nur des Sonntags zu tun pflegte — doch traf es sich gerade so, daß der Tag ein Sonntag war —, dann rasierte er sich, bis seine Wangen an Glanz und Glätte dem Atlas gleichkamen, zog den bekannten gesprenkelten preißelbeerfarbenen Frack und darüber einen mit Bärenfell gefütterten Pelzmantel an und ging die Treppe hinunter, wobei ihn der Kellner unter dem Arm faßte und bald auf der einen, bald auf der anderen Seite unterstützte. Er bestieg den Wagen, welcher rasselnd durch das Tor des Gasthofes auf die Straße hinaus rollte. Ein vorübergehender Pope lüftete seinen Hut und grüßte; ein paar Straßenjungen in schmutzigen Hemden streckten ihre Hand aus und murmelten: „Lieber Herr, eine Gabe für uns arme Waisen!“ Als der Kutscher bemerkte, daß der eine nicht übel Lust hatte, auf den Wagentritt zu springen, langte er ihm eins mit der Peitsche und der Wagen polterte weiter über die Steine. Man war nicht wenig erfreut, als man in der Ferne einen gestreiften Schlagbaum erblickte, der anzeigte, daß die Qualen des holperigen Pflasters und noch manche andere bald überstanden seien. Und nachdem Tschitschikow noch ein paarmal gegen den Kutschbock geflogen war, rollte der Wagen jetzt auf ziemlich weichem Boden fort. Kaum lag die Stadt hinter ihnen, da bot sich ihnen die bekannte Aussicht mit ihren Geschmacklosigkeiten und Langweiligkeiten zu beiden Seiten der Landstraße: kleine mit Moos bewachsene Erdhügel, junger Tannenwald, junge, niedrige und dünne Fichtenstämme, angekohlte Baumstämme, wildes Heidekraut und ähnliches Zeug. Hie und da begegnete man schnurgerade angelegten Dörfern, deren Häuser in ihrer Bauart an alte Holzklaftern erinnerten. Die Hütten waren mit grauen Dächern gedeckt und mit hölzernem Schnitzwerk verziert, das die Form eines gestärkten Handtuches hatte und vom Dache herabhing. Ein paar Bauern saßen wie gewöhnlich in Schafpelzen auf den Bänken vor der Tür. Die Bäuerinnen mit dicken Gesichtern und eingeschnürten Brüsten sahen aus den oberen Fenstern heraus. Durch das untere Fenster guckte ein Kalb oder steckte ein Schwein seine blinde Schnauze hervor. Mit einem Wort: das bekannte Bild. Nachdem sie fünfzehn Werst zurückgelegt hatten, erinnerte sich Tschitschikow, daß nach Manilows Beschreibung sein Gut nicht mehr fern sein könne; aber auch der sechzehnte Streckenpfosten flog vorüber, ohne daß etwas von dem Gute zu entdecken gewesen wäre. Und wenn sie nicht zufällig zwei Bauern begegnet wären, wäre es ihnen sicher nicht geglückt, das Gut zu erreichen. Auf die Frage, ob das Dorf Samanilowka noch weit sei, nahmen die Bauern die Mützen ab, und der eine von ihnen, der etwas klüger zu sein schien und einen Spitzbart trug, antwortete: „Vielleicht meinen Sie Manilowka und nicht Samanilowka?“ —
„Nun ja, Manilowka“ —
„Manilowka! Wenn du noch eine Werst fährst, dann bist du da, d. h. dann liegt es gerade rechts.“ —