Eine wirklich berechtigte Empörung malte sich in vielen Zügen. So groß auch Tschitschikows Ansehen in der Gesellschaft war, so sehr man davon überzeugt war, daß er Millionär sei, und obwohl sein Gesicht einen majestätischen und sogar martialischen Ausdruck hatte, — es gibt Dinge, welche die Damen keinem Manne verzeihen, er mag sein, wer er will, und sein Untergang ist besiegelt. Es gibt Fälle, wo die Frau, so charakterschwach sie auch im Vergleich mit dem Manne ist, plötzlich nicht nur fester und unbeugsamer wird, als der Mann, sondern als alles in der Welt. Die Mißachtung, die Tschitschikow, ohne es eigentlich selbst zu bemerken, den Damen erwiesen hatte, führte wieder zum Frieden und zur Einigung, die durch den Vorfall mit dem Stuhl beinahe in die Brüche gegangen wäre. In den von ihm leicht hingeworfenen ganz unwichtigen und belanglosen Reden entdeckte man plötzlich boshafte und spitzige Anspielungen. Um das Unglück zu vollenden, hatte noch ein junger Mann ein paar satirische Strophen auf die Tänzer gedichtet, ohne das es bekanntlich bei Bällen in der Provinz, beinahe nie abgeht. Sofort wurden diese Verse Tschitschikow zugeschrieben. Die Empörung wurde immer größer, die Damen standen in den verschiedenen Ecken des Saales zusammen und tuschelten miteinander, wobei einige sehr unfreundliche Äußerungen über ihn fielen; die arme Blondine aber ward vollkommen vernichtet, ihr Todesurteil war unterschrieben.
Inzwischen wartete unseres Helden eine höchst peinliche Überraschung; während seine junge Nachbarin gähnte, und er ihr allerhand Geschichten aus den entferntesten Zeitläuften erzählte, und sogar den griechischen Philosophen Diogenes erwähnte, erschien plötzlich Nosdrjow auf der Bildfläche, der gerade aus einem der hinteren Zimmer in den Saal trat. Kam er aus dem Restaurationsraum oder war er aus dem kleinen grünen Zimmer entsprungen, wo nicht bloß Whist, sondern weit weniger harmlose Spiele gespielt wurden, erschien er aus freien Stücken, oder war er herausgeschmissen worden, genug, er trat plötzlich fröhlich und sehr aufgeräumt in den Saal, den Staatsanwalt am Arme, den er wohl schon eine ganze Weile mit sich herumschleppte, denn der arme Staatsanwalt runzelte seine Stirne und schaute nach allen Seiten aus, wahrscheinlich weil er darüber nachsann, wie er sich von seinem freundlichen Reisebegleiter befreien könne. Und in der Tat, seine Lage war wirklich unerträglich. Nosdrjow hatte zwei Tassen Tee — natürlich nicht ohne Rumzusatz heruntergeschlürft und sich Mut getrunken. Jetzt log er wieder, daß sich die Balken bogen. Als Tschitschikow ihn von ferne erblickte, entschloß er sich sogar ein Opfer zu bringen, das heißt seinen angenehmen Platz zu verlassen, und sich so schnell als möglich zu entfernen: denn er versprach sich nichts Gutes von dieser Begegnung. Aber wie zum Trotz tauchte plötzlich der Gouverneur neben ihm auf, um ihm seine große Freude darüber auszudrücken, daß er Pawel Iwanowitsch endlich gefunden habe, und hielt ihn fest, indem er ihn bat, Schiedsrichter in einem kleinen Streit mit zwei Damen zu sein; man konnte sich nämlich nicht darüber einigen ob die Liebe der Frau von Dauer sei oder nicht; jetzt aber hatte Nosdrjow ihn schon bemerkt und ging geradewegs auf ihn zu:
„Ah! Der Chersoner Gutsbesitzer! Der Chersoner Gutsbesitzer!“ schrie er, während er näher kam und so laut lachte, daß seine frischen Backen, die so rot waren wie Frühjahrsrosen, nur so zitterten: „Nun? Hast du viel Tote gekauft? Sie wissen doch Exzellenz!“ schrie er aus vollem Halse, indem er sich an den Gouverneur wandte, „er handelt mit toten Seelen! Bei Gott! Hör mal Tschitschikow! Hör doch, ich sag dir’s in aller Freundschaft, wir sind doch hier unter lauter Freunden, da ist ja auch Seine Exzellenz, ich würde dich hängen lassen, bei Gott, ich lasse dich hängen!“
Tschitschikow wußte nicht mehr, wie ihm wurde. „Sie werden mir’s nicht glauben, Exzellenz!“ fuhr Nosdrjow fort: „wie er mir sagte: ‚Hör mal, verkauf mir doch deine toten Seelen,‘ da bin ich fast geplatzt vor Lachen. Dann komme ich in die Stadt, und da sagt man mir, er habe drei Millionen Bauern gekauft, die er zur Kolonisation verwenden will, schöne Kolonisation das! Er wollte mir doch Tote abkaufen. Hör mal Tschitschikow: du bist ein Schwein, bei Gott, du bist ein Schwein! Da ist ja auch seine Exzellenz, nicht wahr, Herr Staatsanwalt?“
Aber der Staatsanwalt und Tschitschikow waren so verlegen und verwirrt, daß sie gar keine Antwort fanden; unterdessen aber fuhr Nosdrjow, der ein wenig angeheitert war, ohne auf irgend jemand Rücksicht zu nehmen, in seiner Rede fort: „Ja, ja mein Bester ... ich lasse dich nicht eher los, als bist du mir sagst, wozu du die toten Seelen gekauft hast. Hör mal, Tschitschikow, du solltest dich schämen; du weißt ja selbst, daß du keinen besseren Freund hast, als mich. Sieh mal, da ist ja auch Seine Exzellenz ... nicht wahr, Herr Staatsanwalt? Sie werden es nicht glauben, Exzellenz, wie wir aneinander hängen, tatsächlich, wenn Sie mich fragten — hier steh ich, und wenn Sie mich fragten: ‚Nosdrjow, sag mal auf Ehre und Gewissen, wer ist dir lieber, dein eigener Vater oder Tschitschikow!‘ so müßte ich sagen: Tschitschikow! Bei Gott! ... Herzchen komm laß mich dir einen Kuß, einen Baiser geben. Sie werden wohl erlauben, daß ich ihn küsse, Exzellenz. Sträube dich doch nicht Tschitschikow, laß mich dir doch ein Baiserchen auf deine schneeweiße Wange drücken!“ Aber Nosdrjow kam mit seinem Baiser so übel an, daß er beinahe auf den Boden geflogen wäre. Alle zogen sich von ihm zurück und hörten nicht mehr auf ihn. Allein seine Worte von dem Kauf der toten Seelen waren doch so laut aus vollem Halse herausgeschrieen und von einem so schallenden Gelächter begleitet worden, daß sie selbst die Aufmerksamkeit der Gäste auf sich lenkten, die sich in den entferntesten Ecken des Zimmers befanden. Diese Nachricht klang so seltsam, daß alle starr und stumm, mit einem halb fragenden, halb törichten Ausdruck auf dem Gesichte dastanden. Tschitschikow bemerkte, wie mehrere Damen sich mit den Augen Zeichen machten und sich boshaft und gehässig zulächelten, und er glaubte in manchen Gesichtern etwas ganz Eigentümliches und Zweideutiges zu entdecken, was die allgemeine Verlegenheit noch verstärkte. Daß Nosdrjow ein Erzlügner und Schwindler war, das wußte jedermann, und es wäre keinem Menschen aufgefallen, wenn er etwas ganz Unsinniges und Törichtes von ihm gehört hätte; aber der sterbliche Mensch ist — nein, es ist wirklich schwer zu verstehen, wie dieser sterbliche Mensch nun eigentlich beschaffen ist; so albern und läppisch eine Neuigkeit auch sein mag, wenn es nur eine Neuigkeit ist, so wird er sie unbedingt einem andern Sterblichen mitteilen, wenn auch nur um zu sagen: „Was sie da wieder für ein Lügenmärchen verbreiten!“ Und der andre Sterbliche wird höchst vergnügt die Ohren spitzen, wenn er auch später sagen wird: „Aber das ist doch eine gemeine Lüge, der man gar keine Beachtung schenken sollte!“ Und gleich darauf wird er sich aufmachen und sich einen dritten Sterblichen suchen, um ihm die Geschichte zu erzählen und dann mit ihm zusammen in edler Empörung auszurufen: „Was für eine gemeine Lüge!“ Und so wird das Gerücht die Runde durch die ganze Stadt machen, und alle Sterblichen, soviel ihrer da sind, werden solange über die Sache sprechen, bis sie sie satt kriegen, und dann behaupten, die ganze Geschichte sei es nicht wert, daß man über sie rede.
Diese anscheinend so unbedeutende und belanglose Begebenheit hatte unseren Helden indessen merklich verstimmt. So dumm und albern auch die Reden eines Narren sind, oft reichen sie doch hin, um auch einen klugen Mann in Verlegenheit zu bringen. Er fühlte sich plötzlich sehr unbehaglich und peinlich berührt, wie wenn er mit einem schöngeputzten Stiefel in eine schmutzige, stinkende Pfütze getreten wäre; mit einem Wort, es war nicht schön, garnicht schön! Er versuchte es, nicht daran zu denken, sich zu vergessen, zu zerstreuen, setzte sich sogar an den Whisttisch, aber es ging alles schief wie ein verbogenes Rad: zweimal spielte er die falsche Farbe aus, er vergaß sogar einmal, daß er eine Karte nicht stechen durfte, holte mit der Hand aus und übertrumpfte seine eigene Karte. Der Gerichtspräsident konnte es durchaus nicht verstehen, wie es bloß möglich war, daß Pawel Iwanowitsch, der ein so guter, ja man kann sagen feiner Spieler war, sich solche Schnitzer zuschulden kommen und sogar seinen Pique-König übertrumpfen lassen konnte, auf den er seine ganze Hoffnung gesetzt hatte, wie auf den lieben Gott; dies waren seine eigenen Worte. Natürlich machten sich der Postmeister, der Gerichtspräsident und sogar der Polizeimeister, wie das zu geschehen pflegt, ein wenig über unsern Helden lustig und neckten ihn damit, daß er wohl gar verliebt sei und daß Pawel Iwanowitsch, wie sie ja wüßten, ein leicht entzündliches Herz habe. Auch sei es ihnen bekannt, wer es verwundet hätte. Aber dieses war kein Trost für ihn, so sehr er es auch versuchte, zu lächeln und die Scherze mit Scherzen zu beantworten. Beim Abendessen wollte es ihm auch nicht gelingen, sich so recht zur Geltung zu bringen, obwohl die Tischgesellschaft sehr angenehm war und trotzdem man Nosdrjow schon längst hinausbefördert hatte, weil selbst die Damen schließlich anerkennen mußten, daß sein Benehmen gar zu skandalös war. Während des Kotillons hatte er nämlich ganz plötzlich auf dem Parkett Platz genommen und die Tänzer bei den Frackschößen gepackt, was nach dem Ausdruck der Damen, schon ein ganz unmögliches Betragen war. Das Abendessen war sehr lustig: Alle Gesichter, die zwischen den dreiarmigen Leuchtern, Blumen, Flaschen und Schüsseln mit Konfekt hindurchschimmerten, glänzten vor eitel Freude und Befriedigung. Die Offiziere, die Damen und die befrackten Herren — flossen alle über vor Liebenswürdigkeit bis zum Überdruß. Ein Oberst überreichte sogar seiner Dame die Saucenschüssel, indem er sie auf der nackten Degenspitze balancierte. Die älteren Herren, in deren Mitte auch Tschitschikow saß, debattierten eifrig, und jedes treffende Wort wurde von einem kernhaften Bissen Fisch oder Fleisch, der nur so von Senf triefte, begleitet; man stritt gerade über die Gegenstände, für die sich Tschitschikow immer lebhaft interessiert hatte, und doch glich er heute Abend einem Menschen, der müde und zerschlagen von einem langen Wege heimgekehrt ist, dessen Gehirn ihm den Dienst verweigert und dem nichts mehr einfallen will. So wartete er denn nicht einmal das Ende des Soupers ab, und fuhr viel früher nach Hause, als dies sonst seine Gewohnheit war.
Dort in jenem Zimmer, das der Leser so gut kennt, mit der Kommode, die vor der Türe stand, und den hie und da aus den Ecken herausguckenden Schwabenkäfern, wollten indessen sein Geist und seine Gedanken ebenso wenig zur Ruhe kommen, wie der wacklige Lehnstuhl, in dem er saß. Es war ihm sehr schwer ums Herz. Eine lastende Leere quälte ihn: „Wenn doch alle die Menschen, welche diese Bälle erfunden haben, der Teufel holte!“ rief er wütend. „Welchen Anlaß haben sie nur, so zu jubeln? In der Provinz herrschen Mißernte, Teuerung und Hungersnot, und sie geben Bälle! Auch was Rechtes: hüllen sich da in alte Weiberlappen. Denken Wunder was sie sind, wenn sie mehr als tausend Rubel auf ihrem Leibe tragen! Das muß doch schließlich der Bauer mit seiner Steuer bezahlen, und am Ende fällt es gar auf unsereinen zurück. Man weiß doch, weswegen die Herren so heucheln und sich dennoch bezahlen lassen: um ihrer Frau einen teuren Shawl, Roben und weiß der Teufel wie sie es sonst noch nennen zu kaufen! Und wozu das alles? Damit nur ja keins von diesen liederlichen Frauenzimmern sagen kann, die Frau Postmeisterin habe ein besseres Kleid angehabt, — deswegen schmeißt man tausend Rubel aus dem Fenster. Da schreit man: ein Ball, ein Ball, wie amüsant! Ich mache mir einen Dreck aus so ’nem Ball, das entspricht dem russischen Wesen gar nicht, das ist eine ganz unrussische Einrichtung. Pfui Teufel noch einmal: kommt da plötzlich ein reifer erwachsener Mensch im schwarzen Frack wie ein nackter, gerupfter Teufel angesprungen und fuchtelt mit den Beinen hin und her. Und ein anderer steht wohl gar mit einem andern zusammen, unterhält sich mit ihm über eine ernste Angelegenheit und führt rechts und links allerlei Arabesken auf dem Fußboden aus ... Das ist alles nichts wie Nachäfferei; nichts wie Nachäfferei. Weil der Franzose mit vierzig Jahren noch gerad so ein Kind ist, wie mit fünfzehn, darum müssen wir’s auch so machen! Nein wirklich, nach jedem Ball ist mir zumute als hätte ich irgendein Verbrechen begangen, man möchte lieber gar nicht daran denken! Der Kopf ist einem so leer wie nach einem Gespräch mit einem vornehmen Weltmann: der schwatzt einem was vor, berührt alles nur ganz obenhin, tischt einem was auf, was er sich aus Büchern zusammengerafft hat; das klingt alles sehr schön und nett, und doch ist einem der Kopf grad so leer, wie vordem; so daß man schließlich überzeugt ist, daß eine Unterhaltung mit einem einfachen Kaufmann, der nichts kennt wie sein Geschäft, es dafür aber auch gründlich und aus dem ff kennt, mehr wert ist als all diese Kinkerlitzchen. Was hat man nun von solch einem Ball? Wenn es zum Beispiel einem Schriftsteller einfiele, diese ganze Szene zu schildern, genau so wie sie sich abgespielt hat? Sie würde sich doch in einem Buche genau so töricht und albern ausnehmen wie in Natur. Man weiß wirklich nicht, wie sie wirken würde: sittlich oder unsittlich? Weiß der Teufel, was das ist. Man würde nur ausspucken und das Buch zuklappen!“ So unfreundlich äußerte sich Tschitschikow über die Bälle im allgemeinen; aber ich glaube, sein Unwillen hatte auch noch einen andern Grund. Was ihn am meisten ärgerte, war in Wahrheit garnicht der Ball, sondern der Umstand, daß er hereingefallen, plötzlich vor allen Leuten in Gott weiß was für einem Lichte erschienen war, und dabei eine so seltsame und höchst zweideutige Rolle gespielt hatte. Freilich, wenn er das Vorgefallene mit dem Auge eines vernünftigen Menschen überschaute, sah er, daß das alles nur Kleinigkeiten waren, und daß ein törichtes Wort gar nichts zu bedeuten habe, besonders jetzt, wo die Hauptsache bereits glücklich vollendet und erledigt war. Aber — so seltsam ist nun einmal der Mensch: was ihn so tief betrübte, war dies, daß er sich die Zuneigung derselben Menschen verscherzt hatte, die er doch selbst nicht achtete, über die er so hart urteilte und die er wegen ihrer Eitelkeit und Putzsucht so scharf getadelt hatte. Das ärgerte ihn um so mehr, als er sich bei genauerer Prüfung eingestehen mußte, daß er selbst einige Schuld daran trug. Trotzdem zürnte er sich selber nicht im geringsten und darin hatte er natürlich recht. Wir leiden alle an dieser kleinen Schwäche, daß wir uns selbst gerne etwas schonen und uns lieber irgend einen von unseren Nächsten aussuchen, an dem wir unseren Ärger auslassen können, entweder einen Diener oder einen von unseren Untergebenen, der uns gerade in den Weg läuft, oder unsere Frau, oder endlich gar einen Stuhl, den wir gegen die Türe oder weiß der Teufel wohin schleudern, sodaß ein Bein oder die Lehne bricht, damit die Herrschaften unseren Zorn einmal gründlich kennen lernen! So fand auch Tschitschikow bald einen Nächsten, der alles auf seinen Schultern davon tragen mußte, was ihm sein Zorn eingab. Dieser liebe Nächste war Nosdrjow, und es läßt sich nicht leugnen, daß er so kräftig von hinten und vorne und von allen Seiten vermöbelt wurde, wie höchstens noch irgend ein Spitzbube von einem Dorfschulzen oder ein Postkutscher von einem Reisenden, einem Hauptmann mit reicher Erfahrung oder unter Umständen auch von einem General vermöbelt wird, welcher zu den vielen klassischen Schimpfworten, die er ihm an den Kopf wirft, noch eine ganze Reihe von andern unbekannten auskramt, die seinem eigensten Erfindergeist entspringen. Nosdrjows ganzer Stammbaum wurde hergenommen, und vielen Mitgliedern seiner Familie in aufsteigender Linie wurde stark mitgespielt.
Aber während Tschitschikow so von trüben Gedanken geplagt, schlaflos in seinem harten Lehnstuhle saß und Nosdrjow samt seiner ganzen Familie tüchtig durchhechelte, während das Talglicht langsam niederbrannte, dessen Docht schon ellenlang verkohlt war, sodaß die Kerze jede Minute zu verlöschen drohte, während undurchdringliche nächtliche Finsternis durchs Fenster blickte, und bei der nahenden Morgenröte schon im Begriff war, in blaue Dämmerung umzuschlagen, während sich in der Ferne ab und zu ein paar Hähne ihren Weckruf zukrähten, und irgendwo ein Unglücklicher von unbekanntem Stand und Herkommen in einfachem Wollmantel heimlich durch die stillen Straßen der verschlafenen Stadt schlich, er, der nur den einen (leider nur den einen!) von dem unbändigen russischen Volke ausgetretenen Weg kennt — spielte sich am andern Ende der Stadt ein Vorgang ab, welcher die peinliche Lage unseres Helden noch verschlimmern sollte. Durch die entlegenen Straßen und Gäßchen rasselte nämlich in diesem Augenblick ein gar seltsames Gefährt, für welches nicht gleich ein Name zu finden wäre. Es hatte weder Ähnlichkeit mit einem Bauernwagen, noch mit einer Kutsche, noch mit einer Equipage, sondern glich eher einer pausbäckigen, dickbauchigen Wassermelone, die man auf ein paar Räder gestellt hatte. Die Backen dieser Wassermelone, d. h. die Wagentüren, welche noch Spuren von gelber Farbe aufwiesen, schlossen sehr schlecht wegen des üblen Zustandes, in dem sich die Klinken und Schlösser befanden, die nur notdürftig mit ein paar Stricken zusammengebunden waren. Diese Wassermelone war mit Kattunkopfkissen, die wie Tabaksbeutel, Rollkissen oder gewöhnliche Kissen aussahen, und mit Säcken voll Getreide, Semmeln, Wecken und Bretzeln aus gebrühtem Teig angefüllt. — Oben guckten sogar eine Hühner- und eine Salzpastete heraus. Auf dem Trittbrett stand eine Gestalt, von lakaienhaftem Aussehen in einer gesprenkelten Jacke. Sie war unrasiert, und ihre Haare begannen schon zu ergrauen. Mit einem Wort, es war die bekannte Figur, die bei uns zu Lande „Bursch“ genannt zu werden pflegt. Der Lärm und das Gerassel der eisernen Klammern und rostigen Schrauben weckten den Wächter am andern Ende der Stadt, sodaß er seine Hellebarde aufrichtete und noch schlaftrunken aus voller Kehle: Wer da? rief. Als er jedoch bemerkte, daß niemand da war, und nur ein starkes Rasseln aus der Ferne herüber tönte, machte er sich flugs daran ein Tierchen, das auf seinem Kragen saß, zu fangen, worauf er sich der Laterne näherte, um hier eigenhändig das Todesurteil auf seinem Nagel zu vollstrecken. Dann ließ er die Hellebarde wieder aus der Hand sinken, um nach den Satzungen seines Ritterordens wieder einzuschlafen. Die Pferde stolperten über ihre Vorderbeine, weil sie nicht beschlagen waren und weil sie offenbar das bequeme Stadtpflaster noch nicht genügend kannten. Die Kalesche machte noch ein paar Wendungen, indem sie aus einer Straße in die andere einbog, und nahm endlich ihren Weg durch eine dunkle Gasse an der kleinen Pfarrkirche St. Nikolaus vorüber, um vor dem Hause der Frau Oberpfarrer Halt zu machen. Aus dem Wagen kroch ein Mädchen in einem Flausrock und einem Tuch um den Kopf, und hämmerte mit beiden Fäusten so stark auf das Tor los, wie ein Mann. (Der Bursche in dem gesprenkelten Rock wurde erst nachher an den Füßen von seinem Standort heruntergezogen, denn er schlief so fest wie ein Toter.) Die Hunde fingen an zu bellen. Nach einiger Zeit öffnete sich auch das Tor und verschlang, wenn auch nicht ohne Mühe, dieses plumpe Vehikel. Der Wagen rollte in den engen Hof, in dem Holz aufgestapelt war, und in dem sich mehrere Hühnerställe und andere Ställe befanden; zuletzt stieg noch eine Dame aus dem Wagen; dies war die Gutsbesitzerin und Kollegiensekretärin Korobotschka. Die alte Dame war bald nach der Abreise unseres Helden in große Unruhe und Aufregung darüber geraten, daß sie von ihm betrogen sein könnte, und hatte sich nach drei schlaflos verbrachten Nächten endlich entschlossen, nach der Stadt zu fahren, obwohl die Pferde nicht beschlagen waren, um dort Erkundigungen darüber einzuziehen, welchen Kurs die toten Seelen hätten, und ob es nicht am Ende eine große Torheit war, als sie sich überreden ließ, sie so billig zu verkaufen. Was ihre Ankunft für Folgen hatte, kann der Leser aus einer Unterhaltung entnehmen, welche bald darauf zwischen zwei Damen stattfand. Diese Unterhaltung .... doch diese Unterhaltung mag lieber im nächsten Kapitel stattfinden.
Neuntes Kapitel.
Eines Morgens, noch vor der Stunde, wo in der Stadt N. die Besuchszeit beginnt, flatterte aus der Türe eines orangefarbenen, hölzernen Hauses mit einem Erker und einigen blau angestrichenen Säulen, eine Dame in einem eleganten gestreiften Kleidchen heraus, begleitet von einem Lakai in einem Mantel mit mehreren Kragen und einem runden glänzenden Hut mit goldenen Tressen. Die Dame hüpfte eilig die steile Treppe hinab, um gleich darauf in dem vor der Türe haltenden Wagen zu verschwinden. Der Lakai warf sogleich die Wagentüre zu, sprang auf das Trittbrett und schrie dem Kutscher „Vorwärts!“ zu. Die Dame brachte eine Neuigkeit mit, die sie soeben erfahren hatte, und spürte ein schier unüberwindliches Verlangen, sie auch anderen Leuten mitzuteilen. Sie blickte jeden Augenblick aus dem Fenster und mußte sich zu ihrem unendlichen Ärger überzeugen, daß sie kaum mehr als die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte. Jedes Haus kam ihr heute länger vor als gewöhnlich, das armselige Asyl für alte Frauen mit seinen schmalen Fenstern schien gar kein Ende nehmen zu wollen, so daß die Dame es schließlich nicht mehr aushielt und ausrief: „Das verfluchte Haus, ist es denn noch immer nicht zu Ende!“ Der Kutscher hatte schon zweimal den Befehl erhalten, sich doch zu beeilen: „Schneller, schneller, Andrjuschka! Du fährst ja heute unerträglich langsam!“ Endlich war das Ziel erreicht. Die Kutsche hielt vor einem einstöckigen hölzernen Haus von dunkelgrauer Farbe mit weißen Basreliefs über den Fenstern, vor denen sich ein hohes Holzgitter befand; ein schmaler Staketenzaun friedigte das Ganze ein, dahinter standen ein paar magere Bäumchen, die beständig mit Straßenstaub bedeckt waren und daher ganz weiß aussahen. An den Fenstern sah man einige Blumentöpfe, einen Papagei, der sich in seinem Käfig schaukelte, indem er sich mit seinem Schnabel an ein Stäbchen anhakte, und zwei Hündchen, die in der Sonne schliefen. In diesem Hause wohnte eine treue und aufrichtige Freundin der soeben eingetroffenen Dame. Der Autor ist in großer Verlegenheit, wie er beide Damen bezeichnen soll und zwar so, daß ihm niemand deswegen zürne, wie man dies ehemals zu tun pflegte. Irgend einen Familiennamen erfinden — das wäre zu gefährlich. Was er auch für einen Namen wählen würde — es würde sich ganz sicher in irgend einem Winkel unseres Landes — groß genug ist es dazu — jemand finden, der denselben Namen trägt, ihm ganz ernstlich böse sein, sein Todfeind werden und sagen würde, der Autor sei allein deswegen hingereist, um im geheimen zu erforschen und zu erfahren, wer dieser Jemand eigentlich sei, in was für einem Pelz er spazieren gehe, bei welcher Frau Agrafena Iwanowna er verkehre, und was seine Lieblingsgerichte seien; oder nenne ihn bei seinem Rang und Titel — so begibst du dich in eine noch größere Gefahr. Gott behüte! Heutzutage sind alle Berufe und Stände bei uns so empfindlich geworden, daß sie alles, was sie in einem Buche gedruckt lesen, sofort für eine persönliche Beleidigung halten: das liegt nun mal so in der Luft. Man braucht nur zu erklären: in der und der Stadt gebe es einen dummen Kerl — sofort ist’s eine persönliche Beleidigung: im Handumdrehen meldet sich schon ein Herr von sehr würdigem Äußeren und schreit einen an: „Ich bin doch auch ein Mensch, also bin ich wohl dumm?“ Mit einem Wort, er hat es sogleich heraus, um was es sich handelt. Und darum wollen wir, um all diesen unangenehmen Eventualitäten aus dem Wege zu gehen, die Dame, welche den Besuch erhielt, so nennen, wie sie fast einstimmig von der ganzen Stadt N. genannt wurde: nämlich: die in jeder Beziehung angenehme Dame. Diesen Namen hatte sie von Rechts wegen erhalten, denn sie hatte in der Tat kein Mittel gescheut, um im höchsten Grade angenehm und liebenswürdig zu erscheinen, obwohl freilich aus ihrer Liebenswürdigkeit oft die ganze Schlauheit und Gewandtheit des weiblichen Charakters hervorblickte, und in manch einem ihrer stets angenehmen Worte eine ganz gefährliche Spitze verborgen lag! Garnicht erst davon zu reden, was für ein Grimm gegen jede in ihrem Herzen kochte, die es gewagt hätte, auf irgend eine Weise in eine erste Stellung einzurücken. Aber dies alles kleidete sich in das Gewand feinster weltmännischer Formen, wie man sie nur in einer Provinzstadt finden kann. Jede ihrer Bewegungen war geschmackvoll, sie schwärmte sehr für lyrische Gedichte, verstand es sogar, hin und wieder ihr Köpfchen träumerisch auf die Schulter sinken zu lassen, mit einem Wort, alle waren einverstanden, daß sie wirklich eine in jeder Beziehung angenehme Dame sei. Die andre Dame, das heißt jene, welche soeben angekommen war, hatte keinen so vielseitig veranlagten Charakter, und daher wollen wir sie bloß die angenehme Dame nennen. Ihre Ankunft weckte die Hündchen, welche sich auf der Fensterbank sonnten: die zottige Adèle, die sich beständig in ihrem eigenen Pelze verstrickte und den Rüden Potpourri, der zwei Paar äußerst dünne Beinchen hatte. Beide stürzten mit geringelten Schwänzen und unter lebhaftem Gebell ins Vorzimmer, wo die neuangekommene Dame sich soeben ihres Shawles entledigte und nun in einem Kleid von neustem Schnitt und moderner Farbe, mit einer langen Boa um den Hals dastand. Ein intensiver Jasmingeruch verbreitete sich durch das ganze Zimmer. Kaum hatte die in jeder Beziehung angenehme Dame von der Ankunft der bloß angenehmen Dame erfahren, als auch sie schon ins Vorzimmer gelaufen kam. Beide Freundinnen ergriffen sich bei der Hand, küßten sich und schrieen dabei auf, wie zwei junge Mädchen, die sich bald nach ihrer Entlassung aus dem Pensionat wieder treffen, bevor noch die beiden Mütter ihnen klar gemacht haben, daß der Vater der einen ärmer und kein so hoher Beamter ist, als der Vater der andern. Sie küßten sich so laut, daß beide Hündchen wieder zu bellen begannen, wofür sie einen sanften Schlag mit dem Tuche erhielten, — und beide Damen begaben sich in den natürlich blautapezierten Salon, in dem ein Sofa, ein ovaler Tisch und ein paar Fensterschirme standen, um die sich Efeu rankte; nach ihnen kam die zottige Adèle und der große Potpourri mit den langen Beinen knurrend ins Zimmer gelaufen. „Hierher, hierher, in dieses Eckchen!“ sagte die Hausfrau, indem sie den Gast in einer Ecke des Sofas Platz nehmen ließ. „So ist’s schön, so ist’s recht! Da haben Sie auch ein Kissen!“ Mit diesen Worten schob sie jener ein schön gesticktes Kissen in den Rücken; die Stickerei stellte einen von jenen Rittern dar, wie sie gewöhnlich auf Tülle gestickt werden: seine Nase hatte große Ähnlichkeit mit einer Treppe und die Lippen waren viereckig. „Wie froh ich bin, daß Sie ... Ich höre jemand vorfahren und denke mir, wer könnte das wohl sein, schon so früh? Parascha meinte, es sei die Frau Vizegouverneur, und ich sage noch zu ihr: sollte die dumme Person schon wieder gekommen sein, um mich zu langweilen? ich wollte mich schon verleugnen lassen ...“