Nach dem Feldzuge vom Jahre 1812, verehrter Herr,“ hub der Postmeister an, trotzdem nicht ein einzelner Herr, sondern ganze sechs im Zimmer saßen, „nach dem Feldzug vom Jahre 1812 wurde zusammen mit anderen Verwundeten auch ein Hauptmann namens Kopeikin ins Lazarett eingeliefert. Ein Bruder Leichtfuß und launenhaft wie der Teufel, hatte er alles durchgemacht, was es auf der Welt gibt, war auf der Hauptwache gewesen und hatte manche Stunde Arrest abgesessen. War es bei Krasnoje oder in der Schlacht von Leipzig gewesen, genug, er hatte im Kriege ein Bein und einen Arm verloren. Sie wissen doch, damals gab’s noch keine von den bekannten Einrichtungen für die Verwundeten: dieser Invalidenfond, das können Sie sich wohl denken, der wurde sozusagen erst viel später gegründet. Der Hauptmann Kopeikin sieht also, daß er arbeiten muß, aber sehen Sie wohl, er hatte eben nur einen Arm, nämlich den linken. Er wandte sich also nach Hause an seinen Vater, aber der Vater gab ihm zur Antwort: ‚Ich kann dich nicht auch noch ernähren; ich,‘ denken Sie sich nur, ‚ich verdiene mir selbst mit knapper Not meinen Unterhalt.‘ Da beschloß denn mein Hauptmann Kopeikin, sehen Sie wohl, Verehrtester, da beschloß er nach Petersburg zu reisen und sich an die Behörden zu wenden, ob sie ihm nicht eine kleine Unterstützung zukommen lassen könnten, er habe doch gewissermaßen, sozusagen sein Leben geopfert und sein Blut vergossen ... Er fuhr also in einem Gepäckwagen oder einem staatlichen Transportwagen nach der Hauptstadt, sehen Sie wohl Verehrtester, genug, er gelangte mit Mühe und Not nach Petersburg. Und nun stellen Sie sich vor: da befindet sich nun dieser selbige, d. h. dieser Hauptmann Kopeikin in Petersburg, das sozusagen in der ganzen Welt nicht seinesgleichen hat! Plötzlich ist es um ihn herum licht und hell, gewissermaßen ein weites Feld des Lebens, so eine Art märchenhafte Scheherazade, verstehen Sie mich wohl. Also denken Sie nur, plötzlich liegt vor ihm so ein Newski-Prospekt oder solch eine Erbsenstraße oder, hol’s der Teufel, irgend so eine Liteinaja, da ragt irgend so ein Turm in die Luft und dort hängen ein paar Brücken, wissen Sie, so ohne jegliche Stützen und Pfeiler, mit einem Wort die reinste Semiramis. Tatsächlich, Verehrtester! Erst trieb er sich eine Weile in den Straßen herum, um sich eine Wohnung zu mieten; aber das war ihm alles zu brenzlich: all diese Gardinen, Rouleaux und all das Teufelszeug, verstehen Sie, diese Teppiche, das reinste Persien, Verehrtester ... Mit einem Wort, beziehungsweise, man tritt das Kapital nur so mit Füßen. Man geht über die Straße, und die Nase merkt schon von ferne, daß es nach Tausenden riecht; und, Sie wissen doch, die ganze Staatsbank meines Hauptmannes Kopeikin besteht aus fünf blauen Scheinen und noch ein paar Silbergroschen ... Nun also, Sie wissen ja, ein Landgut läßt sich dafür nicht kaufen, d. h. es ließe sich vielleicht kaufen, wenn man noch vierzig Tausend dazulegte; aber die vierzig Tausend muß man sich erst beim König von Frankreich leihen. Genug, er mietet sich schließlich in einem Gasthaus zur Stadt Reval ein, für einen Rubel pro Tag. Sie wissen, ein Mittagessen aus zwei Gängen, eine Kohlsuppe und ein Stück Suppenfleisch dazu ... Er sieht also, daß sein Geld nicht mehr allzu lange reicht. Er erkundigte sich, wohin er sich wenden soll. ‚Wohin könntest du dich wenden,‘ sagt man ihm. ‚Die Beamten der Regierung sind nicht mehr in der Stadt. Sehen Sie wohl, das ist alles in Paris. Die Armee ist noch nicht zurück. Aber es gibt hier eine sogenannte provisorische Kommission. Versuchen Sie’s,‘ sagt man ihm, ‚vielleicht können Sie dort was ausrichten.‘ — ‚Nun gut, dann gehe ich zur Kommission,‘ spricht Kopeikin. ‚Ich werd’ es ihnen schon klar machen. So und so steht die Sache. Ich habe, sozusagen, mein Blut vergossen und gewissermaßen mein Leben geopfert.‘ So stand er denn also eines Morgens etwas früher auf, kratzte sich mit der linken Hand seinen Bart, denn, sehen Sie wohl, wäre er zum Barbier gegangen, so hätte das in gewissem Sinne neue Ausgaben verursacht, zog seine Uniform an und begab sich auf seinem Holzfuß einherhinkend zum Vorsitzenden der Kommission. Stellen Sie sich bloß vor! Er fragt also, wo der Vorsitzende wohnt. Da sagt man ihm, jenes Haus dort am Kai, das gehört ihm. Eine richtige Bauernhütte, verstehen Sie! Fensterscheiben, meterlange Spiegel, Marmor, Lack, denken Sie sich nur, Verehrtester! Mit einem Wort, die Sinne schwinden einem. So ’ne Türklinke aus Metall, der feinste Komfort, sodaß man zuerst in den Laden laufen, sich für einen Groschen Seife kaufen und sich dann, sozusagen, stundenlang die Hände reiben muß, ehe man es wagt, sie anzufassen. Vorn am Eingang, verstehen Sie, da steht ein Portier mit einem großen Säbel, mit so ’ner Grafenphysiognomie, und Batistkragen, rein wie ein wohlgepflegter Mops ... Mein Kopeikin schleppt sich also auf seinem Holzfuß ins Vorzimmer, setzt sich in einen Winkel, um nur nicht mit dem Arm gegen irgend so ein Amerika oder Indien, gegen so eine vergoldete Porzellanvase, verstehen Sie wohl, zu stoßen. Sehen Sie wohl, natürlich mußte er eine halbe Ewigkeit dort warten, weil er zu einer Zeit gekommen war, wo der Vorsitzende, sozusagen, noch kaum aus dem Bett gestiegen war und sein Kammerdiener ihm eben irgend so ein silbernes Becken reichte, verstehen Sie wohl, wo man sich drin wäscht. Mein Kopeikin wartet also vier Stunden lang; da kommt endlich der diensthabende Beamte und sagt: ‚Gleich kommt der Präsident!‘ Und schon füllt sich das Zimmer mit allerhand Epauletten und Achselbändern. Mit einem Worte die Menschen drängen sich wie Bohnen in der Schüssel. Endlich, Verehrtester, tritt auch der Präsident herein. Na, Sie können sich natürlich vorstellen: der Präsident in eigener Person sozusagen. Und, natürlich, seinem Rang und Titel entsprechend so eine Physiognomie, so ein Ausdruck, verstehen Sie. Aus allem spricht die „Condewite“ des Großstädters. Erst geht er zu einem dann zum andern: ‚Warum sind Sie hier?‘ ‚Und Sie?‘ ‚Was wünschen Sie?‘ ‚In welcher Angelegenheit kommen Sie?‘ Zuletzt kommt auch mein Kopeikin an die Reihe: ‚So und so,‘ sagt er, ‚ich habe mein Blut vergossen, ein Bein und einen Arm verloren, sozusagen. Ich kann nicht mehr arbeiten und erlaube mir die Anfrage, ob ich nicht eine kleine Unterstützung, irgend so ’ne Anweisung, beziehungsweise auf eine kleine Gratifikation oder Pension, verstehen Sie wohl, bekommen kann.‘ Der Vorsitzende sieht der Mann hat einen Stelzfuß und der rechte Ärmel baumelt leer herunter. ‚Gut!‘ sagt er, ‚fragen Sie nach ein paar Tagen mal wieder an!‘ Mein Kopeikin ist ganz selig. ‚Na,‘ denkt er, ‚die Sache macht sich.‘ Er ist in einer Laune, können Sie sich vorstellen; hüpft geradezu auf dem Trottoir. Dann ging er ins Restaurant von Palkiku um einen Schnaps zu nehmen, aß in der Stadt London zu Mittag, ließ sich eine Kotelette mit Kapern kommen, dazu ’ne Poularde und allerhand Filets, nebst einer Flasche Wein — mit einem Wort, es war eine feudale Zeche, sozusagen. Auf dem Trottoir sieht er plötzlich eine Engländerin kommen. Wissen Sie, schlank wie irgend so’n Schwan. Mein Kopeikin, dessen Blut in Wallung geriet, läuft ihr trach, trach, trach auf seinem Stelzfuß nach; ‚ach nein!‘ denkt er, ‚hol die Kurmacherei einstweilen der Teufel; das kommt nachher, wenn ich meine Pension habe. Ich bin schon gar zu sehr aus Rand und Band geraten.‘ Dabei hatte er an diesem einen Tage, bitte ich zu bemerken, fast die Hälfte seines Geldes durchgebracht. Nach drei vier Tagen, sehen Sie wohl, da kommt er wieder in die Kommission zum Präsidenten: ‚Ich bin gekommen,‘ sagt er, ‚um mir Bescheid zu holen, so und so, infolge der überstandenen Krankheiten und meiner Verwundungen .... Ich habe sozusagen mein Blut vergossen usw., verstehen Sie wohl.‘ Alles in der amtlichen Sprache, natürlich! ‚Ja, ja,‘ sagt der Präsident, ‚zunächst aber muß ich Ihnen mitteilen, daß ich in Ihrer Sache ohne die Zustimmung der Regierung nichts zu tun vermag. Sie sehen selber, was das für eine Zeit ist. Die kriegerischen Operationen sind gewissermaßen, sozusagen, noch nicht beendigt. Warten Sie die Ankunft des Herrn Ministers ab und gedulden Sie sich bis dahin noch ein wenig. Sie können überzeugt sein, man wird Sie nicht vergessen. Sollten Sie indessen nichts zum Leben haben, so nehmen Sie dies. Das ist alles was ich geben kann ...‘ Na, Sie verstehen, er gab ihm natürlich nicht viel, aber bei bescheidenen Ansprüchen hätte man bis zum Entscheidungstermin damit auskommen können. Aber mein Kopeikin hatte keine Lust dazu. Er dachte er würde gleich morgen ein paar Tausender erhalten: ‚Da hast du was, mein Lieber, trink eins und amüsier dich!‘; statt dessen aber muß er warten und weiß nicht einmal, bis zu welchem Termin. Und dabei spuken ihm, sehen Sie wohl, all diese Engländerinnen und Soupers und Kotelettes im Kopfe herum. Da kommt er nun wie so’n Uhu, oder Pudel, den der Koch mit Wasser begossen hat, vom Präsidenten heraus — hat den Schwanz eingezogen und läßt die Ohren hängen. Das Leben in Petersburg hatte ihn schon ein wenig mitgenommen, von diesem und jenem hatte er auch schon gekostet. Und nun heißt es: sieh zu, wie du weiterkommt, von all diesen Schleckereien nicht die Spur, sehen Sie wohl. Und dabei war er noch ein junger frischer Mensch mit gutem Appetit, einem wahren Wolfshunger sozusagen. Wie oft kam er nicht an irgend so einem Restaurant vorüber: und nun stellen Sie sich vor: der Koch ist ein Ausländer, so ein Franzose, wissen Sie, mit solch einem offenen Gesicht, trägt immer nur die feinste holländische Wäsche, und eine Schürze, so weiß wie Schnee sozusagen, da steht nun der Kerl vor seinem Herd und bereitet euch irgend so ein Finserb, oder Koteletts mit Trüffeln, mit einem Wort, irgend so eine Delikatesse, daß unser Hauptmann sich am liebsten selbst aufgefressen hätte vor Appetit. Oder er kommt an den Miljutinschen Läden vorbei: lacht ihm da sozusagen irgend so ein geräucherter Lachs, oder ein Körbchen mit Kirschen — zu fünf Rubel das Stück, oder so ’ne Riesin von Wassermelone, so’n ganzer Omnibus, wissen Sie, aus dem Fenster entgegen, und sucht nach einem Narren, der einen überflüssigen Hunderter in der Tasche hat, verstehen Sie, mit einem Wort, nichts wie Verführungen auf Schritt und Tritt, es läuft einem sozusagen das Wasser im Munde zusammen, für ihn aber heißt’s: warte gefälligst. Und nun stellen Sie sich seine Lage vor: einerseits, sehen Sie wohl, dieser Lachs und die Wassermelone, und andererseits irgend so ein bitteres Gericht unter dem Namen: ‚Komm morgen wieder.‘ ‚Ach was,‘ denkt er, ‚mögen Sie dort machen, was sie wollen, ich gehe hin, setze die ganze Kommission und all die Vorsitzenden in Bewegung und erkläre: nein, bitte schön, das geht nicht so weiter!‘ Und in der Tat, frech und aufdringlich, wie er ist, — je weniger einer im Oberstübchen los hat, desto mehr Mut hat er — kommt er also in die Kommission: ‚Nun was wünschen Sie?‘ fragt man ihn, ‚was wollen Sie noch weiter, Sie haben doch schon Bescheid erhalten.‘ — ‚Ich bitt’ Sie,‘ sagt er, ‚ich kann doch nicht so von der Hand in den Mund leben. Ich muß doch meine Kottelette und eine Flasche französischen Rotwein zum Mittagessen haben und mich ein wenig zerstreuen, einmal ins Theater gehen, verstehen Sie,‘ sagte er — ‚Nein, da müssen Sie uns schon entschuldigen,‘ sagte da der Vorsitzende .. ‚Was das anbelangt, so müssen Sie sich schon gewissermaßen gedulden. Sie haben doch etwas bekommen, um sich über Wasser zu halten, bis die Order von oben eingelaufen ist, und Sie können überzeugt sein, daß Sie nach Gebühr entschädigt werden sollen: denn es ist bisher ohne Beispiel, daß bei uns in Rußland ein Mann, der seinem Vaterland gewissermaßen, sozusagen, einen Dienst geleistet hat, daß der unversorgt geblieben wäre. Aber, wenn Sie sich freilich jetzt an Koteletts delektieren und ins Theater gehen wollen, nein, wissen Sie, dann müssen Sie schon entschuldigen. Dazu verschaffen Sie sich nur gefälligst selbst die Mittel. Da müssen Sie sich schon selbst helfen.‘ Aber denken Sie bloß, mein Kopeikin verzieht keine Miene. Die Worte prallen von ihm ab wie Erbsen von einer Wand. Er erhob ein großes Geschrei und brachte die ganze Gesellschaft in Aufruhr. Er ließ ein wahres Hagelwetter über all diese Regierungsbeamten und Sekretäre los ... ‚Ja dann seid ihr ja dies und jenes,‘ sagte er, ‚ja, dann kennt ihr ja eure Pflicht und Schuldigkeit nicht, ihr Gesetzesverdreher!‘ Mit einem Wort, er wischte ihnen allen kräftig eins aus. Zufällig kam ihm auch noch irgend so’n General aus einem andern Ressort unter die Finger. Und auch der bekam seinen Teil, verstehen Sie wohl. Kurz, er brachte sie alle durcheinander. Was soll man nur mit so einem rasenden Kerl anfangen? Der Präsident sieht, es gibt keinen andern Ausweg, man muß gewissermaßen, sozusagen, zu strengeren Maßregeln seine Zuflucht nehmen. ‚Schön,‘ sagte er, ‚wenn Sie nicht damit zufrieden sind was man Ihnen gibt, und hier in der Hauptstadt nicht ruhig auf die Entscheidung Ihrer Sache warten wollen, so lasse ich Sie sozusagen in Ihre Heimat abschieben. Der Feldjäger soll kommen und ihn nach der Heimat transportieren!‘ Der Feldjäger aber, verstehen Sie wohl, der steht schon da und wartet schon hinter der Tür: so’n baumlanger Kerl, wissen Sie, mit einer Hand wie von der Natur selbst für den Kurierdienst geschaffen. Mit einem Wort: ein richtiger Zahnzieher. So wird denn unser braver Knecht Gottes in den Wagen befördert und ab geht’s in Begleitung des Feldjägers. ‚Na,‘ denkt Kopeikin, ‚da spar’ ich wenigstens das Reisegeld. Auch dafür bin ich den Herren dankbar.‘ So fährt er denn, Verehrtester, mit dem Feldjäger, und während er so an der Seite des Feldjägers sitzt, spricht er gewissermaßen, sozusagen, zu sich selber: ‚Schön,‘ sagt er, ‚du erklärst mir, ich soll mir selbst helfen und die Mittel suchen! Gut, schön,‘ sagt er, ‚ich will mir die Mittel schon verschaffen!‘ Wie er nun an seinen Bestimmungsort befördert, und wohin er eigentlich gebracht wurde, darüber ist nichts bekannt geworden. Und daher sind denn auch die Nachrichten über den Hauptmann Kopeikin im Strome der Vergessenheit untergegangen, in so einer Lethe, wissen Sie, wie die Poeten es nennen. Doch hier, sehen Sie wohl, meine Herren, hier schürzt sich, kann man wohl sagen, der Knoten unseres Romans. Wo also Kopeikin verschwunden ist, das weiß niemand; aber stellen Sie sich vor, es vergingen auch nicht zwei Monate, als in den Wäldern von Rjasan eine Räuberbande auftauchte, und der Hauptmann dieser Räuberbande, sehen Sie wohl, war kein anderer als ...“

„Aber erlaube mal, Iwan Andrejewitsch,“ unterbrach ihn plötzlich der Polizeimeister, „du sagtest doch selber, dem Hauptmann Kopeikin habe ein Bein und ein Arm gefehlt; und Tschitschikow hat doch ...“

Da schrie der Postmeister laut auf, schlug sich mit aller Kraft vor die Stirne und nannte sich vor versammeltem Publikum ein Rindvieh. Er konnte garnicht verstehen, wie dieser Umstand ihm nicht gleich zu Anfang dieser Erzählung eingefallen war, und erklärte, das russische Sprichwort: „der Verstand des Russen ist von hinten am stärksten!“ sei vollkommen wahr. Aber gleich darauf fing er an, Winkelzüge zu machen und versuchte sogar sich aus der Affäre zu ziehen, indem er behauptete, die Engländer hätten, wie man aus den Zeitungen ersehen könne, die Mechanik sehr vervollkommnet, und einer hätte sogar hölzerne Füße mit einem solchen Mechanismus erfunden, daß man nur auf eine Spirale zu drücken brauche, damit diese Füße einen in unbekannte Gegenden forttrügen, sodaß man den Menschen überhaupt nicht mehr auffinden könne.

Aber trotzdem zweifelten alle, daß Tschitschikow der Hauptmann Kopeikin sei, und fanden, daß der Postmeister schon gar zu weit über das Ziel hinausgeschossen habe. Übrigens wollten sie sich ihrerseits auch nicht lumpen lassen und verirrten sich, angeregt durch die geistvolle Hypothese des Postmeisters, womöglich noch weiter. Unter den vielen in ihrer Art geistreichen Vermutungen war besonders eine bemerkenswert: so seltsam es klingt, es wurde die Ansicht laut, daß Tschitschikow vielleicht Napoleon sein könne, der sich verkleidet in ihrer Stadt aufhielte; die Engländer seien schon längst eifersüchtig auf Rußland, auf seine Macht und seine Größe, und es wären schon mehrmals Karikaturen erschienen, auf denen ein Russe im Gespräch mit einem Engländer abgebildet war: der Engländer steht da und hält einen Hund an der Leine, dieser Hund aber soll Napoleon vorstellen: ‚Paß auf,‘ sagt der Engländer, ‚wenn mir etwas nicht behagt, dann hetze ich diesen Hund auf dich.‘ Wer weiß, vielleicht hatten sie jetzt diesen Hund von St. Helena losgelassen, und er schweifte nun unter der Maske Tschitschikows in Rußland umher, während er doch in Wahrheit garnicht Tschitschikow sei.

Natürlich schenkten die Beamten dieser Hypothese keinen Glauben, aber sie wurden doch nachdenklich und, wenn jeder von ihnen sich im stillen die Sache überlegte, konnte er sich’s nicht verhehlen, daß Tschitschikows Profil eine verdächtige Ähnlichkeit mit dem Napoleons hatte. Der Polizeimeister, welcher den Feldzug von 1812 mitgemacht hatte, hatte Napoleon persönlich gesehen und mußte gleichfalls zugeben, daß er sicherlich nicht größer als Tschitschikow und auch von Statur weder allzu dick, aber andererseits auch wiederum nicht allzu dünn gewesen sei. Vielleicht wird mancher Leser dies alles für sehr unwahrscheinlich halten, — nun auch der Autor ist bereit ihm zuliebe zuzugestehen, daß die Geschichte sehr unwahrscheinlich ist; aber wie zum Tort mußte sich alles geradeso abspielen, wie wir es hier erzählen, was um so seltsamer ist, da die Stadt nicht irgendwo abseits vom Wege, sondern in nächster Nähe von beiden Hauptstädten lag. Übrigens darf man nicht vergessen, daß all diese Ereignisse bald nach der glorreichen Vertreibung der Franzosen stattfanden. Um diese Zeit waren alle unsere Gutsbesitzer, Beamten, Kaufleute, Handlungsgehilfen und alle gebildeten und ungebildeten Leute wenigstens für die ersten acht Jahre eingefleischte Politiker geworden. Die „Moskauer Nachrichten“ und der „Sohn des Vaterlandes“ wurden so zerlesen, daß sie an den letzten Leser nur noch als ein Häuflein Papierfetzen gelangten, der zu nichts mehr zu gebrauchen war. Statt Fragen, wie die folgenden: Wie teuer haben Sie den Scheffel Hafer verkauft, Väterchen? — Was denken Sie vom gestrigen Schneefall? — hörte man nur noch Fragen: Nun, was steht in der Zeitung? — Ist Napoleon nicht wieder entwischt? — Besonders die Kaufleute fürchteten sich sehr davor, denn sie glaubten fest an die Prophezeiung eines Wahrsagers, welcher schon seit drei Jahren im Kerker saß. Dieser neue Prophet war plötzlich — kein Mensch wußte woher — in Bastschuhen und in Felle gehüllt, die schrecklich nach faulen Fischen rochen, in der Stadt aufgetaucht und hatte verkündigt, Napoleon sei der Antichrist, der jetzt hinter sechs Mauern und sieben Meeren an einer steinernen Kette schmachte, aber bald werde er seine Ketten sprengen und sich die ganze Welt unterwerfen. Dieser Prophet war wegen seiner Prophezeiungen ins Gefängnis geworfen worden, und das von Rechts wegen. Trotzdem aber hatte er seine Mission erfüllt und die Kaufleute vollkommen um ihr bißchen Verstand gebracht. Und lange noch, selbst während des flottesten Geschäftsganges kamen die Kaufleute im Wirtshaus zusammen, um sich hier beim Tee über den Antichrist zu unterhalten. Viele von den Kaufleuten und den vornehmen Adeligen dachten auch, selbst ohne es zu wollen, über die Sache nach und glaubten unter dem Einflusse der mystischen Stimmung, welche bekanntlich damals alle Geister beherrschte, in jedem Buchstaben, der in dem Wort Napoleon vorkam, einen besonderen, bedeutungsvollen Sinn zu entdecken; viele wollten in ihm sogar die Zahlen aus der Apokalypse wiedererkannt haben. Daher war es durchaus nicht so wunderbar, wenn auch die Beamten in diesem Punkte stutzig wurden. Allein bald kamen sie wieder zur Besinnung und merkten, daß ihre Phantasie schon allzu üppig wucherte, und daß die Sache doch ganz anders liege. Sie dachten hin und dachten her, überlegten her und überlegten hin, und kamen schließlich zur Überzeugung, daß es vielleicht nicht übel wäre Nosdrjow einmal gründlich auszuhorchen. Da er es ja gewesen war, der die Geschichte mit den toten Seelen zuerst in die Welt gebracht hatte und, wie man sagte, in so nahen Beziehungen zu Tschitschikow stand, mußte er doch etwas über dessen Lebensverhältnisse wissen; und so beschloß man denn, erst einmal zu hören was Nosdrjow sagen werde.

Höchst seltsame Leute, diese Herren Beamten, und mit ihnen die Vertreter aller anderen Berufe: sie wußten doch ganz genau, daß Nosdrjow ein Lügner sei, daß man ihm kein Wort glauben könne, selbst da nicht, wo es sich um eine Bagatelle handelte und doch nahmen sie zu ihm ihre Zuflucht. Da mag einer den Menschen verstehen! Er glaubt nicht an Gott, aber glaubt dafür, daß er unbedingt sterben müsse, wenn ihm seine Nase juckt; er geht gleichgültig an einer Schöpfung des Dichters vorbei, welche so deutlich für sich zeugt, wie das Licht der Sonne, ganz durchdrungen ist von innerer Harmonie und schlichter weiser Einfalt, um sich gierig auf das Erzeugnis eines kecken Kopfes zu stürzen, der ihm irgend ein wirres, krauses Zeug vorschwatzt und die Natur verrenkt und vergewaltigt. Und das gefällt ihm. Da tut er den Mund weit auf und schreit mit lauter Stimme: „Seht ihr! das ist reine Herzenskündigung!“ Sein ganzes Leben lang pfeift er auf die Ärzte, um am Ende zu einem alten Weibe zu laufen, welches die Leute mit Sympathiemitteln und Spucke kuriert, oder er braut sich gar selbst ein Dekokt aus irgend einem Zeug, weil ihm plötzlich die tolle Idee kommt, es könne ihm etwas gegen seine Krankheit nützen. Man hätte natürlich die Herren Beamten mit ihrer schwierigen Lage entschuldigen können. Man sagt ja, daß ein Ertrinkender nach einem Strohhalm greife, und daß er nicht soviel Überlegung habe, um sich zu sagen, auf einem Strohhalm könne höchstens eine Fliege einen Spazierritt wagen, nicht aber er, der vier oder gar fünf Zentner wiegt; aber wie gesagt, in der Gefahr stellt er diese Überlegung überhaupt nicht an und greift nach dem Strohhalm. So nahmen denn auch unsere Herren schließlich ihre Zuflucht zu Nosdrjow. Der Polizeimeister schrieb ihm sofort einen Brief, in dem er ihn einlud, bei ihm zu Abend zu speisen, und ein Polizeikommissar in hohen Wasserstiefeln und mit freundlichen roten Backen machte sich spornstreichs auf den Weg, nahm seinen Säbel in die Hand und lief im Galopp zu Nosdrjow, um ihm das Schreiben zu überbringen. Nosdrjow war gerade mit einem sehr wichtigen Gegenstande beschäftigt; schon den vierten Tag verließ er das Haus nicht, empfing keinen Menschen und ließ sich sogar das Mittagessen durch das Fenster reichen — mit einem Wort, er war ganz abgemagert und sah beinah grün im Gesicht aus. Die Sache selbst erforderte die größte Aufmerksamkeit und Sorgfalt: sie bestand in der Auswahl und Zusammenstellung eines Kartenspieles von gleicher Zeichnung aus einem ganzen Schock. Dabei mußte die Zeichnung aber so scharf sein, daß man sich auf sie verlassen konnte, wie auf seinen besten Freund. Eine solche Arbeit erfordert mindestens zwei Wochen. Während dieser ganzen Zeit mußte Porphyr dem kleinen Bullenbeißer den Nabel mit einer besonderen Bürste reinigen und ihn dreimal am Tage mit Seife waschen. Nosdrjow war sehr ärgerlich, daß er in seiner Einsamkeit gestört wurde; zuerst schickte er den Polizeikommissar zum Teufel, als er jedoch von dem Polizeimeister erfuhr, daß sich heute abend ein kleines Geschäftchen machen ließe, da irgend ein Neuling zum Souper erwartet werde, war er sofort milder gestimmt; er schloß also sein Zimmer schnell ab, kleidete sich in aller Eile an und begab sich zum Polizeimeister. Nosdrjows Aussagen, Zeugnisse und Vermutungen standen in so scharfem Gegensatz zu denen der Herren Beamten, daß selbst ihre kühnsten Hypothesen über den Haufen geworfen wurden. Dies war tatsächlich ein Mensch, für den es überhaupt kein Schwanken und kein Zweifeln gab; und so schüchtern und vorsichtig ihre Vermutungen waren, so fest und sicher waren die seinen. Er antwortete sogleich, ohne auch nur einen Moment zu stocken auf alle Fragen. Er erklärte, Tschitschikow habe für einige tausend Rubel tote Seelen gekauft, und er, Nosdrjow selbst, habe ihm welche verkauft, weil er den Grund einsehe, warum man das nicht tun solle. Auf die Frage, ob jener nicht ein Spitzel sei, der gekommen wäre, um herumzuschnüffeln, antwortete Nosdrjow: natürlich sei er ein Spitzel; schon in der Schule, die sie zusammen besucht hätten, sei er allgemein eine Petze gescholten worden, sämtliche Kameraden, und unter ihnen auch er, hätten ihn dafür einmal so kräftig durchgebläut, daß man ihm nachher allein an den Schläfen zweihundertvierzig Blutegel setzen mußte — er hatte ursprünglich nur vierzig sagen wollen, aber die zweihundert waren ihm wie von selbst entschlüpft. — Auf die Frage, ob er nicht falsches Papiergeld mache, antwortete Nosdrjow: natürlich mache er welches. Bei dieser Gelegenheit erzählte er eine Geschichte von Tschitschikows unglaublicher Geschicklichkeit und Gewandtheit: es sei nämlich herausgekommen, daß er in seinem Hause für zwei Millionen falsches Papiergeld versteckt habe. Da habe man denn das Haus gerichtlich gesperrt, einen Posten vor den Eingang und zwei Soldaten vor jede Tür gestellt; Tschitschikow aber hätte die Banknoten in einer Nacht alle miteinander vertauscht, sodaß man am anderen Tage, als die Siegel gelöst wurden, lauter echte Scheine vorfand. Auf die Frage: ob Tschitschikow tatsächlich die Absicht habe, die Tochter des Gouverneurs zu entführen, und ob es denn wahr sei, daß er, Nosdrjow, ihm seine Hilfe und Beistand dazu angeboten habe, antwortete dieser: gewiß habe er ihm geholfen, und wenn er nicht dabei gewesen wäre, so wäre die ganze Sache mißglückt. Hier stockte er ein wenig; er sah nämlich, daß er ohne allen Grund gelogen habe und dadurch leicht in Unannehmlichkeiten geraten konnte, aber er hatte eben die Zunge nicht im Zaum halten können. Und dies war auch keine Kleinigkeit, denn es drängten sich seiner Phantasie gleich so interessante Einzelheiten auf, daß es tatsächlich ein Ding der Unmöglichkeit war, ganz auf sie zu verzichten: so nannte er denn sogar das Dorf, wo sich die Kreiskirche befand, in der die Trauung stattfinden sollte; dies sei nämlich das Dorf Truchmatschowka, der Pope heiße Pater Sidor, die Trauung sollte fünfundsiebzig Rubel kosten, trotzdem aber hätte der Priester seine Einwilligung nie gegeben, wenn ihm Tschitschikow nicht gedroht hätte, er werde es bekannt machen, daß jener den Kaufmann Michael mit einer Verwandten getraut habe; er, Nosdrjow, habe ihnen sogar seinen Wagen zur Verfügung gestellt und auf allen Stationen für Pferde gesorgt. Er verlor sich bereits soweit in Details, daß er sogar die Postillone bei ihrem Namen nannte. Hier wagte es jemand, Napoleon zu erwähnen, aber er wurde dessen selbst nicht froh, denn Nosdrjow schwatzte einen solchen Unsinn zusammen, der nicht nur gar keine Ähnlichkeit mit der Wahrheit hatte, sondern in jeder Beziehung unmöglich war, sodaß die Beamten schließlich aufstanden und seufzend weggingen; nur der Polizeimeister hörte ihm noch lange aufmerksam zu, weil er immer noch erwartete, daß sich was aus ihm herausholen ließe, aber schließlich machte auch er eine hoffnungslose Gebärde und sagte nur: „Pfui Teufel!“ Und alle Anwesenden waren mit ihm einverstanden, jede weitere Bemühung gliche wahrhaftig bloß dem Versuch, den Bock zu melken. So war denn die Lage unserer Beamten noch schlimmer als vorher, und man kam zum Schluß, daß es ganz unmöglich sei, herauszukriegen, wer nun Tschitschikow eigentlich sei. Und hier kam es wieder so recht ans Licht, was für ein Wesen der Mensch ist: er ist nur da klug, vernünftig und weise, wo es sich um Sachen handelt, die andere Leute, nicht aber ihn selbst was angehen. Mit was für umsichtigen und wohlüberlegten Ratschlägen versorgt er euch nicht in den schwersten Lebenslagen! „Welch ein gescheiter Kopf!“ ruft die Menge: „welch ein unbeugsamer Charakter!“ Aber laßt nur einmal irgend ein Unglück über diesen „gescheiten Kopf“ hereinbrechen, laßt ihn selbst einmal in schwere Lebenslagen kommen — wo ist da plötzlich sein Charakter geblieben! dieser unbeugsame Mann steht völlig fassungslos da, er hat sich in einen erbärmlichen Feigling, in ein schwaches, jammerndes Kind oder einfach in einen Waschlappen verwandelt, wie Nosdrjow sich auszudrücken liebte.

All dies Gerede, diese Gerüchte und Hypothesen machten aus irgend einem Grunde den größten Eindruck auf den armen Staatsanwalt. Dieser Eindruck war so stark, daß er nach Hause ging, zu grübeln begann und so ins Grübeln hineinkam, daß er sich eines schönen Tags ganz plötzlich, und ohne daß man hätte sagen können, warum, hinlegte und starb. Hatte ihn ein Schlag gerührt, oder war es etwas anders, genug, er fiel mit einem Mal vom Stuhl herab und streckte sich lang auf den Fußboden aus. Wie das in solchen Fällen zu geschehen pflegt, schrieen alle laut auf vor Schrecken; schlugen die Hände zusammen, riefen: „Ach Gott, ach Gott!“ ließen den Arzt holen, um ihn zur Ader zu lassen, und überzeugten sich schließlich, daß der Staatsanwalt nur noch ein seelenloser Leichnam war. Jetzt erst erfuhr man zum allgemeinen Bedauern, daß der Verstorbene tatsächlich eine Seele gehabt hatte, trotzdem er sich in seiner Bescheidenheit nichts davon hatte merken lassen. Und doch war die Erscheinung des Todes hier genau so schrecklich, wo sie sich nur an einem der kleinen Menschen offenbarte, wie wenn sie sich an einem großen manifestiert hätte: er, der noch vor kurzem unter den Lebenden gewandelt war, sich bewegt, Whist gespielt, alle möglichen Papiere unterschrieben und so oft mit seinen buschigen Augenbrauen und den blinzelnden Augen unter den Beamten geweilt hatte, er lag jetzt auf dem Tische, das linke Auge blinzelte nicht mehr, und bloß die eine Augenbraue war noch ein wenig emporgezogen, was dem Gesichte einen seltsamen fragenden Ausdruck verlieh. Was das wohl für eine Frage war, die auf seinen Lippen schwebte? ob er wissen wollte, wozu er gelebt hatte, oder wozu er gestorben sei — das weiß Gott allein.

„Aber das ist doch unmöglich, das ist ganz undenkbar! das kann doch garnicht sein, daß die Beamten sich gegenseitig so in Furcht und Schrecken jagten, eine solche Verwirrung anrichteten und sich so von der Wahrheit entfernen konnten, wo doch jedes Kind einsehen mußte, um was es sich hier handelte!“ So wird mancher Leser sprechen und dem Autor vorwerfen, er bringe unwahrscheinliche und unmögliche Dinge vor, oder man wird die armen Beamten für Narren erklären, weil der Mensch ja bekanntlich sehr freigiebig mit dem Worte „Narr“ und zwanzigmal am Tage dazu bereit ist, seinen Mitmenschen, diesen Kosenamen an den Kopf zu werfen. Es genügt schon, daß man eine törichte Eigenschaft unter zehn vernünftigen habe, um trotz alledem für einen Narren erklärt zu werden. Der Leser hat es leicht, zu urteilen, wo er ruhig in seinem stillen Winkel sitzt und von seinem hohen Standort, von dem aus sich ihm der ganze weite Horizont auftut, auf das Treiben da unten herabzusehen, wo der Mensch nur gerade die Gegenstände erkennen kann, die sich unmittelbar vor seiner Nase befinden. Und es gibt in der Chronik der Weltgeschichte so manches Jahrhundert, das er einfach streichen und für überflüssig erklären möchte. Wie reich an Irrtümern ist doch die Welt, an Irrtümern die heute vielleicht ein Kind zu vermeiden wüßte. Was für seltsame Schlangenwindungen, was für enge, verwachsene, unzugängliche, abseitsführende Wege wählte die Menschheit in ihrem Streben nach der ewigen Wahrheit, während der gerade Weg offen vor ihren Augen lag, wie der Weg, der in das prunkende Heiligtum des königlichen Palastes führt. Breiter und herrlicher ist er als alle Wege, im strahlenden Sonnenglanze liegt er da und nachts erhellen ihn leuchtende Flammen; und doch irrten die Menschen an ihm vorbei in düsterer Finsternis, oft schon stieg die Vernunft vom Himmel herab und wies sie zurecht. Aber auch jetzt noch schreckten sie zurück, kamen sie immer aufs neue vom rechten Wege ab, verstanden sie es am hellichten Tage, sich in verborgene wüste Gegenden zu verlaufen, immer wieder den andern undurchdringliche Nebel vor die Augen zu weben, und trügenden Irrlichtern nachjagend, bis zu Abgründen vorzudringen, um sich dann mit Entsetzen zu fragen: wo ist ein Steg, wo gibt es einen Ausweg? Wohl ist dies alles unserem in der Klarheit wandelnden Geschlechte bekannt. Es wundert sich über die Verirrungen, es lacht über die Torheiten seiner Vorfahren, aber es sieht nicht, daß diese Chronik mit der Flammenschrift des Himmels geschrieben ist, daß jeder Buchstabe die Wahrheit laut verkündet, daß auf allen Seiten der mahnenden Finger auf es selbst weist, auf unser heute lebendes Geschlecht; aber es lacht das Geschlecht von heute, und stolz und seiner selbst bewußt beginnt es eine neue Reihe von Verirrungen, über welche die Nachkommen ebenso stolz lächeln werden.

Tschitschikow hatte nichts von alledem erfahren; wie mit Absicht hatte er sich gerade um diese Zeit eine leichte Erkältung, Reißen im Gesicht und eine kleine Halsentzündung zugezogen, eine von jenen Krankheiten, mit denen das Klima vieler unserer Provinzstädte die Einwohner besonders freigebig bedenkt. Damit nur sein Leben um Gottes Willen kein jähes Ende nähme, ehe er noch Zeit gehabt, für seine Nachkommenschaft zu sorgen, beschloß er lieber drei, vier Tage zu Hause zu bleiben. Während dieser Zeit gurgelte er beständig mit Milch, in der eine Feige schwamm, welche er jedesmal mit Genuß verzehrte, auch trug er ein kleines Säckchen mit Kamillen und Kampfer auf der Wange. Um sich ein wenig zu zerstreuen, legte er sich ein ausführliches Verzeichnis über die von ihm gekauften Bauern an, las dann noch irgend ein Buch von der Herzogin Savallière, das er in seinem Koffer fand, sah noch einmal alle Zettelchen und Sächelchen durch, die sich in seiner Schatulle befanden, und überflog manches noch einmal, bis ihm auch dies alles langweilig wurde. Er konnte durchaus nicht verstehen, was es zu bedeuten habe, daß kein einziger von den Beamten der Stadt zu ihm kam, um sich nach seiner Gesundheit zu erkundigen, während doch noch vor wenigen Tagen fast immer ein Wagen vor seiner Tür gehalten hatte — bald der des Staatsanwalts, bald der des Postmeisters, bald der des Präsidenten. Er zuckte fortwährend mit den Achseln, während er im Zimmer auf- und abging. Endlich fühlte er sich etwas besser, und er war ganz glücklich, als er wieder soweit hergestellt war, daß er an die frische Luft gehen konnte. Er machte sich ohne Verzug an die Toilette, öffnete die Schatulle, goß etwas warmes Wasser in ein Glas, nahm Seife und Bürste heraus und ging daran, sich zu rasieren, wozu es übrigens schon längst Zeit war, denn als er sein Kinn mit der Hand befühlte und in den Spiegel blickte, rief er aus: „Das ist ja der reinste Wald!“ Und in der Tat: wenn’s auch gerade kein Wald war, so ließ sich’s doch nicht leugnen, daß auf Kinn und Wangen die Saat üppig sproßte. Nachdem er sich rasiert hatte, kleidete er sich ganz schnell an, ja er sprang beinahe aus seinen Hosen heraus. Endlich war er angezogen; er besprengte sich noch mit Kölnischem Wasser, hüllte sich recht warm in seinen Mantel und trat auf die Straße hinaus, nachdem er sich vorsichtiger Weise vorher noch ein Tuch um die Wange gebunden hatte. Sein erster Ausgang hatte, wie der jedes wiedergenesenen Menschen — etwas wahrhaft Festliches. Alles, was er erblickte, schien ihm freundlich zuzulächeln, die Häuser und die Bauern auf der Straße, die eigentlich eine sehr ernste Miene zur Schau trugen und von denen schon mancher seinen Bruder übers Ohr gehauen hatte. Sein erster Besuch sollte dem Gouverneur gelten. Unterwegs kamen ihm allerhand Gedanken in den Sinn: bald dachte er an die junge Blondine, ja seine Phantasie schlug sogar ein wenig über die Schnur, und er begann über sich selbst zu lachen und sich über sich selbst lustig zu machen. In solcher Stimmung fand er sich plötzlich dem Hause des Gouverneurs gegenüber. Schon hatte er den Flur betreten und war eben im Begriff, eilig seinen Mantel abzulegen, als der Portier plötzlich auf ihn zuging und ihn durch folgende Worte überraschte: „Ich habe den Befehl erhalten, Sie nicht vorzulassen!“

„Wie? Was fällt dir ein? Du erkennst mich wohl nicht? Sieh mich doch ordentlich an!“ fiel Tschitschikow erstaunt ein.