Daß beide Damen zuletzt ganz fest davon überzeugt waren, was sie vordem auf die bloße Vermutung hin angenommen hatten, das ist durchaus nicht merkwürdig. Unser einer, mit einem Wort wir, die wir uns gescheidte Leute nennen, handeln doch genau ebenso, und der beste Beweis dafür sind unsere gelehrten Erörterungen. So ein Gelehrter geht zuerst auch an die Sache heran wie ein richtiger Gauner, er beginnt ganz vorsichtig und fast schüchtern mit einer ganz bescheidenen Frage: „Hat nicht dies Land seinen Namen von dorther, von jenem Winkel der Erde?“ oder „Gehört nicht vielleicht diese Urkunde einer anderen, späteren Zeit an?“ oder „Müssen wir nicht dies Volk für das und das Volk halten?“ Hierauf zitiert er sofort den und den Schriftsteller des Altertums, kaum aber hat er irgend eine Anspielung entdeckt oder doch etwas was er für eine Anspielung hält, so legt er auch schon im kühnen Galopp los, bekommt Mut, beginnt mit den alten Schriftstellern zu sprechen wie mit seinesgleichen, richtet Fragen an sie, die er sogar selbst in ihrem eigenen Namen beantwortet, und er hat plötzlich ganz vergessen, mit welch bescheidener Hypothese er angefangen hat; jetzt kommt es ihm schon so vor, als sähe er dies alles vor Augen, so klar ist es ihm jetzt und er beschließt seine Betrachtung mit den Worten: „Und so ist es gewesen. Dies Volk also war es. Das ist der Standpunkt, von dem aus dieser Gegenstand beurteilt werden muß!“ Und dann wird es feierlich vom Katheder verkündet, daß alle es hören können — und die neue Wahrheit spaziert in die Welt hinaus, um weitere Anhänger und Bewunderer zu gewinnen.
Während unsere beiden Damen eine so höchst verworrene und komplizierte Sache so glücklich und mit soviel Scharfsinn geklärt und entwirrt hatten, trat der Staatsanwalt mit seinem starren und ewig unbeweglichen Gesicht, den dichten Augenbrauen und dem blitzenden Auge in den Salon. Beide Damen teilten ihm sofort alle Neuigkeiten mit, erzählten ihm von dem Kauf der toten Seelen, von Tschitschikows Absicht, die Tochter des Gouverneurs zu entführen und redeten so lange auf ihn ein, bis er ganz konfus wurde. Verwirrt stand er auf demselben Fleck, blinzelte mit dem linken Augenlid, staubte sich mit einem Taschentuch den Tabak von seinem Bart ab, und verstand auch nicht ein Wort von dem, was er vernahm. In einer solchen Verfassung überließen ihn die Damen sich selbst und stürmten davon, jede in ihrer Richtung, um die Stadt in Aufruhr zu setzen. Dieses Unternehmen gelang ihnen in kaum mehr als einer halben Stunde. Die Stadt war in ihrem Innersten aufgewühlt, alles befand sich in wilder Gährung und bald begriff kein Mensch überhaupt noch etwas. Die Damen verstanden es, einen solchen Rauch und Nebel zu erzeugen, daß alle, besonders aber die Beamten, ihrer Sinne kaum noch mächtig waren. Ihre Lage glich im ersten Moment der eines Schuljungen, dem seine Kameraden während des Schlafes eine Papierdüte mit Tabak, oder wie man’s bei uns nennt „einen Husaren“ in die Nase gesteckt haben. Schnaufend und mit der ganzen Gewalt des Schnarchenden zieht der Schläfer den Tabak ein, erwacht, springt auf, sperrt die Augen auf, sieht sich nach allen Seiten um, wie ein Narr, und kann nicht begreifen, wo er sich befindet, und was mit ihm vorgeht; doch nun erkennt er die Mauer, auf die der schwache Lichtreflex eines Sonnenstrahles fällt, das Gelächter der Kameraden, die hinter der Ecke hervorgucken, das nahende Morgenlicht, das heiter durch das Fenster strahlt, den erwachenden Wald, aus dem tausende von Vogelstimmen wiedertönen, das in der Morgensonne erstrahlende Flüßchen, hie und da zwischen Schilfrohr versteckt, in dessen glänzender Flut sich unzählige feuchte Knabenleiber tummeln, und zum Bade laden — und nun erst merkt er, daß ihm der Husar in der Nase steckt. Genau so war im ersten Moment die Lage der Bewohner und Beamten unserer Stadt. Ein jeder blieb stehen wie ein Hammel und sperrte die Augen weit auf. Die toten Seelen, die Tochter des Gouverneurs, und Tschitschikow; dies alles wogte und wirbelte in wunderlichster Weise in ihren Köpfen durcheinander; erst später, nachdem die erste Verwirrung sich gelegt hatte, fingen sie an diese verschiedenen Dinge einzeln voneinander zu unterscheiden, eins vom andern zu trennen, Rechenschaft zu fordern, und sie wurden zornig, als sie sahen, daß durchaus keine Klarheit über die ganze Angelegenheit zu gewinnen war. „Was ist denn das für eine Fabel, nein wirklich, was ist das für ein Gefasel von den toten Seelen? Wo bleibt denn da die Logik in dieser Geschichte mit den toten Seelen? Wie kann man denn tote Seelen kaufen? Wo gibt es denn einen solchen Esel, der so etwas täte? Und für was für ein unnützes Geld wird er sie denn kaufen? Und schließlich, wozu kann er diese toten Seelen bloß brauchen? Und dann: was hat nur die Tochter des Gouverneurs mit der Sache zu tun? Wenn er sie aber wirklich entführen wollte, warum sollte er zu diesem Zwecke der toten Seelen bedürfen? Und wenn er sich tote Seelen kaufen will, was braucht er dann die Tochter des Gouverneurs zu entführen? Wollte er ihr etwa die toten Seelen schenken? Was für einen Unsinn sie da in der Stadt verbreiten! Was ist das wieder für eine Ordnung: man darf sich kaum bewegen, dann werden sofort Geschichten über einen verbreitet ... Und wenn die Sache nur überhaupt irgend einen Sinn hätte! ... Andererseits aber muß doch etwas dahinter stecken, sonst wäre doch dies Gerücht nicht entstanden. Irgend einen Grund muß es doch haben. Aber was könnten die toten Seelen für ein Grund sein? Da fehlt es doch sogar an einem vernünftigen Grunde! Das ist doch wirklich fast so wie: „ein hölzernes Eisen“, „ein paar weichgekochte Stiefel“ oder „ein gläserner Stelzfuß!“ Mit einem Wort, man sprach, man klatschte, man tuschelte, und die ganze Stadt redete von nichts anderem als von den toten Seelen und von der Tochter des Gouverneurs, von Tschitschikow und von den toten Seelen, von der Tochter des Gouverneurs und von Tschitschikow, und alles kam in Bewegung. Wie ein Wirbelwind ging es durch die Stadt, die bisher in Schlaf versunken schien. Sämtliche Faullenzer und Stubenhocker, die jahrelang in ihren Schlafröcken hinter dem Ofen hockten und die Schuld bald auf den Schuster, der ihnen zu enge Stiefel gemacht hatte, bald auf den Schneider oder auf ihren betrunkenen Kutscher schoben, kamen aus ihren Höhlen gekrochen, all die, welche längst alle Beziehungen zu ihren Freunden und Bekannten abgebrochen hatten und nur noch mit den beiden Gutsbesitzern Herrn Bärenhäuter und Herrn Ofenhocker verkehrten (zwei berühmte Namen, die von den Ausdrücken „auf der Bärenhaut“ liegen und „hinterm Ofen hocken“ abgeleitet und bei uns sehr beliebt sind, ebenso wie die Redensart: Herrn Schnarchelaut und Schlummersüß einen Besuch abstatten jenen totenähnlichen Schlaf auf der Seite, auf dem Rücken und in allen möglichen anderen Lagen, bezeichnen soll, der von einem kräftigen Schnarchen, sanftem Zephyrsäuseln durch die Nase und allem sonstigen Zubehör begleitet ist); alle die, welche man nicht einmal durch die Aussicht auf eine teure Fischsuppe mit meterlangen Sterlets und allen nur erdenklichen Pasteten, die einem auf der Zunge zergehen, aus ihrem Hause locken konnte, kamen hervor; mit einem Worte, es zeigte sich, daß die Stadt menschenreich und groß war, und daß ein so lebhafter Verkehr in ihr herrschte, wie man es nur wünschen konnte. Es tauchten sogar ein Herr Ssyssoi Pafnutjewitsch und ein Herr Makdonald Karlowitsch auf, von denen man bis dahin noch nie etwas gehört hatte; in den Salons erschien plötzlich ein baumlanger Kerl mit einem durchschossenen Arm, ein wahrer Riese, von einer Größe, wie sie überhaupt noch nie dagewesen war. Auf den Straßen sah man gedeckte Wagen, vorsintflutliche Droschken, Klapperkästen, Rumpelkutschen — und der Brei war eingerührt. Zu einer anderen Zeit und unter anderen Umständen hätten diese Gerüchte vielleicht gar keine Beachtung gefunden, aber die Stadt N. war schon lange ohne Neuigkeiten geblieben. Ja, es war während der letzten drei Monate so gut wie gar nichts passiert, was man in der Hauptstadt eine Kommerage oder eine Klatschgeschichte zu nennen pflegt und was bekanntlich für eine Stadt unter Umständen ebenso wichtig ist, wie die rechtzeitige Zufuhr der Lebensmittel. Die Bevölkerung der Stadt teilte sich plötzlich in zwei völlig entgegengesetzte Parteien, die zwei ganz verschiedene Standpunkte vertraten: die männliche und die weibliche. Der Standpunkt der Männer war ganz unvernünftig und töricht; sie legten das Hauptgewicht auf die toten Seelen. Die weibliche Partei beschäftigte sich dagegen ausschließlich mit der Entführung der Tochter des Gouverneurs. In dieser Partei — zur Ehre der Damen sei es gesagt — herrschte weit mehr Umsicht, Ordnung und Überlegung. Es ist offenbar schon mal Bestimmung der Frauen, gute Wirtinnen zu sein und überall für die richtige Ordnung zu sorgen. Bei ihnen nahm alles sehr bald ein bestimmtes lebendiges Ansehen, scharfe und handgreifliche Formen an, alles klärte sich und wurde durchsichtig und deutlich wie ein vollendetes scharf umrissenes Gemälde. Jetzt kam es an den Tag, daß Tschitschikow schon längst in jene Person verliebt war, daß sie sich im Garten beim Mondenschein getroffen, daß der Gouverneur Tschitschikow seine Tochter längst zur Frau gegeben hätte, weil jener reich wie ein Jude war, wenn nicht Tschitschikows Frau, die von ihm verlassen worden war, dazwischen gestanden hätte (woher man erfahren hatte, daß er verheiratet war, wußte niemand anzugeben), daß diese Frau, die eine hoffnungslose Liebe in ihrem Herzen hegte, einen rührenden Brief an den Gouverneur geschrieben, und daß sich Tschitschikow angesichts der entschiedenen Weigerung von Mutter und Vater, zu einer Entführung entschlossen habe. In manchen Häusern wurde diese Geschichte allerdings etwas anders erzählt: darnach hatte Tschitschikow überhaupt keine Frau, hätte aber als der feine und stets sicher gehende Mann, sich, da er die Tochter haben wollte, zunächst an die Mutter gemacht, und mit dieser eine kleine Herzensaffäre angebahnt, erst später habe er um die Hand der Tochter angehalten; die Mutter aber hätte gefürchtet, hier könne leicht ein Verbrechen geschehen, das den heiligen Geboten der Religion zuwiderlaufe und habe es ihm daher von Gewissensbissen gefoltert ganz kurz abgeschlagen, erst jetzt habe sich Tschitschikow dazu entschlossen, die Tochter zu entführen. Dazu kamen noch eine Menge von Aufklärungen und Richtigstellungen, deren Zahl um so mehr anwuchs, je weiter die Gerüchte sich verbreiteten und bis in die entlegensten Gassen und Winkel der Stadt eindrangen. Bei uns in Rußland haben auch die unteren Schichten der Gesellschaft eine große Vorliebe für Klatschgeschichten, die aus den vornehmen Kreisen kommen, so begann man denn bald auch in solchen Häusern von diesem Skandal zu reden, wo man Tschitschikow überhaupt nicht kannte, und so entstanden bald wiederum neue Erklärungen und Gerüchte. Der Gegenstand wurde jeden Augenblick interessanter, nahm mit jedem neuen Tage immer neue und bestimmtere Formen an und kam so schließlich in voller Bestimmtheit und Abgeschlossenheit der Frau Gouverneurin selbst zu Ohren. Die Gouverneurin fühlte sich, als Mutter einer Familie, und als erste Dame der Stadt, durch diese Geschichten aufs tiefste beleidigt, besonders da sie nichts derartiges auch nur vermutet hatte, und geriet in eine große und auch in jeder Beziehung berechtigte Empörung. Die arme Blondine hatte ein höchst unangenehmes Tete-a-tete mit ihr, wie es nur je ein sechzehnjähriges junges Mädchen zu überstehen hatte. Eine ganze Flut von Fragen, Verweisen, Vorwürfen, Ermahnungen und Drohungen ergoß sie über das arme Mädchen, sodaß diese in Tränen ausbrach und laut zu schluchzen begann, ohne ein einziges Wort von alledem zu verstehen; der Portier erhielt strengste Order Tschitschikow nie wieder und unter keinem Vorwande mehr vorzulassen.
Nachdem die Damen ihre Mission, soweit diese nämlich die Gouverneurin betraf, erfüllt hatten, nahmen sie sich die männliche Partei vor, um sie für sich zu gewinnen. Sie erklärten die Sache mit den toten Seelen für eine pure Erfindung, nur dazu geschaffen, um jeden Verdacht ablenken und so den Mädchenraub ungestört ausführen zu können. Viele von den Männern ließen sich bekehren und schlossen sich der Partei der Damen an, trotzdem sie sich dadurch dem Tadel und den Vorwürfen ihrer Genossen aussetzten, welche sie Pantoffelhelden und Weiberröcke nannten — zwei Epitheta, die bekanntlich für das männliche Geschlecht einen recht kränkenden Sinn haben.
Aber so sehr sich auch die Männer wappnen, so großen Widerstand sie auch leisten mochten, es fehlte in ihrer Partei schließlich doch an jener Ordnung und Disziplin, welche die Frauenpartei auszeichneten. Bei ihnen war alles plump, ungeschickt, unzweckmäßig, unharmonisch und schlecht; in den Köpfen herrschte Unordnung und Wirrwarr, in den Gedanken Unklarheit und Verworrenheit — mit einem Worte, es kam eben die unglückliche Natur des Mannes so recht zum Vorschein, diese grobe plumpe schwerfällige Natur, die weder zur Verwaltung des Haushalts zu brauchen, noch tiefer ehrlicher Überzeugungen fähig ist, diese kleingläubige, träge, von ewigen Zweifeln, von Ängstlichkeit und Furcht zerrüttete Natur. Die Männer behaupteten, das seien alles Torheiten, die Entführung einer Gouverneurstochter sei weit eher etwas für einen Husaren, als für eine Zivilperson, so etwas würde Tschitschikow auf keinen Fall tun, den Frauen sei nicht zu trauen, sie lögen alle, ein Weib sei wie ein leerer Sack, was man in ihn hineinschütte, das käme auch wieder aus ihm heraus: der Hauptpunkt, auf den man sein Augenmerk richten müsse, das seien die toten Seelen, zwar wisse der Teufel allein, was sie zu bedeuten hätten, sicherlich aber stecke etwas sehr Schlimmes und Häßliches dahinter. Warum es den Männern aber schien, daß etwas so Häßliches und Schlimmes dahinter stecke — dies werden wir sogleich erfahren. Es war soeben ein neuer Generalgouverneur für die Provinz ernannt worden — bekanntlich ein Ereignis, das die Beamten stets in einen Zustand voller Unruhe und Aufregung versetzt: da gibt’s dann immer allerhand Untersuchungen und Rüffel, da wird einem der Kopf ordentlich gewaschen und zurechtgesetzt, da muß man von Amts wegen alle Suppen ausessen, mit denen der Vorgesetzte seine Untergebenen zu traktieren pflegt. — „Herr Gott!“ dachten die Beamten, „wenn er auch nur das erfährt, daß in der Stadt solche Gerüchte zirkulieren, dann wird er nicht zum Scherze, sondern ernstlich zornig werden.“ Der Inspektor der Sanitätsverwaltung wurde plötzlich ganz bleich, ihm fiel etwas ganz Schreckliches ein, ob nicht das Wort „tote Seelen“ eine Anspielung auf die vielen Leute sei, die bei der letzten Fieberepidemie erkrankt und wegen der mangelhaften Vorsichtsmaßregeln in den Häusern und Lazaretten gestorben waren, und ob Tschitschikow nicht am Ende ein Beamter aus der Kanzlei des Generalgouverneurs sei, der hier im geheimen eine Untersuchung in die Wege leiten solle. Er teilte seine Befürchtungen dem Gerichtspräsidenten mit. Der Gerichtspräsident erklärte sie für Torheiten, erblaßte aber gleich darauf selbst bei dem Gedanken: wie aber, wenn die von Tschitschikow gekauften Seelen wirklich tot wären? Hatte er es doch zugelassen, daß der Kaufvertrag abgeschlossen wurde und noch dazu selbst die Rolle eines Vertrauensmannes bei Pljuschkin übernommen. Wie, wenn das dem Generalgouverneur zu Ohren käme, was dann? Er teilte diesem und jenem seine Besorgnisse mit, und plötzlich erblaßte auch dieser und jener: die Angst ist ansteckender als die Pest und teilt sich in einem Augenblicke mit. Alle entdeckten plötzlich solche Sünden an sich selbst, wie sie sie garnicht mal begangen hatten. Die Worte „tote Seelen“ hatten einen so unbestimmten Klang, daß sogar der Argwohn laut wurde, ob es sich hier nicht um zwei Fälle handle, wo zwei Menschen zu früh begraben worden waren. Beide Ereignisse lagen noch nicht sehr weit zurück. Das erste war mit ein paar Kaufleuten aus Ssolwytschiegodsk passiert, welche zur Messe in die Stadt gekommen waren und nach Erledigung ihrer Geschäfte mit ein paar befreundeten Kaufleuten aus Ustssyssolsk eine solenne Zecherei veranstaltet hatten. Eine Zecherei nach russischer Art aber mit deutschen Finessen: Grogs, Punschen, Bowlen usw. Diese Zecherei endigte natürlich, wie das gewöhnlich zu passieren pflegt, mit einer weidlichen Prügelei. Die Herren aus Ssolwytschiegodsk setzten denen aus Ustssyssolsk tüchtig zu, obwohl sie von diesen ebenfalls ein paar kräftige Rippenstöße und Püffe in die Bauch- und Magengegend erhielten, welche von den ungeheuerlichen Dimensionen der Fäuste zeugten, mit denen die seligen Prügelhelden begabt waren. Dem einen von den Siegern war sogar der Erker eingetrommelt, wie sich unsere Boxer auszudrücken pflegen, d. h. die Nase derart platt geschlagen, daß kaum mehr als ein Fingerglied von ihr übrig war. Die Kaufleute gestanden ihre Schuld ein und erklärten, sie hätten sich einen kleinen Scherz erlaubt. Man sprach sogar davon, daß sie für jeden der von ihnen Erlegten je vier Hundertrubelscheine bezahlt hätten; übrigens aber blieb das eine sehr dunkle Sache. Aus den angestellten Ermittlungen und Nachforschungen ging hervor, daß die Kaufleute von Ustssyssolsk an Kohlengasvergiftung zugrunde gegangen seien. Und so wurden sie denn auch als solche begraben. Der andere Fall, der sich vor kurzem ereignet hatte, war folgender: die Ministerialbauern des Dorfes Wschiwaja Speß hatten sich mit ebensolchen Bauern der Dörfer Borow, Borowka und Sadirailowo vereinigt und angeblich die Gendarmerie in der Person eines gewissen Schöffen, namens Drobjaschkin vom Erdboden vertilgt. Die Gendarmerie, d. h. der Schöffe Drobjaschkin sollte sich gar zuviel herausgenommen und allzuoft ihr Dorf heimgesucht haben, was unter Umständen fast so gefährlich war, wie eine Epidemie. Der Grund aber sei gewesen, daß die Gendarmerie aus einer gewissen Herzschwäche den Weibern und Dorfmädeln gar zu eifrig nachgestellt habe. Ganz klar ist zwar die Sache nicht, obwohl die Bauern geradezu aussagten, die Gendarmerie sei lüstern gewesen, wie ein Kater, mehr als einmal hätten sie ihn vertreiben und einmal sogar ganz nackt aus einer Bauernhütte hinausjagen müssen. Natürlich hatte die Gendarmerie wegen ihrer Herzschwäche eine harte Strafe verdient, andererseits ließ sich aber die Eigenmächtigkeit der Bauern von Wschiwaja Speß und Sadirailowo auch nicht rechtfertigen und verteidigen, wenn sie wirklich an dem Morde teilgenommen hatten. Immerhin blieb es doch eine ganz dunkle Sache; man fand die Gendarmerie am Wege liegen; ihre Uniform oder ihr Rock glich einem Haufen von Lumpen, und das Gesicht war auch fast unkenntlich. Die Sache kam vor die Behörden und schließlich vor das Kriminalgericht, wo man sie zuerst ganz unter sich erörterte und in folgendem Sinne entschied: da es unbekannt sei, wer von den Bauern eigentlich an dem Tode der Gendarmerie Schuld trug, alle zusammen jedoch eine zu respektable Anzahl ausmachten, da Drobjaschkin andererseits aber ein toter Mann sei, und daher wenig davon haben würde, wenn er den Prozeß gewönne, die Bauern hingegen noch am Leben seien, weshalb denn auch eine günstige Wendung des Prozesses von großer Bedeutung für sie sei, so habe das Gericht beschlossen: daß der Schöffe Drobjaschkin selbst die Schuld an seinem Tode trage, weil er die Bauern von Wschiwaja Speß und Sadirailowo in ungerechter Weise bedrückt und verfolgt habe, und daß er demgemäß, als er eines Abends in seinem Schlitten nach Hause zurückkehrte, an einem Schlaganfall gestorben sei. Die Sache schien damit nach allen Regeln der Kunst erledigt; plötzlich aber fingen die Beamten an zu glauben, daß es sich in diesem Falle um die genannten toten Seelen handele. Dazu kam noch, daß gerade um die Zeit, als sich die Herren Beamten ohnedies in einer schwierigen Lage befanden, beim Gouverneur zwei Papiere eingingen. Das eine enthielt die Mitteilung, daß auf gewisse Anzeichen hin sich in der Provinz ein Falschmünzer aufhalte, welcher falsches Papiergeld herstelle und sich hinter verschiedenen Namen verstecke. Und daher sei es nötig, eine strenge Untersuchung in die Wege zu leiten. Das andere Papier enthielt eine Mitteilung des Gouverneurs der Nachbarprovinz über einen Räuber, der sich der gerichtlichen Verfolgung entzogen hatte, und die Aufforderung, wenn in der Provinz des Herrn Kollegen eine verdächtige Person auftauchen sollte, welche weder Paß, noch sonstige Legitimationspapiere vorlegen könne, diese sofort zu verhaften. Beide Papiere riefen eine allgemeine Bestürzung hervor; alle bisherigen Vermutungen und Folgerungen waren plötzlich über den Haufen geworfen. Es lag natürlich nicht der geringste Anlaß zur Annahme vor, daß sich auch nur ein Wort davon auf Tschitschikow bezöge. Wenn man sich dagegen überlegte und daran erinnerte, daß eigentlich niemand recht wußte, wer Tschitschikow sei, daß er sich selbst nur sehr unklar und unbestimmt über seine Person geäußert und bloß erklärt hatte, daß er in seiner Karriere Schiffbruch gelitten, weil er der Wahrheit hätte dienen wollen, so mußte das frischen Verdacht erregen. Aber das alles war doch zu unklar und verschwommen. Und wenn er weiter sagte, er habe sich viele Feinde erworben, die ihm nach dem Leben trachteten, so gab das noch mehr Grund zum Nachdenken: also hatte er in Lebensgefahr geschwebt, also wurde er doch verfolgt: also mußte er doch irgend etwas begangen haben ... Ja wer war er denn nun eigentlich? Man durfte natürlich nicht annehmen, daß er falsches Papiergeld verfertige, oder gar ein Räuber sei — hatte er doch eine so gesinnungstüchtige Physiognomie; aber bei alledem: wer war er denn nun tatsächlich? Und jetzt endlich stellten sich die Herren Beamten die Frage, die sie sich gleich im Anfang, d. h. im ersten Kapitel dieser Dichtung, hätten stellen sollen. Man beschloß noch einige Nachforschungen bei all den Leuten anzustellen, die ihm die toten Seelen verkauft hatten, um wenigstens zu erfahren, was das für ein Geschäft gewesen sei, was man nun eigentlich unter diesen toten Seelen zu verstehen habe und ob Tschitschikow nicht wenigstens einem von ihnen zufällig oder so nebenher etwas von seinen Plänen und Absichten verraten oder ihnen erzählt hätte, wer er sei. Zuerst wandte man sich an die Karobotschka; aber aus der war nicht viel herauszubekommen: er hätte halt für fünfzehn Rubel tote Seelen gekauft und kaufe auch Daunen ein, ja er habe versprochen, ihr noch alles mögliche andere abzunehmen. Er liefere auch Speck an den Staat und sei daher ganz gewiß ein Gauner; denn es sei schon einmal einer dagewesen, der ihr Daunen abgekauft und Specklieferungen an den Staat übernommen habe. Der habe alle miteinander übers Ohr gehauen und die Frau Oberpfarrer um ganze hundert Rubel betrogen. Mehr war nicht aus ihr herauszuholen; sie wiederholte immer nur ein und dasselbe, und die Beamten überzeugten sich bald, daß Karobotschka ganz einfach eine dämliche alte Schachtel sei. Manilow erklärte, für Pawel Iwanowitsch werde er stets einstehen wie für sich selber. Er würde gerne sein ganzes Gut dafür hingeben, wenn er nur einen hundertsten Teil jener vortrefflichen Eigenschaften besäße, die Pawel Iwanowitsch zierten; überhaupt äußerte er sich in der schmeichelhaftesten Weise über ihn, indem er die Augen zusammenkniff und noch einige Gedanken über Freundschaft von sich aus zugab. Diese Gedanken zeugten natürlich in ausreichender Weise von den zarten Regungen seines Herzens; aber sie klärten die Sache selbst eigentlich doch nicht auf. Sabakewitsch erwiderte: seiner Ansicht nach sei Tschitschikow ein braver Mensch, er Sabakewitsch habe ihm nur seine besten Bauern verkauft: es seien Leute, die in jeder Hinsicht wohlauf und munter seien; aber er könne natürlich nicht dafür garantieren, was in Zukunft nicht noch alles geschehen könne. Wenn sie die Strapazen der Übersiedelung nicht überstehen und unterwegs sterben sollten, so sei das nicht seine Schuld; das liege in Gottes Hand. Es gäbe ja genug Epidemien und andere tödliche Krankheiten in der Welt, und es habe schon Fälle gegeben, wo ganze Dörfer ausgestorben seien. Die Herren Beamten nahmen noch zu einem andern Mittel ihre Zuflucht, das man zwar nicht allzu vornehm nennen kann, das aber doch zuweilen zur Anwendung kommt. Sie ließen die Bedienten Tschitschikows auf allerhand Umwegen durch befreundete Lakaien ausfragen, ob ihnen nicht irgend welche Einzelheiten aus der Vergangenheit und den Lebensverhältnissen ihres Herrn bekannt seien. Aber auch hier bekamen sie nur wenig zu hören. Von Petruschka nahmen sie nichts mit als jenen etwas dumpfigen Geruch der Wohnstube, und Seliphan erklärte nur kurz: „Er ist früher Beamter gewesen und hat beim Zollamt gedient.“ Das war alles. Diese Klasse von Menschen hat eine seltsame Gewohnheit: wenn man sie direkt nach etwas fragt, dann können sie sich nie auf etwas besinnen. Sie können sich die Dinge in ihrem Kopfe nicht zusammenreimen, oder sagen einfach, daß sie nichts wissen. Fragt man sie aber nach etwas anderem, dann bringen sie alles vor, was ihr nur wünscht, und erzählen es euch mit solchen Einzelheiten, wie ihr sie gar nicht mal hören wollt. Alle Nachforschungen, die von den Beamten angestellt wurden, machten ihnen nur eins klar, daß sie wirklich nicht wußten, wer Tschitschikow eigentlich war, und daß er doch aber sicher etwas sein müßte. Schließlich beschlossen sie, sich endgültig über diesen Gegenstand zu einigen, und wenigstens eine definitive Entscheidung zu treffen, was hier zu tun sei, welche Maßregeln sie ergreifen und wie sie ermitteln sollten, wer er sei: ob er ein Mensch, den man als politisch unzuverlässig arretieren und verhaften müsse, oder vielmehr ein solcher sei, der sie selbst als politisch unzuverlässig arretieren und verhaften könne. Zu diesem Zwecke verabredete man sich, im Hause des Polizeimeisters zusammenzukommen, den der Leser ja schon als Vater und Wohltäter der Stadt kennengelernt hat.
Zehntes Kapitel.
Man versammelte sich also im Hause des Polizeimeisters, der ja dem Leser schon als Vater und Wohltäter der Stadt bekannt ist. Hier hatten die Beamten die Gelegenheit, einander darauf aufmerksam zu machen, wie eingefallen und abgemagert ihre Wangen von den beständigen Sorgen und Aufregungen waren. Und in der Tat, die Ernennung des neuen Generalgouverneurs, dann die kürzlich eingegangenen Papiere so bedeutsamen Inhalts und endlich noch die schrecklichen Sorgen — dies alles hatte merkliche Spuren auf ihren Gesichtern hinterlassen, selbst die Fräcke waren ihnen allen zu weit geworden. Alle waren ein wenig heruntergekommen: der Gerichtspräsident, der Inspektor der Sanitätsverwaltung, der Staatsanwalt sahen mager und bleich aus, ja sogar ein gewisser Semjon Iwanowitsch, welchen man nie bei seinem Familiennamen nannte, ein Herr mit einem goldenen Ring am Zeigefinger, den er mit besonderer Vorliebe den Damen zeigte, selbst der war ein wenig abgemagert. Natürlich gab es darunter auch ein paar von jenen verwegenen Rittern ohne Furcht und Tadel, welche nie die Geistesgegenwart verloren: aber ihre Zahl war nur klein: ja es gab eigentlich nur einen einzigen den man dazu zählen konnte, nämlich den Postmeister. Er allein blieb völlig unverändert in dem ruhigen Gleichmaß seines Wesens und sagte wie gewöhnlich in derartigen Fällen: „euch kennt man schon, ihr Herren Generalgouverneure. Von euch wird noch so mancher dem anderen Platz machen müssen, ich aber stehe bald dreißig Jahre auf meinem Posten.“ Worauf die andern Beamten gewöhnlich zu erwidern pflegten: „Sie haben es gut Herr!“ „Sprechen Sie deutsch, Iwan Andreitsch.“ „Dein Geschäft ist der Postdienst — du hast bloß die eingelaufenen Briefe in Empfang zu nehmen und zu expedieren; du kannst höchstens einmal dein Postamt eine Stunde zu früh schließen und dann irgend einem Kaufmann, der sich verspätet hat, für die Annahme des Briefes nach geschlossenem Schalter etwas abverlangen, oder du expediert vielleicht ein Paket, welches nicht abgeschickt werden sollte. Unter diesen Umständen kann natürlich jeder ein Heiliger sein. Aber versetze dich mal in unsere Lage, wo dir täglich der Teufel in eigner Person erscheint und dir fortwährend etwas in die Hände spielt. Du selbst willst ja garnichts nehmen, er aber steckt es dir in die Hand. Bei dir ist das Malheur nicht so groß; du hast bloß ein Söhnchen. Mir aber hat Gott meine Praskowja Fjodrowna so reich gesegnet, daß sie mich jedes Jahr mit irgend einem Praskuschka oder Petruschka beschenkt. Da würdest du auch auf einer anderen Flöte pfeifen.“ So sprachen die Beamten. Ob es aber in der Tat möglich ist, dem Teufel auf die Dauer zu widerstehen, das zu beurteilen, ist nicht Sache des Verfassers. In unserm Konzilium, das sich bei dieser Gelegenheit versammelt hatte, machte sich vorzüglich der Mangel dessen bemerkbar, was man in der Sprache des Volkes den gesunden Menschenverstand zu nennen pflegt. Überhaupt sind wir, wie es scheint, nicht so recht geschaffen für repräsentative Versammlungen. Bei all unsern Sitzungen von denen der ländlichen Bauerngemeinden an bis zu allen gelehrten und ungelehrten Komitees, herrscht, wenn nicht eine leitende Persönlichkeit an der Spitze steht, ein recht bedenklicher Wirrwarr. Es ist eigentlich schwer zu sagen warum das so ist; wahrscheinlich ist unser Volk nun einmal so veranlagt, daß ihm nur die Versammlungen und Beratungen gelingen, die irgend ein Diner oder eine Zecherei zum Gegenstand haben, wie die Salon- und Klubversammlungen auf deutsche Manier. Dagegen ist der gute Wille jederzeit und zu allen guten Dingen vorhanden. Plötzlich fällt es uns ein, wenn der Wind günstig ist, irgend welche Wohltätigkeits-, Hilfs- und Gott weiß was für andere Vereine zu gründen. Und wenn die Sache nur einen guten Zweck hat, kann man sicher sein, daß nichts dabei herauskommt. Vielleicht rührt das daher, daß wir gleich im Anfang, d. h. zu früh, befriedigt sind, und glauben, es sei schon alles getan. Wenn wir z. B. irgend eine Gesellschaft mit wohltätigem Zweck gründen wollen und schon bedeutende Summen dazu gestiftet haben, müssen wir unbedingt, um unsere so löbliche Absicht bekannt zu machen, irgend ein Diner geben, zu dem alle Spitzen der Stadt geladen sind und das mindestens die Hälfte der gezeichneten Summe verschlingt. Für die andere Hälfte richtet sich das Komitee eine prachtvolle Wohnung mit Heizung und Portier ein, worauf von der ganzen Summe fünf und ein halber Rubel übrig bleiben. Aber auch hier sind sich die Mitglieder des Komitees noch nicht einig über die Verwendung und Verteilung dieser Summe, und ein jeder schiebt irgend eine arme Tante oder Base vor. Übrigens war das Kollegium, das sich heute versammelt hatte, ganz anderer Art: ein dringendes Bedürfnis hatte die Anwesenden zusammengeführt. Und es handelte sich auch nicht um irgend welche Arme oder Abseitsstehende, sondern die zur Verhandlung stehende Sache ging jeden Beamten persönlich an; es handelte sich hier um eine Gefahr, die allen in gleicher Weise drohte, und daher war es auch kein Wunder, wenn sich alle Beteiligten unter solchen Verhältnissen einmütiger und enger zusammenschlossen. Aber dennoch und trotzalledem nahm die Sitzung einen ganz tollen Ausgang. Abgesehen von den Meinungsverschiedenheiten und Streitigkeiten, wie sie ja bei all solchen Versammlungen vorzukommen pflegen, kam in den Anschauungen und Äußerungen der Versammlungsteilnehmer auch noch eine merkwürdige Unentschlossenheit zum Ausdruck: der eine behauptete, Tschitschikow stelle falsche Staatspapiere her, fügte jedoch gleich darauf hinzu: „vielleicht ist es aber auch nicht so,“ ein anderer erklärte, er sei ein Beamter aus dem Büro des Generalgouverneurs, verbesserte sich aber sofort wieder und meinte „übrigens: der Teufel mag wissen, wer er ist, vom Gesicht kann man es einem Menschen doch nicht ablesen.“ Gegen den Verdacht aber, daß er ein verkleideter Dieb oder Räuber sei, lehnten sich alle in gleicher Weise auf, man war der Ansicht, daß er doch ein vertraueneinflößendes und gesinnungstüchtiges Äußeres besitze, aber auch in seinen Worten läge nichts, was auf einen Menschen schließen ließe, der einer solch gewalttätigen Handlungsweise verdächtig sei. Plötzlich rief der Postmeister, der eine Zeitlang, in tiefes Sinnen versunken, dagestanden hatte — sei es nun, daß ihm eine momentane Erleuchtung gekommen war, sei es aus einem andern Grunde — ganz unerwartet aus: „Wissen Sie, meine Herren, wer er ist?“ Er hatte diese Worte mit einer Stimme herausgeschrieen, die geradezu etwas Erschütterndes an sich hatte, so daß sich allen Anwesenden wie aus einem Munde der Ruf entrang: „Nun wer?“ „Das ist niemand anderes, meine Herren, das Verehrtester, ist kein anderer, als der Hauptmann Kopeikin!“[5] Und als ihn darauf alle zugleich fragten: „Wer ist denn dieser Kopeikin?“ antwortete der Postmeister erstaunt: „Wie? Sie wissen nicht, wer der Hauptmann Kopeikin ist?“
Alle erwiderten, sie hätten noch nie etwas von diesem Hauptmann Kopeikin gehört.
„Der Hauptmann Kopeikin,“ versetzte der Postmeister, indem er seine Tabakdose nur ganz wenig öffnete, weil er sich fürchtete, es könnte am Ende noch einer von den ihm Zunächststehenden mit den Fingern hineinlangen, von deren Sauberkeit er nicht recht überzeugt war; pflegte er doch zuweilen sogar zu sagen: „Weiß schon, weiß schon, mein Bester, wo Sie Ihre Finger reingesteckt haben mögen! Tabak — das ist ein Objekt, das mit peinlichster Sorgfalt und Sauberkeit behandelt sein will.“ — „Der Hauptmann Kopeikin,“ wiederholte er, nachdem er eine Prise genommen hatte: „ja — übrigens, wenn ich Ihnen von ihm erzählen wollte — das gäbe eine höchst interessante Geschichte; selbst für einen Schriftsteller: sozusagen ein ganzes Poema.“
Alle Anwesenden äußerten den Wunsch, diese Geschichte oder dieses für einen Schriftsteller so interessante „Poema“, wie sich der Postmeister ausgedrückt hatte, kennen zu lernen, und er begann folgendermaßen: