„Ich soll falsches Papiergeld machen?“ rief Tschitschikow aus und sprang vom Stuhl auf.

„Warum hast du sie denn auch so in Schrecken gejagt?“ fuhr Nosdrjow fort, „sie sind ja halb toll vor Angst: sie halten dich für einen Spitzel und Räuber. — Der Staatsanwalt ist ja vor lauter Schreck gestorben .. morgen ist die Beerdigung. Du kommst doch bestimmt? Offen gestanden, sie haben Furcht vor dem neuen Generalgouverneur, und haben Angst, es könnte deinetwegen noch eine Geschichte geben; was den Generalgouverneur anbetrifft, so bin ich freilich der Ansicht, daß er mit dem Adel nichts ausrichten wird, wenn er allzu hochnäsig ist und gar zu dicke tut. Der Adel will mit Liebe behandelt sein: nicht wahr? Man kann sich natürlich in seinem Zimmer verstecken und nie einen Ball geben, aber was nützt das? Damit ist noch nichts gewonnen. Aber hör mal, Tschitschikow, du hast da eine gefährliche Sache unternommen?“

„Was für eine gefährliche Sache?“ fragte Tschitschikow unruhig.

„Na, das mit der Entführung der Gouverneurstochter. Offen gesagt, ich habe das von dir erwartet, bei Gott, ich hab es erwartet! Gleich als ich euch zum ersten Mal zusammen auf dem Ball sah: ‚Na! denke ich mir, der Tschitschikow ist nicht umsonst hier ...‘ Übrigens hast du keine gute Wahl getroffen; ich finde gar nichts Gutes an ihr. Es gibt da eine andre, eine Verwandte von Bikussow, eine Tochter seiner Schwester, das ist ein Prachtmädel! Da kann man sagen: Einfach entzückend!“

„Was redest du da für ein Blech zusammen? Wer will denn die Tochter des Gouverneurs entführen. Was fällt dir ein?“ sagte Tschitschikow und starrte ihn verständnislos an.

„Mach doch keine Sachen, lieber Freund: so ein Geheimniskrämer! Ich will ganz offen sein, ich bin eigentlich nur deswegen zu dir gekommen, um dir meine Hilfe anzubieten. Ich will meinetwegen den Brautkranz halten und dir meinen Wagen und meine Pferde zur Verfügung stellen, nur unter einer Bedingung: du mußt mir dreitausend Rubel leihen. Ich hab sie unbedingt nötig, ich bin in einer verzweifelten Lage.“

Während dieser törichten Reden Nosdrjows rieb sich Tschitschikow mehrmals die Augen, um sich zu überzeugen, ob er nicht etwa träume. Das falsche Papiergeld, die Entführung der Tochter des Gouverneurs, der Tod des Staatsanwalts, dessen Ursache er sein sollte, die Ankunft des Generalgouverneurs, dies alles jagte ihm keinen geringen Schreck ein. „Oh weh, wenn die Sache so steht,“ dachte er, „dann darf ich nicht länger säumen, dann muß ich mich schleunigst davonmachen.“

Er suchte sich Nosdrjow möglichst schnell vom Halse zu schaffen, ließ sofort Seliphan rufen und befahl ihm, sich bei Sonnenaufgang bereit zu halten, weil er am nächsten Morgen um 6 Uhr die Stadt verlassen wolle. Daher trug er ihm noch einmal auf, nach allem zu sehen, den Wagen ordentlich zu schmieren usw. usw. Seliphan sagte nur: Zu Befehl, Pawel Iwanowitsch, blieb aber trotzdem eine Weile an der Türe stehen, ohne sich vom Fleck zu rühren. Der Herr befahl Petruschka, sofort den Koffer unter dem Bett hervorzuholen, der schon mit einer dicken Staubschicht bedeckt war, und begann zusammen mit seinem Burschen all seine Sachen einzupacken; dabei machte er nicht viel Umstände und warf alles, was ihm unter die Hände kam, in einen Korb hinein: Strümpfe, Hemden, die reine und die schmutzige Wäsche, Stiefelbürsten, einen Kalender usw. Dies alles wurde in aller Eile eingepackt, denn er wollte unbedingt noch am selben Abend damit fertig sein, um am anderen Morgen nicht unnütz Zeit zu verlieren. Seliphan stand noch ein paar Minuten an der Türe und verließ dann leise das Zimmer. Ganz bedächtig und so langsam, wie man sich’s nur vorstellen kann, stieg er die Treppe hinunter, indem er den Abdruck seiner feuchten Stiefel auf den abgetretenen Stufen zurückließ. Und lange noch stand er da und kratzte sich den Hinterkopf. Was bedeutet diese Gebärde? und was hat sie überhaupt zu bedeuten? War es der Ärger, daß die für morgen verabredete Zusammenkunft mit irgend einem Kollegen in einem ebenso ärmlichen Pelze und einem ähnlichen Gürtel um die Taille in irgend einer kaiserlichen Schenke sich zerschlagen hatte; oder hatte sich an dem neuen Ort schon eine Herzensaffäre angesponnen, und nun sollte es aus sein mit dem Stehen unter dem Toreingange und mit dem höflichen Händedrücken abends in der Dämmerung, wenn die Burschen im roten Hemde vor den Mägden auf der Balalaika[6] klimperten und die bunte Volksmenge nach des Tages Last und Mühe leise Reden wechselt — oder war es nur der Schmerz, das warme Plätzchen in der Küche am Ofen unter dem Pelze, die Genossen, die Kohlsuppe und die weiche Pastete, wie man sie nur in der Stadt bekommt, verlassen zu müssen, um sich aufs neue in den Regen und Schnee hinauszubegeben und die Strapazen und Unbill der Reise auf sich zu nehmen? Das mag Gott wissen — errate wer’s will. Gar vielerlei hat es zu bedeuten, wenn sich das russische Volk hinter den Ohren kratzt.

Elftes Kapitel.

Es kam jedoch ganz anders als Tschitschikow vermutet hatte. Erstlich wachte er viel später auf, als er beabsichtigte — dies war die erste Unannehmlichkeit — dann stand er auf und schickte sofort jemand hinunter, um zu erfahren, ob der Wagen in Ordnung, die Pferde angespannt und alles zur Abreise bereit sei, mußte aber zu seinem Leidwesen erfahren, daß die Pferde nicht angespannt und noch gar keine Anstalten zur Abreise getroffen seien — und dies war die zweite Unannehmlichkeit. Das brachte ihn geradezu in Wut, er nahm sich sogar schon vor, unserem Freunde Seliphan einen ordentlichen Nasenstüber zu versetzen, und wartete mit Ungeduld, was der wohl für eine Ausrede zu seiner Entschuldigung vorbringen würde. Bald erschien Seliphan auch in der Tür, worauf sein Herr das Vergnügen hatte, dieselben Reden über sich ergehen zu lassen, die man stets von den Bedienten zu hören bekommt, wenn man verreisen will und große Eile hat.