Und doch kann man nicht sagen, daß die Natur unseres Helden so rauh und hart, und daß sein Gefühl so abgestumpft war, daß er weder Mitleid noch Teilnahme kannte. Beide Gefühle waren ihm sehr wohl bekannt, und er wäre zu jeder Hilfe bereit gewesen, nur durfte sie nicht in einem gar zu großen Geldopfer bestehen, denn unter keinen Umständen hätte er die Summe angegriffen, die er beschlossen hatte, nie auszugeben; mit einem Wort, der väterliche Rat: „sei sparsam und ehre den Pfennig“ war auf guten Boden gefallen. Und doch hing er nicht am Gelde, um des Geldes selbst willen; Geiz und Habsucht waren keineswegs die Triebfedern, die ihn ganz beherrschten. Nein, nicht sie waren die Motive, von denen er sich leiten ließ; was ihm vorschwebte, war ein Leben in Wohlstand und Überfluß, mit jeglichem Komfort, Equipagen, ein wohlgeordneter Haushalt, schmackhafte Diners — das war es, was ihn ganz erfüllte und fortwährend beschäftigte. Und dazu sparte und ehrte er die Kopeke, die er sich selbst und andern versagte, um, wenn die Stunde schlagen würde, all diese Herrlichkeiten voll auszukosten. Wenn irgend ein reicher Mann in einem leichten eleganten Wagen, mit stolzen Pferden in schimmerndem Geschirr an ihm vorüberjagte, dann blieb er wie festgewurzelt stehen, und sprach dann wie wenn er aus tiefem Traum erwachte: „Und er war doch ein gewöhnlicher Handlungsgehilfe und trug gekräuseltes Haar!“ Alles, was von Reichtum und Wohlstand zeugte, machte einen so tiefen Eindruck auf ihn, daß er es mitunter selbst nicht recht verstehen konnte. Als er die Schule verließ, ruhte er nicht einmal ein wenig aus: so stark war sein Wunsch, so schnell als möglich ans Werk zu gehen und in den Staatsdienst einzutreten. Allein trotz der vorzüglichen Zeugnisse gelang es ihm nur eine unbedeutende Stelle in der Finanzkammer zu erhalten; selbst in den entlegensten Nestern kommt man nicht ohne Protektion aus! Schließlich fand sich doch noch ein kleines Pöstchen, mit einem Gehalt von dreißig bis vierzig Rubel jährlich. Aber er war fest entschlossen, sich ganz dem Dienste zu widmen und alle Hindernisse zu besiegen und zu überwinden. Und in der Tat, er legte eine geradezu unerhörte Selbstverleugnung und Geduld an den Tag, und schränkte seine Bedürfnisse auf das Allernotwendigste ein. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend saß er unermüdlich hinter seinem Tische, ohne daß seine geistigen und körperlichen Kräfte nur im geringsten nachließen, schrieb und schrieb, verschwand vollkommen hinter seinen Akten, ging kaum nach Hause, schlief in der Kanzlei auf dem Tische, aß mitunter mit den Hausknechten und Wächtern zu Mittag und verstand es bei alledem, sich ein sauberes wohlgepflegtes Äußeres zu bewahren, sich anständig zu kleiden, seinem Gesicht einen angenehmen Ausdruck zu verleihen und sogar seinen Bewegungen einen gewissen Adel zu geben. Man muß sagen, daß die Beamten der Finanzkammer sich besonders durch ihre Unscheinbarkeit und Häßlichkeit auszeichnen. Sie hatten alle Gesichter wie schlecht gebackene Semmel; eine Backe war geschwollen, das Kinn war schief, die Oberlippe aufgedunsen wie eine Blase, und noch dazu gesprungen; mit einem Wort es sah gar nicht hübsch aus. Sie führten alle eine sehr strenge Sprache, und ihre Stimme war so rauh, als wollten sie einen durchhauen; sie brachten dem Gott Bachus reichliche Opfer, sie bewiesen, daß sich bei den Slaven noch mancherlei Reste von Heidentum erhalten haben; ja sie kamen sogar häufig etwas angeheitert in den Dienst, so daß es im Amtszimmer recht ungemütlich wurde, da man die Luft nichts weniger als aromatisch nennen konnte. Unter solchen Beamten mußte Tschitschikow natürlich auffallen, war er doch fast in allem das vollkommene Gegenteil von ihnen; seine Züge waren eindrucksvoll, seine Stimme angenehm, auch enthielt er sich aller geistigen Getränke. Und doch wurde ihm die Karriere durchaus nicht leicht gemacht. Er erhielt einen ganz alten Aktuar zum Chef, ein wahres Muster starrer Gefühllosigkeit und Unerschütterlichkeit; er blieb immer gleich unnahbar, nie belebte ein Lächeln sein Gesicht, nie kam er einem freundlich grüßend entgegen, oder erkundigte sich nach dem Befinden. Noch nie hatte ihn jemand anders gesehen, als er sich immer zu geben pflegte, nicht einmal zu Hause oder auf der Straße; nie äußerte er das geringste Interesse oder etwas wie Teilnahme an fremdem Schicksal; nie war es ihm begegnet, daß er betrunken gewesen wäre und in diesem Zustand einmal herzhaft gelacht hätte; nie hatte er sich einem wilden Taumel hingegeben, wie es selbst der Räuber in Augenblicken des Rausches tut; — von alledem war auch nicht ein Schatten bei ihm zu finden. Er war frei von Bosheit und Güte, aber gerade in diesem vollständigen Mangel aller starken Gefühle und Leidenschaften lag etwas Grauenerregendes. Sein hartes Marmorgesicht, an dem man keinen unsymmetrischen Zug entdeckte, erinnerte an kein Menschenantlitz und in seinen Linien herrschte eine rauhe Proportion. Nur die zahlreichen Pockennarben und -Gruben, mit denen es übersät war, machten es zu einem von jenen Gesichtern, auf denen der Teufel nachts Erben drischt. Man sollte meinen, es hätte über alle Menschenkraft gehen müssen, einem solchen Menschen näher zu treten und seine Zuneigung zu gewinnen; Tschitschikow aber wagte dennoch diesen Versuch. Zuerst suchte er sich ihm in allerhand unbedeutenden Kleinigkeiten gefällig zu erweisen; er untersuchte sorgfältig wie die Federn geschnitten waren, mit denen der Aktuar schrieb, dann besorgte er sich ein paar von der genannten Art, und legte sie so hin, daß jener sie leicht finden konnte; er blies und wischte den Streusand und Tabak von seinem Tische ab; schaffte einen neuen Lappen für das Tintenfaß an; ferner lief er stets nach seiner Mütze — der häßlichsten Mütze, die es je auf der Welt gab, und legte sie jedesmal kurz vor dem Schluß der Sitzung neben ihn hin; oder er bürstete ihm den Rücken ab, wenn er sich an der Wand weiß gemacht hatte u. s. f. Aber dies alles machte nicht den geringsten Eindruck, gerad als ob es überhaupt nicht geschehen wäre. Schließlich jedoch gelang es Tschitschikow, einen Einblick in das Familienleben seines Chefs zu gewinnen: er erfuhr, daß er eine erwachsene Tochter hatte, deren Gesicht gleichfalls so aussah, als ob „nachts Erbsen darauf gedroschen“ würden. Und nun versuchte er die Festung von dieser Seite zu bestürmen. Er hatte in Erfahrung gebracht, welche Kirche sie Sonntags besuchte; er stellte sich also jedesmal aufs feinste und tadelloseste gekleidet, mit einem prachtvoll gestärkten Vorhemd vis à vis von ihr auf, und die Sache hatte Erfolg: der gestrenge Aktuar ließ sich erweichen und lud ihn zum Tee ein! Im Handumdrehen war es so weit gekommen, daß Tschitschikow zu ihm ins Haus zog und sich hier bald geradezu unentbehrlich zu machen wußte; er kaufte Mehl und Zucker ein, verkehrte mit der Tochter wie mit seiner Braut, nannte den Herrn Aktuar „Papachen“ und küßte ihm die Hand. Im Gericht war alles überzeugt, daß Ende Februar, vor den großen Fasten die Hochzeit stattfinden werde. Der gestrenge Aktuar bemühte sich sogar bei seinem Vorgesetzten für ihn, und bald darauf saß Tschitschikow selbst als Aktuar auf einem Platz, der gerade frei geworden war. Das war wohl der Hauptzweck seiner Annäherung an den greisen Aktuar gewesen, denn noch am selbigen Tage ließ er seinen Koffer heimlich zu sich nach Hause tragen und am folgenden Tage nahm er sich schon eine andere Wohnung. Er hörte auf, den Aktuar „Papachen“ zu titulieren und ihm die Hand zu küssen, die Sache mit der Heirat wurde immer weiter hinausgeschoben, fast als ob überhaupt niemals davon die Rede gewesen wäre. Trotzdem drückte er dem Aktuar auch fürderhin, wenn er ihm begegnete, zärtlich die Hand, lud ihn zu sich zum Tee ein, so daß der Alte trotz seiner großen Schwerfälligkeit und seiner hartnäckigen Gleichgültigkeit jedesmal den Kopf schüttelte und murmelte: „Hat der mich beschwindelt, dieser Satan!“

Dies war das schwierigste Hindernis, das aber nun genommen war. Von da ab ging es leichter und mit noch größerem Erfolge vorwärts. Man fing an, ihn zu beachten. Besaß er doch alles, was man braucht, wenn man sich auf dieser Welt durchschlagen will: die angenehmen Manieren, das feine Betragen und den kecken Wagemut in allen geschäftlichen Unternehmungen. Mit diesen Mitteln eroberte er sich in kürzester Zeit das, was man ein „warmes Plätzchen“ zu nennen pflegt, und wußte es aufs trefflichste auszunützen. Man muß nämlich wissen, daß man um diese Zeit streng gegen die Bestechlichkeit vorzugehen begann. Alle Maßnahmen hatten indes für ihn keine Schrecken, da er sie vielmehr zu seinem eigenen Vorteil auszunutzen wußte, und er legte hierbei einen echt russischen Erfindungsgeist an den Tag, der sich während der Zeiten starken Drucks stets in seiner höchsten Blüte zeigt. Er machte es nämlich folgendermaßen: sobald ein Bittsteller erschien, und die Hand in die Tasche steckte, um eins von den sattsam bekannten „Empfehlungsschreiben des Fürsten Chowanski“ wie man sich bei uns in Rußland ausdrückt, hervorzuziehen — sagte er sogleich mit einem freundlichen Lächeln, wobei er den Bittsteller an der Hand festhielt: „Sie denken wohl, daß ich .... nein, bitte! nein! Das ist unsere Pflicht und Schuldigkeit, das müssen wir auch ohne jede Entschädigung tun! Was das anbelangt, so können Sie ganz ruhig sein. Morgen ist alles in schönster Ordnung! Darf ich fragen, wo Sie wohnen? Sie brauchen sich selbst garnicht zu bemühen. Es wird Ihnen alles nach Hause geschickt!“ Der entzückte Bittsteller kehrte ganz begeistert nach Hause zurück und dachte sich: „Endlich mal ein Mensch! ach, wenn es doch mehr solcher gäbe, das ist ja ein wahres Kleinod!“ Jedoch der Bittsteller wartet einen Tag, wartet zwei, aber seine Akten wollen noch immer nicht kommen. Am dritten Tag ist es ebenso. Er geht noch einmal in die Kanzlei — man hat seine Papiere noch garnicht angesehen. Er geht wieder zu seinem Kleinod. „Ach entschuldigen Sie,“ sagt Tschitschikow sehr höflich, indem er den Herrn bei beiden Händen ergreift: „Wir hatten so schrecklich viel zu tun, aber morgen, morgen sollen Sie sie unbedingt haben! Es ist mir selbst höchst peinlich!“ All diese Worte wurden von geradezu bezaubernden Gesten begleitet. Wenn bei dieser Gelegenheit der Rock aufgeknöpft wurde, so suchte die Hand diesen Fehler sofort wieder gut zu machen, indem sie den Bittsteller daran hinderte. Aber die Akten wollen trotzdem nicht kommen, weder morgen, noch übermorgen, noch überübermorgen. Der Bittsteller fängt an zu überlegen: „Hm! stimmt da vielleicht etwas nicht?“ Er erkundigt sich, und erhält die Antwort: „Die Schreiber müssen was bekommen!“ „Meinetwegen, warum sollte ich ihnen nichts geben: Sie sollen ihre fünfundzwanzig, meinetwegen sogar fünfzig Kopeken haben.“ — „Nein, damit ist’s nicht getan, Sie müssen schon mindestens einen weißen Zettel[7] hinlegen.“ „Was? den Schreibern einen weißen?“ ruft der Bittsteller erstaunt aus. „Ja, warum regen Sie sich nur so auf?“ antwortet man ihm: „das stimmt doch: die Schreiber erhalten wirklich nur ihre fünfundzwanzig Kopeken, der Rest geht an die Herren Vorgesetzten weiter!“ Hier schlägt sich der harmlose Bittsteller vor den Kopf und flucht wütend über die neue Ordnung, über die Maßnahmen gegen das Bestechungswesen, und die verfeinerten Umgangsformen der Beamten. Früher, da wußte man wenigstens, was man zu machen hatte: da legte man dem Geschäftsführer einen roten Zettel auf den Tisch, und die Sache war erledigt; jetzt muß man dagegen einen weißen opfern und verliert noch dazu eine ganze Woche, ehe man überhaupt heraus kriegt, was hier eigentlich los ist! ... hol der Teufel diese Uneigennützigkeit und die Vornehmtuerei der Herren Beamten! Der Bittsteller hat natürlich ganz recht: aber dafür gibt’s eben heute keine Bestechungen mehr: alle geschäftsführenden Beamten sind rechtschaffene, ehrliche Leute und nur die Schreiber und Sekretäre sind noch Halunken und Gauner. Bald jedoch tat sich vor Tschitschikow ein weites Feld der Tätigkeit auf: es bildete sich eine Kommission für den Bau eines großen Staatsgebäudes. In diese Kommission ließ auch er sich hineinwählen, und wurde eins ihrer tätigsten Mitglieder. Man schritt sofort zur Tat. Sechs Jahre lang bemühte man sich um das Staatsgebäude, aber war es nun das Klima, oder lag es an den Materialien, genug, der Bau wollte durchaus nicht fortschreiten und kam nicht über das Fundament hinaus. Dafür aber schafften sich die Mitglieder der Kommission an verschiedenen Enden der Stadt eine Reihe von schönen Häusern in gut bürgerlichem Stile an; offenbar war dort der Boden etwas besser. Die Herren Mitglieder fingen schon an, sich eines gewissen Wohlstandes zu erfreuen und sich eine Familie zu gründen. Erst jetzt und unter den neuen Verhältnissen begann auch Tschitschikow, sich von dem schwer lastenden Druck seiner strengen Enthaltsamkeitsprinzipien und der Selbstverleugnung zu befreien. Erst jetzt entschloß er sich zu einer milderen Handhabung der Fastenvorschriften, die er solange aufs strengste beobachtet hatte, und nun erst stellte es sich heraus, daß er eigentlich nie ein Feind jener Genüsse gewesen war, deren er sich in den Tagen einer feurigen Jugend so gut zu enthalten verstand, gerade in den Jahren, wo der Mensch noch nicht Herr seiner selbst ist. Er erlaubte sich sogar einen gewissen Luxus: schaffte sich einen Koch und feine holländische Hemden an. Auch kaufte er sich solche Stoffe, wie sie in der Provinz keineswegs allgemein getragen wurden und bevorzugte besonders die braunen und glänzenden hellroten Farben, er schaffte sich auch ein Paar stattliche Pferde an und lenkte selbst seinen Wagen, wobei er wohl die Zügel selbst in der Hand hielt und das Beipferd elegante Seitensprünge machen ließ; jetzt wurde auch die Sitte eingeführt, sich mit einem Schwamm, der in eine Mischung von Wasser und Eau de Cologne getaucht wurde, zu waschen; schon kaufte er sich teure Seife, um seine Haut weich und glatt zu erhalten, schon ...

Da wurde plötzlich anstelle der alten Schlafmütze ein neuer Sektionschef ernannt, ein strenger Herr, der beim Militär gedient hatte, und ein geschworener Feind des Bestechungssystems, und alles dessen war, was man Ungerechtigkeit und Unehrlichkeit nennt. Schon am folgenden Tage scheuchte er alle Beamten bis auf den letzten auf, verlangte Rechenschaftsberichte, entdeckte auf Schritt und Tritt Mißstände, sah, daß überall Summen fehlten, bemerkte sofort die stattlichen Häuser im bürgerlichen Stil — und ordnete sogleich eine Untersuchung an. Die Beamten wurden ihres Dienstes entsetzt; die Häuser im bürgerlichen Stil vom Staate beschlagnahmt und in allerhand wohltätige Anstalten und Schulen für Kantonisten umgewandelt; alle Beamten erhielten eine kräftige Moralpauke, am meisten aber unser Freund Tschitschikow. Sein Gesicht erregte plötzlich trotz seines angenehmen Ausdrucks das höchste Mißfallen des Chefs — warum eigentlich — das weiß Gott allein; oft gibt es überhaupt keinen Grund dafür — genug, er warf einen tödlichen Haß auf Tschitschikow. Und der unerbittliche Chef war geradezu furchtbar in seinem Zorn! Da er aber schließlich doch nur ein alter Soldat war und all die feinen Kniffe und Kunstgriffe des Zivils nicht kannte, gelang es den andern Beamten durch Vortäuschung eines ehrlichen Gesichts und durch die Kunst, sich an alles anzupassen, sich seine Gnade zu erwerben, und der General kam bald in die Hand noch weit größerer und schlimmerer Halunken, die er noch dazu garnicht dafür hielt; ja er war schließlich sogar noch zufrieden, daß er die rechten Leute gefunden habe und rühmte sich ernstlich, wie gut er es verstehe, die Menschen nach ihren Talenten und Fähigkeiten zu würdigen und abzuschätzen. Die Beamten kamen sogleich hinter seinen Charakter und seine Eigenschaften. Alle, die unter ihm standen, wurden gewaltige Wahrheitsfanatiker, die jedes Unrecht und jegliche Ungerechtigkeit unbarmherzig ahndeten; überall, wo sie dergleichen antrafen, verfolgten sie es, so wie ein Fischer mit seiner Harpune einem fetten Stör nachjagt, und zwar mit so großem Erfolg, daß ein jeder von ihnen in ganz kurzer Zeit im Besitz von einigen Tausend Rubeln Kapital war. Um dieselbe Zeit bekehrten sich auch mehrere von den früheren Beamten und wurden wieder in Gnaden aufgenommen. Tschitschikow allein wollte es nicht glücken, sich wieder beim Chef einzuschmeicheln; so sehr sich auch der erste Sekretär des Generals unter dem Eindruck eines Empfehlungsbriefes des Fürsten Chowanski um ihn bemühte und für ihn einsetzte, er, der so vortrefflich die Lenkung und Steuerung der Nase des Gouverneurs verstand — er vermochte dennoch nichts auszurichten. Der General war nun einmal ein solcher Mensch, der sich wohl an der Nase herumführen ließ (übrigens ohne, daß er es selbst wußte); hatte sich aber einmal ein Gedanke in seinem Kopfe festgesetzt, dann saß er so fest, wie ein eiserner Nagel und keine Macht der Welt hätte ihn wieder herausziehen können. Alles was der kluge Sekretär erreichen konnte, war, daß die alte schmutzige Dienstliste vernichtet wurde, aber selbst hierzu konnte er seinen Chef nur veranlassen, indem er an sein Mitleid apellierte und ihm in glühenden Farben das traurige Schicksal Tschitschikows und seiner unglücklichen Familie ausmalte, die ja Gott sei Dank garnicht existierte.

„Was tun!“ sprach Tschitschikow: „ich hab eingehakt, raufgezogen, und das Ding ist mir doch wieder abgeschnappt — da ist kein Wort zu verlieren. Durch Geheul und Gegrein macht man das Unglück nicht wieder gut. Man muß ans Werk gehen und handeln!“ Und er beschloß, seine Laufbahn von neuem zu beginnen, sich aufs neue mit Geduld zu wappnen und sich wieder zu beschränken, so schön und herrlich er sich auch vordem zu entfalten begonnen hatte. Er entschloß sich, in eine andere Stadt überzusiedeln und dort bekannt und berühmt zu werden. Aber es wollte alles nicht recht glücken. In ganz kurzer Zeit mußte er zwei- oder dreimal sein Amt und seinen Beruf wechseln, denn die damit verbundene Tätigkeit war höchst unsauber und widerwärtig. Der Leser muß nämlich wissen, daß Tschitschikow soviel auf Anstand und Sauberkeit gab, wie kaum sonst jemand in der Welt. Und obwohl er sich im Anfang auch in einer unsauberen Gesellschaft bewegen mußte, blieb seine Seele doch immer rein und fleckenlos, daher liebte er es auch, wenn die Tische in den Amtsstuben lackiert waren und alles fein und nobel aussah. Nie erlaubte er sich in seinen Reden ein unanständiges Wort, und es kränkte ihn tief, wenn er in den Worten eines anderen die schuldige Achtung gegen seine Titel und Würden vermißte. Ich glaube, es wird dem Leser angenehm sein, zu erfahren, daß er jeden zweiten Tag seine Wäsche wechselte; im Sommer während der heißesten Zeit sogar zweimal täglich: jeder unangenehme Geruch beleidigte sein empfindliches Geruchsorgan. Daher steckte er sich auch jedesmal, wenn Petruschka erschien, um ihn anzukleiden und ihm die Stiefel auszuziehen, ein paar Nelken in die Nase; und oft waren seine Nerven zarter als die eines jungen Mädchens; daher wurde es ihm auch so schwer, wieder in jene Schichten unterzutauchen, wo alles nach Fusel roch und die feinen Manieren ganz unbekannt waren. So sehr er sich auch beherrschte, er magerte dennoch ein wenig ab und bekam eine grünliche Gesichtsfarbe von all diesen Widerwärtigkeiten und Schicksalsschlägen. Eben hatte er angefangen, dick zu werden und sich jene runden und gefälligen Körperformen zuzulegen, in deren Besitz der Leser ihn angetroffen hat, als er seine erste Bekanntschaft machte; und oft schon hatte er, wenn er sich im Spiegel betrachtete, an mancherlei irdische Annehmlichkeiten gedacht: an ein reizendes Weibchen, eine volle Kinderstube, und ein Lächeln hatte bei diesem Gedanken sein Gesicht belebt; wenn er jetzt dagegen unversehens in den Spiegel blickte, konnte er nicht umhin, auszurufen: „Heilige Mutter Gottes, wie häßlich ich geworden bin!“ Und es verging ihm für lange Zeit die Lust, sich im Spiegel zu betrachten. Aber unser Held ertrug alles, ertrug es geduldig und mutig — und so erhielt er denn endlich eine Stellung beim Zollamt. Hier müssen wir erwähnen, daß ein solcher Posten schon längst Gegenstand seiner geheimen Wünsche gewesen war. Er hatte gesehen, was sich die Zollbeamten für wunderschöne ausländische Sachen anschafften, was für herrlichen Batist und Porzellan sie ihren Schwestern, Vettern und Basen zum Geschenk machten. Oft schon hatte er seufzend ausgerufen: „Das wär so etwas für mich: die Grenze ist nahe, man ist in der Nähe von gebildeten Leuten, was für feine holländische Hemden man sich da zulegen könnte!“ Und wir müssen hinzufügen, daß er auch noch an eine besondere Sorte französischer Seife dachte, welche der Haut eine außerordentliche Weiße und Geschmeidigkeit und den Wangen Frische und Glanz verlieh; was das für eine Marke war, das mag Gott wissen, jedenfalls hatte er Grund zu vermuten, daß sie nur an der Grenze zu haben war. Genug, er sehnte sich schon lange nach dem Zollamt, aber die augenblicklichen Vorteile, die ihm aus dem Dienst in der Baukommission erwuchsen, hielten ihn noch zurück, und er sagte sich mit Recht, daß das Zollamt eben doch nicht mehr als eine Taube auf dem Dache sei, während die Baukommission doch immerhin ein Sperling in der Hand war. Jetzt aber hatte er sich entschlossen, unter allen Umständen beim Zollamt unterzukommen — und das setzte er denn auch tatsächlich durch. Mit wahrem Feuereifer machte er sich ans Werk. Das Schicksal selbst schien ihn zum Zollbeamten prädestiniert zu haben. Eine gleiche Geschäftigkeit und ein solch durchdringender Scharfblick war noch nie vorgekommen. In drei oder vier Wochen hatte er sich bereits eine solche Sicherheit im Zollfach angeeignet, daß er buchstäblich alles wußte: er brauchte garnicht abzumessen oder nachzuwiegen; denn er erkannte sofort nach der Faktur, wieviel Meter Stoff in einem Paket enthalten waren; und wenn er ein Gepäckstück in die Hand nahm, konnte er sofort sagen, wieviel es wog; was aber die Untersuchung anbetraf, so hatte er, wie seine eigenen Kameraden sich ausdrückten, geradezu „eine Witterung wie ein guter Jagdhund“: es war wirklich wunderbar, wie geduldig er jeden Knopf befühlte, und dies alles geschah mit einer vernichtenden Kaltblütigkeit und einer geradezu unglaublichen Höflichkeit. Während die unglücklichen Objekte der Untersuchung vor Wut rasten, alle Selbstbeherrschung verloren und eine unwiderstehliche Lust verspürten, sein angenehmes Gesicht tüchtig durchzubläuen, verzog er keine Miene und sagte immer mit der gleichen Liebenswürdigkeit: „Wollen Sie nicht die Gefälligkeit besitzen, sich ein wenig zu bemühen und aufzustehen!“ oder „Wollen Sie nicht die Güte haben, gnädige Frau, und ein wenig ins Nebenzimmer treten. Die Gattin eines unserer Beamten möchte ein paar Worte mit Ihnen sprechen“, oder „Sie erlauben wohl, daß ich Ihnen das Unterfutter Ihres Mantels ein wenig mit dem Messer auftrenne“. Und mit diesen Worten zog er ganz kaltblütig alle möglichen Tücher, Shawls usw. von dort hervor, ganz wie aus seinem eigenen Koffer. Selbst die Vorgesetzten erklärten, das sei ein Teufel und kein Mensch. Überall fand er etwas: zwischen den Rädern, in der Deichsel, in den Ohren der Pferde und Gott weiß, wo noch sonst, wo es wohl selbst keinem Dichter in den Kopf käme, etwas zu suchen, und wohin sich höchstens ein Zollbeamter verirren kann. Der arme Reisende konnte sich noch lange, nachdem er die Grenze passiert hatte, nicht auf sich selbst besinnen, wischte sich den Schweiß, der ihm aus allen Poren getreten war, ab, schlug ein Kreuz und murmelte: „Na, na!“ Seine Lage erinnerte sehr an die eines Schuljungen, der eben dem Karzer entronnen ist, wohin der Lehrer ihn rief, um ihm eine kleine Standrede zu halten und ihn statt dessen zu seinem höchsten Erstaunen kräftig durchwalkte. Bald wußten sich die Schmuggler vor ihm nicht mehr zu retten: er war der Schrecken und die Verzweiflung der gesamten polnischen Judenschaft. Seine Ehrlichkeit und Unbestechlichkeit waren unvergleichlich und geradezu unnatürlich. Er legte sich nicht einmal ein kleines Kapital aus den konfiszierten Waren und den beschlagnahmten Sachen an, welche dem Staate vorenthalten wurden, um die unnützen Schreibereien zu vermeiden. Ein solcher uneigennütziger Eifer im Dienst mußte natürlich allgemeines Staunen erregen und schließlich auch der Regierung zu Ohren kommen. Er erhielt einen Titel und wurde befördert, woraufhin er der Regierung ein Projekt vorlegte, wie man sämtliche Schmuggler fangen und dingfest machen könnte. Diesem Projekte legte er nur noch die Bitte um Einsendung der hierzu erforderlichen Mittel bei. Sogleich wurde ihm das Oberkommando und die unbeschränkte Vollmacht zur Ausführung aller möglichen Untersuchungen und Ermittelungen erteilt. Das war es allein, was er brauchte. Um diese Zeit hatte sich gerade eine große Gesellschaft von Schmugglern gebildet, welche ganz bewußt und planmäßig vorgingen: das freche Unternehmen versprach, Millionen abzuwerfen. Tschitschikow hatte schon längst etwas davon erfahren und sich sogar geweigert, die Abgesandten zu kaufen, indem er ganz trocken erklärte, die Zeit sei noch nicht gekommen. Nachdem er jedoch alle Fäden in seiner Hand hatte, benachrichtigte er die Gesellschaft sofort, indem er ihr sagen ließ: Jetzt ist es Zeit. Er hatte fast zu sicher gerechnet. In einem Jahre hätte er hier mehr gewinnen können, als er sich je in zwanzig Jahren durch noch so eifrige Diensttätigkeit erwerben konnte. Vordem wollte er sich nicht mit ihnen einlassen, weil er doch nichts wie eine Schachfigur war, und daher nicht viel erhalten hätte. Jetzt dagegen lagen die Dinge ganz anders, jetzt konnte er ihnen seine Bedingungen diktieren. Damit die Sache sich möglichst glatt abwickle, versuchte er noch einen andern Beamten auf seine Seite zu bringen und das Unternehmen gelang, der Kollege konnte der Versuchung nicht widerstehen, trotzdem seine Haare schon zu grauen begannen. Der Pakt wurde geschlossen und die Gesellschaft schritt zur Tat. Ihre ersten Operationen waren von glänzenden Erfolgen gekrönt. Der Leser hat sicher schon jene berühmte Geschichte von der Reise der gescheidten, spanischen Hammel gehört, welche die Grenze in doppelten Häuten überschritten und dabei für eine Million Brabanter Spitzen unter dem Pelze mitnahmen. Dieses ereignete sich gerade zu der Zeit, als Tschitschikow beim Zollamt war. Hätte er selbst nicht an diesem Unternehmen teilgenommen, kein Jude in der ganzen Welt hätte es fertig gebracht, einen ähnlichen Streich auszuführen. Nachdem die Hammel die Grenze drei oder viermal überschritten hatten, stellte es sich heraus, daß beide Beamten je vierhunderttausend Rubel Kapital besaßen. Ja man munkelte, daß es bei Tschitschikow sogar in die Fünfhunderttausend gegangen wäre, weil er noch etwas kecker war, als der andre. Gott weiß, welche gewaltige Höhe diese gepriesenen Summen erreicht hätten, wenn nicht irgend ein vertraktes Tier ihnen über den Weg gelaufen wäre. Der Teufel verdrehte beiden Beamten den Kopf. Der Haber stach sie, und sie gerieten ohne jeden Grund aneinander. Während einer lebhaften Unterhaltung nannte Tschitschikow, der vielleicht auch etwas zu viel getrunken hatte, den andern Beamten einen Popensohn, worauf dieser, der wirklich der Sohn eines Popen war, sich aus irgend einem Grunde aufs tiefste beleidigt fühlte und ihn sehr heftig und außerordentlich scharf anfuhr. Und zwar sagte er ihm folgendes: „Das lügst du! Ich bin Staatsrat und kein Popensohn. Du bist vielleicht ein Popensohn,“ und dann fügte er, um ihm einen Stich zu versetzen und ihn noch mehr zu ärgern, noch hinzu: „Jawohl, so ist’s!“ Obwohl er unseren Tschitschikow damit noch übertrumpfte, indem er ihm das auf ihn selbst gemünzte Schimpfwort zurückgab, und trotzdem die Wendung: „Jawohl, so ist’s“ schon stark genug war, genügte ihm dies jedoch noch nicht, sondern er sandte noch außerdem eine geheime Denunziation an die Behörde. Übrigens ging die Rede, beide hätten überdies noch einen Streit wegen eines frischen handfesten Weibleins gehabt, die nach dem Ausdruck der Beamten „kernig“ gewesen sei, wie eine Rübe, ja es seien sogar ein paar kräftige Kerle gedungen worden, die unseren Helden eines Abends in einer dunkelen Gasse tüchtig durchwalken sollten; schließlich aber hätten beide Beamten eine Nase erhalten, und ein gewisser Hauptmann Schamschajew habe sich der betreffenden Dame bemächtigt. Wie sich die Sache in Wahrheit zugetragen hat, das weiß Gott allein. Genug, die geheimen Abmachungen mit den Schmugglern wurden ruchbar und kamen an den Tag. Der Staatsrat wurde zwar gleichfalls gestürzt, aber er zog seinen Kollegen mit in seinen Sturz hinein. Die Beamten wurden vor Gericht gestellt, ihr ganzer Besitz konfisziert und versiegelt, und dies alles brach über ihre schuldigen Häupter herein, wie ein Donnerschlag aus heitrem Himmel. Ihr Geist war wie von Rauch und Dunst umnebelt, und als sie wieder zu sich kamen, bemerkten sie mit Entsetzen, was sie angerichtet hatten. Der Staatsrat überlebte diesen Schicksalsschlag nicht und ging irgendwo elendiglich zugrunde, der Kollegienrat aber hielt dem Schicksal stand und blieb fest. Er verstand es, einen Teil der Summe in Sicherheit zu bringen, so fein auch die Witterung der Beamten war, die erschienen waren um die Untersuchung zu leiten; er wandte alle Schliche und Ausflüchte an, deren sich ein erfahrener Mann, welcher die Menschen nur allzu gut kennt, zu bedienen pflegt: hier suchte er durch seine angenehmen Umgangsformen Eindruck zu machen, dort durch rührende Reden, hier wirkte er durch Schmeicheleien, die nie etwas schaden können, und da erwarb er sich die Gunst der Beamten, indem er ihnen etwas zusteckte, mit einem Wort, er wußte seine Sache so gut zu führen, daß er wenigstens keinen so schmählichen und unehrenhaften Abschied erhielt, wie sein Kollege und, wenn auch mit knapper Not, dem Strafrichter entrann. Freilich: das Kapital und all die schönen ausländischen Sachen waren dabei draufgegangen; für diese Dinge hatten sich andre Liebhaber gefunden. Es gelang ihm, sich höchstens zehntausend Rubel aus diesem Zusammenbruch zu retten, die er sich für alle Fälle zurückgelegt hatte, dazu noch zwei Dutzend holländische Hemden, eine kleine Kutsche, wie sie Junggesellen zu besitzen pflegen und zwei Leibeigene: den Kutscher Seliphan und den Bedienten Petruschka, außerdem hatten ihm die Zollbeamten, aus reiner Herzensgüte noch fünf oder sechs Stück Seife geschenkt: damit er sich seine Wangen rein und frisch erhalte — das war alles. In so trauriger Lage befand sich nun mit einem Male wieder unser Held. Welch ungeheueres Mißgeschick war plötzlich über ihn hereingebrochen! Das nannte er im Dienste der Wahrheit leiden. Man sollte meinen, nach all diesen Stürmen, Versuchungen, Schicksalsschlägen und den bösen Zufällen dieses Lebens hätte er sich mit seinen letzten teuren Zehntausend in den friedlichen Erdenwinkel eines Provinzstädtchens zurückgezogen, um dort für immer einzurosten: da hätte er wohl im geblümten Schlafrock am Fenster eines niedrigen Häuschens gesessen und zugesehen wie Sonntags die Bauern rauften, oder er wäre vielleicht zur Erholung einmal in den Hühnerhof hinabgegangen, um sich persönlich das Huhn anzusehen, aus dem die Suppe gekocht werden sollte, und so hätte er sein Dasein zwar still, doch in seiner Art auch nicht ganz nutzlos hingebracht. Aber es kam anders; man muß der unbezwinglichen Charakterstärke unseres Helden Gerechtigkeit widerfahren lassen. Nach all diesen Schlägen, welche genügt hätten, einen Menschen wenn nicht umzubringen, so doch für immer gegen alles abzukühlen und zahm zu machen, war in ihm jene unerhörte Leidenschaft noch immer nicht erloschen. Er war ärgerlich und zornig, murrte wider die ganze Welt, schimpfte über die Ungerechtigkeit des Schicksals, war empört über die Schlechtigkeit der Menschen, und konnte es dennoch nicht lassen, neue Versuche zu unternehmen. Mit einem Wort: er legte eine Mannhaftigkeit an den Tag, vor der die träge Geduld des Deutschen zu Nichts zusammenschrumpft, welche ja in dem ruhigen, langsamen Blutumlauf seinen Grund hat. Tschitschikows Blut dagegen wallte feurig durch die Adern, und es bedurfte eines starken, vernünftigen Willens, um all jene Triebe zu zügeln, welche in ihm nach außen drängten, um sich hier frei zu ergehen und auszuleben. Er überlegte lange hin und her, und in seinen Überlegungen war immer etwas Richtiges enthalten. Warum bin ich es gerade? Warum mußte das Unglück jetzt über mich hereinbrechen? Wer säumt denn jetzt in seinem Berufe? Alles strebt nach Erwerb. Ich habe doch niemand unglücklich gemacht, habe keine Witwe beraubt, keinen Menschen an den Bettelstab gebracht, nur von dem Überflusse genommen dort wo jeder andere an meiner Stelle auch die Hand ausgestreckt hätte. Hätte ich nicht die Gelegenheit beim Schopfe gepackt, so hätten andere es statt meiner getan. Warum sollen denn andere schwelgen und glücklich sein? Und warum soll ich denn verfaulen wie ein Wurm? Was bin ich jetzt? Wozu tauge ich? Wie soll ich jetzt einem braven Familienvater ins Auge sehen? Muß ich nicht Gewissensbisse empfinden, wenn ich daran denke, daß ich nur die Erde unnütz belaste? Und was sollen einst meine Kinder sagen? — „Seht unsern Vater an,“ werden sie sagen; „er war ein Schweinehund, und hat uns kein Vermögen hinterlassen.“

Wir wissen bereits, daß Tschitschikow sehr besorgt um seine Nachkommen war. Es ist damit eine kitzliche Sache. So mancher würde nicht so tief in den fremden Beutel greifen, wenn sich ihm nicht immer die seltsame, unbegreifliche Frage wie von selbst auf die Lippen drängte: „Und was werden meine Kinder sagen?“ Und der künftige Stammvater greift eilig nach dem, was ihm zu allererst unter die Finger kommt, wie ein vorsichtiger Kater, welcher ängstlich zur Seite schielt, ob nicht der Hausherr in der Nähe ist: sieht er ein Stück Seife liegen, eine Kerze, ein Endchen Speck, kommt ihm ein Kanarienvogel unter die Pfoten, er nimmt alles mit und verschmäht nichts. So jammerte und klagte unser Held, und doch arbeitete sein Kopf unaufhörlich weiter. Unabläßlich wollte sich etwas formen und wartete nur auf den Plan zu dem neu zu errichtenden Bau. Und wiederum schrumpfte er zusammen, wieder begann er ein hartes Arbeitsleben, wieder schränkte er sich in allem ein, wieder stieg er aus der Sphäre des Wohlstandes und der Reinheit in den Schmutz und das Elend des Daseins hinab. In Erwartung eines Besseren ließ er sich sogar dazu herbei, das Amt eines Gerichtsvollziehers zu übernehmen, ein Beruf, der sich bei uns noch nicht das Bürgerrecht erkämpft hat, dessen Träger von allen Seiten Püffe und Stöße erdulden müssen, von den niederen Gerichtsbeamten und von ihren Vorgesetzten verachtet werden und zum Antichambrieren, zum Erleiden jeglicher Grobheiten und Beleidigungen verurteilt sind. Allein die Not machte unsern Helden zu allem fähig. Unter den mancherlei Aufträgen, mit deren Ausführung er betraut wurde, gab es auch folgenden: es sollten einige hundert Bauern bei Vormundschaftsgericht verpfändet werden. Das Gut, zu dem die Bauern gehörten, stand vor dem Ruin. Furchtbare Viehseuchen, die Mißwirtschaft spitzbübischer Verwalter, Epidemien, denen die besten Arbeiter zum Opfer fielen, Mißernten und nicht zum mindesten die Unvernunft des Gutsherrn hatten es dem Ruin entgegengeführt. Der Besitzer hatte sich in Moskau ein modernes Haus im neusten und vornehmsten Geschmack erbaut, dabei aber war sein ganzes Vermögen bis zur letzten Kopeke draufgegangen, so daß ihm kaum noch was zum Essen übrig blieb. So sah er sich denn gezwungen, sein einziges Gut, das ihm noch übrig geblieben war, zu verpfänden. Hypothekengeschäfte mit dem Staate waren damals noch ziemlich unbekannt und erst vor kurzem eingeführt, daher entschloß man sich nicht ohne inneres Unbehagen zu einem solchen Schritt. Tschitschikow hatte in seiner Eigenschaft als Gerichtsvollzieher sämtliche Vorbereitungen zu treffen; vor allem sorgte er, daß auch alle Anwesenden in der rechten Stimmung waren (ohne diese vorbereitende Maßnahme ist es bekanntlich nicht einmal möglich, die einfachsten Erkundigungen einzuziehen — unter einer Flasche Madeira pro Kopf geht’s jedenfalls nicht ab), nachdem er also alle, auf die es hierbei ankam, in die rechte Geistesverfassung versetzt hatte, erklärte er ihnen: es gäbe bei dieser Sache noch einen Umstand, der unbedingt berücksichtigt werden müsse: „die Hälfte der Bauern sei gestorben, da müsse man sich in acht nehmen, daß später nicht etwa Klagen laut würden ...“ „Sie stehen aber doch in der Revisionsliste, nicht wahr?“ sagte der Sekretär. „Freilich,“ erwiderte Tschitschikow. „Nun was fürchten Sie denn dann noch?“ sagte der Sekretär. „Der eine stirbt, ein andrer wird geboren, nun gut, dann ist doch nichts verloren.“ Wie man sieht, verstand es der Sekretär in Versen zu sprechen. Hier aber blitzte in unserem Helden der genialste Gedanke auf, der je einem Menschen in den Kopf gekommen war. „O, ich Einfaltspinsel!“ sprach er zu sich selbst, „ich suche meine Handschuhe und sie stecken ruhig in meinem Gürtel! Hätte ich mir all diese Leute, welche gestorben sind, gekauft, noch ehe die neuen Revisionslisten aufgestellt wurden; hätte ich sie mir, sagen wir einmal, für tausend Rubel erworben und dann beim Vormundschaftsgericht verpfändet; dann hätte ich zweihundert Rubel für die Seele bekommen, und das würde heute genau zweimal hunderttausend Rubel ausmachen! Und dazu ist jetzt gerade der günstigste Augenblick: die Epidemie ist erst eben vorüber, die hat gottlob nicht wenige das Leben gekostet! Die Gutsbesitzer haben ihr Geld verspielt, zechen jetzt herum, und haben ihr ganzes Vermögen durchgebracht; alles will nach Petersburg und in den Staatsdienst treten: die Güter liegen darnieder, die Verwalter kümmern sich kaum um sie, mit jedem Jahre wird’s schwerer, die Steuern einzutreiben; wie gern wird mir da jeder seine toten Bauern abtreten, nur um keine Kopfsteuer für sie bezahlen zu müssen, ja am Ende nehme ich noch diesem oder jenem ein paar Kopeken dafür ab. Das ist natürlich nicht leicht, es kostet viele Mühe, man muß ewig in Sorgen schweben, daß man hereinfällt, und daß eine neue Geschichte daraus entsteht. Aber wozu hat denn der Mensch schließlich seinen Verstand? Das Gute dabei ist ja eben dies: daß die Sache so unwahrscheinlich ist: niemand wird es recht glauben wollen. Freilich ohne Land kann man sie weder kaufen noch verpfänden; aber ich werde sie eben zu Ansiedelungszwecken kaufen, natürlich: zu Ansiedelungszwecken; jetzt bekommt man ja das Land im Gouvernement Taurien und Cherson fast umsonst; dort kannst du kolonisieren soviel dein Herz begehrt! Ich führe sie eben einfach dorthin: ins Chersonsche Gouvernement; da mögen sie meinetwegen leben! Und die Ansiedelung läßt sich ja auf ganz gesetzlichem Wege vollziehen, nach allen Regeln der Kunst, durch das Gericht. Wenn sie ein Zeugnis verlangen, gut, ich habe nichts dagegen: Warum nicht? Ich werde auch ein Zeugnis mit der eigenhändigen Unterschrift irgend eines Kreisrichters vorlegen. Das Gut wird „Tschitschikowka“ oder nach meinem Taufnamen „Pawlowskoje“ genannt.“ So kam im Kopfe unseres Helden dieser seltsame Plan zustande; ich weiß garnicht, ob ihm die Leser sehr dankbar für ihn sein werden, dagegen läßt es sich kaum ausdrücken, wie sehr der Verfasser sich ihm verpflichtet fühlt; wie dem auch sei, wäre Tschitschikow nicht auf diesen Gedanken gekommen — nie hätte diese Dichtung das Licht der Welt erblickt.

Er schlug nach russischer Sitte ein Kreuz und ging an die Ausführung seines großen Planes. Indem er vorschützte, er suche sich ein Plätzchen, wo er sich niederlassen könne, und noch unter mancherlei anderen Vorwänden, begann er damit, sich alle Ecken und Enden unseres Reiches anzusehen, vorzüglich aber die, welche mehr als andere unter allerhand Unglücksfällen zu leiden hatten, als da sind: Mißernten, Todesfälle usw. usw. Mit einem Wort, wo sich ihm die günstigste Gelegenheit bot, sich möglichst billig Bauern zu erwerben, deren er ja bedurfte. Dabei wandte er sich nicht aufs geradewohl an den ersten besten Gutsbesitzer, sondern wählte sich Leute nach seinem Geschmack aus, nämlich solche, mit denen sich ein Geschäft dieser Art ohne große Schwierigkeiten abwickeln ließ. Hierbei suchte er zunächst ihre nähere Bekanntschaft zu machen und ihre Zuneigung zu gewinnen, um die Bauern womöglich zum Geschenk zu erhalten und sie nicht bar bezahlen zu müssen. Daher darf der Leser auch dem Autor nicht böse sein, wenn die Personen, die bisher im Laufe unserer Erzählung auftraten, nicht immer nach seinem Geschmacke waren: das ist Tschitschikows Schuld; denn hier ist er der Herr der Situation, und wir müssen ihm folgen, wohin zu wandern es ihm einfällt. Wir unsererseits können, wenn man uns den Vorwurf macht, unsere Personen und Charaktere seien unscheinbar und blaß, nur immer wieder sagen, daß man im Beginn einer Sache nie ihren ganzen Umfang und die ganze Breite und Tiefe ihres Verlaufs ermessen kann. Die Einfahrt in eine Stadt, und sei es selbst die in die Reichshauptstadt, ist immer uninteressant. Zunächst erscheint alles grau und einförmig. Endlose Fabriken und rauchgeschwärzte Werkstätten ziehen sich in trübseliger Monotonie dahin. Erst später erscheinen die Ecken sechsstöckiger Häuser, vornehme Läden, Aushängeschilder, die langen Zeilen der Straßen mit Türmen, Säulen, Denkmälern, Kirchen, mit ihrem Straßenlärm und Glanz und all den Wundern, die Menschenhand und Menschengeist erschaffen. Wie die ersten Einkäufe zustande kamen hat der Leser selbst gesehen; wie die Sache weiter gehen wird, welche Erfolge und Mißerfolge unsern Helden erwarten, was für Hindernisse weit schwierigerer Art er zu besiegen und zu überwinden haben wird, wie dann gewaltige Gestalten vor uns auftreten, wie sich die geheimsten Hebel unserer sich breit ergießenden Erzählung in Bewegung setzen werden, wie der Horizont auseinander treten, und sie selbst in majestätisch-lyrischem Strome dahinfluten wird, dies werden wir später sehen. Ein weiter Weg ist’s, den unsere Brigade zurückzulegen hat bestehend aus einem Herrn mittleren Alters, einer Kutsche, wie die Junggesellen zu benutzen pflegen, dem Diener Petruschka, dem Kutscher Seliphan und dem Dreigespann edler Rosse, denen wir ja vorgestellt sind, vom Assessor bis zum niederträchtigen Schecken. Da haben wir unsern Helden wie er leibt und lebt. Aber vielleicht wird man noch eine Charakteristik durch einen letzten Strich von mir verlangen: was ist er für ein Mann nach der Seite seiner moralischen Qualitäten? Daß er kein Held, erfüllt von allen Tugenden, Vorzügen und allen nur möglichen Vollkommenheiten ist — das ist evident. Wer also ist er? Folglich wohl ein Schurke? Warum ein Schurke? Warum sollen wir so streng gegen andere Leute sein? Jetzt gibt’s bei uns keine Schurken mehr. Es gibt wohlgesinnte, gesinnungstüchtige, angenehme Menschen, aber solche, die ihre Physiognomie zur öffentlichen Beschimpfung darbieten müßten, um den Streich auf die Wange in Empfang zu nehmen, gibt es nur sehr selten. Von dieser Sorte werden wir kaum zwei bis drei finden und selbst sie reden heute schon laut von der Tugend. Das Richtigste wäre es wohl, ihn einen guten Wirt oder ein Erwerbsgenie zu nennen. Der Erwerbstrieb — trägt die Schuld an allem: er ist die Ursache all jener Affären und Geschäfte, die die Welt „nicht ganz sauber“ nennt. Freilich, so ein Charakter hat schon etwas Abstoßendes an sich, und derselbe Leser, der sich auf seinem Lebenswege mit so einem Menschen anfreundet, ihn in sein Haus einführt und manche angenehme Stunde mit ihm verbringt, wird ihn mißtrauisch ansehen, sowie er ihm in irgend einem Drama oder einer Dichtung begegnet. Aber dreimal weise ist der, der überhaupt keinen Charakter verabscheut, sondern prüfend seinen Blick auf ihn heftet und ihn begreifen lernt in seinen innersten Triebfedern; wie schnell wandelt sich alles im Menschen: eh man sich’s versieht, hat sich im Innern ein furchtbarer Wurm eingenistet, der wächst und wächst und alle Lebenskräfte herrisch in sich aufsaugt. Und mehr als einmal schon geschah es, daß in einem Menschen, der zu Höherem geboren war, nicht nur eine übermächtige Leidenschaft gewaltig emporwuchs und erstarkte, nein oft schon ließ ein armseliger minderwertiger Trieb ihn all seine hohen und heiligen Pflichten vergessen und in elenden Nichtigkeiten etwas Großes und Verehrungswürdiges sehen. Unendlich wie der Sand am Meere sind des Menschen Leidenschaften, und keine gleicht der andern, alle sind sie dem Menschen im Anfang gefügig und gehorsam, die hohen wie die niedrigen, und erst später werden sie zu furchtbaren Despoten. Selig ist der zu preisen, der sich unter allen die herrlichste Leidenschaft erwählte: er wächst und mehrt sich täglich und stündlich sein grenzenloses Glück, tiefer und immer tiefer dringt er ein in das unendliche Paradies seiner Seele. Aber es gibt Leidenschaften, deren Wahl nicht vom Menschen abhängt. Sie werden mit ihm geboren in der Stunde, da er zur Welt kommt, und keine Kraft ward ihm gegeben, sie weit von sich zu stoßen. Ein höherer Plan ist es, der sie lenkt, und es liegt etwas in ihnen, das ewig ruft und lockt und keinen Augenblick im Leben verstummt. Ihre große irdische Laufbahn zu vollenden ist ihre Bestimmung, ob sie nun als finstere Gestalten vorüberwandeln oder als herrlich leuchtende Erscheinungen, die den lauten Jubel der Welt entfachen, indem sie an uns vorüberziehen — ganz gleich — sie kamen, um das dem Menschen unbekannte Gute zu erfüllen. Und vielleicht stammt auch die Leidenschaft die unseren Helden Tschitschikow lenkt und vorwärtstreibt nicht aus ihm selber, und es liegt auch in seinem kalten frostigen Dasein etwas beschlossen, was einstmals den Menschen auf die Kniee und in den Staub niederzwingen wird vor der Weisheit des Himmels. Und es ist noch ein Geheimnis, warum diese Gestalt gerade in dieser Dichtung erscheinen mußte, die hiermit den Schauplatz der Welt betritt.

Aber nicht das ist das Bittere, daß man mit unserem Helden unzufrieden sein wird; weit bitterer und schmerzlicher ist dieses: in meiner Seele lebt die unumstößliche Gewißheit, daß die Leser dennoch und trotz alledem mit diesem Helden, mit demselben Tschitschikow zufrieden sein könnten. Hätte der Autor ihm nicht so tief ins Herz geblickt, hätte er nicht alles aufgerührt, was im tiefsten Grunde seiner Seele lebt und nur dem Blick der Welt entgeht und verborgen bleibt, hätte er nicht seine geheimsten Gedanken enthüllt, die kein Mensch dem andern vertraut, sondern ihn so gezeigt, wie er der ganzen Stadt, Manilow und all den anderen — erschienen war, — so wären alle Leute sehr befriedigt, und jeder würde ihn für einen äußerst interessanten Menschen halten. Freilich wäre dann sein Bild und seine Gestalt nicht so lebendig vor unser Auge getreten: dafür hätte auch keine Erregung in unserer Seele nachgezittert, nachdem wir das Buch aus der Hand gelegt hätten, und wir könnten uns ruhig wieder an unseren Kartentisch setzen, welcher der Trost und die Freude ganz Rußlands ist. Ja meine braven Leser, ihr wollt der Menschen nackte Armut lieber nicht sehen: „Warum nur?“ sprecht ihr, „wozu dient das alles? Wissen wir denn nicht selber, daß es gar viel Verächtliches und Törichtes in der Welt gibt? Auch ohnedies muß man oft Dinge sehen, die keineswegs tröstlich sind. Zeigt uns doch lieber das Schöne, das was entzückt und begeistert! Helft uns, uns lieber selbst zu vergessen!“ — „Warum sagst du mir, daß es schlecht um meine Wirtschaft steht, Bruder?“ sagt ein Gutsbesitzer zu seinem Verwalter „ich weiß das auch ohne dich, lieber Freund: kannst du denn wirklich nicht von etwas andrem reden? Wie? Hilf mir lieber das alles zu vergessen, und nicht daran zu denken — dann bin ich glücklich.“ Und so wird das Geld, das dazu hätte dienen können, um das Gut etwas in die Höhe zu bringen, für allerhand Mittelchen ausgegeben, um sich selbst zu vergessen. Der Geist wird eingeschläfert, der vielleicht plötzlich einen Quell gewaltiger Reichtümer entdeckt hätte; das Gut kommt unter den Hammer, der Gutsherr muß betteln gehen, um sich zu vergessen; mit einer Seele, die zu jeder äußersten Niedertracht und Gemeinheit bereit ist, vor denen er selbst einst zurückgeschreckt wäre.

Noch eine andere Klage wird gegen den Autor laut; sie rührt von den sogenannten Patrioten her, welche ruhig in ihren Winkeln sitzen und sich mit ganz gleichgültigen Dingen abgeben: sich ein Kapital aufhäufen und sich ein schönes Los auf Kosten anderer bereiten; sowie aber etwas geschieht, was nach ihrer Meinung dem Vaterland zur Unehre gereicht, sowie irgend ein Buch erscheint, das eine bittre Wahrheit enthält — dann kommen sie aus allen Ecken und Winkeln herausgekrochen, wie die Spinnen, welche eine Fliege entdeckt haben, die sich in ihr Netz verstrickte, und erheben ein lautes Geschrei: „Ja, ist es denn gut, solche Dinge ans Licht zu bringen, sie offen zu verkünden. All das, was da beschrieben wird, gehört ja zu uns — ist’s also klug, so etwas zu tun? Und was sollen die Ausländer sagen? Ist es denn angenehm, zu hören, daß andre Leute schlecht von uns reden?“ Und sie denken: tut es uns denn nicht weh? Denken: sind wir etwa nicht Patrioten? Auf solch weise Bemerkungen, besonders hinsichtlich der Ausländer, kann ich keine passende Antwort finden. Es wäre denn etwa diese: In irgend einem entlegenen Winkel Rußlands lebten einmal zwei Männer. Der eine war der Vater einer großen Familie und hieß Kifa Mokiewitsch; er war ein sanfter friedlicher Mensch, der ein Freund eines bequemen und ruhigen Lebens war. Mit seiner Familie beschäftigte er sich kaum; sein Dasein war mehr der Spekulation gewidmet, ihn beschäftigten in erster Linie „philosophische Fragen“ wie er sie nannte: „Nehmt z. B. das Tier,“ pflegte er zu sagen, indem er im Zimmer auf und abging, „das Tier wird doch ganz nackt geboren. Warum gerade nackt? Warum nicht vielmehr befiedert wie der Vogel: warum kriecht es z. B. nicht aus dem Ei? Nein, wirklich, es ist sonderbar ... man versteht die Natur immer weniger, je mehr man sich in sie vertieft!“ So dachte der Bürger Kifa Mokiewitsch. Aber das war noch nicht das Wichtigste. Der andre Bürger war Mokij Kifowitsch, sein leiblicher Sohn. Er war das, was man in Rußland einen Helden zu nennen pflegt, und während sich der Vater mit der Geburt des Tieres beschäftigte, drängte es seine zwanzigjährige, breitschultrige Gestalt mit aller Macht danach, sich zu entfalten und auszuleben. Er konnte nie eine Sache leicht und nur so obenhin in Angriff nehmen — stets brach sich jemand dabei den Arm oder er trug eine Beule auf der Nase davon. Zu Hause und in der Nachbarschaft liefen alle, von den Mädchen auf dem Hofe — bis auf den letzten Hund — davon, wenn sie ihn erblickten, sogar sein eigenes Bett, das in seinem Schlafzimmer stand, schlug er in Trümmer. So war Mokij Kifowitsch, sonst aber war er ein braver, gutmütiger Mensch. Jedoch das ist nicht das Wichtigste. Das Wichtigste hierbei ist das, was nun kommt: „Ich bitt dich gnädiger Herr Kifa Mokiewitsch,“ sagten die eigenen und fremden Knechte und Mägde zum Vater: „was ist dein Mokij Kifowitsch doch für ein Herr? Der läßt keinen Menschen in Ruhe, ist der zudringlich!“ „Ja, ja, etwas mutwillig ist er schon,“ erwiderte gewöhnlich der Vater: „aber was ist da zu tun? Hauen kann ich ihn doch nicht mehr, alle Menschen würden über meine Härte und Grausamkeit schreien, und dann ist er ein so ehrgeiziger Mensch; wenn ich ihm in Gegenwart anderer Leute einen Vorwurf machte — würde er sich wohl in acht nehmen; aber vergeßt auch die Öffentlichkeit nicht — das ist eben das Unglück. Wenn die Stadt es erfährt, wird sie ihn gleich einen Schweinehund nennen. Glaubt ihr denn, daß mir das nicht weh tun würde? Bin ich denn nicht sein Vater? Meint ihr, weil ich mich mit der Philosophie beschäftige und mitunter keine Zeit für andere Dinge habe, sei ich nicht Vater? O nein, ihr irrt euch. Ich bin Vater, jawohl ich bin Vater, zum Teufel noch einmal, das laß ich mir nicht nehmen. Mokij Kifowitsch — der sitzt mir hier ganz tief im Herzen.“ Und Kifa Mokijewitsch schlug sich mit der Faust kräftig auf die Brust und geriet in die größte Erregung: „Und wenn er schon sein Leben lang ein Schweinehund bleiben sollte, so soll man es wenigstens nicht von mir erfahren; ich kann ihn doch nicht verraten!“ Nachdem er so von seinem väterlichen Gefühl Zeugnis abgelegt hatte, ließ er Mokij Kifowitsch ruhig seine Heldentaten fortsetzen und kehrte selbst zu seinen geliebten Gegenständen zurück, indem er sich plötzlich irgend eine Frage wie etwa die folgende vorlegte: „Hm, wenn die Elefanten Eier legten, müßten die Eierschalen da nicht so dick sein, daß keine Kanonenkugel sie zertrümmern könnte; ja, ja, es ist Zeit ein neues Schießwerkzeug zu erfinden!“ So verbrachten unsere zwei Bewohner des friedlichen Erdenwinkels ihr Leben, sie, die am Schluß unserer Dichtung so plötzlich wie aus einem Fenster hervorguckten, um ihre bescheidene Antwort auf den Vorwurf glühender Patrioten vorzubringen, welche sich vielleicht lange ganz ruhig mit irgendwelchen Philosophemen oder mit der Vergrößerung ihres Wohlstandes auf Kosten des von ihnen so glühend geliebten Vaterlandes beschäftigten und keineswegs darum besorgt sind, daß nur nichts Böses geschieht, sondern allein darum, daß nur ja niemand sage, sie täten Schlimmes. Doch nein, weder der Patriotismus noch jenes erste Gefühl sind der Grund all dieser Anklagen und Vorwürfe. Dahinter versteckt sich etwas ganz andres. Warum soll ich es verheimlichen? Wer anders, wenn nicht der Autor hätte die Pflicht, die heilige Wahrheit zu verkündigen? Ihr fürchtet den tiefen forschend auf euch gerichteten Blick. Ihr wagt es nicht, diesen Blick selbst auf die Gegenstände zu richten, ihr liebt es, mit blinden Augen gedankenlos über alles hinwegzugleiten. Ihr werdet vielleicht auch von Herzen über Tschitschikow lachen: vielleicht sogar den Autor loben und sagen: „Übrigens, manches hat er wirklich sehr fein beobachtet! Das muß doch ein Mensch von heiterem Temperament sein!“ Und nach diesen Worten werdet ihr mit verdoppeltem Stolze zu euch selbst zurückkehren, ein selbstgefälliges Lächeln wird euer Gesicht verklären, und ihr werdet fortfahren: „Man muß doch sagen: in einigen Gegenden Rußlands gibt es wirklich höchst merkwürdige und komische Menschen, und recht abgefeimte Schurken dazu!“ Doch wer von euch wird sich voll christlicher Demut, nicht laut und öffentlich, sondern in aller Stille, in jenen Augenblicken wo die Seele einsame Selbstgespräche mit sich führt, tief im Innern die Frage vorlegen: „Wie? lebt nicht vielleicht auch in mir etwas von Tschitschikow?“ Warum nicht gar. Laßt dagegen irgend einen Beamten, einen Mann mittleren Ranges an einem andern vorübergehn — sofort wird er seinen Nachbarn anstoßen, und während er sich fast ausschütten möchte vor Lachen, zu ihm sagen: „Sieh, sieh, das ist Tschitschikow, da geht er vorüber!“ Und er wird allen Anstand, den er seinem Rang und Alter schuldig ist, vergessen, ihm wie ein Kind nachlaufen, ihn verhöhnen, necken und ihm nachrufen: „Tschitschikow! Tschitschikow! Tschitschikow!“

Aber wir sprechen so laut und vergessen ganz, daß unser Held, der während der Erzählung seiner Lebensgeschichte fest schlief, schon aufgewacht ist und leicht hören könnte, daß man seinen Familiennamen so oft wiederholt. Er ist doch ein Mensch, der sich leicht gekränkt fühlt und sehr unzufrieden ist, wenn man ohne die schuldige Achtung von ihm spricht. Dem Leser kann’s freilich ziemlich gleich sein, ob ihm Tschitschikow böse ist oder nicht; was dagegen den Autor anbelangt, so darf er sich unter keinen Umständen mit seinem Helden veruneinigen: er hat noch manches Stück Weges Hand in Hand mit ihm zurückzulegen; noch liegen zwei große Teile dieser Dichtung vor ihm, und das ist doch wirklich keine Kleinigkeit.

„He, he! Was fällt dir ein!“ rief Tschitschikow Seliphan zu, „du ...?“