Ferner wäre es sehr gut, wenn sich ein Mensch aus dem höheren Stande finden würde, welcher durch alles — durch das Leben selbst und durch seine Bildung — jenen Kreisen fernsteht, die in meinem Buche geschildert sind, der aber das Leben des Standes kennt, zu dem er selbst gehört, und wenn ein solcher Mensch sich entschließen könnte, mein Buch auf die gleiche Weise von Anfang an zu lesen, alle Menschen der höheren Stände an seinem geistigen Auge vorüber ziehen zu lassen und streng darauf zu achten, ob es nicht doch etwas Gemeinsames zwischen allen Ständen gibt, ob sich nicht doch zuweilen in den höheren Kreisen dasselbe wiederholt, was in den niederen Sphären zu geschehen pflegt? Und wenn er nun alles, was ihm hierüber einfällt, das heißt also jedes Vorkommnis aus den höheren Gesellschaftskreisen, das zur Bestätigung oder Widerlegung dieses Gedankens dienen kann, ganz so schildern wollte, wie es sich vor seinen Augen abspielte, ohne die Menschen selbst mit ihren Sitten, Neigungen und Gewohnheiten zu vergessen oder die seelenlosen Sachen, die sie umgeben, zu übergehen, von der Kleidung bis hinab zu den Möbeln und den Mauern der Häuser, die sie bewohnen. Ich muß diesen Stand kennen, der die Blüte der Nation repräsentiert. Ich kann die letzten Bände meines Werkes nicht in die Welt hinausgehen lassen, bevor ich das Leben Rußlands nach all seinen Seiten kennen gelernt habe, wenigstens in dem Maße, als dies für mein Werk notwendig ist.
Auch wäre es nicht schlecht, wenn irgend jemand, der mit einer reichen Phantasie und der Fähigkeit ausgestattet ist, sich alle möglichen menschlichen Verhältnisse recht lebhaft vorzustellen, und die Menschen in Gedanken auf Schritt und Tritt in allen Lebenslagen zu begleiten — mit einem Wort, wenn jemand der es versteht, sich in den Geist eines jeden Autors, den er liest, hinein zu versetzen oder seine Ideen weiter zu führen und zu entfalten — jede Person, die ich in meinem Buche auftreten lasse, aufmerksam verfolgen und mir dann sagen wollte, wie sie sich in diesem oder jenem Falle verhalten muß, was ihr, nach dem Anfang zu schließen, im weiteren Verlauf der Erzählung zustoßen müßte, was für neue Situationen sich hieraus ergeben könnten, und was ich wohl noch zu meiner Beschreibung hinzufügen sollte; ich würde nämlich dies alles sorgsam berücksichtigen bis zu der Zeit, wo mein Buch in einer neuen, besseren und würdigeren Ausgabe vor den Leser treten wird.
Um eines noch möchte ich den, der mich durch seine Anmerkungen erfreuen will, herzlichst bitten: wenn er sie niederschreibt, soll er nicht daran denken, daß er sie für einen Menschen schreibt, der ihm an Bildung gleich steht, der denselben Geschmack und dieselben Gedanken hat, wie er selbst, und vieles auch ohne weitere Erklärungen verstehen wird; vielmehr bitte ich ihn, so zu tun, als ob er einen Menschen vor sich hat, der sich in bezug auf Bildung nicht mit ihm messen kann, und der fast gar nichts gelernt hat. Es wäre vielleicht noch besser, wenn er sich an meiner Statt irgend einen Wilden vorstellen würde, der sein ganzes Leben in einem entlegenen Dorfe verbracht hat, dem man jede kleinste Einzelheit umständlich erklären muß, wenn er sie verstehen soll, und dem gegenüber man sich der einfachsten Ausdrucksweise befleißigen muß, fast wie vor einem Kinde, um nur ja kein Wort zu gebrauchen, das über seinen Horizont geht. Wenn jeder das stets im Auge behalten wird, wenn jeder von denen, die dazu bereit sind, ihre Bemerkungen zu meinem Buche niederzuschreiben, das stets im Auge behält, dann werden diese Anmerkungen noch weit interessanter werden und noch mehr an Wert gewinnen, als er es selbst glaubt; mir aber wird er einen großen und wahrhaften Dienst erweisen.
Wenn es sich also so fügen sollte, daß meine Leser meinen Herzenswunsch berücksichtigen und erfüllen, und wenn sich unter ihnen wirklich ein paar Menschen von so gutem Herzen finden sollten, die bereit wären, meine Bitte zu erfüllen, dann können sie mir ihre Anmerkungen auf folgendem Wege übersenden: sie mögen ein an mich adressiertes Paket in ein andres Paket einpacken und dieses an eine der hier nambar gemachten Personen schicken: entweder an den Rektor der St. Petersburger Universität Seine Exzellenz Peter Alexandrowitsch Pletnew (zu adressieren an die Universität von St. Petersburg) oder an den Professor der Moskauer Universität S. H. Stepan Petrowitsch Schewyrew (zu adressieren an die Universität Moskau) je nachdem, welche Stadt dem Absender näher liegt.
Zuletzt spreche ich noch allen Journalisten und Literaten überhaupt, meinen aufrichtigen Dank aus für die Rezensionen und Besprechungen, welche sie meinem Buche angedeihen ließen; sie haben meinem Herzen und meiner Seele, trotz mancher Maßlosigkeiten und Übertreibungen, wie sie nun mal in der menschlichen Natur liegen, einen großen Vorteil und Nutzen gebracht, und daher bitte ich sie alle, mich auch diesmal mit ihrem Urteil nicht im Stiche zu lassen. Ich kann ihnen das aufrichtige Versprechen geben, daß ich alles was sie mir zu meiner Aufklärung und Belehrung zu sagen haben, mit Dank entgegennehmen werde.
II.
Reflexionen,
die sich auf den ersten Teil beziehen.
Die Idee einer Stadt — äußerster Grad von Hohlheit des in ihr herrschenden Treibens. Klatschereien und Zwischenträgereien, die alle Grenzen übersteigen. Wie dies alles aus dem Müßiggang entspringt und den höchsten Grad der Lächerlichkeit angenommen hat, und wie ganz gescheite Leute schließlich dazu kommen, die größten Dummheiten zu begehen.
Einzelheiten aus den Gesprächen der Frauen. Wie sich in die allgemeinen Klatschereien noch solche von privatem Charakter mischen, und wie hierbei keine die andere schont. Wie Gerüchte und Vermutungen entstehen. Wie diese Vermutungen den Gipfel der Lächerlichkeit erreichen. Wie alle unwillkürlich an diesen Klatschereien teilnehmen, und wie Pantoffelhelden und Weiberknechte entstehen.
Wie die Hohlheit, die Ohnmacht und Tatenlosigkeit des Lebens abgelöst werden durch einen trüben, nichtssagenden Tod. Wie sinnlos dieses furchtbare Ereignis eintritt und vorübergeht. Nichts bewegt sich. Der Tod überrascht dieses völlig unbewegte Leben. Dem Leser muß jedoch die tote Gefühllosigkeit des Lebens dadurch noch furchtbarer erscheinen.
Die entsetzliche Dämmerung des Lebens zieht vorüber, darin liegt ein tiefes Mysterium verborgen. Ist das nicht etwas ganz Furchtbares? Dieses sich aufbäumende rebellierende müßige Leben — ist es nicht eine Erscheinung von furchtbarer Größe? ... Leben! ... Im Ballkostüm, im Frack, da, wo man klatscht und Visitenkarten wechselt — da glaubt keiner an den Tod ....