„Hör mal, Fetinja!“ sagte die Hausfrau, indem sie sich an das Weib wandte, das mit dem Licht auf die Treppe hinausgetreten war und schon ein Unterbett hereinbrachte, welches sie mit beiden Händen aufschüttelte, sodaß eine ganze Wolke von Daunen durch das Zimmer flog. „Nimm doch den Rock und den Mantel und trockne ihn am Feuer, wie du es dem seligen Herrn zu tun pflegtest, und klopfe und bürste ihn nachher gründlich aus.“

„Jawohl, gnädige Frau!“ sagte Fetinja, indem sie ein Laken über das Unterbett breitete und ein paar Kopfkissen darauflegte.

„So, nun ist das Bett fertig!“ sagte die Hausfrau. „Gute Nacht, Väterchen, schlaf gut. Brauchst du nicht noch irgend etwas? Vielleicht bist du es gewöhnt, daß dir jemand die Fersen streicht. Mein seliger Mann konnte ohne das gar nicht einschlafen.“

Aber der Gast verzichtete auch auf dies Vergnügen. Die Hausfrau ging hinaus, worauf er sich schleunigst entkleidete. Er gab Fetinja seine ganze Rüstung, die obere wie die untere, und sie zog mit den nassen Trophäen ab, nachdem sie ihm gleichfalls eine gute Nacht gewünscht hatte. Als er allein war, vertiefte er sich nicht ohne Vergnügen in die Betrachtung seines Bettes, das beinahe bis an die Decke reichte. Er stellte einen Stuhl daran, stieg mit seiner Hilfe ins Bett, das unter ihm beinahe bis zum Fußboden herabsank, und die aus ihren Schranken verdrängten Daunen flogen nach allen Richtungen im Zimmer auseinander. Nachdem er das Licht ausgelöscht hatte, zog er sich die Kattundecke über den Kopf, rollte sich unter ihr wie eine Brezel zusammen und schlief ohne Verzug ein. Am andern Tage wachte er ziemlich spät auf. Die Sonne schien ihm durch das Fenster gerade ins Gesicht, und die Fliegen, die gestern abend ruhig an den Wänden und an der Decke geschlafen hatten, wendeten ihm jetzt ihre ganze Aufmerksamkeit zu: eine setzte sich ihm auf die Unterlippe, eine andre aufs Ohr, eine dritte traf Anstalten, sich ihm aufs Auge zu setzen; eine dagegen, welche so unvorsichtig war, gerade unterm Nasenloch Platz zu nehmen, zog er beim Erwachen mit einem Atemzuge in die Nase hinein, was ihn natürlich veranlaßte, kräftig zu niesen — ein Umstand, der den Grund für sein Erwachen abgab. Er warf einen Blick auf das Zimmer und bemerkte jetzt, daß nicht nur Vogelbilder an der Wand hingen, es fand sich auch ein Porträt von Kutusow und ein Ölgemälde, das einen alten Mann in einer Uniform mit roten Aufschlägen, wie man sie unter Pawel Petrowitsch trug, darstellte. Die Wanduhr schnarrte und schlug neun; der Kopf einer Frau guckte zur Türe hinein und verschwand sofort wieder, denn Tschitschikow hatte seine sämtlichen Kleidungsstücke abgelegt, um besser einschlafen zu können. Das Gesicht kam ihm übrigens bekannt vor. Er suchte sich zu erinnern, wer das wohl gewesen sein könnte, und besann sich schließlich darauf, daß es die Wirtin selbst war. Er zog schnell sein Hemd an, seine Kleider lagen trocken und reingebürstet neben ihm. Nachdem er sich angekleidet hatte, trat er vor den Spiegel und nieste noch einmal so laut, daß ein Truthahn, der sich gerade dem Fenster genähert hatte — es lag nicht sehr hoch über dem Erdboden — plötzlich laut zu gackern anfing und ihm in seiner seltsamen Sprache ganz schnell etwas zurief, wahrscheinlich sollte es soviel bedeuten als „Prosit“, worauf ihn Tschitschikow einen Trottel nannte. Dann trat er ans Fenster, um sich die Gegend anzusehen; das Fenster ging, wie es schien, auf den Hühnerhof hinaus; wenigstens war der kleine enge Hof, der vor ihm lag, voller Vögel und anderer Haustiere. Eine unendliche Anzahl von Hühnern und Puten tummelte sich dort umher; zwischen ihnen hindurch stolzierte gemessenen Schrittes ein Hahn, schüttelte seinen Kamm und legte seinen Kopf auf die Seite, als lausche er auf etwas. Auch eine Schweinefamilie war hier vertreten; das alte Mutterschwein wühlte in einem Schutthaufen herum, wie im Vorbeigehen verschlang es ein Küchel und fuhr gleich darauf wieder ruhig fort, die Schalen alter Wassermelonen, die hier herumlagen, weiter zu fressen. Dieser kleine Hof oder Hühnerhof wurde von einem Bretterzaun umgrenzt, hinter dem sich große Gemüsegärten mit Kohl, Zwiebeln, Kartoffeln, roten Rüben und anderen Gemüsearten ausdehnten. In den Gemüsegärten bemerkte man hie und da Apfelbäume und andere Obstbäume, die zum Schutz gegen die Elstern und Sperlinge mit Netzen bedeckt waren. Und in der Tat schwirrten die Spatzen immerfort wie eine schräge Wolke von einer Stelle zur andern. Aus demselben Grunde waren mehrfach Vogelscheuchen auf langen Stangen und mit ausgebreiteten Armen aufgestellt; eine von ihnen hatte sogar die Haube der Hausfrau auf. Auf den Gemüsegarten folgten Bauernhütten, die zwar recht zerstreut dalagen und keine regelmäßige Häuserflucht mit Plätzen und Straßen bildeten, aber doch nach Tschitschikows Ansicht vom Wohlstand der Bewohner zeugten, denn sie waren alle gut instand gehalten: das Bretterdach war überall renoviert, wo es alt und schlecht zu werden begann, nirgends sah man ein schiefes verfallenes Tor, und in den gedeckten Scheunen und Ställen, in die man vom Fenster aus hineinsehen konnte, erblickte er meist einen, häufig aber auch zwei beinah neue Reservewagen. „Hm! Das Dörflein ist gar nicht so klein!“ sagte er zu sich selbst und beschloß sogleich, mit der Hausfrau zu sprechen, um sie näher kennen zu lernen. Er guckte durch die Türspalte, durch die sie ihren Kopf hineingesteckt hatte, und als er sie am Teetisch sitzen sah, trat er ins Zimmer und ging ihr heiter und freundlich entgegen.

„Guten Tag, Väterchen! Wie haben Sie geruht?“ sagte die Hausfrau, indem sie sich von ihrem Platze erhob. Sie war heute eleganter gekleidet als gestern und hatte statt der Nachthaube ein schwarzes Häubchen auf dem Kopfe. Der Hals war jedoch noch immer mit allerhand Tüchern umwickelt.

„Vortrefflich, ausgezeichnet,“ sprach Tschitschikow und ließ sich im Lehnsessel nieder. „Und Sie, Mütterchen?“

„Schlecht! Väterchen!“

„Wieso?“

„Ich kann nicht schlafen. Das Kreuz tut mir weh, und mein Bein schmerzt mich, hier über’m Knöchel.“

„Das geht vorüber, Mütterchen, achten Sie nur nicht darauf.“