„Er ist gleich fertig. Sagen Sie mir bloß, wie ich auf die große Landstraße gelange.“
„Wie mache ich das nur?“ sagte die Hausfrau. „Es ist nicht leicht, dir das klar zu machen, man muß so oft wenden; vielleicht ist es das Beste, ich gebe dir ein Mädchen mit, die dir den Weg zeigt. Du wirst doch auf dem Bock noch einen Platz haben, wo sie sich hinsetzen kann.“
„Natürlich.“
„Nun gut, dann gebe ich dir das Mädel mit, sie kennt den Weg, entführt sie mir nur nicht gar, hörst du, neulich haben mir schon ein paar Kaufleute einmal eine weggeholt.“
Tschitschikow gab ihr das Versprechen, das Mädchen nicht zu entführen und Karobotschka kehrte wieder beruhigt zur Durchmusterung ihres Hofes zurück. Erst glotzte sie die Haushälterin an, welche eine hölzerne Kanne mit Honig aus der Speisekammer holte. Dann warf sie einen Blick auf einen Bauern, — der im Torweg erschien, um allmählich immer mehr in ihrem Haushalt unterzutauchen. Wozu aber beschäftigen wir uns eigentlich so lange mit Karobotschka? Was ist uns Karobotschka, Manilow, wirtschaftliches oder unwirtschaftliches Leben? Lassen wir sie! Ist es nicht wunderbar eingerichtet in dieser Welt! Jede Freude geht, ehe man sich’s versieht, in Trauer über, wenn man sich gar zu lange bei ihr aufhält, und Gott weiß, was sich einem dann für Gedanken aufdrängen! Man könnte gar auf die Idee kommen: Wie!? Steht denn Karobotschka wirklich so tief auf der unendlich langen Stufenleiter menschlicher Vollkommenheit? Sollte er wirklich so tief sein, der Abgrund, der sie von ihrer Schwester trennt. Von ihr, welche unnahbare Mauern eines aristokratischen Hauses mit seinen lieblich duftenden gußeisernen Treppen beschützen, die mit Kupferglanz, Mahagoniholz und kostbaren Teppichen prunken. Von ihr, welche gähnend neben ihrem halbgelesenen Buche sitzt, in unruhiger Erwartung des weltmännisch-geistreichen Besuchers, in dessen Gegenwart sich ihrem Geiste ein Feld eröffnet, wo sie ihren Verstand leuchten und eingelernte Gedanken spielen lassen kann. — Gedanken, welche nach der heiligen Satzung der Mode eine ganze Stadt wochenlang beschäftigen, Gedanken, die sich nicht darum drehen, was in ihrem Hause und auf ihren Gütern vorgeht, die in Unordnung geraten darniederliegen, sondern allein darauf gerichtet sind, welche Umwälzung in der französischen Politik bevorsteht, oder welche Wendung der moderne Katholizismus nehmen wird. Doch weiter, weiter! Wozu über diese Dinge reden? Aber warum fällt bisweilen in Augenblicken froher, sorgenfreier Gedankenlosigkeit wie von selbst ein wundersamer Strahl in uns hinein? Noch fand das Lächeln kaum Zeit, dem Gesichte zu entschwinden, und schon verwandelte es sich bei demselben Menschen in ein anderes, und ein neues Licht erleuchtet jetzt sein Antlitz?
„Da ist er, da ist ja mein Wagen,“ rief Tschitschikow, als er seine Kutsche heranrollen sah, „was hast du nur solange getrödelt, du Esel! Dein Rausch von gestern ist wohl noch nicht ganz verflogen.“
Hierauf erwiderte Seliphan kein Wort.
„Leben Sie wohl, Mütterchen! Nun wo ist Ihr Mädchen?“
„Heh! Pelagia!“ rief die Alte einem Mädchen von etwa elf Jahren zu, das in der Nähe der Treppe stand. Die Kleine hatte ein selbstgewebtes, farbiges Leinenkleid an. Sie war barfüßig, und schien doch Stiefeln anzuhaben, denn ihre Füße waren bis oben hinauf mit frischem Straßenschmutz bedeckt. „Zeig dem Herrn den Weg!“
Seliphan half dem Mädchen auf den Bock, welches zuerst mit einem Fuß auf das Trittbrett stieg, das sie bei dieser Gelegenheit ein wenig beschmutzte. Hierauf schwang sie sich auf den Kutschersitz, wo sie sich neben Seliphan niederließ. Nach ihr setzte Tschitschikow seinen Fuß auf das Trittbrett und nahm endlich im Wagen Platz, der sich unter seinem Gewichte nach rechts beugte. „So, jetzt ist alles in Ordnung. Leben Sie wohl Mütterchen!“ mit diesen Worten verabschiedete er sich von der Gutsbesitzerin und die Pferde zogen an.