Er hielt an und half ihr beim Absteigen, während er vor sich hinmurmelte: „Du Dreckbein!“
Tschitschikow gab ihr eine Kupfermünze, und sie lief munter nach Hause, hocherfreut, daß sie auf dem Kutschbock hatte fahren dürfen.
Viertes Kapitel
Als man sich dem Wirtshause näherte, ließ Tschitschikow anhalten und zwar aus zwei Gründen. Einmal wollte er die Pferde ausruhen lassen, und dann wünschte er auch selbst etwas zu sich zu nehmen und sich zu stärken. Der Autor muß gestehen, daß er diese Art Leute um ihren guten Magen und ihren Appetit aufrichtig beneidet. Für ihn haben jene große Herren nur wenig Bedeutung, welche in Petersburg oder Moskau wohnen und deren ganze Zeit im Nachdenken darüber aufgeht, was sie morgen zu Mittag speisen werden, und was für ein Menu sie für übermorgen zusammenstellen könnten, sie, die sich nicht eher an die Mittagstafel setzen, bevor sie ein paar Pillen geschluckt und ein paar Austern oder Krabben und andere Meerwunder verschlungen haben, um sich zum Schluß nach Karlsbad oder in den Kaukasus zu begeben. Nein, diese Herrschaften haben nie den Neid des Autors wachrufen können. Wohl aber jene mittleren Leute, welche auf einer Station eine Portion Schinken bestellen, auf der nächsten ein Spanferkel, auf der dritten ein Stück Stör oder Bratwurst mit Knoblauch, und die sich dann zu Tische setzen, wie wenn nichts passiert wäre, und zwar zu jeder beliebigen Zeit. Die Suppe aus Quappe, Sterlet und Fischmilch zischt und brodelt zwischen ihren Zähnen, begleitet von Fischpasteten oder einer Welspirogge, sodaß bei jedem Unbeteiligten der Appetit rege werden muß. — Diese Leute erfreuen sich einer beneidenswerten Himmelsgabe. Mehr als einer von den großen Herren würde sofort die Hälfte seiner Bauern und der verpfändeten und unverpfändeten Güter mit all ihren modernen Errungenschaften, die das In- und Ausland hervorbrachten, darangeben, um nur einen solchen Magen zu haben, wie so ein Mann des guten Bürgerstandes. Das Unglück ist leider nur, daß man sich weder für Geld noch Güter mit und ohne Errungenschaften einen solchen Magen zulegen kann, wie ihn ein Herr der mittleren Stände besitzt.
Das hölzerne, verwitterte Wirtshaus nahm Tschitschikow unter sein gastliches Vordach, welches auf gedrechselten Säulen ruhte, die große Ähnlichkeit mit altertümlichen Kirchenleuchtern hatten. Dieses Wirtshaus war eine Art russische Bauernhütte, nur in etwas größerem Maßstab. Die mit Schnitzwerk verzierten Karnise aus frischem Holze um die Fenster herum und unter dem Dach hoben sich lebhaft von den dunklen Wänden ab. Auf den Fensterläden waren Krüge mit Blumen abgebildet.
Nachdem Tschitschikow die enge Holztreppe hinaufgestiegen war, betrat er den breiten Flur. Hier stieß er auf eine Tür, welche sich knarrend auftat, sowie auf ein dickes altes Weib in einem bunten Kattunkleid, das ihn mit folgenden Worten anredete: „Hierher, bitte!“ In dem Gastzimmer fand er lauter alte Bekannte, denen man immer in den kleinen hölzernen Wirtshäusern an der Landstraße begegnet; den dampfbeschlagenen Samowar, die glatt gehobelten Wände aus Fichtenholz, ein dreieckiges Spind mit Teekannen und Tassen in der Ecke, vergoldete Porzellaneier vor den Heiligen-Bildern, die an blauen und roten Bändern hingen, eine Katze, die vor kurzem Junge geworfen hatte, einen Spiegel, der statt zwei Augen vier und statt eines Gesichtes eine Art Pfannkuchen erkennen ließ, endlich Sträuße aus wohlriechenden Kräutern und Nelken, welche hinter die Heiligenbilder gesteckt und schon so stark vertrocknet waren, daß jeder, den die Lust anwandelte an ihnen zu riechen, zu niesen begann, sonst aber unbefriedigt blieb.
„Haben Sie Spanferkel?“ Mit dieser Frage wandte sich Tschitschikow an die dicke Alte.
„Gewiß!“
„Mit Meerrettich und saurer Sahne?“
„Freilich mit Sahne und Meerrettich.“