Aber unser Held war schon ein Mann in mittleren Jahren und hatte einen kühlen, ruhigen, umsichtigen Charakter. Auch er versank in Sinnen und dachte über vieles nach, aber sein Denken war weit positiverer Natur: seine Gedanken waren bei weitem nicht so unklar und unbestimmt, sondern weit genauer und gründlicher. „Ein herrliches Weibchen!“ sagte er, indem er seine Tabakdose öffnete und eine Prise nahm. „Was aber das Beste an ihr ist .... das Beste an ihr ist, daß sie soeben aus einem Institut oder Pensionat entlassen zu sein scheint und daß sie noch nichts spezifisch Weibliches an sich hat, nichts von jenen Zügen, die das ganze Geschlecht verunzieren. Jetzt ist sie noch das reine Kind, alles an ihr ist schlicht und einfach; sie spricht, wie ihr’s ums Herz ist und lacht, wenn ihr darnach zumute ist. Es läßt sich noch alles aus ihr machen, sie kann ein herrliches Geschöpf, aber ebensogut auch ein verkrüppeltes Wesen werden — und so wird es wohl auch kommen, wenn sich erst die Tanten und Mamas an ihre Erziehung machen. Die werden sie in einem Jahr mit ihrem Weiberkram vollpfropfen, daß ihr eigener Vater sie nicht wiedererkennen wird. Sie wird ein aufgeblasenes und affektiertes Wesen annehmen, wird sich nach auswendig gelernten Regeln drehen, wenden und knicksen, sich den Kopf darüber zerbrechen, was sie, mit wem sie und wie viel sie sprechen, wie sie ihren Kavalier anblicken muß usw. usw.; wird fortwährend in der größten Angst schweben, ob sie nun kein überflüssiges Wort gesagt hat, schließlich garnicht mehr wissen, was sie zu tun hat, und wie eine große Lüge durch das Leben wandeln. Pfui Teufel!“ Hier verstummte er einen Augenblick und fuhr dann fort: „Übrigens wüßte ich gern, wer sie eigentlich ist. Wer mag ihr Vater sein? Irgend ein ehrenwerter Gutsbesitzer oder nur ein rechtschaffen denkender Mensch, der sich im Dienst ein kleines Kapital erspart hat? Wenn die Kleine so ein paar Hunderttausende mitbekäme — das wäre weiß Gott kein übler — gar kein übler Bissen. Ein ordentlicher Mensch könnte mit ihr sein Glück machen.“ Die Zweimalhunderttausend erschienen ihm in so reizendem Lichte, daß er sich innerlich Vorwürfe zu machen begann, weswegen er sich während des Trubels mit den Equipagen nicht beim Vorreiter nach dem Namen der Reisenden erkundigt habe. Doch das jetzt sichtbar werdende Dorf Sabakewitschs zerstreute seine Gedanken und lenkte sie auf ihren eigentlichen Gegenstand zurück.
Das Dorf kam ihm recht groß vor; eine Birken- und eine Fichtenwaldung rahmten es von beiden Seiten ein, wie zwei Flügel, von denen der eine etwas dunkler erschien als der andre; in der Mitte stand ein hölzernes Haus mit einem Anbau, einem roten Dach und dunkelgrauen — oder richtiger rohen Wänden — eins von jenen Häusern, wie sie bei uns für Soldaten und Kolonisten gebaut werden. Man merkte deutlich, daß der Baumeister bei der Ausführung seines Planes beständig mit dem Geschmack des Besitzers zu kämpfen hatte. Der Baumeister war ein Pedant und liebte die Symmetrie, der Hausherr aber wollte es vor allem recht bequem haben und hatte aus diesem Grunde offenbar auf einer Seite alle korrespondierenden Fenster zumauern und statt ihrer nur eine kleine runde Öffnung stehen lassen, die zu einer dunklen Kammer gehörte. Auch der eine Erker war nicht in der Mitte des Hauses angebracht, so sehr sich der Architekt bemüht hatte, dies durchzusetzen; der Hausherr wollte durchaus die eine Säule beseitigt wissen, und so war es gekommen, daß statt der vier Säulen nur drei dastanden. Der Hof war von einem kräftigen und ungewöhnlich dicken Staketenzaun umgeben. Überhaupt schien der Gutsherr vor allem auf Dauerhaftigkeit und Solidität bedacht zu sein. Zum Bau der Ställe, der Scheunen und der Küche waren schwere dicke Balken verwandt worden, die auf die Ewigkeit berechnet zu sein schienen. Auch die Bauernhütten waren wunderbar fest und solide gebaut. Keine mit Schnitzwerk verzierten Wände noch sonstiger Firlefanz — es war alles dicht und wie es sich gehört aneinandergepaßt und verkittet. Selbst der Brunnen war mit so kräftigem Eichenholz eingefaßt, wie es sonst nur bei Windmühlen und Schiffsbauten verwendet wird. Mit einem Wort — alles was Tschitschikow sah, war solide, und stand fest auf der Erde, in Reih und Glied; wie es schien, nach einer plumpen unerschütterlichen Ordnung. Als der Wagen vor der Freitreppe hielt, sah Tschitschikow zwei Gesichter, die fast gleichzeitig zum Fenster hinausschauten: ein weibliches, das so lang und schmal war, wie eine Gurke und eine Haube auf dem Kopfe trug, und ein rundes männliches, so breit wie einer jener moldauischen Kürbisse, die man in Rußland „Flaschen“ nennt und aus denen man bei uns die Balalaiken, jene leichten mit zwei Saiten bespannten Musikinstrumente macht — den Stolz und die Freude aller kecken und lustigen Bauernburschen, dieser schmucken Jungen, welche den sie umstehenden Mädchen mit weißem Hals und Busen, die gekommen sind, ihrem sanften Saitengeklimper zu lauschen, kokett zublinzeln und zujuchzen. Beide Gesichter verschwanden sogleich wieder, nachdem sie einen Blick durchs Fenster geworfen hatten. Ein Lakai in einer grauen Jacke mit einem blauen Stehkragen trat auf die Freitreppe hinaus und geleitete Tschitschikow in den Flur, wo der Hausherr schon seiner wartete. Als er den Gast erblickte, sagte er kurz: „Ich bitte,“ worauf er ihn in die inneren Gemächer führte.
Als Tschitschikow hierbei einen kurzen Seitenblick auf Sabakewitsch warf, kam er ihm diesmal wie ein Bär von mittlerer Größe vor. Und wie um die Ähnlichkeit zu vollenden, hatte auch der Frack, den er trug, die Farbe des Bärenfells: Ärmel und Hosen waren sehr lang, seine Füße steckten in mächtigen Filzpantoffeln, dazu hatte er einen so tolpatschigen Gang, daß er andern Leuten beständig auf die Füße trat. Seine Gesichtsfarbe war glühend rot, wie die eines Kupfergroschens. Es gibt ja bekanntlich viele solche Gesichter auf der Welt, über deren detaillierterer Ausarbeitung sich die Natur nicht viel Kopfzerbrechens gemacht, bei der sie keine feineren Instrumente wie Feile, Bohrer usw. gebraucht, sondern die sie einfach mit ein paar kräftigen Axthieben herausgehauen hat. Ein Hieb — und siehe da es entstand die Nase — ein zweiter — und die Lippen saßen am rechten Fleck; dann machte sie noch ein Paar Löcher an Stelle der Augen mit dem großen Bohrer und der ganze Kerl war fertig. Und ohne ihn erst noch zu behobeln und zu glätten, sandte sie ihn mit den Worten: „er lebt“ in die Welt. Solch eine festgefügte aufs Geratewohl zurechtgezimmerte Gestalt war auch Sabakewitsch: seine Haltung war eher ein wenig gebeugt als aufrecht, nur selten drehte er seinen Kopf um, und sah infolge dieser Unbeweglichkeit seinen Mitunterredner nur selten an, sondern blickte stets auf die Ofenecke oder auf die Tür. Tschitschikow warf noch einmal einen Seitenblick auf ihn, als er mit ihm ins Speisezimmer trat, und wieder fuhr ihm der Gedanke durch den Sinn: „ein Bär, wahrhaftig ein vollkommener Bär.“ Welch seltsames Spiel des Schicksals: zu alledem mußte er noch Michael[3] Semjonowitsch heißen. Da Tschitschikow Sabakewitschs Gewohnheit, andern Leuten auf die Füße zu treten, kannte, trat er selbst sehr vorsichtig auf, indem er ihn vorausgehen ließ. Der Hausherr schien sich übrigens dieser schlechten Angewohnheit selbst bewußt zu sein, denn er fragte immerfort: „Habe ich Sie vielleicht beunruhigt?“ Aber Tschitschikow dankte und versicherte höflich, er habe bisher noch nichts von einer Beunruhigung gemerkt.
Als sie in den Salon traten, zeigte Sabakewitsch auf einen Lehnstuhl und sagte wieder: „Bitte.“ Tschitschikow nahm Platz, warf aber zuvor noch einen kurzen Blick auf die Wände und die Bilder, welche sie zierten. Es waren alles lebensgroße Stahlstiche, welche lauter tüchtige Kerle, d. h. griechische Feldherrn, wie Miauli, Kanari und Maurokordato darstellten, letzteren in Uniform mit roten Beinkleidern und einer Brille auf der Nase. All’ diese Helden hatten so starke Lenden und so gewaltige Schnauzbärte, daß einen schon eine Gänsehaut überlief, wenn man sie bloß ansah. Unter diesen griechischen Athleten war wie durch einen wunderbaren Zufall auch Fürst Bagration geraten, ein magerer, dünner Mann mit einer kleinen Fahne und ein paar Kanonen zu seinen Füßen, der noch dazu in einem ganz schmalen Rahmen steckte. Dann folgte wieder eine griechische Heldin: die Bobelina, deren Beine allein größer waren, als die ganze Figur eines jener Stutzer, die heute unsere Salons bevölkern. Der Hausherr, der selbst ein ausnehmend gesunder und kräftiger Mann war, wollte offenbar auch, daß lauter gesunde und kräftige Leute die Wände seiner Zimmer zieren sollten. Neben der Bobelina, dicht am Fenster hing noch ein Vogelkäfig, aus dem eine schwarze Amsel mit kleinen weißen Pünktchen hervorguckte, die gleichfalls große Ähnlichkeit mit Sabakewitsch hatte. Der Wirt und der Gast hatten noch keine zwei Minuten stumm nebeneinander gesessen, als die Türe sich auftat, und die Frau des Hauses, eine große Dame in einer Haube mit Bändern, die zu Hause gefärbt zu sein schienen, ins Zimmer trat. Sie hatte einen wundervollen Gang und hielt ihren Kopf gerade wie eine Palme.
„Das ist meine Feodulia Iwanowna,“ sagte Sabakewitsch.
Tschitschikow küßte Feodulia Iwanowna die Hand, die sie ihm fast in den Mund stopfte; bei dieser Gelegenheit machte er die Beobachtung, daß ihre Hände mit Gurkenwasser gewaschen waren.
„Herzchen, darf ich dir Pawel Iwanowitsch Tschitschikow vorstellen!“ fuhr Sabakewitsch fort. „Wir haben uns beim Gouverneur und beim Postmeister kennen gelernt.“
Feodulia Iwanowna bat Tschitschikow Platz zu nehmen, indem sie gleichfalls „Bitte“ sagte, und eine Kopfbewegung dazu machte, wie jene Schauspielerinnen, die eine Königin darzustellen haben. Dann setzte sie sich auf das Sofa, hüllte sich in ihr wollenes Tuch ein und zuckte von nun ab weder mit den Augen noch mit den Brauen.
Tschitschikow warf wieder einen Blick nach oben und wieder fiel ihm Kanari mit seinen starken Lenden und dem nicht endenwollenden Schnauzbart, die Bobelina und der Vogelbauer mit der Amsel in die Augen.
Fast fünf Minuten beobachteten alle ein feierliches Schweigen, das nur durch das Lärmen der Amsel unterbrochen wurde, die fortwährend mit dem Schnabel gegen den Holzboden des Vogelkäfigs pochte, wenn sie ein paar Brotkrumen aufpickte. Tschitschikow sah sich noch einmal im Zimmer um: auch hier war alles klobig, fest und ganz ungewöhnlich derb, und hatte eine merkwürdige Ähnlichkeit mit dem Herrn des Hauses. In der Ecke des Salons stand ein bauchiges Schreibpult auf vier äußerst plumpen Füßen — ein richtiger Bär. Der Tisch, die Stühle, die Lehnsessel — alles trug einen schwerfälligen und geradezu gefährlichen Charakter, jeder Gegenstand, jeder Stuhl schien sagen zu wollen: „Ich bin auch ein Sabakewitsch“ oder „Auch ich bin Sabakewitsch ähnlich.“