„Wofür sollten sie mich denn quälen, wenn ich doch das Papierstückchen garnicht in der Hand gehabt habe. Sie können mir jede andere weibliche Schwäche vorwerfen, aber daß ich stehle, das hat mir noch niemand gesagt.“

„Du wirst schon sehen, wie die Teufel dir zusetzen werden! Das hast du dafür, daß du deinen Herrn beschwindelt hast, werden sie sagen und dich mit ihren glühenden Zangen zwacken!“

„Dann werd’ ich eben antworten: Ich bin unschuldig, bei Gott, ich bin unschuldig ... Aber da liegt es ja auf dem Tisch. Immer machen Sie einem unnütze Vorwürfe!“

Pljuschkin sah den Papierschnitzel in der Tat daliegen, hielt einen Augenblick inne, kaute an seinen Lippen und sagte: „Na was regst du dich denn gleich so auf? So ein Trotzkopf. Man sagt ihr ein Wort, und sie kommt einem gleich mit einem ganzen Dutzend. Geh’, bring mir etwas Feuer, damit ich den Brief versiegeln kann. Halt! du bringst mir womöglich noch eine Talgkerze; der Talg schmilzt so schnell, weg ist er, und man hat das Nachsehen! Bring mir lieber einen brennenden Kienspan!“

Mawra entfernte sich, Pljuschkin aber setzte sich in den Lehnstuhl, nahm die Feder in die Hand und drehte und wendete den Zettel noch lange in den Fingern hin und her; er überlegte wohl, ob er nicht noch die Hälfte davon abschneiden könne, aber schließlich sah er wohl ein, daß das nicht ging; er tauchte also die Feder ins Tintenfaß, das mit einer verschimmelten Flüssigkeit angefüllt war, in der eine Menge Fliegen herumschwammen, und begann zu schreiben; er setzte die Buchstaben, die große Ähnlichkeit mit Noten hatten, dicht nebeneinander, und mußte fortwährend den Lauf der Feder hemmen, die sich auf dem Papier in übermütigen Sprüngen erging. Ängstlich fügte er Zeile an Zeile mit dem lebhaften Bedauern, daß trotzdem noch immer etwas leerer Raum zwischen ihnen übrig blieb.

Und bis zu einer solchen Armseligkeit, Kleinlichkeit und Erbärmlichkeit konnte ein Mensch herabsinken? So furchtbar konnte er sich wandeln? Hat das überhaupt noch den Schein der Wahrheit? — Jawohl! — Es gibt überhaupt nichts Unwahrscheinliches. Alles kann mit dem Menschen geschehen! Ein feuriger Jüngling von heute würde vielleicht mit Entsetzen zurückprallen, wenn man ihm das Bild seines eigenen Greisenalters vorhielte. O, hütet sorgsam auf eurem Lebenswege, wenn ihr heraustretet aus euren milden zarten Jugendtagen in das ernste härtende Mannesalter — o, hütet sorgsam jede menschliche Regung, verschwendet, verliert sie nicht unbedacht unterwegs: ihr findet sie nie wieder! Furchtbar und grauenvoll ist das in der Ferne drohende Greisenalter, es liefert nichts wieder aus, es gibt uns nichts zurück. Das Grab selbst ist barmherziger; auf dem Leichenstein wird vielleicht die Inschrift stehen: „hier liegt ein Mensch begraben.“ Aber kein Schriftzeichen belebt die kalten gefühllosen Züge des menschlichen Alters.

„Haben Sie nicht vielleicht einen Freund,“ sagte Pljuschkin, während er den Brief zusammenfaltete, „der flüchtige Bauern brauchen könnte?“

„Haben Sie auch flüchtige?“ fragte Tschitschikow schnell, wie aus einem Traume erwachend.

„Das ist es ja gerade, daß ich welche habe. Mein Schwager hat schon Erkundigungen eingezogen, und sagt, er hätte gar keine Spur von ihnen entdecken können; aber er ist Soldat, der kann nur mit den Sporen klirren, wenn man sich dagegen beim Gericht darum bemühen wollte, so ....“

„Und wieviel werden’s wohl sein?“