„Sie?“
„Meine Frau!“
„O mein Gott! Es tut mir wirklich leid, daß ich Ihnen soviel Mühe gemacht habe!“
„Für Pawel Iwanowitsch ist uns keine Mühe zu groß!“
Tschitschikow verbeugte sich dankend. Als Manilow erfuhr, daß er nach der Zivilkammer ging, um den Kaufkontrakt abzuschließen, erklärte Manilow sich bereit, ihn dorthin zu begleiten. Die Freunde faßten sich unter und gingen zusammen weiter. Bei jeder kleinen Erhöhung, bei jedem Hügel, oder jeder Stufe stützte Manilow Tschitschikow mit der Hand und hob ihn beinahe in die Höhe, wobei er angenehm lächelte und hinzufügte, er werde es nie zugeben, daß Pawel Iwanowitsch sich weh tue. Tschitschikow wurde verlegen, da er nicht wußte, wie er sich erkenntlich erweisen solle, denn er fühlte, daß er nicht ganz leicht war. So halfen sie sich gegenseitig, bis sie endlich auf dem Platze anlangten, wo das Gerichtsgebäude lag — ein großes dreistöckiges Haus, das so weiß war, wie ein Stück Kreide, wahrscheinlich, um die Seelenreinheit der in ihm tätigen Beamten zu symbolisieren. Die andern Häuser, die sich noch sonst auf dem Platze befanden, konnten sich an Größe nicht im geringsten mit dem steinernen Amtsgebäude messen. Dies waren: ein Wächterhäuschen, vor dem ein Soldat mit einer Flinte stand, zwei bis drei Standplätze für Mietskutschen, und endlich gab es noch hie und da einen von jenen langen Bretterzäunen, mit den bekannten Aufschriften und Zeichnungen, die mit Kohle oder Kreide hingemalt waren. Sonst war nichts auf diesem einsamen, oder wie man sich bei uns zu Lande auszudrücken pflegt, schönen Platze zu sehen. Aus den Fenstern des zweiten oder dritten Stockes guckten ein paar unbestechliche Häupter der Themispriester heraus, um im selben Augenblick wieder zu verschwinden: wahrscheinlich weil der Kanzlei-Chef gerade ins Zimmer trat. Die beiden Freunde traten nicht ein, sondern liefen eilig die Treppe hinauf, weil Tschitschikow seine Schritte beschleunigte, da er nicht wollte, daß Manilow ihn mit der Hand unterstützen solle, dieser aber lief seinerseits wieder voraus, weil er Tschitschikow nicht müde werden lassen wollte, und so kam es, daß beide ganz atemlos waren, als sie den dunkelen Korridor betraten. Weder der Korridor noch die Säle fielen ihnen durch ihre Reinlichkeit besonders auf. Damals kümmerte man sich noch recht wenig darum, und was einmal schmutzig war, blieb schmutzig und nahm niemals ein freundlicheres und angenehmeres Äußeres an. Themis empfing ihre Gäste ganz so wie sie war, im Negligé und im Schlafrock. Eigentlich sollten wir auch noch die Kanzleiräume beschreiben, durch die unsere Helden hindurchschritten, aber der Autor hat eine große Ehrfurcht vor allen Amtsgebäuden. Selbst wenn er Gelegenheit hatte, sie in der Periode ihres höchsten Glanzes, in einem gleichsam veredelten und verschönten Zustande kennen zu lernen und zu durchwandeln, das heißt, wenn die Dielen frisch gewichst und die Tische neu lackiert waren, lief er eilig, mit demütig gesenktem Blicke hindurch, daher hat er auch keine Ahnung davon, wie wohl sich dort alles fühlt und wie dort alles blüht und gedeiht. Unsere Helden sahen gewaltige Mengen Papier, reines und vollgeschriebenes, über den Tisch gebeugte Köpfe, breite Nacken, Fräcke und Röcke von kleinstädtischem Schnitt, oder sogar eine ganz gewöhnliche hellgraue Jacke, die recht stark von den andern abstach und deren Besitzer den Kopf auf die Schulter gebeugt, sodaß er fast auf dem Papier lag, mit schwungvollen Lettern ein Protokoll niederschrieb; wahrscheinlich handelte es von einem Gut, welches sein friedlicher Besitzer, irgend ein Gutsherr, der ein Menschenalter lang darum prozessiert und im ruhigen Genuß seines Eigentums Kinder und Enkel gezeugt, nun verloren hatte, oder das ihm irgendwo konfisziert worden war. Hie und da hörte man ein paar Worte oder kurze Sätze, die von einer heiseren Stimme gesprochen wurden: „Fedossej Iwanowitsch, reichen Sie mir doch die Akten Nr. 368! Immer werfen Sie den Deckel von dem Tintenfaß weg; er gehört doch dem Staat!“ Dazwischen hörte man eine majestätische Stimme, die ohne Zweifel einem Kanzleichef angehörte, gebieterisch rufen: „Da, schreib das ab, sonst laß ich dir die Schuhe ausziehen und dich einsperren, daß du mir sechs Tage lang nichts zu essen kriegst!“ Das Geräusch vom Federgekritzel war sehr stark und erinnerte an den Lärm, den ein paar Fuhren mit Reisig verursachen, wenn sie durch einen Wald fahren, dessen Wege einen Fuß hoch mit dürren Blättern bedeckt sind.
Tschitschikow und Manilow traten an den ersten Tisch, an dem zwei jüngere Beamten saßen, und fragten diese: „Bitte! Können Sie uns sagen, wo hier die Abteilung für Kaufverträge ist?“
„Was wollen Sie?“ sagten die beiden Beamten zugleich, indem sie sich umwandten.
„Ich habe ein Gesuch einzureichen!“
„Haben Sie etwas gekauft?“
„Ich möchte zuvor wissen, wo die Abteilung für Kaufverträge ist? Hier oder anderswo?“