Siebentes Kapitel

Glücklich der Reisende, der nach einer weiten, langweiligen Fahrt mit ihrer Kälte, ihrem Schmutz und Kot, ihren verschlafenen Posthaltern, ihrem Schellengeklingel, ihren Reparaturen, ihrem Herumgezanke, ihren Postknechten, Schmieden und ähnlichen Vagabunden, endlich das traute Dach mit dem immer heller werdenden Lichterglanz erblickt — schon taucht vor seinem geistigen Auge sein liebes Heim mit den bekannten Zimmern auf, schon hört er die jubelnden Rufe der ihm entgegeneilenden Hausgenossen, die freudige Aufregung und das Gelärm der Kinder, stille sanfte Worte unterbrochen von glühenden Zärtlichkeiten, die die Kraft haben, alles vergangene Leid aus dem Gedächtnis zu tilgen. Glücklich der Familienvater, dem ein solches Heim beschieden ward; aber wehe dem Hagestolzen! Glücklich der Schriftsteller, der an den langweiligen, widerwärtigen, durch ihre traurige Blöße erschreckenden Gestalten der Wirklichkeit flüchtig vorüber eilend sich Charakteren nähert, welche des Menschen hohe Würde verkörpern und erscheinen lassen, der aus dem großen Wirbel ewig wechselnder Formen sich nur die wenigen Ausnahmen erkiest, der auch nicht einmal dem heiligen Schwunge seiner Leier untreu ward, der nie von seiner eigenen Höhe zu seinen armseligen, schwachen Brüdern herab stieg und, ohne das Irdische zu berühren, sich selig stürzte in den erdentrückten Chor erhabener Gestalten. Doppelt beneidenswert ist sein herrliches Los, er wandelt unter ihnen wie im trauten Kreise der Familie; indes schallt weit und laut sein Ruhm durch alle Lande. Mit Weihrauchwolken hat er die Augen der Menschen umhüllt, mit Zauberworten nahm er schmeichelnd ihren Geist gefangen, verbergend vor ihnen des Lebens rauhe Wirklichkeit und ihnen den schönen Menschen weisend. Händeklatschend folgt alles seiner Spur und umschwärmt jauchzend seinen Wagen. Einen großen Weltendichter nennt man ihn, der im hohen Raume schwebt ob allen andern Genien dieser Welt, wie der Aar über allem hochfliegenden Getier. Sein Name schon weckt heilige Schauer in jungen glühenden Herzen, Tränen der Sympathie erglänzen in jedem Auge ... An Macht kommt ihm kein Wesen gleich — er ist ein Gott! Wie ganz anders ist das Los des Schriftstellers, der sich erkühnte, all das ans Licht zu ziehen, was jederzeit vor jedem Auge liegt und doch dem gleichgültigen Blicke entgeht: den grauenvollen Schlamm des Nichtigen, der unser Leben umstrickt, die ganze abgründige Tiefe jener kalten zerklüfteten Alltagscharaktere, die unsern dornigen, oft öden Erdenweg bevölkern, und mit dem kräftigen Schlag des unerbittlichen Meißels es wagte, sie klar und plastisch dem Blick der Menschen preiszugeben! Er erntet nicht des Volkes lauten Beifall, kein Dank strahlt ihm aus den Tränen und der einmütigen Begeisterung tieferregter Seelen, die sein Wort tief im Innersten aufwühlte; ihm fliegt keine sechzehnjährige Jungfrau entzückten Sinnes voll heroischer Leidenschaft entgegen; er kann sich nicht berauschen am süßen Klang der Töne, die er der eigenen Leier entlockte, und nicht wird er dem Gerichte des Tages entgehen, dem heuchlerisch gefühllosen Richterspruch des Augenblicks, der die am eignen warmen Busen genährten Geschöpfe armselig, gemein und nichtig nennen, ihm einen elenden Winkel anweisen wird inmitten jener Schriftsteller, die die Menschheit schänden, ihm die Charakterzüge seiner eigenen Helden beilegen und ihm Herz und Seele und den göttlichen Funken des Talentes rauben wird; denn das Gericht des Tages erkennt nicht an, daß gleich bewundernswürdig jene Gläser sind, in denen sich die Sternenheere spiegeln und jene, durch die man die zarten Bewegungen unsichtbarer Lebewesen wahrnehmen kann, denn das Gericht des Tages erkennt nicht an, daß hohes begeistertes Lachen sich wohl messen kann mit hohem lyrischen Schwunge, und daß ein Abgrund gähnt zwischen jenem und den unwürdigen Fratzen des Jahrmarktgauklers. Das Gericht des Tages versteht dies nicht und verwandelt alles in Schimpf und Vorwurf für den verachteten Dichter: ohne Mitleid, ohne Antwort, ohne Teilnahme wie ein heimatloser Wanderer steht er allein auf öder Straße. Schwer und hart ist sein Beruf und bitter fühlt er seine Einsamkeit.

Und lange noch ist mir’s von der geheimnisvollen Schicksalsmacht beschieden, den Weg fortzuwandeln Hand in Hand mit meinem Helden, das ganze gewaltig treibende Leben zu überschauen, durch das aller Welt sichtbare Lachen und die keinem bekannten unsichtbaren Tränen. Und noch fern ist die Zeit, wo ein andrer Springquell hoher Begeisterung wie ein Wirbelsturm aus dem von heiligem Schauer erschütterten flammenden Haupte aufsteigen, und wo verzagt die Menge dem majestätischen Donner anderer Reden lauschen wird ...

Vorwärts! Vorwärts! fort mit der finsteren Miene, fort mit der grämlichen Runzel, die deine Stirne furcht. Laßt uns geschwind wieder untertauchen in das Leben mit all seinem tonlosen Gelärm und Schellengeklingel: laßt uns zusehen was Tschitschikow macht.

Tschitschikow war soeben aufgewacht, er dehnte und streckte sich, denn er hatte das behagliche Gefühl, sich gut ausgeschlafen zu haben. Nachdem er noch ein paar Minuten ruhig auf dem Rücken gelegen hatte, schnalzte er mit den Fingern, und sein Gesicht verklärte sich bei dem Gedanken, daß er jetzt nahezu vierhundert Seelen besaß. Dann sprang er aus dem Bett, betrachtete sich nicht einmal im Spiegel, und warf keinen Blick auf sein Gesicht, das er aufrichtig liebte, und an dem ihm das Kinn ganz besonders gefiel, denn er pries es bei jeder Gelegenheit vor seinen Freunden, ganz besonders während des Rasierens. „Sieh mal,“ pflegte er dann gewöhnlich zu sagen, „was ich für ein schönes rundes Kinn habe.“ Und dabei streichelte er es mit der Hand. Heute aber warf er keinen einzigen Blick weder auf sein Kinn noch auf sein Antlitz, sondern zog sich sogleich seine Saffianstiefel mit dem gestickten Blumenbesatz an, mit denen die Stadt Torshok einen so schwunghaften Handel treibt, welcher in unserer russischen Bequemlichkeit eine so reiche Nahrung findet. Hierauf machte Tschitschikow in einem kurzen schottischen Hemdchen zwei kühne Luftsprünge, wobei er sich nicht ohne Geschicklichkeit eins mit dem Hacken auswischte. Und dann ging er sofort ans Werk: er rieb sich vor der Schatulle ebenso vergnügt die Hände wie ein unbestechlicher Kreisrichter, der hinausfuhr, um eine Untersuchung vorzunehmen und nun vor das Anrichtetischchen tritt, beugte sich über das Kästchen und holte ein Päckchen Papier hervor. Er wollte die Sache so schnell als möglich erledigen, um sie nicht auf die lange Bank zu schieben. Daher ging er rasch entschlossen an die Aufsetzung des Kaufkontraktes und kopierte ihn dann eigenhändig, um sich die Unkosten für den Notar zu sparen. Auf die Formalitäten verstand er sich vortrefflich; zuerst malte er mit schwungvollen, großen Buchstaben die Jahreszahl achtzehnhundert und so und so viel hin; hierauf schrieb er mit kleinen Buchstaben darunter: Gutsbesitzer Soundso und was noch sonst drum und dran hängt. In zwei Stunden war alles fix und fertig. Als er danach auf diese Blätter hinblickte, auf die Namen der Bauern, welche tatsächlich einmal gelebt, gearbeitet, geackert, getrunken, Kutscherdienste geleistet, ihre Herren betrogen hatten oder vielleicht einfach brave Bauern gewesen waren, da beschlich ihn ein wundersames, unheimliches Gefühl. Jeder Zettel schien seinen eigenen Charakter zu besitzen, und das schien den Bauern selbst eine eigentümliche Wesensart zu verleihen. Die Bauern, welche Karobotschka gehört hatten, trugen alle irgend einen Spitznamen als Anhängsel. Pljuschkins Liste zeichnete sich durch Kürze und Gedrängtheit des Stiles aus: oft standen nur die Anfangssilben der Vor- und Beinamen da, worauf ein paar Punkte folgten. Sabakewitschs Register setzte durch seine außerordentliche Ausführlichkeit und Vollständigkeit in Erstaunen; da gab es keine noch so geringe Eigentümlichkeit, die nicht sorgfältig gebucht war: von einem hieß es: „Ein guter Tischler,“ von einem andern: „Er versteht seine Sache und säuft nicht.“ Ebenso sorgfältig waren die Eltern eines jeden aufgezählt und ihr Charakter wie ihr Benehmen genau beschrieben. Nur von einem gewissen Fedotow stand vermerkt: „Der Vater ist unbekannt, die Mutter ist eine meiner Dienstmägde, namens Kapitolina, die jedoch einen guten Charakter hat und nicht stiehlt.“ All diese Einzelheiten verliehen dem Ganzen eine gewisse Frische. Man gewann den Eindruck, als hätten die Bauern gestern noch gelebt. Tschitschikow überlas die Namen noch einmal genau und sorgfältig. Eine seltsame Rührung erfaßte ihn, er seufzte und sprach leise vor sich hin: „Herrgott welche Menge da dichtgedrängt beieinander steht! Was mögt ihr wohl alles getrieben haben, euer Leben lang, ihr Lieben? Wie mögt ihr euch durchgeschlagen haben?“ Und seine Augen hefteten sich auf eine Stelle, wie unwillkürlich angezogen von einem Namen. Dies war der bekannte Peter Saweljewitsch, der Trogverächter, welcher einst der Gutsbesitzerin Karobotschka gehört hatte. Und abermals konnte er den Ausruf nicht unterdrücken: „Herrjeh, ist der aber lang, der nimmt ja die ganze Zeile ein! Was magst du wohl gewesen sein: ein Meister deines Handwerks, oder ein schlichter Bauer, und wie hat der Tod dich ereilt? War’s in der Schenke, oder hat dich gar auf breiter Straße eine plumpe Fuhre überfahren, du Schlafmütze? — Stepan Probka, der Tischler, ein braver nüchterner Mann. — Sieh da bist du ja, mein Stepan Probka, du großer Held, der du für die Garde geboren warst! Hast wohl manch weites Stück Weges durchwandert, die Axt am Gürtel und die Stiefel über die Schulter geworfen, für einen Groschen Brod verzehrt und für zwei Groschen gedörrten Fisch und du brachtest dann wohl jedes Mal einen Hunderter in deinem Beutel mit oder nähtest dir gar einen Tausender in deine Nangkinghose ein oder stecktest ihn dir in den Stiefel. Wo holte dich der Tod? Bist du vielleicht nur um des gemeinen Mammons willen bis auf die Kirchenkuppel hinaufgestiegen oder gar bis aufs Kreuz emporgeklettert und von dem Gerüst herabgestürzt zu Füßen irgend eines Onkel Michei, der sich nur den Kopf kratzte und mitleidig murmelte: ‚Ach Wanja, was ist nur in dich gefahren!‘ um sich sogleich den Strick um den Leib zu binden und ruhig an deiner Stelle hinaufzuklettern. — Maxim Telhatnikow, der Schuster. Der Schuster? He? ‚Besoffen wie ein Schuster‘, sagt ein Sprichwort. Ich kenn’ dich, kenne dich, mein Liebling; willst du’s, so erzähle ich dir deine ganze Lebensgeschichte. Du kamst zu einem Deutschen in die Lehre, der euch allesamt fütterte, für eure Nachlässigkeit mit dem Riemen züchtigte und nie auf die Straße ließ, damit ihr keine Streiche macht. Du warst ein wahres Weltwunder und kein Schuster, und der Deutsche konnte dein Lob nicht hell genug singen, wenn er mit seiner Frau oder seinem Kameraden über dich sprach. Und als deine Lehrzeit aus war, da sprachst du zu dir selbst: ‚Jetzt will ich mir ein eigenes Häuschen kaufen, aber ich will’s nicht machen wie der Deutsche, der einen Groschen zum andern legt, ich will mit einem Schlage ein reicher Mann werden!‘ Und du zahltest deinem Herrn einen reichen Erbzins, schafftest dir einen Laden an, besorgtest dir einen Haufen Aufträge und legtest los. Dann triebst du irgendwo zum Drittel des Preises ein Stück halbverfaulten Leders auf und verkauftest jeden Stiefel mit doppeltem Gewinn, aber deine Schuhe platzten schon nach zwei Wochen und deine Kunden schimpften dich kräftig aus, wie du’s verdientest. So kam es, daß es in deinem Laden leer ward, du fingst an zu trinken, dich auf der Straße herumzutreiben und sprachst: ‚Ist das eine schlimme Welt! Wir Russen können rein verhungern: und an alledem ist niemand schuld als der Deutsche!‘ — Und was ist das für ein Mann: Jelisawetus Sperling? Verdammt noch einmal: das ist ja ein Weibsbild! Wie ist die hierhergekommen? Der Sabakewitsch, der Schurke hat sie mit hineingeschmuggelt!“ Tschitschikow hatte ganz recht: dies war wirklich eine Frau. Wie sie in diese Gesellschaft gekommen war, das wußte Gott allein; aber ihr Name war so geschickt und kunstvoll hingemalt, daß man sie von ferne wirklich für ein Mannsbild halten konnte, ja der Vorname hatte sogar die männliche Endung und lautete: Jelisawetus, statt Jelisaweta. Allein Tschitschikow nahm keine Rücksicht darauf und strich sie einfach aus der Liste. — „Und du Grigorij Immerlangsamvoran! Was warst du wohl für ein Mensch? Warst du ein Postknecht, der sich ein Dreigespann samt einem gedeckten Wagen anschaffte, und dem eignen Heim, dem trauten Winkel für immer Valet sagte, um sich mit den Kaufleuten auf den Jahrmärkten herumzuplagen? Gabst du unterwegs deinen Geist auf, brachten dich deine eigenen Freunde wegen eines dicken rotbackigen Soldatenweibes um, oder fand irgend ein Wegelagerer Gefallen an deinen ledernen Fausthandschuhen und dem Dreigespann deiner kleinen aber kräftigen Pferde, oder fiel’s dir vielleicht ein, derweil du auf deinem Lager lagst und vor dich hingrübeltest, plötzlich ohne jeden Grund und Anlaß in die Schenke hineinzuspazieren und von dort geradewegs in ein Eisloch, so daß keine Menschenseele weiß, wo du verschwunden bist? Oh du mein russisches Volk! Du liebst es nicht, eines natürlichen Todes zu sterben! — Und ihr meine Lieblinge,“ fuhr er fort, indem er einen Blick auf die Liste warf, auf der Pljuschkins flüchtige Seelen verzeichnet standen: „ihr freut euch zwar noch eures Lebens, aber was für einen Wert habt ihr? Ihr seid so gut wie tot. Und wohin tragen euch wohl jetzt eure schnellen Füße! Hattet ihr’s wirklich gar so schlecht bei dem Pljuschkin, oder machte es euch bloß Spaß im Walde herumzustreichen und die Reisenden auszuplündern? Sitzt ihr vielleicht im Gefängnis oder habt ihr euch einen anderen Herrn gesucht, dessen Felder ihr nun pflügt? Jeremej Leichtfuß, Nikita Renner, Anton Renner, dessen Sohn, euch merkt man’s schon an euren Namen an, daß ihr gute Läufer seid; Popor, der Knecht ... War wohl ein gelehrter Mann, der sich auf’s Lesen und Schreiben verstand! der hat sicher kein Messer in die Hand genommen und sich ein hübsches Vermögen zusammengestohlen. Paß auf! paßloses Individuum, du fällst noch einmal dem Polizeihauptmann in die Hände. Zwar stellst du mutig deinen Mann: ‚Wer ist dein Herr?‘ fragt dich der Hauptmann und begleitet, da sich eine so gute Gelegenheit dazu bietet, seine Worte mit einem kräftigen Fluch: — ‚Gutsbesitzer Soundso,‘ antwortest du keck. ‚Und wie kommst du hierher?‘ fragt dich der Hauptmann. ‚Ich bin gegen Bezahlung des Erbzinses freigelassen,‘ erwiderst du ohne Zaudern. ‚Wo ist dein Paß?‘ ‚Bei meinem Herrn, dem Kleinbürger Pimenow.‘ Pimenow wird gerufen. ‚Bist du Pimenow?‘ ‚Jawohl.‘ ‚Hat er dir seinen Paß gegeben?‘ ‚Nein, er hat mir keinen Paß gegeben.‘ ‚Du lügst also?‘ sagt der Polizeihauptmann und läßt wieder ein kräftiges Wort folgen. ‚Zu Befehl,‘ antwortest du frech: ‚ich gab ihm den Paß nicht, weil ich sehr spät nach Hause kam, ich habe ihn dem Glöckner zur Aufbewahrung gegeben.‘ — ‚Der Glöckner soll herkommen! Hat er dir seinen Paß gegeben.‘ — ‚Nein, ich habe keinen Paß von ihm bekommen.‘ ‚Warum lügst du schon wieder!‘ fragt der Polizeihauptmann aufs neue und flicht zur Bestätigung abermals ein kräftiges Wörtlein ein. ‚Wo ist denn dein Paß?‘ ‚Ich weiß genau, daß ich ihn bei mir hatte,‘ antwortest du sicher, ‚wahrscheinlich werde ich ihn wohl unterwegs irgendwo verloren haben.‘ — ‚Und warum hast du dem Soldaten den Mantel und dem Pfarrer einen Kasten mit Kupfermünzen gestohlen?‘ sagt der Polizeihauptmann, indem er zur Bekräftigung wiederum ein kerniges Wörtlein anfügt. ‚Wahrhaftig nicht,‘ sagst du ohne mit der Wimper zu zucken, ‚beim Stehlen hat mich noch keiner ertappt.‘ ‚Und wie kommt es, daß man den Mantel bei dir gefunden hat?‘ ‚Ich weiß nicht, wahrscheinlich hat ihn ein anderer bei mir liegen lassen!‘ — ‚O, du Hallunke, du Bestie!‘ sagt der Polizeihauptmann kopfschüttelnd, und stemmt die Hände in die Seiten. ‚Legt ihm Fußschellen an und führt ihn ins Gefängnis.‘ — ‚Zu Befehl, ich habe nichts dagegen,‘ antwortet du. Und du ziehst deine Tabaksdose aus der Tasche, reichst sie gutmütig den zwei Invaliden, die dir die Fußschellen angelegt haben und fragt sie aus, ob es schon lange her ist, daß sie beim Militär waren und an welchem Kriege sie teilgenommen haben. Und dann wanderst du ins Gefängnis und bleibst ruhig drin sitzen, während das Gericht deine Sache prüft. Schließlich fällt es seinen Spruch, und du wirst aus Zarewo-Kokschaisk nach dem ***er Gefängnis transportiert. Das dortige Gericht läßt dich nach Wessjegonsk oder sonst wohin weiterbefördern usw.; so wandert du aus einem Gefängnis ins andre und sprichst jedesmal, wenn du dein neues Heim erblickst: ‚Nein das Wessjegonskische Gefängnis ist doch netter, da ist doch mehr Platz, da kann man auch einmal das Knöchelspiel spielen, und da gibt’s auch mehr Gesellschaft.‘ — Abakum Fyrow? Na und du mein Bester? Wo, in welcher Gegend treibst du dich herum? Lebst du vielleicht irgendwo an der Wolga und bist ein Fährmann geworden, weil du ein freies Leben liebst? ...“ Hier hielt Tschitschikow inne und wurde ein wenig nachdenklich. Worüber sann er wohl nach? Dachte er an das Schicksal Abakum Fyrows, oder war es jene natürliche, fast selbstverständliche Nachdenklichkeit, die jeden Russen in jedem Lebensalter überfällt, welchem Stande und Berufe er auch angehören mag, wenn er an die Lust eines freien ungebundenen Lebens denkt? „In der Tat wo war jetzt Fyrow? Wahrscheinlich spazierte er laut und fröhlich am Landungsplatze herum, sich heiter unter die Kaufleute mischend. Mit Blumen und Bändern an den Hüten plaudert und lärmt der ganze Troß der Bootsführer, welche sich von ihren schlanken, hohen Frauen und Schätzen verabschieden, die Perlenbänder um den Hals und bunte Schleifen im Haar tragen; es schwingt sich der Reigen, helle Lieder ertönen aus fröhlichen Kehlen, der ganze Landungsplatz wogt auf und nieder, während die Last- und Gepäckträger unter Lärmen, Gezänk und ermunternden Zurufen sich mit einem Haken neun Pud schwere Ballen auf den Rücken laden, Weizen und Erbsen geräuschvoll in geräumige Schiffe schütten und Säcke mit Hafer und Buchweizen fortschleppen; weithin blinken die gewaltigen Haufen gleich einer Pyramide von Kanonenkugeln aufeinander getürmter Säcke und Ballen, die den ganzen Platz bedecken, und machtvoll ragt dieses ganze Getreidearsenal empor, bis es in all’ die geräumigen Barken und Fahrzeuge verladen ist, und diese endlose Flotte zugleich mit dem Frühjahrseise den Fluß hinabschwimmt. Da gibt’s Arbeit für euch in Hülle und Fülle, ihr Schiffer, und vereint, so wie ihr einst munter geschwärmt und über alle Stränge geschlagen, geht ihr nun ans Werk und zieht im Schweiße eures Angesichts an dem Strange, unter Liedern und Gesängen, die so unendlich sind, wie die russische Heimat selbst!

„Herrjeh! Schon zwölf Uhr!“ rief Tschitschikow plötzlich aus, indem er auf die Uhr blickte. „Was säume ich bloß so lange? Wenn ich noch etwas Vernünftiges getan hätte, aber da rede ich erst allerhand albernes Zeug und versinke dann noch in törichte Träumereien! Ich bin doch ein rechter Narr! Wahrhaftig!“ Mit diesen Worten vertauschte er sein schottisches Kostüm mit einem europäischen, zog seine Hosenschnalle etwas fester an, um sein kräftiges Bäuchlein nicht so hervortreten zu lassen, besprengte sich mit Eau de Cologne, nahm seinen warmen Hut in die Hand und die Aktenmappe unter den Arm und begab sich nach dem Zivilgericht, um die Kaufkontrakte perfekt zu machen. Dabei beeilte er sich sehr, nicht weil er sich zu verspäten fürchtete — davor brauchte er keine Angst zu haben, denn der Präsident war sein guter Bekannter und konnte auf Wunsch die Sitzung ausdehnen oder aufheben, ganz wie der alte Zeus Homers, der die Tage verlängerte und frühe Nächte herabsandte, wenn er den Streit seiner geliebten Helden unterbrechen oder ihnen ein Mittel an die Hand geben wollte, um ihn auszutragen; aber Tschitschikow hatte selbst den lebhaften Wunsch, die Sache so schnell als möglich zum Abschluß zu bringen; solange dies nicht geschehen war, fühlte er sich unruhig und unbehaglich: denn er konnte den Gedanken nicht ganz los werden, daß es sich hier doch eigentlich nicht um richtige Seelen handele und daß es in solchen Fällen besser sei, eine solche Last möglichst schnell abzuwerfen. Unter solchen Gedanken hüllte er sich in einen warmen Pelz von braunem Tuch, der mit Bärenfell gefüttert war, und kaum war er auf die Straße getreten, als er an der Ecke der Gasse mit einem Herrn zusammenstieß, der gleichfalls einen mit Bärenpelz gefütterten Überwurf um die Schultern geschlagen hatte und eine Pelzkappe mit Ohrenklappen auf dem Kopfe trug. Der Herr stieß einen Freudenschrei aus — es war Manilow. Beide schlossen einander in die Arme und verharrten etwa fünf Minuten lang in dieser Stellung. Dabei waren die Küsse, die sie austauschten, so kräftig und inbrünstig, daß ihnen beiden nachher den ganzen Tag über die Vorderzähne schmerzten. Von Manilows Gesicht blieben vor Freude nichts wie die Nase und die Lippen übrig, seine Augen waren überhaupt nicht mehr zu sehen. Etwa fünfzehn Minuten lang hielt er Tschitschikows Hand in seinen beiden Händen, bis sie ganz warm wurde. In der feinsten und liebenswürdigsten Weise erzählte er ihm, wie er herbeigeflogen wäre, um Pawel Iwanowitsch in seine Arme zu schließen, und er schloß seine Rede mit einem Kompliment, wie man es höchstens einem jungen Mädchen zu sagen pflegt, das man zum Tanze auffordert. Tschitschikow hatte kaum seinen Mund geöffnet, ohne noch recht zu wissen, wie er ihm danken sollte, als Manilow einen zusammengerollten Bogen Papier, der mit einem roten Bändchen zusammengebunden war, aus seinem Pelze hervorholte.

„Was ist das?“

„Das sind die Bauern.“

„Ah!“ — Er rollte den Bogen sogleich auf, überflog ihn schnell mit den Augen und war erstaunt über die Schönheit und Sauberkeit der Handschrift. „Ist das aber schön geschrieben!“ sagte er, „man braucht es gar nicht erst abschreiben zu lassen. Dazu noch der Rand rund herum! Wer hat denn diese wundervolle Einfassung gezeichnet!“

„Ach fragen Sie lieber gar nicht,“ sagte Manilow.