Hierauf begleitete ihn diese seltsame Gestalt, dieser merkwürdig eingeschrumpfte alte Mann in den Hof hinab. Nachdem Tschitschikow davongefahren war, ließ Pljuschkin das Tor sofort schließen. Dann schritt er durch alle Vorratskammern und Speicher, um sich zu überzeugen, ob auch alle Wächter an ihrem Platze seien, die an jeder Ecke standen und mit Holzschaufeln auf ein leeres Faß statt auf eine Blechtrommel schlugen; er warf auch einen Blick in die Küche, sah dort nach, ob auch das Essen für die Dienstboten gut und schmackhaft zubereitet sei, was für ihn jedoch nur ein Vorwand war, sich selbst gründlichst an Brei und Kohlsuppe satt zu essen. Nachdem er schließlich noch alle bis auf den letzten wegen ihrer schlechten Aufführung tüchtig gescholten und ihnen Diebstahl vorgeworfen hatte, kehrte er in sein Zimmer zurück. Als er allein war, kam ihm einen Augenblick sogar die Idee, sich dem Gast gegenüber für dessen beispiellosen Edelmut erkenntlich zu erweisen: „Ich will ihm die Taschenuhr zum Geschenk machen,“ dachte er — „es ist doch eine schöne silberne Uhr, und nicht etwa von Tomback oder Bronze; sie ist freilich etwas verdorben, aber er kann sie ja reparieren lassen; er ist noch ein junger Mann, und braucht eine Taschenuhr, wenn er bei seiner Braut Eindruck machen will. Oder nein!“ — fuhr er nach einigem Nachdenken fort: „ich will sie ihm lieber vermachen; er soll sie erst nach meinem Tode erhalten, damit er sich später noch meiner erinnert.“
Aber unser Held war auch ohne Uhr in höchst vergnügter Stimmung. Eine so unerwartete Akquisition war eine wahre Gottesgabe. In der Tat, dagegen ließ sich nichts einwenden: nicht nur ein Paar Schock tote Seelen, sondern auch noch einige Dutzend flüchtige dazu: zusammen etwa zweihundert Stück! Er hatte ja freilich schon so eine Ahnung gehabt, als er sich Pljuschkins Landgute näherte, daß es hier was zu verdienen geben würde, aber auf ein so gutes Geschäft hatte er nicht gerechnet. Den ganzen Weg über war er außergewöhnlich lustig, pfiff und sang vor sich hin, indem er sich die Faust vor den Mund hielt und hineinblies wie in eine Trompete. Zuletzt stimmte er sogar ein Lied an, welches so seltsam und sonderbar klang, daß selbst Seliphan verwundert aufhorchte, den Kopf schüttelte und sagte: „Sieh mal an, wie mein Herr singen kann!“ Es war schon ganz dunkel, als sie sich der Stadt näherten. Licht und Finsternis gingen vollkommen ineinander über, und alle Gegenstände schienen zusammenzufließen. Der gestreifte Schlagbaum hatte eine ganz unbestimmte undefinierbare Farbe angenommen; dem Posten vor der Stadt schien der Schnurrbart hoch über den Augenbrauen zu sitzen, und seine Nase schien überhaupt nicht mehr vorhanden zu sein. Das Gerassel der Räder und die Luftsprünge, die die Equipage machte, ließen erkennen, daß man sich bereits wieder auf der gepflasterten Straße befand. Die Laternen waren noch nicht angezündet, hie und da blitzte in den Fenstern der Häuser ein Licht auf, und in den Winkeln und Gassen spielten sich die bekannten Vorgänge ab; man hörte es munkeln und flüstern, was um die nächtlichen Stunden in Städten stets zu geschehen pflegt, wo es viele Soldaten, Kutscher, Arbeiter und jene besondere Menschengattung gibt, eine Art von Damen mit roten Shawls, in Schuhen und ohne Strümpfe, die an den Straßenkreuzungen herumschwirren wie die Fledermäuse. Aber Tschitschikow bemerkte sie nicht, ebensowenig wie die schlanken Beamten, die mit Spazierstöckchen in der Hand wohl von einer Promenade außerhalb der Stadt zurückkehrten. Hie und da drangen Rufe an sein Ohr, die von weiblichen Stimmen herzurühren schienen: „Das lügst du, du bist wohl besoffen; ich hätte ihm nie eine solche Frechheit erlaubt!“ oder „du suchst wieder Händel du Grobian, komm mal mit auf die Polizei, da will ich dir’s schon zeigen.“ Mit einem Wort, all jene Reden, die wie ein Dampfbad auf einen phantasiereichen zwanzigjährigen Jüngling wirken, wenn er aus dem Theater zurückkehrend eine spanische Gasse, eine dunkle Mondnacht und ein herrliches Frauenbild mit einer Gitarre in seinem Kopfe trägt. Welch wundersame Träume, welche tollen Phantasien wirbeln in seinem Hirne durcheinander. Er glaubt im siebenten Himmel zu schweben, und stattet sogar dem Dichter Schiller einen Besuch ab — da schlagen plötzlich jene verhängnisvollen Worte wie ein Donnerschlag neben ihm ein, er fühlt sich wieder auf die Erde zurückversetzt, ja sogar auf den „Heumarkt“ in die nächste Nähe einer Schenke, und aufs neue verschlingt ihn des Werktages altersgraue Öde.
Endlich machte der Wagen noch einen kräftigen Satz und tauchte wie in einem Erdloch im Tore unter. Tschitschikow wurde von Petruschka empfangen, welcher, einen seiner Rockschöße in der einen Hand haltend — denn er liebte es nicht, daß die Schöße sich entzweiten — mit der anderen seinem Herrn aus dem Wagen half. Auch der Kellner kam mit einer Kerze, die Serviette über die Schulter geworfen, angelaufen. Es läßt sich nicht sagen, ob Petruschka über die Ankunft seines Herrn sehr erfreut war, jedenfalls zwinkerten Seliphan und er sich verständnisinnig mit dem Auge zu, und sein sonst so strenges Gesicht schien sich ein wenig zu erhellen.
„Sie haben aber eine lange Spazierfahrt zu machen geruht,“ sagte der Kellner, indem er ihm auf der Treppe voranleuchtete.
„Ja,“ sagte Tschitschikow und stieg die Stufen empor. „Und wie gehts bei euch?“
„Gottlob!“ antwortete der Kellner mit einer Verbeugung. „Gestern ist ein Offizier angekommen. Er wohnt auf Nummer sechzehn.“
„Ein Leutnant?“
„Ich weiß nicht. Er kommt aus Rjasan und hat braune Pferde.“
„Schön, schön! Benimm dich auch fernerhin gut!“ sagte Tschitschikow und trat in sein Zimmer. Während er durch den Flur schritt, rümpfte er die Nase und sprach zu Petruschka gewandt: „Du hättest auch die Fenster aufmachen können.“
„Ich habe sie ja aufgemacht,“ entgegnete Petruschka; aber er log. Uebrigens wußte sein Herr selbst, daß es eine Lüge war. Doch er wollte nicht widersprechen. Nach der langen Fahrt bemächtigte sich eine starke Ermattung aller seiner Glieder. Er bestellte sich eine ganz leichte Abendplatte, die nur aus einem Stück Spanferkel bestand, entkleidete sich sofort, kroch unter die Decke und versank sogleich in einen tiefen, festen Schlaf, in jenen wundersamen Schlaf, den nur die Glückspilze kennen, welche nichts ahnen: weder von Hämorrhoiden, noch von Flöhen, noch von einer allzu regen Geistestätigkeit.