Unterdessen hatte sich in der ganzen Residenz das Gerücht von diesem außergewöhnlichen Ereignis verbreitet — und zwar, wie es ja Brauch ist, nicht ohne Zutaten und Übertreibungen. Alle Gemüter standen zu dieser Zeit gerade unter dem Eindruck übernatürlicher Vorgänge. Kurz vorher hatten nämlich das Publikum allerhand Experimente mit dem tierischen Magnetismus beschäftigt; die tanzenden Stühle waren für die Scheunenstraße noch etwas völlig Neues. Man braucht es also nicht allzu sonderbar zu finden, daß bald darauf das Gerücht auftauchte, die Nase des Kollegien-Assessors Kowalew spazire bereits seit längerer Zeit jeden Tag um drei Uhr auf dem Newski-Prospekt herum. Eine Menge Neugieriger strömte daher alltäglich dorthin. Irgend jemand hatte erzählt, die Nase hielte sich in Junkers Magazin auf, und gleich stauten sich dort die Menschen derartig, daß die Polizei sich genötigt sah, einen Ordnungsdienst einzurichten. Ein sehr ehrenwerter Spekulant von höchst würdigem Äußeren mit einem prachtvollen Backenbart, der am Ausgang der Theater verschiedene Süßigkeiten und trockene Kuchen feilzubieten pflegte, ließ daher schöne solide hölzerne Bänke vor dem Laden aufstellen, lud die Neugierigen ein, Platz zu nehmen und erhob ein Eintrittsgeld von sechzig Kopeken pro Zuschauer. Ein Oberst a. D. erschien schon ganz früh an Ort und Stelle, um sich das Schauspiel anzuschaun, und schlängelte sich mit großer Mühe durch die Menge; aber zu seiner größten Empörung sah er im Fenster des Magazins anstatt der Nase nur ein ganz gewöhnliches baumwollenes Kamisol nebst einer Lithographie, die ein junges Mädchen darstellte, wie es sich seinen Strumpf hinaufzieht, und einen Stutzer mit ausgeschnittener Weste und Spitzbart, der sie hinter einem Baume beobachtet — ein Bild, das schon seit mehr als zehn Jahren an dieser Stelle hing. Der Oberst ging fort, indem er ärgerlich sagte:
„Wie kann man nur die Leute durch solche dumme und unwahrscheinliche Gerüchte auf die Beine bringen? ...“
Dann wurde allgemein davon gesprochen, daß die Nase des Majors Kowalew garnicht auf dem Newski-Prospekt, sondern im Taurischen Garten herumspaziere; man sagte, sie befände sich schon lange dort, schon Chozrew-Mirza habe in der Zeit, da er dort wohnte, sehr über dieses seltsame Naturwunder gestaunt. Von der medizinischen Fakultät wurden einige Studenten hingesandt; eine ehrenwerte Dame von hoher Geburt bat den Wächter des Gartens in einem Privatschreiben, dieses Phänomen doch ja ihren Kindern zu zeigen und womöglich eine gründliche, lehrreiche Erklärung hinzuzufügen.
All diese Geschehnisse bildeten das Entzücken jener Müßiggänger, die bei keiner Gesellschaft fehlen dürfen und deren Pflicht es ist, die Damen zu zerstreuen — und dies in um so höherem Maße, als ihr Vorrat an Neuigkeiten zurzeit völlig erschöpft war. Indes zeigte sich doch eine Minderheit ehrlicher und vernünftiger Leute sehr ungehalten über all diese Scherze. Ein Herr erklärte sogar voller Empörung, er begriffe nicht, wie in einem aufgeklärten Jahrhundert solche falsche und absurde Gerüchte entstehen könnten, ja, er wunderte sich darüber, daß die Regierung diesen Vorgängen nicht mehr Beachtung schenke. Dieser Herr gehörte augenscheinlich zu jener Menschenklasse, die es für wünschenswert hält, daß die Regierung sich in alle Angelegenheiten mische, selbst in die alltäglichen Zwistigkeiten der Ehegatten. Infolgedessen ... Aber hier hüllt sich unsere Historie von neuem in einen dichten Schleier, und über alle folgenden Ereignisse ist wieder nichts bekannt.
III.
Es gibt keinen Unsinn, der in dieser Welt nicht möglich wäre, und oft passieren Dinge, die geradezu unglaublich sind. So befand sich dieselbe Nase, die in Gestalt eines Staatsrates spazieren gegangen war und in der ganzen Stadt eine solche Aufregung verursacht hatte, plötzlich auf ganz unerklärliche Weise wieder an ihrem alten Platz zwischen den beiden Wangen des Majors Kowalew. Das geschah am 7. April.
Als der Major an diesem Morgen erwachte und in den Spiegel sah, erblickte er darin seine Nase. Er griff mit seiner Hand nach ihr, — wahrhaftig, es war seine Nase.
„Mein Gott!“ sagte Kowalew, und er wollte schon vor Freude im Zimmer barfuß ein Tänzchen machen, aber das Eintreten Iwans hinderte ihn daran. Er befahl ihm, sofort Waschwasser zu bringen und besah sich noch einmal im Spiegel — aber die Nase war in der Tat wieder da! Er trocknete sich mit dem Handtuch ab und blickte zum dritten Mal in den Spiegel, — aber die Nase war noch immer da!
„Sieh doch mal her, Iwan, ich glaube, ich habe da so eine Art Pickel auf der Nase,“ sagte er und dachte indessen bei sich:
„Was für ein Unglück, wenn Iwan mir plötzlich antwortete: ‚Nein, Herr, Sie haben nicht nur keinen Pickel auf der Nase, Sie haben ja überhaupt keine Nase!‘“