„Zwanzig,“ sagte der Maler, indem er sich zum Weggehen anschickte.
„Nein, mit was für einem Preis Sie herausrücken! Mit zwanzig Kopeken ist ja nicht einmal der Rahmen bezahlt! Sie wollen es wohl morgen kaufen? Herr Herr, kehren Sie doch zurück! legen Sie wenigstens zehn Kopeken zu. Nehmen Sie, nehmen Sie es, also gut, geben Sie zwanzig Kopeken. Wirklich, nur um den Anfang zu machen; nur, weil Sie der erste Käufer sind.“ — Und dabei führte er mit der Hand eine Geste aus, die zu sagen schien: „Sei dem, wie ihm sei, mag das Bild verloren gehen!“
So hatte denn Tschartkow ganz unerwartet ein altes Porträt gekauft, und er dachte sich: „Wozu habe ich es gekauft? wozu brauche ich es?“ Aber es blieb ihm nichts mehr übrig. Er nahm ein Zwanzigkopekenstück aus der Tasche, gab es dem Ladenbesitzer, nahm das Porträt unter den Arm und trug es nach Hause. Unterwegs erinnerte er sich daran, daß die zwanzig Kopeken, die er soeben weggegeben hatte, sein letztes Geld waren. Seine Gedanken trübten sich mit einem Mal; ein Gefühl des Ärgers und der gleichgültigen Leere erfaßte ihn im selben Augenblick. „Hol’s der Teufel! Wie scheußlich ist es auf der Welt!“ dachte er wie jeder Russe, dessen Geschäfte nicht blühen. Und fast mechanisch ging er schnellen Schrittes, voller Verdrossenheit, weiter. Der Schimmer der untergehenden Sonne tauchte die eine Himmelshälfte in ein tiefes Rot; noch waren die dieser Seite zugewandten Häuser von ihrem warmen Schein schwach bestrahlt; aber nach und nach erglänzte immer stärker und stärker der kühle bläuliche Schein des Mondes. Halbdurchsichtige Schatten von Häusern und Menschen fielen wie lange Schweife auf die Erde. Voller Bewunderung blickte der Maler zum Himmel empor, der in einem durchsichtigen, feinen, unbestimmten Lichte schimmerte, und dabei entschlüpften seinem Munde die Worte: „Was für ein zarter Ton!“ „Wie ärgerlich! Hol’s der Teufel!“ Und während er sich das Porträt bequemer zurechtschob, das fortwährend unter seinem Arme hinunterglitt, beschleunigte er seine Schritte.
Müde und ganz in Schweiß gebadet, schleppte er sich nach seiner Wohnung in der 15. Linie auf der Wassilij-Insel, mühsam und keuchend kletterte er die mit Spülwasser begossenen und von den Spuren von Katzen und Hunden verunreinigten Treppen hinauf. Er pochte an die Tür; niemand antwortete, sein Diener war nicht zu Hause. Er lehnte sich auf das Fensterbrett und entschloß sich, geduldig zu warten, bis er endlich hinter sich die Schritte eines Burschen in blauem Hemde vernahm: dies war sein Faktotum und Modell, sein Farbenreiber und Dielenfeger, der den Fußboden allerdings mit seinen Stiefeln stets wieder zu beschmutzen pflegte, während er ihn fegte. Der Bursche hieß Nikita und brachte während der Abwesenheit seines Herren die ganze Zeit vor dem Tore zu. Nikita gab sich lange Zeit große Mühe, das Schlüsselloch zu finden, das infolge der Dunkelheit kaum zu sehen war. Endlich wurde die Tür geöffnet. Tschartkow betrat sein Vorzimmer, das, wie bei den meisten Künstlern, unerträglich kalt war, ein Umstand, den sie allerdings im allgemeinen nicht bemerken. Ohne Nikita seinen Mantel zu übergeben, begab er sich in sein Atelier, einen großen, aber niedrigen quadratischen Raum mit zugefrorenen Fensterscheiben, der mit allerlei künstlerischem Plunder, Stücken von Gipshänden, Keilrahmen, angefangenen und wieder weggeworfenen Skizzen und bunten, auf Tischen und Stühlen liegenden Draperieen angefüllt war. Er war äußerst müde, legte den Mantel ab, stellte zerstreut das mitgebrachte Porträt zwischen zwei andere Bilder und warf sich auf einen schmalen Diwan, von dem man nicht behaupten konnte, daß er mit Leder bezogen war, denn die Messingknöpfe, die es einst befestigt hatten, residierten in stolzer Selbständigkeit. Das Gleiche ließ sich von dem Leder behaupten, sodaß Nikita seine schwarzen Socken, Hemden und allerlei schmutzige Wäsche darunter aufbewahren konnte. Nachdem er ein wenig auf ihm gesessen und gelegen, soweit hier von Liegen die Rede sein konnte, und sich genügend ausgeruht hatte, fragte er endlich nach einer Kerze.
„Wir haben keine Kerze mehr!“ sagte Nikita.
„Weshalb nicht?“
„Es war doch schon gestern keine da,“ sagte Nikita. Der Künstler erinnerte sich in der Tat, daß es auch gestern keine Kerze mehr gab, beruhigte sich und schwieg still. Er ließ sich auskleiden und zog hierauf seinen schon arg verschlissenen Schlafrock an.
„Der Wirt ist wieder dagewesen!“ fuhr Nikita fort.
„So! Er kam wegen des Geldes!“ meinte der Künstler mit wegwerfender Miene.
„Aber er war nicht allein da,“ sagte Nikita.