„Wer denn noch?“
„Ich weiß nicht, wer. Irgend so ein Polizeibeamter.“
„Wozu denn ein Polizeibeamter?“
„Ich weiß nicht, wozu! Er meinte, weil die Wohnung noch nicht bezahlt ist.“
„Nun, und was soll daraus werden?“
„Ich weiß nicht, was daraus werden soll. Er meinte, wenn er nicht zahlen will, so soll er doch ausziehen! Sie wollten beide morgen wiederkommen.“
„Mögen sie nur kommen!“ sagte Tschartkow mit trauriger Gleichgültigkeit, und eine melancholische Regenstimmung bemächtigte sich seiner.
Der junge Tschartkow war ein Künstler, dessen Talent zu manchen Hoffnungen berechtigte. In Augenblicken der Inspiration zeigte sein Pinsel scharfe Beobachtungsgabe, tiefes Verständnis und einen heißen Drang, der Natur nahe zu kommen. „Sieh, sieh, Bruder,“ sagte ihm mehr als einmal sein Professor, „du hast Talent. Es wäre eine Sünde, wenn du es zugrunde richten wolltest. Aber du hast keine Geduld. Irgend etwas lockt dich, dir gefällt etwas, und du bist gleich davon hingerissen, alles übrige ist dir dann Quark, hat für dich keinen Wert mehr, du willst es dir garnicht einmal anschaun ... sieh dich nur vor, daß aus dir nicht etwa ein moderner Maler wird. Deine Farben sind schon jetzt etwas zu scharf und zu schreiend; deine Zeichnung ist nicht mehr streng und manchmal geradezu schwach ... Die Linie verschwimmt, du trachtest schon nach modernen Beleuchtungseffekten und willst nur das wiedergeben, was dem ersten besten in die Augen springt. Nimm dich in acht, daß du nicht etwa in die Manier der Engländer verfällst! ... Gieb acht, die große Welt beginnt dich bereits zu reizen. Ich habe schon manchmal eine stutzerhafte Krawatte bei dir bemerkt oder einen gebügelten Hut ... ich weiß ja, wie verlockend es ist, für Geld Bilder nach dem Geschmack der Mode zu malen. Aber daran geht ein Talent zugrunde, anstatt daß es ihm Förderung einträgt. Hab Geduld, beschäftige dich sorgfältig mit jeder Arbeit, laß ab vom Dandytum ... Mögen doch andere dem Gelde nachjagen ... dein Vermögen wird dir trotzdem nicht entgehen.“
Der Professor hatte zum Teil recht. Manchmal mochte unser Maler in der Tat etwas über die Stränge schlagen, es den Gecken gleichtun, mit einem Wort: zeigen, daß auch er eigentlich noch recht jung war. Aber bei alledem verstand er es auch, sich zu zügeln. Bisweilen konnte er, wenn er an seine Arbeit gegangen war, alles vergessen, und er riß sich nicht anders von ihr los als wie von einem herrlichen Traume. Sein Geschmack wurde immer subtiler; noch erfaßte er nicht die ganze Tiefe Raffaels, doch wurde er von der raschen, breiten Pinselführung Guidos hingerissen, er blieb vor den Porträts Tizians stehen und begeisterte sich an der vlämischen Schule. Noch war der dunkle Schleier, der die alten Bilder verhüllt, nicht ganz vor ihm geschwunden, aber schon vermochte er ihn hin und wieder mit seinem Blicke zu durchdringen, obgleich er dem Professor innerlich nicht beistimmte, daß die alten Meister für uns so durchaus unerreichbar wären. Ihm schien es sogar, daß das neunzehnte Jahrhundert sie in mancher Beziehung bedeutend überholt hätte, daß die Nachbildung der Natur recht häufig intensiver, lebendiger, treuer geworden war, kurz, er dachte in diesem Falle genau so wie gewöhnlich die Jugend denkt, die schon einiges zu verstehen beginnt und es mit Stolz und Selbstbewußtsein empfindet. Manchmal wurde er ärgerlich, wenn er sah, wie ein zugereister Maler, ein Franzose oder etwa ein Deutscher, der oft genug garnicht einmal ein Maler von Beruf war, nur durch gewohnheitsmäßige Routine, flotte Pinselführung und schreiende Farben allgemeines Aufsehen erregte und sich in einem Augenblick ein ganzes Kapital erwarb. Solche Gedanken kamen ihm, nicht wenn er, ganz von seiner Arbeit absorbiert, Essen, Trinken und die ganze Welt vergaß, sondern nur dann, wenn die Not ihn zu arg bedrängte, wenn er keine Kopeke mehr hatte, um sich Pinsel und Farben zu kaufen und wenn der aufdringliche Wirt zehnmal am Tage kam, um die Miete für die Wohnung von ihm zu verlangen. Dann malte sich wohl in seiner hungrigen Phantasie in angenehmem Lichte das Leben eines reichen Malers, dann spielte er sogar mit dem Gedanken, der so oft das Hirn eines Russen überfällt, alles im Stich zu lassen und sich aus Gram und allem zum Trotz dem Trunk zu ergeben. Und nun war er wieder einmal in einer solchen Lage.
„Ja, hab Geduld, hab nur Geduld!“ wiederholte er verdrießlich; „aber schließlich hat auch die Geduld ihr Ende. Hab Geduld, und womit soll ich denn eigentlich morgen das Mittagsessen bezahlen? Stunden wird es mir niemand, und wenn ich auch alle meine Bilder und Zeichnungen verkaufen wollte, so würde man mir doch für sie alle zusammen noch keine zwanzig Kopeken geben. Sie sind mir wohl von Nutzen gewesen, gewiß, ich fühle es! An keinem von ihnen habe ich umsonst gearbeitet; aus jedem habe ich etwas gelernt. Aber was frommt mir das? Es sind Skizzen, Versuche ... und das werden sie immer bleiben, immer nur Skizzen, Versuche ... Und wer, der nicht zufällig meinen Namen kennt, wird sie denn kaufen mögen? Wer bedarf denn eigentlich dieser Zeichnungen nach der Antike, dieser Naturstudien oder gar meiner unbeendigten „Psyche“? Wen interessiert dieser Ausblick aus meinem Zimmer oder das Porträt meines Nikita, wenn es auch wirklich besser ist, als die Arbeiten irgend eines Modemalers? Und weshalb das alles? Weshalb quäle ich mich ab und plage ich mich, wie ein Schüler mit dem Abc, wo ich doch nicht weniger berühmt sein, als die andern und gleich ihnen Geld verdienen könnte.“