„Es wird soviel über Sie geschrieben; Ihre Porträts sollen der Gipfel der Vollkommenheit sein.“ Nach diesen einleitenden Worten bewaffnete die Dame ihr Auge mit einem Lorgnon und ließ die Blicke schnell über die nackten Wände gleiten. „Und wo sind Ihre Porträts?“
„Man hat sie soeben abgeholt,“ sagte der Künstler etwas verlegen. „Ich bin erst vor kurzem in diese Wohnung gezogen, und so kommt es, daß sie noch unterwegs sind ... sie sind noch nicht angekommen.“
„Waren Sie in Italien?“ fragte die Dame, indem sie ihr Lorgnon in Ermangelung eines andern Objektes für ihre Beobachtungen auf ihn selbst richtete.
„Nein, ich war nicht dort, ich hatte aber immer die Absicht ... Übrigens habe ich es jetzt aufgeschoben ... Bitte hier ist ein Fauteuil ... Sind Sie nicht müde?“
„Danke, ich habe sehr lange in meiner Equipage gesessen. Ah, hier! Endlich sehe ich eine Arbeit von Ihnen,“ sagte die Dame, während sie an die gegenüberliegende Wand eilte und ihr Lorgnon auf die dort lehnenden Skizzen, Perspektiven und Porträts richtete. „C’est charmant, Lise, venez-ici! Ein Zimmer im Stile von Teniers. Sieh doch diese Unordnung! Ein Tisch ... auf dem eine Büste steht, eine Hand, eine Palette ... Dieser Staub hier, siehst du, wie der Staub gemalt ist? C’est charmant! — Und hier eine andere Leinwand: eine Frau, die sich das Gesicht wäscht ... Quelle jolie Figure! ... Ach, ein Bäuerlein! Liese, Liese ... ein Bäuerlein im russischen Hemd. Schau her, ein Bäuerlein! ... Also Sie malen nicht nur Porträts?“
„O, das ist nur eine Bagatelle, ein Scherz! Lauter Skizzen!“
„Sagen Sie bitte, was halten Sie von den heutigen Porträtisten? Nicht wahr, es gibt jetzt keinen solchen mehr, wie Tizian? Keine solche Kraft in der Farbengebung ... Keine solche ... wie schade, daß ich es Ihnen nicht russisch sagen kann. (Die Dame war eine Liebhaberin der Malerei und hatte bewaffnet mit ihrem Lorgnon alle Galerien Italiens durchwandert.) Allerdings Monsieur Nohl! Ach, wie der malt! Was für eine ungewöhnliche Pinselführung! Ich finde, daß in seinen Gesichtern sogar noch mehr Ausdruck enthalten ist, als in denen Tizians. Kennen Sie Monsieur Nohl?“
„Wer ist dieser Nohl?“ fragte der Maler.
„Monsieur Nohl? oh, das ist ein Talent! Er hat meine Tochter gezeichnet, als sie noch zwölf Jahre alt war. Sie müssen unbedingt zu uns kommen — Liese, du wirst ihm dein Album zeigen! Wissen Sie, wir sind in der Meinung hierhergekommen, daß Sie sofort ein Porträt von Liese in Angriff nehmen würden.“
„Aber mit Vergnügen, ich stehe Ihnen sogleich zu Diensten.“ Sofort schob er die Staffelei mit einem präparierten Keilrahmen heran, nahm die Palette in die Hand und heftete den Blick auf das blasse Gesichtchen der Tochter. Wäre er ein Kenner der menschlichen Natur gewesen, er hätte in diesem Gesichte sogleich die ersten Spuren einer kindlichen Leidenschaft für Bälle, einer peinigenden Unzufriedenheit über die Länge der Zeit vor und nach dem Mittagessen, den Wunsch, sich in einem gewissen Kleide auf einem Gartenfest sehen zu lassen, die drückenden Folgen eines erheuchelten Eifers für die verschiedensten Künste, zu dem sie die Mutter zur Erbauung der Seele und Erhebung des Gefühls zwang, bemerkt. Allein der Künstler entdeckte in diesem zarten Antlitz nichts wie eine lockende Aufgabe für seinen Pinsel: eine fast porzellanartige Durchsichtigkeit des Körpers, ein entzückendes leichtes Vibrieren, ein dünnes, zartes Hälschen und eine aristokratische Zierlichkeit der Figur. Und er bereitete sich schon im voraus auf einen Triumph; endlich war die Gelegenheit da, den Schwung und den Glanz seines Pinsels, der sich bis dahin nur an den rohen Zügen ordinärer Modelle, an langweiligen Antiken und Kopien nach einigen klassischen Meistern versucht hatte, zu offenbaren. Und er stellte sich schon vor, wie dieses duftige Gesicht ihm von der Leinwand entgegenblicken werde.