„Wissen Sie,“ sagte die Dame mit einem fast rührenden Ausdruck, „ich möchte ... sie hat jetzt dieses Kleid an ... mir wäre es offengestanden lieber, daß sie ein Kleid trüge, an das wir schon gewöhnt sind. Es wäre mir lieb, wenn sie ganz einfach gekleidet wäre und im Schatten eines Baumes säße ... mit einer Wiese im Hintergrunde und mit der Aussicht auf eine weidende Herde oder einen Hain, ich möchte nicht, daß es so aussähe, als fahre sie irgend wohin zu einem Ball oder zu einer modischen Soirée ... Offengestanden, unsere Bälle töten die Seele so sehr und morden jeden letzten Rest eines Gefühls; Einfachheit, mehr Einfachheit! Nicht wahr?“ Doch ach, leider konnte man es sowohl der Mutter wie der Tochter vom Gesicht ablesen, daß sie sich alle beide auf allerhand Bällen so müde getanzt hatten, daß sie beinahe wie Wachs anzuschauen waren.
Tschartkow machte sich ans Werk, ordnete die Haltung seines Modells an, überlegte sich alles reiflich, nahm mit dem Pinsel das Maß, kniff das eine Auge ein wenig zu, warf den Kopf zurück, fixierte die junge Dame von weitem und begann zunächst eine Skizze zu entwerfen, die er in einer Stunde beendigte. Da er mit seiner Arbeit zufrieden war, machte er sich sofort an die eigentliche Ausführung. Das Schaffen riß ihn vollkommen hin, er hatte sogar schon die Gegenwart der aristokratischen Damen vergessen, kehrte hin und wieder zu seinen Bohèmegepflogenheiten zurück, indem er sich durch einige Ausrufe anfeuerte, und machte zuweilen halblaute Bemerkungen, wie es so die Art eines Künstlers ist, wenn er sich mit ganzer Seele seinem Werke hingibt. Ohne viel Umstände zu machen, ließ er auf einen Wink des Pinsels hin das Modell, das sich schließlich zu bewegen begann und eine starke Müdigkeit erkennen ließ, den Kopf hochheben.
„Genug, fürs erste Mal wird es wohl genug sein!“ sagte die Dame. „Nein bitte, noch ein wenig,“ bat der eifrige Maler.
„Nein, es ist Zeit! Liese, es ist schon 3 Uhr!“ versetzte die Dame, zog ihre kleine, an einer goldnen Kette vom Gürtel herabhängende Uhr hervor und rief ganz überrascht aus: „Ach wie spät!“
„Nur noch ein Augenblickchen,“ sagte Tschartkow mit der einfältigen und bittenden Gebärde eines Kindes.
Jedoch die Dame war diesmal offenbar nicht geneigt, seinen künstlerischen Wünschen nachzugeben, versprach ihm aber dafür, ein anderes Mal länger zu bleiben.
„Das ist doch ärgerlich!“ dachte Tschartkow, „meine Hand war gerade in Schwung gekommen.“ Und er erinnerte sich daran, wie er von niemandem gestört und gehindert wurde, als er noch in seinem Atelier auf der Wassilij-Insel arbeitete. Nikita pflegte gewöhnlich ganz regungslos auf einem Flecke zu sitzen, man konnte ihn malen, so lange man wollte, ja, er schlief sogar in der gewünschten Stellung ein. Unzufrieden legte Tschartkow Pinsel und Palette auf den Stuhl und blieb verdrießlich vor der Leinwand stehn.
Ein Kompliment der vornehmen Dame weckte den Nachdenklichen aus seinem Traume, er stürzte schnell zur Tür, um die Damen hinauszugeleiten. Auf der Treppe erhielt er die Einladung, in der nächsten Woche bei ihnen zu dinieren, und kehrte mit fröhlicher Miene in sein Zimmer zurück. Die aristokratische Dame hatte ihn vollkommen bezaubert — bis dahin hatte er solche Geschöpfe als etwas für ihn Unerreichbares angesehen, als Wesen, die nur dazu geboren sind, in prächtigen Equipagen mit Dienern in kostbaren Livreen und gallonierten Kutschern an armen Sterblichen, wie er, vorbeizusausen und einen im verschlissenen Mantel zu Fuß einherschreitenden Burschen mit einem gleichgültigen Blick zu streifen. Mit einem Male aber war eines dieser Wesen zu ihm in seine Wohnung gekommen; er malte dessen Porträt und war zu einem Diner in ein aristokratisches Haus eingeladen. Eine ganz ungewöhnliche Zufriedenheit bemächtigte sich seiner, er war vollständig trunken vor Freude und belohnte sich für seine gute Laune mit einem famosen Souper, einem Theaterbesuch und einer nochmaligen ziellosen Spazierfahrt in einer Equipage durch die Stadt.
Während all dieser Tage kam ihm seine gewohnte Arbeit gar nicht in den Sinn; er war nur mit Vorbereitungen auf den Besuch beschäftigt, und wartete auf den Augenblick, wo die Glocke zu ertönen pflegte. Endlich erschien die Dame mit ihrer blassen Tochter wieder. Er ließ sie Platz nehmen, rückte die Leinewand schon mit einer gewissen Sicherheit und mit den Prätensionen eines Mannes von feinen Manieren zurecht, und begann seine Arbeit. Der sonnige Tag und die gute Beleuchtung leisteten ihm große Dienste. Er entdeckte an seinem duftigen Modell eine Menge von Einzelheiten, deren Beachtung und Fixierung auf der Leinewand dem Porträt einen hohen Wert verleihen konnten. Er sah, daß es wohl möglich war, etwas Besonderes zu leisten, wenn er alles so vollkommen darzustellen vermochte, wie es ihm jetzt in der Natur entgegentrat. Sein Herz fing leicht zu klopfen an, weil er die Kraft in sich fühlte, etwas, was andere noch nicht bemerkt hatten, zum Ausdruck zu bringen. Die Arbeit nahm ihn ganz in Anspruch, er gab sich ihr völlig hin und vergaß bald wieder die aristokratische Herkunft des Originals; mit benommenem Atem stellte er fest, wie die zarten Züge und der fast durchsichtige Körper des siebenzehnjährigen Mädchens allmählich auf der Leinwand erschienen. Keine noch so zarte Nuance entging ihm, er traf den leichten gelben Ton, einen kaum merklichen bläulichen Schimmer unter den Augen — und war sogar schon im Begriff, einen kleinen Pickel, der sich auf der Stirne befand, zu verzeichnen, als er plötzlich neben sich die Stimme der Mutter vernahm. „Ach nein, wozu nur? Das ist nicht nötig! Auch hier haben Sie ... hier an einigen Stellen scheint es mir etwas zu gelb zu sein, und auch dies sieht ganz aus, wie ein dunkler Flecken.“ Der Maler fing an zu erklären, daß sich gerade diese Pünktchen und die gelbe Farbe besonders gut machten, weil sie im Gesicht als angenehme und leichte Töne wirkten. Er erhielt jedoch zur Antwort, daß das überhaupt keine Töne seien, daß sie sich garnicht gut ausnähmen, und daß es ihm nur so vorkäme. „Aber so erlauben Sie mir doch wenigstens, hier, an dieser einen Stelle, etwas Gelb aufzutragen!“ bat der Künstler mit harmloser Miene. Indessen gerade das wurde ihm nicht erlaubt. Man erklärte ihm, daß Liese heute bloß nicht in Stimmung sei, daß sie sonst ganz und gar nicht gelb aussehe, und daß ihr Gesicht im Gegenteil durch die Frische seines Teints überrasche. Traurig machte er sich daran, die beanstandeten Spuren seines Pinsels von der Leinewand zu tilgen. Viele fast unmerkliche Züge mußten schwinden, und mit Ihnen schwand zum Teil auch die Ähnlichkeit dahin. Gleichgültig begann er dem Bilde jenes konventionelle Kolorit mitzuteilen, das sich von vornherein ganz mechanisch und wie von selbst einstellt und auch einem nach der Natur gemalten Gesicht eine gewisse kühle Idealität verleiht, wie wir sie auf Schülerprogrammen antreffen. Die Dame war jedoch sehr zufrieden, daß nunmehr das Verletzende der Farbengebung gänzlich vermieden wurde. Sie drückte nur ihr Erstaunen darüber aus, daß die Arbeit so langsam vor sich ging, und fügte hinzu, sie hätte gehört, er könnte schon in zwei Sitzungen ein vollständiges Porträt malen. Der Maler fand hierauf keine Antwort. Die Damen erhoben sich und wollten fortgehen. Er legte den Pinsel nieder, geleitete sie bis an die Tür und blieb lange Zeit in trüber Stimmung vor seinem Porträt stehen.
Er starrte es stumm und gedankenlos an; inzwischen aber schwebten jene zarten weiblichen Züge, jene Schatten und luftigen Töne, die er bemerkt, und die sein Pinsel dann so schonungslos vernichtet hatte, vor seinem Auge. Ganz von ihnen erfüllt, stellte er das Porträt beiseite und suchte aus irgend einer Ecke seine „Psyche“ hervor, die er vor längerer Zeit einmal flüchtig skizziert hatte. Es war ein graziös hingemaltes, aber rein ideales und kaltes Gesichtchen, das bloß allgemeine und wenig charakteristische Züge aufwies und noch auf keinem lebendigen Körper saß. Er begann diese Züge mit dem Pinsel nachzuziehen, während er sich dabei an alles erinnerte, was sein scharfes Auge an dem Antlitze seiner aristokratischen Besucherin bemerkt hatte. Die von ihm erfaßten Linien, Schatten und Töne nahmen hierbei jene verklärte Form an, wie sie dem Künstler erscheinen, wenn er die Natur genügend in sich aufgenommen hat, sich nunmehr von ihr entfernt und ein ihr ebenbürtiges Werk schafft. Die Psyche lebte allmählich wieder auf, und der Gedanke, der ihn kaum flüchtig bewegt hatte, nahm wieder Fleisch und Blut an. Der Gesichtstypus der vornehmen jungen Dame teilte sich von selbst der Psyche mit, und dadurch erhielt sie einen eigenartigen Ausdruck, der ihr das Recht auf den Namen eines wahrhaft originellen Werkes verleihen durfte. Er hatte gleichsam in den Einzelheiten und im Ganzen ausgenutzt, was ihm das Original bot, und war von seiner Arbeit vollkommen hingerissen. Einige Tage lang beschäftigte er sich nur mit ihr, da überraschte ihn zufällig das Eintreten der bekannten Damen bei dieser Arbeit. Er hatte keine Zeit, das Bild von der Staffelei zu entfernen; die beiden Damen stießen einen frohen Ruf des Erstaunens aus und schlugen die Hände zusammen.