„Lise, Lise! ach, wie ähnlich! Superbe, superbe! Was für ein schöner Einfall, sie in einem griechischen Kostüm zu malen! Welche Überraschung!“

Der Künstler wußte nicht, wie er die Damen über ihren angenehmen Irrtum aufklären sollte. Verlegen und mit gesenktem Kopf bemerkte er leise: „Das ist Psyche!“

„Als Psyche? C’est charmant!“ sagte die Mutter lächelnd zu ihrer gleichfalls lächelnden Tochter. „Nicht wahr, Lise, so machst du dich am besten, so als Psyche, nicht? Quelle idée délicieuse! Aber was für eine Arbeit! Das ist ja ein Correggio! Offengestanden, ich habe zwar von Ihnen gelesen und gehört, ich wußte aber doch nicht, daß Sie ein solches Talent sind. Nein, Sie müssen unbedingt auch noch mein Porträt malen!“ Die Dame wollte sich offenbar gleichfalls als Psyche präsentieren ...

„Was soll ich mit ihnen anfangen?“ dachte der Künstler. „Wenn sie es selbst durchaus wollen, gebe ich einfach die „Psyche“ für das aus, was ihnen am meisten behagt!“ Und er sagte laut: „Belieben Sie noch für eine Weile Platz zu nehmen. Ich möchte hier noch einen Tupfen auftragen!“

„Ach, ich fürchte, daß Sie hier irgend etwas ... Sie ist jetzt so ähnlich.“

Aber der Künstler merkte wohl, daß sich ihre Befürchtungen nur auf gelben Ton bezogen, und beruhigte sie, indem er sagte, daß er den Augen nur noch etwas mehr Glanz und Ausdruck geben wolle. In Wirklichkeit aber war es ihm zu peinlich zumute, er wollte wenigstens die Ähnlichkeit mit dem Original noch etwas verstärken, damit ihm wenigstens niemand seine Schamlosigkeit zum Vorwurf machen könne. Und in der Tat, das Antlitz ließ bald immer deutlicher die Züge des blassen Mädchens erkennen.

„Genug,“ sagte die Mutter, die zu fürchten begann, daß die Ähnlichkeit allzu groß werden könnte. Dem Künstler wurde durch ein Lächeln, durch Geld, Komplimente, herzliche Händedrücke und eine Einladung zum Diner eine reichliche Belohnung zuteil: mit einem Worte, er wurde nur so überschüttet mit Schmeicheleien und höchsten Zeichen der Anerkennung.

Das Porträt erregte in der Stadt Aufsehen. Die Damen zeigten es ihren Freundinnen; alle bewunderten die Kunst, mit der der Maler es verstanden hatte, die Ähnlichkeit zu wahren und dem Original dennoch Schönheit und Liebreiz zu verleihen. Dieser Punkt wurde natürlich nicht ohne einen leichten Anflug von Neid festgestellt, und mit einem Male war der Künstler mit Arbeiten überhäuft. Fast schien es, als wollte die ganze Stadt sich bei ihm porträtieren lassen. Im Flur ertönte jeden Augenblick die Glocke. — Dieser äußere Erfolg konnte zwar sein Glück ausmachen, da er ihm eine große Praxis verschaffte, und die Mannigfaltigkeit und die Zahl der Gesichter, die er malen mußte, war in der Tat sehr groß. Leider waren es jedoch alles Menschen, mit denen man nur schwer auskommen konnte, eilige, beschäftigte Menschen oder Personen, die der großen Gesellschaft angehörten und infolgedessen noch mehr als alle anderen abgehetzt und aufs äußerste ungeduldig waren.

Die einzige Forderung, die von allen Seiten an ihn gestellt wurde, war diese, daß er was Gutes leisten und möglichst schnell arbeiten solle.

Bald sah der Maler die Unmöglichkeit ein, seine Porträts sorgfältig auszuführen, er gelangte vielmehr zur Überzeugung, daß man die genauere Charakteristik durch einen leichten und flotten Pinselstrich ersetzen, nur das große Ganze, den allgemeinen Ausdruck festhalten müsse und sich nicht mit besonderen subtilen Einzelheiten abgeben dürfe: mit einem Worte, er begriff, daß er es sich nicht erlauben konnte, die Natur in ihrer ganzen Vollkommenheit wiederzugeben. Außerdem muß hinzugefügt werden, daß fast alle seine Modelle auch noch andere Wünsche geltend machten. Die Damen verlangten, daß hauptsächlich die Seele und das Wesen auf den Porträts betont, andere Züge dagegen unter Umständen durchaus hintangesetzt würden, daß alle Ecken abgerundet, alle Mängel verwischt oder wenn möglich ganz und gar ausgemerzt werden sollten, mit einem Worte, daß das Gesicht zur Bewunderung, wenn nicht gar zur Anbetung reizen solle. Daher nahmen, wenn sie zur Sitzung kamen, ihre Mienen einen solchen Ausdruck an, daß der Künstler aufs höchste erstaunt war. Die eine bemühte sich, eine gewisse Melancholie auf ihrem Gesichte wiederzuspiegeln, die andere nahm eine verträumte Pose an, die dritte wollte um jeden Preis den Mund kleiner erscheinen lassen und spitzte ihn so zu, bis er sich endlich in einen Punkt verwandelte, der nicht größer als ein Stecknadelknopf war. Trotz alledem aber verlangte man Ähnlichkeit und ungezwungene Natürlichkeit von ihm. Und die Herren waren nicht besser als die Damen. Der eine wollte mit einer kraftvollen, energischen Kopfhaltung dargestellt werden, der andere mit durchgeistigten und gen oben gerichteten Augen. Ein Gardeleutnant wünschte, daß Mars aus seinen Blicken hervorleuchte, ein Zivilbeamter hatte das Bestreben, möglichst viel Gradheit und Edelmut in seinen Gesichtsausdruck zu legen, stützte die Hand auf ein Buch, das die deutliche Aufschrift trug: „Ich bin stets für die Wahrheit eingetreten!“, und wollte in dieser Pose porträtiert sein. Anfangs trat dem Künstler infolge dieser Forderungen der Schweiß auf die Stirn, all dies mußte genau durchdacht werden, und doch räumte man ihm nur eine geringe Frist dafür ein. Schließlich jedoch begriff er den Kern der Sache und wurde nicht im geringsten mehr verlegen. Schon zwei, drei Worte reichten hin, ihn darüber zu belehren, wie sich ein jeder dargestellt wissen wollte. Wer nach einem Mars Verlangen trug, dem steckte er einen Mars ins Gesicht, wer es auf einen Byron abgesehen hatte, dem gab er eine byronische Haltung! Ob die Damen als Corinna, als Undine oder gar als Aspasia erscheinen wollten, war für ihn ohne jeden Belang: er willigte mit großem Vergnügen in alles ein und legte schon aus eigner Machtvollkommenheit einem jeden eine beträchtliche Dosis Wohlgeratenheit bei, bekanntlich eine Willkür, die nirgends Schaden stiften kann und für die man sogar mitunter eine gewisse Unähnlichkeit mit in den Kauf nimmt. Allmählich fing er selbst an, sich über die erstaunliche Schnelligkeit und Flottheit seines Pinsels zu wundern. Die Porträtierten aber waren ganz entzückt und erklärten ihn für ein Genie.