Eine Träne glänzte in seinen Augen. „Erfülle mir noch eine Bitte, lieber Sohn,“ sagte er beim Abschied zu mir. „Vielleicht gelingt es dir einmal, das Porträt zu entdecken, von dem ich dir erzählt habe. Du wirst es sofort an den ungewöhnlichen Augen und an ihrem unnatürlichen Ausdruck erkennen. Solltest du es finden, so gelobe mir, es zu vernichten.“

Sie können selbst beurteilen, ob es mir nach alledem noch möglich war, ihm dieses heilige Versprechen zu verweigern. Ich schwur ihm hoch und heilig, seine Bitte zu erfüllen. Fünfzehn Jahre lang vermochte ich nicht, irgend etwas zu entdecken, was der Beschreibung meines Vaters auch nur im geringsten entsprach, als mir plötzlich bei dieser Auktion ....“

Der Künstler vollendete den Satz nicht; er richtete sein Auge auf die Wand, um das Porträt noch einmal zu prüfen, und alle, die ihm mit Spannung zugehört hatten, taten instinktiv dasselbe, wie er; aller Augen suchten das geheimnisvolle Porträt. Aber zum allgemeinen Erstaunen war es plötzlich von der Wand verschwunden. Ein leises Gemurmel und Geflüster durchlief die Menge, doch plötzlich eilte wie ein Lauffeuer das Wort: Gestohlen! durch den Saal. Offenbar war es jemand gelungen, während die Zuhörer gespannt auf den Erzähler lauschten, das Bild zu entwenden, und noch lange nachher blieben die Zuhörer im Zweifel, ob sie diese merkwürdigen Augen wirklich gesehen hatten, oder ob es nur ein Traum gewesen war: ein Traum, der ihre von der Betrachtung der alten Gemälde ermüdeten Augen getäuscht hatte, um gleich darauf für immer zu verschwinden.

Anhang zum zweiten Teil

Varianten zum zweiten Teil der „Toten Seelen“.

Der zweite Band der „Toten Seelen“ wurde im Jahre 1840 begonnen, allein das Werk blieb Fragment. Von der ursprünglichen Fassung dieses zweiten Teiles hat sich nur ein einziges Heft mit dem ersten Entwurfe eines Kapitels erhalten. 1842 arbeitete Gogol nach seinen ersten Aufzeichnungen einen neuen Entwurf aus und schrieb ihn sauber ab. Es ist jedoch nicht bekannt, aus wieviel Kapiteln er bestand. Von dieser Fassung haben sich vier Hefte erhalten. Noch im selben Jahre 1842 beginnt Gogol den ins Reine geschriebenen Text aufs neue umzuarbeiten und entwirft in diesen Heften: „ein Chaos, aus dem der Kosmos der ‚Toten Seelen‘ hervorgehen soll“. Dies ist der Text, den wir unserer Ausgabe des zweiten Bandes zugrunde gelegt haben. Der vollständige Text dieser Fassung ist nicht auf uns gekommen, er wurde Juni und Juli 1845 vom Autor verbrannt. Wir führen in diesem Anhang die wichtigsten Varianten der ursprünglichen Fassung an. Sie bilden eine wichtige Ergänzung zum vorliegenden Text und sind geeignet, dem Leser einen tieferen Einblick in die Idee und den Grundplan des ganzen Werkes, vorzüglich aber des unvollendeten zweiten Teiles zu vermitteln.

Der Herausgeber.


[1.] Wir haben unserem Text auch die letzten Verbesserungen und Ergänzungen mit eingefügt, die zum Teil über den Zeilen, zum Teil auf dem linken Rande der Seite nachgetragen waren. Das folgende Stück ist mehrfach verändert und umgestaltet worden. Der ursprüngliche Text hatte nach seiner ersten Umarbeitung folgende Fassung erhalten:

Ob solche Charaktere geboren werden — oder ob sie allmählich dazu werden, was sie sind — diese Frage läßt sich nicht beantworten. Wir wollen daher lieber zuerst die Geschichte seiner Kindheit und seiner Erziehung erzählen — und den Leser selbst urteilen lassen. Der Direktor der Schule, in welcher Tentennikow erzogen wurde, war ein ganz außerordentlicher Mann: Alexander Petrowitsch besaß die Gabe, das Wesen eines Menschen durch eine Art Instinkt zu erraten. Es gab kein Kind, das, wenn es einen Streich begangen hatte, nicht selbst zu ihm ging, um ihm alles zu beichten. Aber mehr noch. Wenn der kleine Wildfang ihn verließ, dann ließ er nicht etwa die Nase hängen, sondern er ging erhobenen Hauptes von ihm hinaus, mit dem festen Entschluß, wieder gut zu machen, was er verbrochen hatte. In den Vorwürfen, die Alexander Petrowitsch seinen Schülern machte, lag etwas Ermutigendes und Kräftigendes: nach ihm war der Ehrgeiz die eigentliche Triebfeder, die die menschlichen Fähigkeiten zur Entwickelung und zur Reife bringt, und daher war er vor allem darauf bedacht, diesen Trieb zu erwecken. Alexander Petrowitsch sprach nie vom Betragen der Kinder. Statt dessen pflegte er zu sagen: „Ich verlange Verstand und nichts anderes von meinen Schülern. Wer darnach strebt, seinen Verstand auszubilden, der denkt nicht an dumme Streiche; diese verschwinden dann ganz von selbst.“ Man warf ihm vor, er ließe den Begabten gar zu viel Freiheit und erlaube ihnen, sich über die weniger Begabten lustig zu machen und sie sogar zu kränken. Hierauf pflegte er zu entgegnen: „Was soll ich machen? Ich habe nun einmal eine Vorliebe für die Klugen und ich will, daß alle es sehen sollen.“ Er hielt es auch für notwendig, vor allem ....