„Wieso?“ fragte mein Vater.

„Seitdem ich es bei mir aufgehängt habe, liegt es auf mir wie ein furchtbarer Druck ... als ob ich jemand ermorden wollte. Zeit meines Lebens wußte ich nicht, was Schlaflosigkeit heißt, jetzt aber habe ich nicht nur diesen Zustand kennen gelernt, ich habe auch solche Träume ... d. h. ich weiß selbst nicht recht, ob es nur Träume sind oder noch irgend etwas anders: wie wenn mich ein böser Geist erwürgen will ... und immer spukt der verfluchte Alte im Zimmer herum. Mit einem Worte, ich kann dir meinen Zustand gar nicht schildern. Niemals ist mir so etwas passiert. Ich bin all diese Tage wie ein Wahnsinniger herumgelaufen ... Eine entsetzliche Angst verfolgte mich, immer wartete ich auf etwas Furchtbares, ich fühlte, wie ich zu niemand ein fröhliches und aufrichtiges Wort sagen konnte, stets schien es mir, als würde ich beobachtet und bespitzelt. Erst nachdem ich das Porträt meinem Neffen geschenkt habe, der es sich selbst von mir erbeten hat, ist mir’s, als wenn mir ein Stein vom Herzen gefallen wäre. Mit einem Schlage wurde mir wieder froh zumute, so wie du mich hier vor dir siehst! Wahrhaftig, Freund, da hast du aber einen schönen Teufel geschaffen!“

Mein Vater lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit auf diese Erzählung und fragte schließlich: „Und jetzt ist das Porträt bei deinem Neffen?“

„Ach was! Bei meinem Neffen ... Der hielt es ja auch nicht aus!“ versetzte der Spaßvogel. „Des Wucherers eigene Seele scheint in dieses Porträt hinübergewandert zu sein. Er springt aus dem Rahmen, spaziert in dem Zimmer herum — und was mein Neffe sonst noch darüber erzählt, geht über jede Beschreibung. Ich würde ihn tatsächlich für verrückt halten, hätte ich nicht fast ganz das Gleiche erlebt. Er hat das Porträt an irgend einen Kunstfreund verkauft, aber auch dieser konnte es nicht aushalten und hat es seinerseits wieder einem andern aufgehalst.“

Diese Worte machten einen tiefen Eindruck auf meinen Vater. Er versank in tiefes Grübeln, wurde melancholisch und gelangte endlich zur Überzeugung, daß sein Pinsel dem Teufel als Werkzeug gedient hatte, daß das Leben des Wucherers tatsächlich zum Teil auf das Porträt übergegangen war, und daß es jetzt die Menschen beunruhige, ihnen dämonische Empfindungen einflöße, Künstler vom rechten Wege abbringe, häßliche Anwandlungen von Neid erzeuge usw. Drei Unglücksfälle, die sich unmittelbar darauf ereigneten: der plötzliche Tod seiner Frau, seiner Tochter und seines kleinen Sohnes, erschütterten ihn aufs tiefste, er hielt sie für eine Strafe des Himmels und entschloß sich, aus dem weltlichen Leben zu scheiden.

Gleich nach Vollendung meines neunten Jahres ließ er mich in die Kunstschule eintreten und zog sich selbst nach Erledigung seiner geschäftlichen Angelegenheiten in ein einsames Kloster zurück, wo er bald die Mönchskutte anlegte. Dort setzte er alle Brüder durch seine asketische Lebensführung und durch die strenge Beobachtung aller Klostersatzungen in Erstaunen. Als der Prior erfahren hatte, daß er ein Maler sei, trug er ihm auf, für die Klosterkirche das Bild ihres Heiligen zu malen. Aber der fromme und demütige Bruder erklärte entschieden, daß er unwürdig sei, den Pinsel zu führen, weil er ihn entweiht habe, und daß er seine Seele zuerst durch harte Arbeit und schwere Opfer reinigen müsse, um wieder würdig zu sein, eine solche Arbeit zu übernehmen. Zwingen wollte man ihn nicht. Er versuchte es für seine Person — soweit dies möglich war — die strengen Satzungen des Klosterlebens noch zu verschärfen; schließlich genügte ihm jedoch auch dieses nicht mehr, es erschien ihm nicht hart genug. Er erbat sich den Segen des Priors, verließ das Kloster und zog sich in eine völlige Einsamkeit zurück. Er baute sich aus Baumzweigen eine Hütte, nährte sich nur von rohen Wurzeln, trug Steine von einer Stelle zur andern, stand von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang mit gen Himmel erhobenen Armen da, murmelte beständig Gebete — mit einem Worte, er erlegte sich alle nur möglichen Geduldsproben und Prüfungen auf, für die man nur in den Lebensbeschreibungen der Heiligen Beispiele finden kann. So peinigte er einige Jahre hindurch seinen Körper und stärkte ihn gleichzeitig mit Hilfe der belebenden Kraft des Gebetes. Endlich erschien er eines Tages wieder in dem Kloster und sprach entschlossen zum Prior: „Jetzt bin ich bereit! Wenn es Gott gefällt, werde ich meine Arbeit vollenden.“

Der Gegenstand, den er darstellen wollte, war die Geburt Jesu. Ein ganzes Jahr verbrachte er bei seiner Arbeit, ohne seine Zelle zu verlassen, wobei er sich nur notdürftig durch kärgliche Nahrung am Leben erhielt und ununterbrochen betete. Als diese Zeit vorüber war, war das Bild fertig. Es war ein Wunderwerk der Malerei geworden. Hier muß ich bemerken, daß weder die Brüder, noch der Prior viel von der Malerei verstanden, aber alle waren über die ungewöhnliche Reinheit und Heiligkeit der Gestalten aufs höchste erfreut. Eine göttliche Demut und Milde in den Zügen der heiligen Gottesmutter, die sich über ihr Kind beugt, ein tiefes Sinnen in den Augen des göttlichen Kindes, das schon etwas von der Zukunft zu erkennen scheint, ein feierliches Schweigen der von dem göttlichen Wunder überwältigten Könige, die vor dem Kinde knien, und endlich eine überirdische, unbeschreibliche Stille, die über dem ganzen Bilde lag: dies alles verband sich zu einer so harmonischen Kraft und Macht der Schönheit, daß der Eindruck ein geradezu zauberischer, magischer war. Alle Brüder stürzten vor dem neuen Bilde auf die Knie, und der gerührte Prior sprach: „Wahrlich! Es ist nicht möglich, daß ein Mensch nur mit Hilfe menschlicher Kunst ein solches Bild zu schaffen vermochte; eine höhere, heilige Kraft hat deinen Pinsel geführt; des Himmels Segen ruhte auf deinem Werke!“

Um diese Zeit schloß ich mein Studium in der Akademie ab, ich erhielt die goldene Medaille und mit ihr eröffnete sich mir die frohe Aussicht auf eine Kunstreise nach Italien, den schönsten Traum eines zwanzigjährigen Künstlers. Ich hatte nur noch die Pflicht, mich von meinem Vater, von dem ich seit zwölf Jahren getrennt lebte, zu verabschieden. Ich muß gestehen, daß sein Bild längst aus meiner Erinnerung geschwunden war. Ich hatte einiges über die Strenge und Heiligkeit seines Lebens gehört und bereitete mich schon im voraus darauf vor, das herbe Äußere eines durch das ewige Fasten und Wachen abgemagerten und vertrockneten Anachoreten zu erblicken, für den nichts auf der Welt existiert, als seine Zelle und seine Gebete. Aber wie war ich erstaunt, als ich mich plötzlich einem herrlichen, göttlichen Greise gegenüber befand! In seinem Gesichte spiegelte sich auch nicht die geringste Ermattung oder Müdigkeit, es strahlte vielmehr von der Klarheit und Helligkeit einer himmlischen Freude. Ein schneeweißer Bart und ganz dünne, fast ätherische Haare von der gleichen silbrigen Farbe bedeckten malerisch seine Brust und die Falten seiner schwarzen Kutte, und reichten bis zu dem Stricke herab, der sein ärmliches Mönchsgewand umgürtete. Am meisten jedoch wunderte ich mich darüber, aus seinem Munde Gedanken und Worte über die Kunst zu vernehmen, die ich sicherlich noch lange in meiner Seele bewahren werde. Und ich wünschte aufrichtig, daß ein jeder meiner Kollegen ein Gleiches tue.

„Ich habe auf dich gewartet, mein Sohn,“ sagte er, während er mich segnete; „dir steht ein Weg bevor, den du von nun an dein ganzes Leben hindurch beschreiten wirst. Dein Weg ist rein, irre nicht von ihm ab. Du hast Talent, Talent aber ist die kostbarste Gabe Gottes. Richte es also nicht zugrunde. Erforsche, studiere alles was du siehst! Mache alles deinem Pinsel dienstbar! Doch strebe stets danach, in jedem Ding die innere Idee zu entdecken, und vor allem das tiefe Geheimnis der Schöpfung zu ergründen. Selig ist der Auserwählte, der es enthüllt hat. Für ihn gibt’s in der Natur kein gemeines Motiv. Im Geringen und Kleinen bleibt der wahrhaft schöpferische Künstler ebenso erhaben wie im Großen. Das Verächtliche wirkt nicht mehr verächtlich, weil es von der herrlichen Seele des Schöpfers durchleuchtet wird und einen hohen Ausdruck erhält, indem es durch das reinigende Feuer seines Geistes hindurchgeht. Die Kunst läßt den Menschen das zukünftige himmlische Paradies ahnen; schon aus diesem Grunde steht sie höher als alles andere. Und wie die feierliche Ruhe jede weltliche Erregung, wie das Schaffen die Zerstörung, wie der Engel — bloß durch die reine Unschuld seiner lichten Seele — all die unzählbaren Kräfte und stolzen Leidenschaften des Satans übertrifft, so steht erhaben über allem, was es auf der Welt gibt, das hohe Werk der Kunst! Ihr sollst du alles zum Opfer bringen, sie mußt du lieben mit dem ganzen Feuer deiner Seele, nicht mit der Inbrunst, die die irdische Wollust entfacht, sondern mit einer stillen himmlischen Begeisterung; ohne sie ist der Mensch nicht imstande, sich über die Erde zu erheben und die hohe wunderbare Harmonie zu erzeugen, die den Frieden in unser Herz gießt. Denn um die ganze Welt zu dieser Besänftigung und Versöhnung zu bringen, steigt ja ein edles Kunstwerk zu uns vom Himmel herab. Daher erregt es nie Unfrieden und Empörung in der Seele, sondern strebt ewig, gleich einem wundersam klingenden Gebet, zu Gott empor. Freilich gibt es Augenblicke, finstere Augenblicke ...“ Er hielt inne und ich sah, wie sich plötzlich sein klares Antlitz verdüsterte, als hätte eine Wolke es beschattet. „Ich hatte ein Erlebnis ...“ fuhr er fort, „bis auf den heutigen Tag ist mir nicht klar, was jene rätselhafte Gestalt bedeutete, deren Porträt ich damals gemalt habe. Es war wie eine teuflische Erscheinung. Ich weiß, die Welt leugnet die Existenz des Teufels, und daher will auch ich nicht über ihn sprechen. Ich will nur sagen, daß ich jenen Mann nur mit einem heftigen Widerwillen gemalt habe. Ich arbeitete ohne jede Freude und Liebe an meinem Werk. Ich mußte mich mit Gewalt zur Arbeit zwingen. Ich suchte mein inneres Gefühl zu betäuben und der Natur treu zu bleiben. Das war kein Kunstwerk, das ich schuf, und daher sind auch die Empfindungen, die sich beim Anblick dieses Bildes aller Menschen bemächtigen, wild und rebellisch; es sind Gefühle der Unruhe, die es erzeugt, und keine Offenbarungen hoher Kunst, weil der Künstler auch in der Wiedergabe der Leidenschaft die edle Ruhe bewahrt. Ich habe gehört, daß dieses Porträt von Hand zu Hand geht und überall quälende, peinigende Eindrücke erregt, daß es im Künstler Gefühle des Neides, des dumpfen Hasses gegen seine Genossen und den bösen Trieb zur Verfolgung und Unterdrückung entfache. Möge der Allerhöchste dich vor solchen Leidenschaften bewahren! Es gibt nichts Entsetzlicheres als sie. Es ist besser, alle Leiden eines Gehetzten und Verfolgten auf sich zu nehmen, als einem andern auch nur das geringste Unrecht zuzufügen. Rette die Reinheit deiner Seele! Wem ein Talent geschenkt ward, dessen Seele muß reiner und edler sein, denn die der andern. Jenen wird vieles verziehen werden, ihm aber nichts. Den, der sein Haus in einem festlichen Gewande verläßt, braucht nur ein vorüberfahrender Wagen ein wenig mit Kot zu bespritzen, und schon umringen ihn hunderte von Leuten, zeigen mit den Fingern auf ihn und spotten über seine Nachlässigkeit, während ein anderer von unten bis oben beschmutzt sein kann, ohne daß es die Menge bemerkt; er trägt einen gewöhnlichen Alltagsrock, und da fällt es eben nicht weiter auf.“

Nach diesen Worten segnete er und umarmte er mich. Niemals in meinem Leben fühlte ich mich so erhoben wie an diesem Tage. Mit tiefer Ehrfurcht und einem Gefühle seltener Bewunderung, das mehr war, als einfache Kindesliebe, schmiegte ich mich an seinen Busen und küßte seine herabhängenden, silberweißen Haare.