Außer diesen beiden Fällen, die sich vor den Augen der ganzen Welt abgespielt hatten, wurde noch eine Reihe anderer erzählt, die sich unter den niedren Klassen zutrugen, und die fast alle einen ebenso entsetzlichen Ausgang nahmen. Ehrliche, nüchterne Männer wurden plötzlich zu Trunkenbolden, Gehilfen bestahlen ihre Chefs, ein Droschkenkutscher, der viele Jahre hindurch ehrlich und fleißig gedient hatte, erstach auf einmal einen Fahrgast wegen einiger Pfennige. Natürlich mußten solche Erzählungen, die noch dazu meist sehr ausgeschmückt und übertrieben waren, den einfältigen Bewohnern Kolomnas eine Art unwillkürlichen Grauens einflößen. Niemand zweifelte mehr daran, daß dieser Mann mit der Hölle im Bunde stehe. Man erzählte sich, daß er seinen Kunden Bedingungen stelle, die einem die Haare zu Berge steigen ließen, und die der unglückliche Schuldner nie einem andern mitzuteilen wagte; daß sein Geld eine besondere Anziehungskraft ausübe, von selbst zu glühen anfange und seltsame Merkzeichen an sich trage ..., mit einem Worte, es waren viele unsinnige Gerüchte über ihn im Umlauf. Und so ist es denn auch nicht weiter merkwürdig, daß die ganze Einwohnerschaft Kolomnas, diese ganze Welt armer alter Frauen, kleiner Beamter und untergeordneter Schauspieler, kurz, all dieses elenden Volkes, das wir soeben beschrieben haben, lieber alle Leiden und die höchste Not auf sich nehmen, als den schrecklichen Wucherer um ein Darlehn angehn wollte, es gab sogar arme alte Frauen, die es vorzogen, vor Hunger zu sterben, als ihre Seele zugrunde zu richten. Wenn man dem Wucherer auf der Straße begegnete, wurde man unwillkürlich von einer seltsamen Angst ergriffen. Die Passanten wichen ihm furchtsam aus, drehten sich immer wieder nach ihm um und verfolgten die in der Ferne verschwindende riesenhafte Gestalt noch lange mit ihren Blicken. Schon in seinem Äußern lag so viel Ungewöhnliches, daß jedermann unwillkürlich den Eindruck hatte, es mit einem übernatürlichen Wesen zu tun zu haben. Diese harten, scharf gemeißelten Züge, wie man sie selten bei einem Menschen antrifft, diese glühende, bronzene Gesichtsfarbe, diese dichten buschigen Augenbrauen, die unerträglich schrecklichen Augen, selbst seine weite, bauschige asiatische Kleidung — alles schien darauf hinzudeuten, daß alle Leidenschaften anderer Menschen vor denen, die dieser Körper in sich barg, verbleichen mußten. Jedesmal, wenn mein Vater ihm begegnete, blieb er unbeweglich stehen und konnte sich bei solch einer Gelegenheit nicht enthalten, laut auszurufen: „Ein Teufel! Ein wahrhaftiger Teufel!“ Doch nun muß ich Sie schnell noch mit meinem Vater bekannt machen, der übrigens der eigentliche Held dieser Geschichte ist.

Mein Vater war in vielen Beziehungen ein merkwürdiger Mensch. Er war ein seltener Künstler, einer von denen, wie sie nur Rußland aus seinem jungfräulichen Schoße erzeugt, ein Autodidakt, der alle künstlerischen Gesetze und Regeln ohne Lehrer und ohne die Anleitung der Schule ganz aus sich selbst heraus entdeckt hatte, und in dem mächtigen Drange nach ständiger Vervollkommnung, aus Gründen, die ihm vielleicht selbst unbekannt blieben, immer den Weg ging, den ihm sein Instinkt wies: er war eines jener ursprünglichen Wunder, die von den Zeitgenossen nicht selten mit dem verletzenden Beiwort „ungebildeter Mensch“ bezeichnet und die durch Angriffe und eigenes Mißgeschick nicht ernüchtert und abgekühlt werden, sondern nur noch neuen Eifer und neuen Drang aus ihnen schöpfen und dann jene Werke innerlich weit hinter sich lassen, die ihnen den oben erwähnten Titel eingebracht haben. Er erkannte in jedem Gegenstand intuitiv die Gegenwart einer Idee; ganz von selbst ging ihm die wahre Bedeutung des Wortes „Historische Malerei“ auf, er begriff, warum ein einfacher Zopf, ein schlichtes Porträt von Raffael, Lionardo da Vinci, Tizian oder Correggio einen Anspruch auf diese Bezeichnung hatten, während ein riesiges Gemälde geschichtlichen Inhalts dennoch nur ein Genrebild bleiben konnte, trotz aller Prätensionen des Malers, damit ein großes historisches Gemälde geschaffen zu haben. Sowohl eigene Neigung als innere Überzeugung führten ihn den religiösen Stoffen des Christentums, der höchsten und letzten Stufe des Erhabenen, zu. Er besaß weder Ehrgeiz, noch Empfindlichkeit, Eigenschaften, die leider bei so vielen Künstlern einen wesentlichen Bestandteil ihres Charakters bilden. Dies war eine herbe Persönlichkeit, ein ehrlicher, gerader, beinahe grober Mensch, der sich nach außen durch eine harte Rinde gegen die Umwelt abschloß und innerlich nicht ohne Stolz war, der sich jedoch über seine Mitmenschen zwar stets in schroffer Weise, doch zugleich milde und versöhnlich äußerte. „Wozu soll ich mich nach ihnen richten?“ pflegte er gewöhnlich zu sagen; „ich arbeite ja nicht für sie! Ich will meine Bilder ja nicht in einem Salon bewundern lassen! Wer mich versteht, wird mir sicher dankbar sein. Einem Mann aus der vornehmen Gesellschaft kann man es nicht weiter verargen, wenn er nichts von Malerei versteht; dafür versteht er was von Karten, von guten Weinen oder Pferden ... Wozu braucht denn ein großer Herr auch mehr zu wissen? Wenn so ein Mensch erst von allem gekostet hat und sich auf das Geistreicheln verlegt, dann ist er erst recht nicht zu ertragen. Suum cuique! Schuster bleib bei deinen Leisten! Meiner Meinung nach ist ein Mensch, der es offen eingesteht, wo er nicht Bescheid weiß, einem Heuchler vorzuziehen, der so tut, als ob er etwas von Dingen versteht, von denen er gar keine Ahnung hat, und der nur herumpfuscht und andre Leute schädigt.“ Er arbeitete schon für den bescheidensten Preis, der ihm nur die Mittel zum Unterhalt seiner Familie und die Möglichkeit zu weiterem Schaffen bot. Auch weigerte er sich niemals, einem andern zu helfen und einem armen Kollegen hilfreich die Hand zu reichen. Er hatte sich den einfachen, frommen Glauben unserer Ahnen erhalten, und das war vielleicht der Grund, daß es ihm so gut gelang, den von ihm gemalten Gesichtern jenen hohen Ausdruck zu verleihen, nach dem so manches große Talent vergebens strebt. Endlich glückte es ihm, durch unausgesetzte Arbeit und rastlose Verfolgung des einmal vorgesteckten Zieles auch die Achtung derer zu erringen, die ihn früher einen ungebildeten Menschen und einen hausbackenen Autodidakten genannt hatten. Er bekam Aufträge, Wandgemälde für Kirchen zu malen, und es fehlte ihm nie an Arbeit. Einmal war er gerade durch solch ein Werk sehr in Anspruch genommen. Ich erinnere mich nicht mehr genau an das Sujet und weiß nur noch, daß auf dem Gemälde der gefallene Engel, der Geist der Finsternis, dargestellt werden sollte. Dieses Problem beschäftigte ihn lange Zeit: Wie würde er ihn malen? In der Person dieses Engels mußte der furchtbare Druck und die Pein, die auf dem Menschen lastet, zum Ausdruck kommen. Hierbei schwebte ihm wohl oft das Bild des rätselhaften Wucherers vor, und er dachte sich unwillkürlich: „Das wäre das rechte Vorbild für meinen Teufel!“ Und nun stellen Sie sich selbst vor, wie erstaunt und erschrocken er war, als eines Tages, während er arbeitete, an die Tür seines Ateliers gepocht wurde, und der schreckliche Wucherer bei ihm eintrat. Kein Wunder, daß sein Inneres erbebte, und ein heftiges Zittern seinen ganzen Körper überlief.

„Du bist Maler?“ fragte er, ohne viel Umstände zu machen, meinen Vater.

„Ja, ich bin Maler!“ versetzte mein Vater verwirrt und gespannt, was nun folgen würde.

„Gut! Dann porträtiere mich! Ich werde vielleicht bald sterben! Kinder habe ich nicht. Aber ich will nicht ganz untergehen, ich will weiterleben. Kannst du mir ein solches Porträt malen, das den vollen Eindruck des Lebens macht?“

Mein Vater dachte: „Was kann ich mir Besseres wünschen? Er bietet sich mir selbst als Modell für den Teufel an!“ So willigte er denn ein, sie einigten sich über Zeit und Preis, und gleich am nächsten Tage erschien mein Vater mit Pinsel und Palette bei ihm. Der Hof mit den hohen Mauern, die Hunde, die eisernen Tore und Riegel, die bogenförmigen Fenster, die mit merkwürdigen Teppichen bedeckten Truhen und endlich der seltsame Hausherr selbst, der ihm unbeweglich gegenüber saß: all das machte einen eigentümlichen Eindruck auf ihn. Die Fenster waren wie mit Absicht unten so verstellt und verhängt, daß das Licht nur von oben hereindringen konnte. „Hol’s der Teufel! wie fein sein Gesicht jetzt beleuchtet ist!“ sagte er vor sich hin und fing eifrig an zu arbeiten, wie wenn er befürchtete, daß die günstige Beleuchtung bald verschwinden könne. „Was für eine Kraft in ihm liegt,“ wiederholte er leise; „wenn es mir nur zur Hälfte gelingt, ihn so darzustellen, wie er jetzt dasitzt, dann wird er alle meine früheren Arbeiten in den Schatten stellen. Er wird mir wahrhaftig aus der Leinwand herausspringen, wenn ich der Natur auch nur im mindesten treu bleibe. Was für auffallende Züge!“ wiederholte er unaufhörlich, indem er noch eifriger arbeitete, und nun sah er selbst, wie schon einige Partien des Gesichts auf der Leinwand erschienen. Aber je mehr er sich ihnen näherte, ein desto stärkeres, ihm selbst unbegreifliches Gefühl der Unruhe und der Furcht überfiel ihn. Trotzdem aber nahm er sich vor, jede kaum merkliche Linie, jeden kleinsten Ausdruck mit peinlicher Genauigkeit zu registrieren. Vor allem beschäftigte er sich mit der Darstellung der Augen; in ihnen lag so viel Kraft, daß man offenbar gar nicht hoffen durfte, ihr tiefstes Wesen auf dem Bilde wiederzugeben. Dennoch hatte er sich fest vorgenommen, um jeden Preis alle, auch die unwesentlichsten Töne und Schattierungen aus ihnen herauszuholen und ihr Geheimnis zu ergründen ... Aber kaum hatte er begonnen, sich in sie zu versenken und zu vertiefen, als ein solch unbegreiflicher Druck, ein solch eigentümlicher Widerwille seine Seele erfaßte, daß er für einige Zeit den Pinsel niederlegen mußte, um erst nach dieser Ruhepause die Arbeit wieder aufzunehmen. Endlich konnte er es nicht länger ertragen; er fühlte, wie sich diese Augen in seine Seele bohrten und eine sonderbare Unruhe in ihr hervorriefen. Am dritten Tage wurde dieses Gefühl noch intensiver. Ihm wurde ganz ängstlich zumute. Er warf den Pinsel in die Ecke und erklärte dem Wucherer mit Nachdruck, er könne ihn unmöglich weiter malen. Da hätte man sehen müssen, welche Veränderung diese Worte in dem schrecklichen Manne hervorriefen. Er warf sich plötzlich vor dem Maler auf die Knie, umklammerte seine Füße und flehte ihn an, das Porträt zu vollenden, er erklärte, daß sein ganzes Schicksal und seine ganze irdische Existenz von diesem Porträt abhingen, schon jetzt habe ja des Künstlers Pinsel seine lebendigen Züge auf der Leinwand festgehalten — wenn diese Züge genau im Bilde fixiert würden — werde sein Leben durch eine übernatürliche Macht im Porträt weiter fortbestehen; dann brauche er nicht ganz zu sterben, und er werde der Welt erhalten bleiben. Diese Bitten entsetzten meinen Vater; sie erschienen ihm so ungewöhnlich und frevelhaft, daß er Pinsel und Palette wegwarf und jählings aus dem Zimmer stürzte.

Der Gedanke an dieses Ereignis beunruhigte ihn die ganze Nacht und den ganzen Tag hindurch; am andern Morgen ließ ihm der Wucherer durch eine Frau, das einzige Wesen, das bei ihm diente, das Porträt zustellen. Sie erklärte ihm ohne alle Umschweife, daß ihr Herr das Bild nicht haben wolle, nichts dafür bezahlen werde und es ihm daher zurücksende. Am Abend desselben Tags erhielt er die Kunde von dem Tode des Wucherers, und die Nachricht, daß er demnächst nach dem Brauche seiner Religion beigesetzt werden solle. Dies alles erschien ihm höchst unerklärlich und seltsam, zu alledem aber machten sich von diesem Moment an in seinem Charakter gewisse Veränderungen bemerkbar. Er litt unter einer merkwürdigen Erregtheit und Ruhelosigkeit, deren Ursache er selbst nicht begreifen konnte, ja er tat bald darauf etwas, was wohl niemand von ihm erwartet hätte. Seit einer gewissen Zeit lenkten die Arbeiten eines seiner Schüler die Aufmerksamkeit eines kleinen Kreises von Kennern und Liebhabern auf sich; mein Vater hatte sein Talent immer anerkannt und eine tiefe Neigung für ihn gefaßt. Jetzt aber wurde er plötzlich von einem häßlichen Neid gegen ihn ergriffen. Die allgemeine Sympathie, die sich in den Unterhaltungen über ihn äußerte, wurde meinem Vater ganz unerträglich. Endlich erfuhr er zu seinem großen Verdruß, daß sein Schüler den Auftrag erhalten hatte, ein Bild für eine erst vor kurzem vollendete prachtvolle Kirche zu malen. Das versetzte ihn in eine furchtbare Wut. „Ich werde diesem Grünschnabel doch nicht den Triumph gönnen!“ rief er aus. „Nein, mein Lieber, du hoffst zu früh, die Alten in den Staub zu ziehen! Gott sei Dank, noch fühle ich genug Kraft in mir! Wir wollen doch abwarten, wer den andern zuerst in den Staub zieht!“ Und der biedere, in seinem Kerne grundehrliche Mann wandte sich allen möglichen Ränken und Schleichwegen zu, die er bisher stets verabscheut hatte, und brachte es endlich auch so weit, daß um den Auftrag für das Kirchenbild ein allgemeiner Wettbewerb ausgeschrieben wurde, an dem sich natürlich auch andere Künstler beteiligten durften. Hierauf schloß er sich in seinem Atelier ein und machte sich eifrig an die Arbeit. Es schien, als ob sich seine ganzen Kräfte und seine ganze Persönlichkeit auf dieses Gemälde konzentriert hätten, und in der Tat kam so eins seiner besten Werke zustande. Niemand zweifelte daran, daß ihm die Palme zufallen würde. Die Bilder wurden der Jury eingereicht, aber alle anderen Werke verhielten sich zu diesem wie die Nacht zum Tage. Plötzlich jedoch machte einer der anwesenden Kunstrichter — wenn ich nicht irre, ein Geistlicher — eine Bemerkung, die alle überraschte. „In dem Bilde dieses Künstlers offenbart sich wirklich ein starkes Talent,“ meinte er, „aber den Gesichtern geht der fromme, heilige Ausdruck ab. Es liegt vielmehr etwas Dämonisches in diesen Augen, als hätte eine böse Macht die Hand des Künstlers geführt.“ Alle blickten hin, und in der Tat, die Wahrheit dieser Worte ließ sich nicht bestreiten. Mein Vater stürzte auf sein Bild los, wie um diese verletzende Bemerkung selbst auf ihre Berechtigung hin zu prüfen, aber er gewahrte mit Entsetzen, daß er allen seinen Gestalten die Augen des Wucherers verliehen hatte. Sie blickten ihn so teuflisch und vernichtend an, daß er selbst unwillkürlich schauderte. Das Bild wurde abgelehnt, und er mußte zu seinem unbeschreiblichen Ärger erfahren, daß die Palme seinem Schüler zufiel. Es läßt sich unmöglich beschreiben, in welcher Wut und Raserei er nach Hause zurückkehrte. Er hätte beinahe meine Mutter geschlagen, er warf die Kinder hinaus, zerbrach Pinsel und Staffeleien, riß das Porträt des Wucherers von der Wand, ließ sich ein Messer geben und wollte Feuer im Kamin entzünden, um das Bild — nachdem er es in Stücke geschnitten hätte — zu verbrennen. Aber bei diesem Vorhaben wurde er durch die Ankunft eines Freundes überrascht, der soeben in das Zimmer getreten war. Dieser Freund war gleich ihm ein Maler, ein lustiger Bursche, der stets mit sich zufrieden war, sich nicht mit weitliegenden Plänen abgab und alle Arbeiten, die ihm unter die Hand kamen, fröhlich in Angriff nahm, um sich nach deren Beendigung noch fröhlicher ans Schlemmen und Zechen zu machen.

„Was hast du da? Was willst du verbrennen?“ fragte er ihn, indem er an das Porträt herantrat. „Aber ich bitte dich, das ist ja eines deiner besten Werke! Das ist ja der Wucherer, der erst kürzlich gestorben ist! Ja, das ist ein vollkommenes Kunstwerk! Den hast du nicht bloß vorzüglich getroffen, du bist ihm sozusagen in die Augen hineingekrochen! So lebhaft haben sie ja nicht einmal geblickt, als er noch am Leben war, wie hier bei dir!“

„Ich möchte gern sehen, wie sie mich aus dem Feuer anblicken werden!“ sagte mein Vater, während er eine Bewegung machte, um das Porträt in den Kamin zu schleudern. „Halt, um Gottes willen,“ fiel der Freund ein und hielt ihn am Arme fest. „Gib es doch lieber mir, wenn es dir so lästig ist!“ Mein Vater sträubte sich anfangs, gab aber schließlich nach, und der lustige Kerl schleppte — höchst erfreut über diese Erwerbung — das Porträt mit sich fort.

Nachdem er fortgegangen war, fühlte sich mein Vater mit einem Male ruhiger, als wäre ihm mit der Entfernung des Porträts eine Last vom Herzen gefallen. Er wunderte sich selbst über seinen Zorn, seinen Neid und die offenkundige Wandlung in seinem Charakter. Er dachte lange über seine Tat nach, war in tiefster Seele betrübt und sagte mit innerem Gram zu sich selbst: „Nein! Diese Strafe hat mir Gott auferlegt! Es war wohlverdient, daß mein Bild zurückgewiesen wurde; es war ja nur zu dem Zwecke geschaffen, um meinen Genossen zu vernichten. Ein teuflisches Gefühl des Neides hat meinen Pinsel geführt, daher mußte sich auch ein teuflisches Gefühl in dem Bilde wiederspiegeln.“ Sofort suchte er seinen ehemaligen Schüler auf, umarmte ihn stürmisch, bat ihn um Verzeihung und bemühte sich — soweit es ihm möglich war — seine Schuld wieder gut zu machen. Von nun ab war er wieder friedlich bei der Arbeit wie ehedem, aber jetzt konnte man immer ein tiefes Sinnen in seinen Zügen bemerken. Er betete häufiger, er war viel schweigsamer als früher und drückte sich nicht mehr so schroff über die Menschen aus. Selbst das herbe Äußere seines Wesens schien sich verloren zu haben. Bald darauf aber ereignete sich etwas, was ihn noch tiefer erschütterte. Er hatte seinen Freund, der sich das Porträt von ihm ausgebeten hatte, schon seit längerer Zeit nicht gesehen und sich schon mehrmals vorgenommen, ihn zu besuchen, da erschien dieser selbst eines Tages plötzlich in seinem Atelier. Nachdem beide ein paar gleichgültige Worte gewechselt hatten, sagte der Freund: „Du hattest nicht so ganz unrecht, Bruder, als du das Porträt verbrennen wolltest! Mag es der Teufel holen; es hat etwas Schreckliches an sich! Ich glaube an keine Hexerei, aber man mag sagen, was man will! — ich glaube, der Böse sitzt darin.“