Er blieb stehen und erzitterte plötzlich am ganzen Leibe. Sein Blick begegnete einem Augenpaar, das starr auf ihn gerichtet war. Es war jenes ungewöhnliche Porträt, das er einst in der Schtschukin-Passage gekauft hatte. Die ganze Zeit hindurch hatte es hinten gestanden, von anderen Bildern verdeckt, und so war es ihm völlig aus dem Gedächtnis entschwunden. Jetzt aber, wo alle modernen Porträts und Gemälde, die sein Atelier anfüllten, entfernt waren, blickte es plötzlich zusammen mit den früheren Werken seiner Jugend hervor. Als er sich nun an die sonderbare Geschichte dieses Porträts erinnerte, als er daran dachte, daß dieses merkwürdige Bildnis gewissermaßen die Ursache seiner Wandlung geworden war, daß die große Geldsumme, die ihm auf so wunderbare Weise zuteil geworden, alle die falschen und eitlen Regungen, die sein Talent zugrunde richten sollten, in ihm erwecket hatte, da wurde seine Seele von einem fast sinnlosen Grimm erfaßt, und er ließ das verhaßte Bildnis sofort hinaustragen. Aber die seelische Erregung wollte ihn trotzdem nicht verlassen. All seine Gefühle, ja sein ganzes Wesen waren bis aufs Tiefste aufgerührt, jetzt lernte auch er jene entsetzliche Qual kennen, die nur ganz selten und wie ausnahmsweise in der Natur vorkommt, wenn ein schwaches Talent sich mehr abzuringen versucht, als es zu leisten vermag, und doch den rechten Ausdruck nicht finden kann; jene Qual, die zwar einen Jüngling zu großen Taten spornt, aber den, der schon zu alt ist, um zu träumen, vergebens und fruchtlos mit einem heißen Schaffensdurste peinigt — jene entsetzliche Qual, die einen Menschen zu grauenhaften Untaten anstiften kann! Ein entsetzlicher, rasender Neid bemächtigte sich seiner. Er wurde gelb vor Ärger, wenn er einem Werke gegenüberstand, das den Stempel des Talentes trug. Er knirschte mit den Zähnen und durchbohrte es mit seinem Blick gleich einem Basilisk. In seiner Seele regten sich höllische Vorsätze, wie sie so leicht kein Mensch ersinnt, und mit einer schier rasenden Energie war er bemüht, sie zur Ausführung zu bringen. Er fing an, alles Beste anzukaufen, was in seiner Kunst produziert wurde. Nachdem er um teures Geld ein Bild erstanden hatte, trug er es behutsam in sein Zimmer, stürzte sich mit der Wut eines Tigers darauf, riß es entzwei, schnitt es in Stücke und zerstampfte es mit frohlockendem Lachen. Das bedeutende Vermögen, das er angehäuft hatte, ermöglichte es ihm, dieses teuflische Bedürfnis zu befriedigen: er riß all seine mit Gold gefüllten Säcke auf und öffnete all seine Truhen. Nie hat es ein so verständnisloses Scheusal gegeben, das so viele herrliche Kunstwerke vernichtet hätte, wie dieser rasende Racheteufel. Auf allen Auktionen, wo er sich zeigte, verzweifelte jeder im voraus daran, sich ein Kunstwerk erwerben zu können, es schien, als hätte der erzürnte Himmel diese entsetzliche Geißel absichtlich in die Welt gesandt, um sie aller Harmonie zu berauben. Diese grauenhafte Leidenschaft ließ ihn in einem schrecklichen Lichte erscheinen. Von ewiger Bosheit sprach sein Angesicht. Ein wütender Welt- und Menschenhaß und eine furchtbare Lebensfeindschaft spiegelten sich in seinen Zügen wieder. Er schien jener leibhaftige furchtbare Dämon zu sein, den uns Puschkin so wunderbar geschildert hat. Nichts als giftgeschwollene Reden und heftige Worte des Tadels entquollen seinem Munde. Er glich einer Harpye, wenn er auf der Straße dahergestürmt kam; alle, selbst seine guten Bekannten, bemühten sich, ihm auszuweichen, wenn sie seiner von ferne ansichtig wurden, und suchten eine solche Begegnung zu vermeiden, ja sie erklärten, ein solches Zusammentreffen genüge schon, um ihnen den ganzen Tag zu vergiften.
Zum Glück für die Welt und die Kunst konnte ein solch aufgeregtes und gewalttätiges Leben nicht lange dauern. Die Dimensionen, zu denen seine Leidenschaft anwuchs, waren zu kolossal und übertrieben, als daß ein schwacher Mensch sie auf die Dauer aushalten konnte. Die Wut- und Wahnsinnsanfälle wiederholten sich immer häufiger und gingen schließlich in eine entsetzliche Krankheit über, — ein furchtbares, von einem heftigen, schnell um sich greifenden Schwindsuchtsanfall begleitetes Fieber ergriff ihn und binnen drei Tagen war nur noch ein Schatten von ihm zurückgeblieben. Dazu kamen noch alle Merkmale eines unheilbaren Irrsinns. Er wütete so um sich, daß ihn oft mehrere Menschen nicht bändigen konnten. Immer wieder tauchten die längst vergessenen lebendigen Augen eines seltsamen Porträts vor ihm auf; und dann verfiel er in ein fürchterliches Toben. Alle Menschen, die sein Bett umstanden, schienen ihm diesen grauenhaften Porträts zu gleichen, und diese Porträts verdoppelten, verdreifachten, vervierfachten sich vor seinen Augen; es kam ihm vor, als wenn alle Wände mit Bildern bedeckt wären, die ihre lebendigen Augen starr und unbeweglich auf ihn gerichtet hielten; schreckliche Porträts blickten von der Decke, vom Boden nach ihm hin, das Zimmer weitete sich aus und dehnte sich bis ins Unendliche, um immer noch mehr von diesen starren und unbeweglichen Augen fassen zu können. Der Arzt, der sich verpflichtet hatte, ihn zu behandeln, und der schon manches über seine seltsame Geschichte gehört hatte, bemühte sich aus aller Kraft, die geheimnisvolle Beziehung zwischen den Wahnvorstellungen, die der Irrsinn erzeugte, und den realen Vorgängen zu ermitteln, er hatte jedoch keinen Erfolg damit. Der Kranke begriff und fühlte nichts als seine Qual, stieß nur entsetzliche Schreie aus und führte ganz unzusammenhängende Reden. Endlich gab er in einem letzten stummen Ausbruch des Schmerzes sein Leben auf. Seine Leiche war schrecklich anzusehen. Von seinen ungeheuren Reichtümern war nichts mehr zu entdecken; als man jedoch die zerstreuten Fetzen und Stücke der großen Kunstwerke fand, deren Wert viele Millionen betrug, da erst verstand man, welch entsetzlichen Gebrauch er von ihnen gemacht hatte.
Zweiter Teil
Eine Menge von Equipagen, Droschken und Kaleschen stand vor dem Portal eines Hauses, in dem der Nachlaß eines jener reichen Kunstliebhaber versteigert wurde, die einstmals in den Anblick von Zephyren und Kupidos versenkt, ihr ganzes Leben sanft verträumten, ohne eigenes Zutun sich den Ruf von Mäzenen erwarben und treuherzig ihre Millionen verschwendeten, die sie von ihren soliden Vätern geerbt oder sogar früher einmal durch ihre eigene Arbeit erworben hatten. Solche Mäzene gibt es bekanntlich heute nicht mehr, unser neunzehntes Jahrhundert hat schon längst die langweilige Physiognomie eines Bankiers angenommen, der seine Millionen nur in der Gestalt von nüchternen auf dem Papier verzeichneten Zahlenreihen genießt. Eine bunte Menge von Besuchern und Käufern, die von allen Seiten wie die Raubvögel herbeigestürzt waren, erfüllte den großen Saal. Da sah man ganze Scharen von russischen Händlern aus der Passage und sogar von dem Trödelmarkt in blauen deutschen Röcken; ihr Aussehen und ihr Gesichtsausdruck war hier sicherer, freier und fiel nicht durch jene unangenehmere Unterwürfigkeit und Dienstbereitschaft auf, die dem russischen Händler so eigentümlich ist, wenn er die Kunden in seinem Laden bedient. Hier ließen sie sich ruhig gehen, trotzdem sich in demselben Saale viele Aristokraten befanden, vor denen sie an einem andern Orte durch tiefe Bücklinge und Kratzfüße den an den eigenen Stiefeln herbeigetragenen Staub weggefegt hätten. Hier benahmen sie sich ganz ungezwungen, betasteten ohne viel Umstände zu machen, die Bilder und Bücher, um die Güte der Waren festzustellen, und schraubten dreist die Preise, die die gräflichen Kunstkenner für ein Werk boten, in die Höhe. Hier traf man so manchen Repräsentanten jener Menschenklasse, die man auf allen Auktionen findet, und die täglich zu einer Versteigerung gehen, so wie man wohl in ein Wirtshaus geht; hier begegnete man all den vornehmen und aristokratischen Kunstfreunden, die es für ihre Pflicht hielten, keine Gelegenheit zu versäumen, bei der sie ihre Sammlungen vergrößern könnten, und die zwischen 12 und 1 Uhr nichts Besseres zu tun hatten, und endlich fehlte es auch nicht an jenen ehrenwerten Herren, deren Anzüge und Börsen einen recht dürftigen Eindruck machen und die hier täglich ohne jedes eigennützige Ziel erscheinen, einzig und allein zu dem Zwecke, um zu beobachten, wie ein Kauf zustande kommt, — wer mehr, und wer weniger geben, wer den andern überbieten, und wem endlich der Gegenstand zugesprochen werden wird. Viele Bilder standen ganz regellos durcheinander, dazwischen sah man Möbel und Bücher mit den Initialen des früheren Besitzers, der vielleicht niemals das löbliche Bedürfnis gespürt hatte, in sie hineinzublicken. Da gab es chinesische Vasen, marmorne Tischplatten, neue und alte Möbel mit verschnörkelten Linien, Greifen, Sphinxen und Löwentatzen, Lampen und Kronleuchter mit und ohne Vergoldung: alles war aufeinandergestapelt, und es herrschte hier nicht einmal so viel Ordnung, wie man sie selbst in einem Kunstladen vorzufinden pflegt. Das Ganze stellte sozusagen ein großes Chaos von Kunstwerken dar. Überhaupt ist ja das Gefühl, das wir angesichts einer Versteigerung empfinden, sehr seltsam. Alles mutet einen an wie ein Begräbnis. Der Saal, in dem sie stattfindet, ist stets düster, die mit Möbeln und Bildern verstellten Fenster lassen das Licht nur spärlich hineindringen, das auf den Gesichtern liegende Schweigen und die Grabesstimme des Ausrufers, der mit dem Hammer aufschlägt und zu Ehren der armen, hier auf so sonderbare Weise zusammengeratenen Künste eine Messe liest: alle diese Momente verstecken, wie es scheint, noch das eigentümlich Frostige des Eindrucks. Die Auktion war offenbar im vollen Gange. Ein großer Haufe anständig gekleideter, dicht zusammenstehender Menschen ließ deutliche Spuren seines Interesses und seiner Erregung erkennen. Die Worte „... Rubel! ... Rubel!“ die von allen Seiten ertönten, ließen dem Ausrufer keine Zeit, den immer noch wachsenden Preis, der bereits das Vierfache des zu Anfang genannten betrug, zu wiederholen; die herumstehende Menge bemühte sich um ein Porträt, das jeden, der auch nur ein wenig von der Malerei verstand, aufs lebhafteste fesseln mußte. Es trug den sichtbaren Stempel eines Genies. Anscheinend war es schon des öfteren restauriert und erneuert worden, es stellte die dunklen Züge eines mit einem weiten Gewande bekleideten Asiaten dar, dessen Gesicht einen ganz ungewöhnlich eigenartigen Ausdruck hatte. Was jedoch die Umstehenden am meisten in Staunen setzte, das war das intensive Leben, das aus seinen Augen strahlte; je länger man sie betrachtete, um so tiefer schienen sie einem bis ins innerste Innere zu blicken. Diese Eigentümlichkeit, die auffallende Kunstfertigkeit des Malers nahmen die Aufmerksamkeit fast aller in Anspruch. Viele der Bewerber waren bereits zurückgetreten, weil der Preis ganz enorm in die Höhe geschraubt wurde. Lediglich zwei als Kunstliebhaber bekannte Aristokraten waren noch übriggeblieben und wollten durchaus nicht auf die Erwerbung des Gemäldes verzichten. Sie erhitzten sich und hätten wahrscheinlich den Preis bis zum Absurden emporgetrieben, wenn nicht plötzlich einer der Anwesenden sich mit der folgenden Bemerkung an sie gewandt hätte: „Darf ich Sie bitten, Ihren Streit einen Augenblick ruhen zu lassen? Ich habe vielleicht mehr Anrecht auf dieses Porträt als jeder andere!“
Diese Worte lenkten sofort die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf den Sprecher; es war ein schlanker Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, mit langen schwarzen Locken. Sein sympathisches Gesicht, das eine gewisse freundliche Sorglosigkeit wiederspiegelte, ließ eine Seele erkennen, die sich von allen aufreibenden Erregungen, die der gesellschaftliche Verkehr mit sich bringt, fernhielt. Seine Kleidung entbehrte aller modischen Übertriebenheiten, jeder seiner Züge deutete auf seinen Künstlerberuf hin. Und in der Tat, es war ein Maler namens B., den viele der Anwesenden persönlich kannten.
„Wie seltsam Ihnen auch meine Worte erscheinen mögen,“ fuhr er fort, als er die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gerichtet sah, „Sie würden doch vielleicht selbst einsehen, daß ich berechtigt war, sie zu äußern, wenn Sie sich dazu entschließen könnten, eine kleine Geschichte mit anzuhören. Alles bestärkt mich in der Überzeugung, daß gerade dies das Porträt ist, das ich suche.“
Eine nur allzu natürliche Neugierde sprach aus allen Gesichtern, und selbst der Ausrufer hielt mit offenem Munde und mit erhobenem Hammer, neugierig und gespannt in seinem Geschäfte inne. Zu Beginn der Erzählung wandten sich die Blicke vieler unwillkürlich dem Porträt zu, um sich nach und nach immer mehr auf den Erzähler zu heften, dessen Bericht immer interessanter und spannender wurde.
„Jedem von Ihnen ist doch wohl jener Stadtteil bekannt, den man Kolomna nennt,“ begann er. „Hier ist alles anders als in den andern Teilen Petersburgs. Dies Quartal erinnert weder an die Hauptstadt, noch an die Provinz. Wenn man in dies Kolomnaviertel gerät, ist einem fast zumute, als ob einen nach und nach alle jugendlichen Gefühle und Leidenschaften verlassen. Hier hinein fällt kein Zukunftsblick, hier ist alles ruhig und starr und unbeweglich. Hierher flüchtet sich alles, was sich als Niederschlag des Hauptstadtbetriebes absetzt. Hier schlagen inaktive Beamte, Witwen und Personen in bescheidenen Verhältnissen ihr Ruheplätzchen auf, die auf eine Entscheidung des Senats harren und sich daher selbst zu einem fast lebenslänglichen Aufenthalt in diesem Quartier verurteilt haben; hier wohnen verabschiedete Köchinnen, die sich den ganzen Tag hindurch auf den Märkten herumtreiben, stundenlang in dem Kramladen stehen, mit dem Verkäufer schwatzen und sich jeden Tag für fünf Kopeken Kaffee und für vier Kopeken Zucker kaufen, und endlich findet sich hier noch jene Sorte von Leuten, die man am besten mit dem einen Worte „die Aschgrauen“ bezeichnen könnte, Menschen, deren Anzug und deren Gesicht, Haare und Augen eine trübe, aschgraue Farbe haben, wie ein Tag, an dem es nicht stürmt und wo die Sonne nicht scheint, sondern wo weder das eine noch das andre stattfindet: ein grauer Nebel hüllt alles ein und nimmt allen Gegenständen ihre scharfen Konturen. Zu ihnen kann man alle abgedankten Logenschließer, Titularräte und Marsjünger mit einem ausgestochenen Auge und dicken aufgedunsenen Lippen rechnen. Lauter Menschen ohne Temperament und ohne jede Leidenschaft, sie gehen stumpfsinnig einher ohne dem, was um sie her passiert, die geringste Aufmerksamkeit zu schenken und schweigen tagelang, ohne an etwas zu denken. In ihren Zimmern sieht es öde und leer aus; oft besteht ihr Mobiliar einzig und allein aus einer Karaffe mit echter russischer Wodka, an der sie den ganzen Tag unaufhörlich nippen, ohne daß sie ihnen ernstlich zu Kopfe steigt, was einem gewöhnlich nur nach einem kräftigen Schluck zustößt, wie ihn sich wohl Sonntags ein junger deutscher Handwerksbursche — dieser Student der Meschtschanskistraße[14] und alleinige Beherrscher des Bürgersteigs zu gestatten pflegt, — allerdings erst — wenn Mitternacht vorüber ist.
In Kolomna geht es äußerst still zu; nur selten zeigt sich ein Wagen, in dem Schauspieler sitzen, und der dann durch sein donnerndes Gerassel allein die allgemeine Ruhe stört. Hier gibt es nur Fußgänger, so mancher Droschkenkutscher kommt hier oft langsam und ohne Fahrgast dahergefahren oder schleppt etwas Heu für seine struppige Mähre herbei. Eine Wohnung kann man hier schon für fünf Rubel monatlich haben, den Morgenkaffee miteingeschlossen. Witwen, die eine kleine Pension beziehen, gehören hier schon zu den vornehmsten Leuten; das sind Damen von gutem Benehmen, die ihre Zimmer oft fegen und sich mit ihren Nachbarinnen über die teuren Preise des Fleisches und des Kohles unterhalten. Sie haben gewöhnlich eine junge Tochter, ein wortkarges, mitunter recht niedliches Geschöpf, dazu ein garstiges Hündchen und eine Wanduhr mit einem traurig tickenden Pendel. Weiter gibt es hier Schauspieler, denen es ihre Gage nicht gestattet, von Kolomna wegzugehen, ein freies Völkchen, das wie alle Künstler nur dem Genusse lebt. Sie sitzen in ihren Schlafröcken da, und reparieren wohl eine Pistole, kleben aus Pappe allerlei Gegenstände, die man im Hause braucht, spielen mit einem Freunde oder Gast eine Partie Dame oder Karten und verbringen so den ganzen Tag, wobei man jedoch nicht etwa denken darf, daß sie am Abend etwas anderes tun, höchstens daß sie zuweilen noch einen Grog zu sich nehmen. Auf diese Magnaten und Aristokraten von Kolomna folgt schließlich nur noch das gemeinste und verkommenste Pack; es genauer zu bezeichnen, wäre ebenso schwierig, wie die Aufzählung jener zahlreichen Insekten, die in altem Essig keimen. Da gibt es alte Weiber, die beten, alte Weiber, die trinken, und solche, die zugleich beten und trinken, ferner solche, die sich auf völlig unbekannte Weise durchschlagen, und wie emsige Ameisen ganze Haufen alter Lumpen und Wäschestücke von der Kalinkin-Brücke nach dem Trödelmarkte schleppen, um sie dort für fünfzehn Kopeken zu verkaufen; mit einem Worte der elendeste Bodensatz der Menschheit, dessen Lage selbst der menschenfreundlichste Sozialpolitiker kaum zu verbessern vermöchte.
All diese Leute habe ich nur zu dem Zwecke angeführt, um Ihnen zu zeigen, wie oft dieses Volk in die Notlage kommt, eine plötzliche, vorübergehende Hilfe in Anspruch und zu einer Anleihe seine Zuflucht zu nehmen. Und in der Tat findet man unter ihnen auch viele Wucherer, die ihnen gegen ein Pfand und hohe Zinsen kleinere Summen leihen. Diese kleinen Wucherer sind viel herzloser und gefühlloser, als die großen, denn sie entspringen aus der Armut und aus einem seine Lumpen offen zur Schau stellenden Elend, das der reiche und vornehme Wucherer gar nicht kennt, weil er nur mit solchen Kunden zu tun hat, die in einer eleganten Equipage vorfahren, — und daher erstirbt in ihnen schon früh jedes menschliche Gefühl. Unter diesen Wucherern gab es einen ... aber hier darf ich wohl erwähnen, daß das Geschehnis, welches ich Ihnen erzählen will, in das verflossene Jahrhundert, nämlich in die Regierungszeit der verstorbenen Zarin Katharina II. fällt. Sie können sich vorstellen, daß auch das Äußere Kolomnas und ihr inneres Leben sich seitdem bedeutend verändert haben. Also unter den Wucherern gab es einen, der in jeder Beziehung ein ungewöhnlicher Mensch war. Er hatte sich schon vor langer Zeit in diesem Viertel niedergelassen und trug stets ein weites, asiatisches Gewand. Seine dunkle Gesichtsfarbe deutete auf seine südliche Herkunft hin; welcher Nation er jedoch eigentlich angehörte, ob er ein Inder, Grieche oder Perser war, darüber konnte niemand etwas Bestimmtes aussagen. Der hohe, fast ungewöhnliche Wuchs, das dunkle, magere, verbrannte Antlitz, die seltsame, auffallende Gesichtsfarbe und die großen, feurigen Augen mit den finsteren, buschigen Augenbrauen ließen ihn als eine markante Erscheinung unter allen aschgrauen Bewohnern der Hauptstadt hervortreten. Selbst seine Behausung hatte keine Ähnlichkeit mit den einförmigen Holzbaracken Kolomnas. Er wohnte in einem steinernen Hause, wie sie vormals genuesische Kaufleute zu errichten pflegten. Die Fenster hatten eine unregelmäßige Form, waren alle verschieden groß und mit Riegeln und hölzernen Läden versehen. Dieser Wucherer unterschied sich schon dadurch von seinen Kollegen, daß er jeden seiner Klienten, ob es nun eine alte Bettlerin oder ein verschwenderischer höherer Beamter des Hofes war, mit einer beliebigen Summe zu versehen vermochte. Vor seinem Hause hielten oft elegante Equipagen, aus deren Schlag bisweilen der Kopf einer feinen Weltdame hervorlugte. Man erzählte sich, wie das so gewöhnlich geschieht, daß seine eisernen Truhen mit unermeßlich viel Geld, Diamanten und verschiedenen kostbaren Pfandgegenständen angefüllt seien, daß er aber trotzdem frei von der Habgier gewöhnlicher Wucherer wäre. Er verlieh sein Geld sehr gerne und setzte annehmbare äußerst bequeme Zahlungstermine für seine Kunden an, nur ließ er die Zinsen durch allerhand eigentümliche arithmetische Operationen zu ganz maßlosen Summen anwachsen. So wenigstens urteilte Fama über ihn; was aber am auffälligsten war und auf jeden Fall alle verblüffen mußte, das war das seltsame Schicksal aller derer, die bei ihm Geld borgten. Sie gingen alle auf klägliche Weise zugrunde. Ob es nun aber nur leeres Geschwätz, nur ein sinnloses, abergläubiges Gerede der Menschen oder ein mit Absicht verbreiteter Klatsch war, das blieb unbekannt. Indessen gab es doch einige Fälle, die sich binnen ganz kurzer Zeit vor allen Augen abspielten und die einen tiefen und überwältigenden Eindruck auf die Leute machten. Damals lenkte gerade ein Jüngling aus einer vornehmen aristokratischen Familie, der sich bereits in jenen Jahren im Staatsdienste ausgezeichnet hatte, die Aufmerksamkeit auf sich: ein glühender Verehrer alles Echten und Erhabenen, ein eifriger Förderer menschlicher Geistesarbeit und hoher Kunst, mit einem Worte ein Mensch, der ein wahrhafter Mäzen zu werden versprach. So kam es denn, daß er sehr bald nach seinen Verdiensten von der Zarin selbst ausgezeichnet wurde, die ihm ein mit seinen eigenen Wünschen und Ansprüchen übereinstimmendes bedeutendes Amt und einen Posten anvertraute, auf dem er viel für die Wissenschaften und für alles Gute wirken konnte. Der junge Beamte umgab sich mit Künstlern, Dichtern und Gelehrten. Er wollte allen Arbeit verschaffen und alle nach Kräften fördern. Er gab auf eigene Kosten eine Reihe von nützlichen Werken heraus, verteilte eine Menge von Aufträgen und setzte viele Preise aus; auf diese Weise verausgabte er ungeheuer viel Geld und geriet schließlich in pekuniäre Verlegenheiten. Aber da er ein vornehmer und hochherziger Charakter war, wollte er nicht von seinem Vorhaben abstehen, er suchte überall Anleihen aufzunehmen und wandte sich endlich an den uns schon bekannten Wucherer. Er erhielt auch eine bedeutende Summe von ihm, aber bald darauf ging eine gewaltige Veränderung mit ihm vor: er wurde mit einem Male ein Verfolger und Unterdrücker aller aufstrebenden Geister und Talente. An allem, was ihm vor Augen kam, entdeckte er sofort die schlechten Seiten und deutete jedes harmlose Wort falsch. Um diese Zeit brach gerade die französische Revolution aus, und dieses Ereignis gab ihm plötzlich den Anlaß zu allen möglichen Verdächtigungen und häßlichen Taten, überall fing er an, revolutionäre Umtriebe zu wittern; jedes Ereignis schien ihm eine schlimme Andeutung zu enthalten. Er wurde so argwöhnisch, daß er sich schließlich sogar selbst zu mißtrauen begann; er gab sich zu einer ganzen Reihe abscheulicher und höchst ungerechter Denunziationen her und machte dadurch unzählige Menschen unglücklich. Die Folgen einer solchen Handlungsweise war natürlich die, daß das Gerücht davon bis an den Thron gelangte. Die großmütige Kaiserin war ganz entsetzt und sprach sich in hochherziger Weise, die der schönste Schmuck gekrönter Häupter ist, darüber aus. Ihre Worte sind uns zwar nicht genau überliefert, aber ihr tiefer Sinn prägte sich im Herzen vieler ein. Die Kaiserin bemerkte, es seien gar nicht die monarchischen Regierungen, die die hohen und vornehmen Seelenregungen unterdrückten; in einer solchen Staatsform seien die Werke des Geistes, der Dichtung und der Künste keineswegs verachtet und Verfolgungen ausgesetzt, vielmehr seien die Monarchen ihre natürlichen Protektoren, erst unter ihrem hochherzigen Schutze erstände ein Shakespeare, ein Molière usw., während andererseits ein Dante in seinem republikanischen Vaterlande keine Ruhestätte finden konnte. Wahre Genies entfalteten sich nur in den glänzenden Zeitaltern mächtiger Könige und Königreiche und nicht unter dem Einflusse häßlicher politischer Vorgänge und terroristischer Republiken, die der Welt bis jetzt noch keinen einzigen Dichter geschenkt hätten. Sie erklärte, man müsse die Dichter und Künstler reichlich belohnen und auszeichnen, denn sie schenkten der Seele Ruhe und Frieden und bewahrten sie vor häßlichen Leidenschaften und Empörung; die Gelehrten, die Dichter und alle schaffenden Künstler seien die Perlen und Diamanten in den Kaiserkronen: sie seien der höchste Schmuck, der das Zeitalter eines großen Herrschers kröne und ihm einen herrlichen Glanz verleihe. Während die Kaiserin diese Worte sprach, war sie unendlich schön und göttlich. Ich erinnere mich, daß die alten Leute nicht anders als mit Tränen in Augen davon sprechen konnten. Alle zeigten die lebhafteste Teilnahme für den Fall. Zur Ehre unserer Nation muß hier bemerkt werden, daß sich in dem Herzen eines Russen stets der hochherzige Wunsch regt, die Partei der Bedrückten zu ergreifen. Der hohe Beamte, der das ihm geschenkte Vertrauen zu sehr mißbraucht hatte, wurde gebührend bestraft und seines Amtes enthoben, aber noch eine weit peinigendere Strafe war es für ihn, daß er eine unverhüllte und allgemeine Mißachtung aus den Gesichtern seiner Mitbürger lesen konnte. Es läßt sich kaum beschreiben, wie sehr seine eitle Seele darunter litt. Gekränkter Stolz, betrogener Ehrgeiz, vernichtete Hoffnungen: all diese Empfindungen vereinigten sich zu einer drückenden Qual, und in entsetzlichen Wahnsinnsanfällen riß sein Lebensfaden ab. Noch ein anderer frappanter Fall trug sich gleichfalls vor aller Augen zu. Von den vielen schönen Frauen, an denen unsere nordische Hauptstadt damals nicht arm war, lief besonders eine allen anderen den Rang ab. Sie vereinigte in sich in wunderbarer Weise alle Reize unserer nordischen Schönheit mit denen des Südens; das war ein kostbarer Edelstein, wie man ihn nur selten auf der Welt findet. Mein Vater gestand, niemals in seinem Leben etwas Ähnliches gesehen zu haben. Alle Vorzüge schienen sich in diesem Wesen vereinigt zu haben: Reichtum, Geld und seelische Anmut. An Bewerbern fehlte es natürlich nicht; der interessanteste und hervorragendste unter ihnen aber war ein Fürst R..., ein vornehmer junger Mann von wahrhaft edelem Charakter, wohlgestaltet und von ritterlichem, hochherzigem Wesen, das höchste Ideal aller Frauen, ein richtiger Romanheld und in allem ein echter Grandisson. Fürst R. war leidenschaftlich, ja geradezu wahnsinnig in sie verliebt, und seine Liebe wurde ebenso feurig erwidert. Leider erschien bloß den Verwandten diese Partie als Mesalliance. Die Erbgüter seiner Familie gehörten nämlich nicht mehr ihm, die ganze Familie war in Ungnade gefallen, und der schlechte Zustand seiner Verhältnisse war allgemein bekannt. Plötzlich verläßt der Fürst für eine Zeitlang die Hauptstadt, allem Anscheine nach, um seine Verhältnisse zu regeln, taucht aber bald darauf wieder auf, wobei er einen unglaublichen Prunk und Luxus entfaltete. Seine glänzenden Feste und Bälle machen ihn bald bei Hofe bekannt. Der Vater der Schönen ist ihm wohlgeneigt, und bald darauf findet in der Stadt eine Hochzeitsfeier statt, die überall Aufsehen erregt. Woher diese Veränderung und der ungeheure Reichtum des Bräutigams stammte, darüber konnte freilich niemand genauere Auskunft geben; man tuschelte bloß im geheimen davon, er wäre irgendwelche Abmachungen mit dem rätselhaften Wucherer eingegangen und hätte bei ihm eine größere Anleihe gemacht. Wie dem aber auch war, die Hochzeit beschäftigte die ganze Stadt, und Bräutigam wie Braut erregten den Neid aller Leute. Jedermann wußte, wie heiß und standhaft sie sich geliebt — und was für lange Qualen beide zu erdulden gehabt hatten; überall schätzte man sie wegen ihres edelen Charakters und ihrer hohen Vorzüge. Die leidenschaftlichsten unter den Frauen malten sich schon im voraus die paradiesischen Wonnen aus, die den jungen Ehegatten bevorständen. Und doch kam alles anders. Im Lauf eines einzigen Jahres ging mit dem Gatten eine furchtbare Veränderung vor. Das Gift einer argwöhnischen Eifersucht und Unduldsamkeit schien plötzlich seinen bis dahin vornehmen und makellosen Charakter angefressen zu haben; unerklärliche Launen entstellten sein ganzes Wesen; er wurde ein Tyrann, der seine Frau beständig quälte, und scheute schließlich — was niemand voraussehen konnte — nicht einmal vor den unmenschlichsten Taten zurück: er peinigte und schlug seine eigene Gattin. Schon nach einem Jahre war die Frau nicht wieder zu erkennen, sie, die noch unlängst eine so glänzende Erscheinung gewesen war und Scharen von treuen Anbetern und glühenden Verehrern angezogen hatte. Endlich ließ sie — unfähig, ihr schweres Los noch weiter zu ertragen — ein Wort über Scheidung fallen, aber der Gatte geriet schon bei dem leisesten Gedanken daran in Wut. In der ersten Erregung drang er mit einem Messer bewaffnet in ihr Zimmer ein, und er hätte sie zweifellos sofort niedergestochen, wenn er nicht überwältigt und festgehalten worden wäre. Ganz außer sich und voller Verzweiflung zückte er sein Messer gegen sich selbst und beschloß sein Leben in schrecklichen Qualen.