„Und dann gibt es da noch einen andern Don Quixote: einen Don Quixote der Aufklärung! Der baut überall Schulen! In der Tat, gibt es etwas Nützlicheres für den Menschen als die Kenntnis der Sprache und Schrift? Was aber macht er? Jetzt kommen die Bauern aus den Dörfern und klagen mir: ‚Was sind denn das für Zustände, Väterchen! Unsere Söhne sind ganz aufsässig geworden, sie wollen uns gar nicht mehr bei der Arbeit helfen, wollen alle Schreiber werden — man braucht aber doch gar nicht so viele Schreiber — einer ist schon genug!‘ So weit ist es also schon gekommen!“
Tschitschikow interessierte sich auch nicht für die Schulen, jedoch Platonow griff diese Frage auf und bemerkte: „Dabei kann man aber doch nicht stehen bleiben, daß wir jetzt keine Schreiber brauchen. Wir müssen auch an unsere Nachkommen denken.“
„Ach laß doch, Bruder! Laß doch das Klügeln! Was wollt Ihr nur mit Euren Nachkommen! Alle Menschen glauben, sie seien Genies, wie Peter der Große. Achtet doch lieber darauf, was vor Eurer Nase vorgeht, und denkt nicht immer an Eure Nachkommen; sorgt lieber dafür, daß Eure Bauern wohlhabend und reich werden, und daß sie Zeit behalten, auch etwas zu lernen, wenn sie Lust dazu haben; stellt Euch nicht mit dem Stocke in der Hand vor sie hin und schreit sie nicht an: ‚Du mußt in die Schule gehen, ob du willst oder nicht!‘ Weiß der Teufel, womit die Leute heutzutage anfangen! Nein, bitte, hören Sie mal, ich fordere Sie auf, selbst zu urteilen.“ Hier rückte Skudronshoglo näher an Tschitschikow heran und nahm ihn sozusagen gründlich ins Gebet, um ihn recht tief in die Sache einzuweihen, d. h. er packte ihn beim Knopfloch seines Frackes: „Sagen Sie, was kann klarer sein? Die Bauern sind doch dazu da, damit Sie sie in ihrem Beruf und Stand unterstützen und fördern. Worin aber besteht dieser? Was ist denn die Beschäftigung der Bauern? Doch wohl der Ackerbau, die Landwirtschaft? Nun, so sorgen Sie auch dafür, daß er ein tüchtiger Landwirt wird. Das ist doch klar. Nicht? Nein, da finden sich gescheite Köpfe, die erklären: ‚Aus diesem Zustande muß er herausgeführt werden. Sein Leben ist zu primitiv und einfach: er soll auch etwas von dem Luxus kosten.‘ Daß ihr selbst infolge dieses Luxus lauter Waschlappen und keine Menschen mehr seid und, weiß der Teufel, an was für neuen Krankheiten leidet, und daß es bald keinen achtzehnjährigen Bengel mehr geben wird, der nicht schon von allem gekostet hat — der keine Zähne im Munde und keine Haare mehr auf dem Kopfe hat, — daran denkt ihr nicht und wollt auch noch andre Leute anstecken! Gott sei Dank, daß wir wenigstens noch einen gesunden Stand besitzen, der noch nichts von all diesen Finessen weiß! Dafür müßten wir Gott ewig dankbar sein. Jawohl, einen Landwirt achte ich weit höher als einen andern Menschen. Gott gäbe, daß alle Menschen Ackerbau trieben!“
„Sie sind also der Ansicht, es sei am vorteilhaftesten, Landwirt zu werden?“ fragte Tschitschikow.
„Ich meine, es ist vernünftiger und ehrenhafter und nicht vorteilhafter. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot erwerben — das ward uns allen gesagt, und nicht umsonst. Es ist durch eine jahrhundertlange Erfahrung bewiesen, daß die Landwirtschaft die Sitten verbessert und veredelt. Wo der Ackerbau die Grundlage des gesellschaftlichen Lebens bildet, da herrscht Wohlstand und Überfluß! Da gibt es keine Armut und keinen Luxus, sondern Gesundheit und Zufriedenheit. Es ist dem Menschen gesagt: Erwirb dir dein Brot, arbeite .. da gibt es nichts zu klügeln! Ich sage zum Bauern: ‚Es ist ganz gleich, für wen du dich mühst: für mich, für dich, für deinen Nachbarn ... die Hauptsache ist, daß du arbeitest. Bei der Arbeit bin ich dein erster Gehilfe. Hast du kein Vieh, nun wohl — da ist ein Pferd, eine Kuh, ein Wagen. Ich bin bereit, dir alles zu geben, nur sei fleißig und arbeite! Für mich wäre es der Tod, wenn dein Haushalt in Unordnung geriete und wenn ich Armut und Mißwirtschaft um mich sehe. Ich dulde keinen Müßiggang: ich bin bei dir, damit du arbeitest.‘ Hm. Man glaubt, man könne seine Einkünfte durch Fabriken und industrielle Unternehmungen vermehren! Denken Sie doch lieber erst daran, daß jeder Ihrer Bauern wohlhabend werde, dann werden Sie ganz von selbst reich werden, auch ohne Fabriken und all diese dummen Erfindungen.“ ...
[9.] Variante der andern Fassung.
„So ein Esel!“ dachte Tschitschikow. „Solch eine Tante würde ich hegen und pflegen, wie eine Amme ihr Kind.“
„Wissen Sie, so eine Unterhaltung ist doch recht trocken!“ sagte Chlobujew. „He, Kirjuschka! Bring schnell noch eine Flasche Champagner.“
„Nein, nein, ich kann nicht mehr trinken,“ fiel hier Platonow ein.
„Ich auch nicht,“ sagte Tschitschikow, und beide weigerten sich kategorisch, weiter zu trinken.