„Sie überlegen noch?“ fragte Murasow, „Sie werden damit einen doppelten Dienst leisten: Gott und mir.“
„Ihnen?“
„Das will ich Ihnen gleich sagen. Sie werden in Gegenden kommen, wo ich noch nicht war, und werden dort an Ort und Stelle alles erfahren: wie die Bauern leben, wo die Leute reicher sind, wo sie Not leiden, und wie überall die Verhältnisse liegen. Ich will Ihnen gestehen, ich liebe die Bauern von ganzem Herzen, vielleicht deshalb, weil ich selbst von Bauern abstamme. Die Sache ist nämlich die, es haben sich da schlimme Dinge unter ihnen verbreitet. Allerhand Herumtreiber und Sektierer suchen sie zu verführen und gegen die Obrigkeit aufzureizen, und wenn ein Mensch Not leidet, dann lehnt er sich so leicht auf. Als ob es eine so schwere Sache ist, einen Menschen unzufrieden zu machen, der sich in einer bedrängten Lage befindet. Aber das ist es ja gerade, die Hilfe und Strafe darf nicht von unten kommen. Es wäre schlimm, wenn man sich sein Recht mit den Fäusten erkämpfen wollte, daraus kann nichts Gutes entstehen; dabei haben nur die Diebe und Räuber den Vorteil. Sie sind ein kluger Mensch, Sie werden alles gründlich studieren und in Erfahrung bringen, wo ein Mensch wirklich Not leidet, wo andre ihn bedrücken, und wo sein eigner unruhiger Charakter die Schuld trägt. Und dann, wenn Sie wiederkommen, werden Sie mir alles ganz genau erzählen. Ich will Ihnen auf jeden Fall eine kleine Summe mitgeben, die Sie unter die verteilen mögen, die wirklich und unschuldigerweise Not leiden. Es wird auch gut sein, wenn Sie sie mit Worten trösten und es ihnen recht klar machen, es sei Gottes Wille, daß wir unsere Bürde ohne Murren tragen, zu ihm beten, wenn wir unglücklich sind und nicht toben, uns nicht auflehnen und uns nicht selbst zu unserem Rechte verhelfen. Mit einem Worte, reden Sie ihnen gut zu, ohne sie gegen jemand aufzuwiegeln, und lehren Sie sie, ihr Los geduldig ertragen. Wo Sie aber Haß und Zorn gegen jemand finden, da nehmen Sie all Ihre Kräfte zusammen.“
„Afanassij Wassiljewitsch! Das Amt, das Sie mir übertragen wollen, ist ein heiliges Amt,“ sagte Chlobujew. „Dies ist ein heiliges Werk! Bedenken Sie, wen Sie damit betrauen. Man kann es nur einem Menschen übertragen, der selbst gewissermaßen einen heiligen Lebenswandel führt, der es versteht, andern Leuten zu verzeihen.“
„Ich sage ja auch nicht, das Sie dies alles ausführen sollen, tuen Sie, was möglich ist, was in Ihren Kräften steht. Die Sache ist die: Sie werden trotzdem mit einem großen Wissensschatz und einer großen Ortskenntnis zurückkehren, Sie werden genau über die Lage der betreffenden Provinzen orientiert sein. Ein Beamter würde dem Bauern nie persönlich gegenübertreten, und auch der Bauer würde nicht aufrichtig gegen ihn sein. Sie aber, der Sie zu ihm kommen, um Beiträge für die Kirche zu sammeln, — Sie werden überall einen Einblick gewinnen in die Lage des kleinen Mannes, in den Hausstand des Kaufmanns usw., Sie werden Gelegenheit haben, jeden genau nach allem auszufragen. Ich sage Ihnen das, weil der Generalgouverneur solche Leute wie Sie gerade jetzt besonders nötig hat, und Sie können, ganz abgesehen von den bureaukratischen Titeln, eine Stellung erhalten, wo Sie vielen Nutzen stiften werden.“
„Gut denn! Ich will’s versuchen, ich will all meine Kräfte anspannen und mir die größte Mühe geben,“ sagte Chlobujew. Man hörte es seiner Stimme an, daß er wieder Mut und Kraft schöpfte, und er erhob wieder tapfer das Haupt, wie ein Mensch, den eine neue Hoffnung belebt. „Ich sehe, daß Gott Ihnen die rechte Einsicht geschenkt hat. Sie verstehen manche Dinge weit besser, als wir kurzsichtigen Leute.“
„Doch nun möchte ich Sie endlich fragen: Was ist es mit Tschitschikow, und von welcher Angelegenheit sprachen Sie vorhin?“ sagte Murasow.
„Ach Gott, von Tschitschikow kann ich Ihnen geradezu unerhörte Dinge erzählen. Was der alles anstellt ... Wissen Sie auch, Afanassij Wassiljewitsch, daß das Testament gefälscht ist! Das echte Testament hat sich gefunden. Darnach sind die Pflegetöchter die Erbinnen des ganzen Gutes.“
„Was sagen Sie? Und wer hat das falsche Testament hergestellt?“
„Das ist es ja eben. Es ist eine ganz schmutzige Geschichte. Man sagt: Tschitschikow sei der Verfasser; das Testament sei erst nach dem Tode der Testantin unterschrieben: man hätte ein Weib gefunden, die man verkleidet habe, und die es anstelle der Verstorbenen unterschrieben hat. Mit einem Wort eine ganz häßliche und skandalöse Affäre. Man hat Verdacht, daß auch noch andere Beamte daran beteiligt sind. Man spricht schon überall davon, und der Generalgouverneur soll bereits davon Kunde haben. Man sagt, es seien über tausend Klagen von den verschiedensten Seiten eingelaufen. Die Freier machen sich jetzt schon an Marja Jeremejewna; zwei Beamte liegen sich ihretwegen in den Haaren. Eine widerwärtige Geschichte, Afanassij Wassiljewitsch.“