„Soll ich Ihnen etwas sagen, Peter Petrowitsch! Nach zwei Jahren werden Sie wieder ganz tief in Schulden stecken, wie in einem Netz.“
Chlobujew schwieg eine Weile still und sagte dann gedehnt: „Aber nach den Erfahrungen, die ich ....“
„Ach, da ist doch kein Wort zu verlieren!“ fiel Murasow ein. „Sie haben ein gutes Herz, Ihre Freunde werden zu Ihnen kommen und Sie um Geld bitten — Sie werden es ihnen ja doch nicht abschlagen können; wenn Sie einen armen Mann sehen, werden Sie ihm helfen; wenn ein Freund zu Ihnen kommt, werden Sie ihn recht gut bewirten wollen und sich jeder menschenfreundlichen Regung hingeben. Ihren Vorteil und das Rechnen aber werden Sie dabei vergessen. Und schließlich lassen Sie mich Ihnen noch in aller Aufrichtigkeit das eine sagen: Sie sind ja garnicht imstande, Ihre Kinder gut zu erziehen. Seine Kinder kann nur ein Vater erziehen, der seine Pflicht schon erfüllt hat. Und Ihre Frau ... sie hat ja ein gutes Herz ... aber sie ist selbst nicht so erzogen, um Kinder erziehen zu können. Ich frage mich sogar — Sie entschuldigen mich doch, Peter Petrowitsch — ob es Ihren Kindern nicht am Ende schaden könnte, stets mit Ihnen zusammen zu sein!“
Chlobujew war nachdenklich geworden; er prüfte sich in Gedanken nach allen Richtungen und hatte schließlich das Gefühl, daß Murasow nicht ganz unrecht hatte.
„Wissen Sie was, Peter Petrowitsch! Überlassen Sie mir Ihre Kinder und die Ordnung Ihrer Verhältnisse, verlassen Sie Ihre Familie und Ihre Kinder, ich will schon für sie sorgen. Ihre Verhältnisse sind doch gewissermaßen so, daß Sie ganz in meiner Hand sind; Sie sind doch nahe am Verhungern. Hier gilt es einen Entschluß zu fassen. Kennen Sie Iwan Potapytsch?“
„Gewiß, und ich verehre ihn sehr, trotzdem er in einer Joppe herumläuft.“
„Iwan Potapytsch war Millionär, seine Töchter heirateten lauter Beamte, und er lebte wie ein Fürst. Aber er machte Bankrott — und da blieb ihm eben nichts andres übrig, als ein gewöhnlicher Kommis zu werden. Es wurde ihm wirklich nicht leicht, aus einer einfachen Schüssel zu essen, ihm, der an silberne Teller gewöhnt war, und die Hände wollten nicht recht arbeiten, denn sie hatten es nicht gelernt. Sehen Sie, jetzt könnte Iwan Potapytsch wieder aus silbernen Schüsseln essen, aber nun will er es selbst nicht. Er hat sich wieder genug zusammengespart, aber er sagt: ‚Nein, Afanassij Wassiljewitsch, jetzt diene ich nicht mehr mir selber, sondern Gott. Ich mag jetzt nichts mehr um meiner selbst willen tun. Ich gehorche Ihnen, weil ich Gott gehorchen will und nicht den Menschen, und da Gott nur durch den Mund der besten Menschen zu uns spricht. Sie sind klüger als ich, und daher bin nicht ich dafür verantwortlich, sondern Sie.‘ — Sehen Sie, so denkt Iwan Potapytsch, und doch ist er, wenn ich ehrlich sein soll, viel, viel klüger als ich.“
„Afanassij Wassiljewitsch, ich will ja gern Ihre Überlegenheit anerkennen ... ich will gern Ihr Diener sein, und alles tun, was Sie wollen, ich gebe mich ganz in Ihre Hände. Aber legen Sie mir keine Last auf, die ich nicht tragen kann: ich bin kein Potapytsch, und ich sage Ihnen, daß ich zu nichts Gutem mehr tauge.“
„Ich werde Ihnen nichts auferlegen, Peter Petrowitsch, aber da Sie doch nun einmal Gott dienen wollen — da haben Sie ein Gott wohlgefälliges Werk! Es wird hier eine Kirche gebaut, das Geld dazu muß durch freiwillige Spenden frommer Menschen aufgebracht werden. Leider fehlt es an Mitteln, sie müssen durch eine Sammlung herbeigeschafft werden. Ziehen Sie einen einfachen Pelz an — Sie sind doch jetzt ein schlichter Mensch — ein verarmter Edelmann — und so gut wie ein Bettler, was brauchen Sie sich zu schämen? — nehmen Sie das Kassenbuch in die Hand, besteigen Sie einen einfachen Bauernwagen und besuchen Sie alle Städte und Dörfer der Umgegend. Der Archierei[15] wird Ihnen seinen Segen geben und Ihnen das Kassenbuch aushändigen. Nehmen Sie es und ziehen Sie mit Gott!“
Peter Petrowitsch war sehr erstaunt über die völlig neue Tätigkeit, die ihm hier vorgeschlagen wurde. Er war doch immerhin ein Mann von altem Adel und sollte sich jetzt in einem Bauernwagen durchrütteln lassen und mit dem Buche durch Städte und Dörfer ziehen, um Geld für die Kirche zu sammeln! Aber er konnte nicht mehr zurück, er konnte sich der Sache nicht mehr entziehen. War es doch ein von Gott gewolltes Werk!