Die Nase. Diese Novelle wurde 1832 begonnen und in ihrer ersten Fassung die für den Moskowski Nabljudatel (Moskauer Beobachter) bestimmt war, Anfang März 1835 vollendet. 1836 wurde sie noch einmal für den Puschkinschen „Sowremennik“ („Der Zeitgenosse“) umgearbeitet, wo sie im dritten Bande erschienen ist. Die Freigabe durch die Zensur erfolgte 1836. Auf Verlangen des Zensors mußte folgende Stelle des Manuskripts vor der Drucklegung im „Zeitgenossen“ umgearbeitet werden:
„Er eilte in die Kirche und drängte sich durch eine Reihe alter Bettlerinnen hindurch, deren Köpfe so tief in allerhand Tüchern und Lappen steckten, daß man von ihren Gesichtern nichts sah, als die beiden Augen. Wie herzlich hatte er oft über sie gelacht, heute aber schritt er an ihnen vorbei und betrat die Halle. Die Kirche war nur schwach besucht, die Mehrzahl der Beter stand vorne am Eingange in der Türe. Kowaljew war so erregt und verstimmt, daß er es nicht über sich gewann, zu beten. Er suchte „die Nase“, suchte sie in allen Winkeln und sah den Herrn endlich etwas abseits in einer Ecke stehen. Die Nase hatte ihr Gesicht ganz in einem hohen Stehkragen versteckt und betete mit dem Ausdruck tiefster Andacht. „Unter welchem Vorwande soll ich mich ihm bloß nähern?“ dachte Kowalew. „Er ist gekleidet, wie ein vornehmer Herr, und noch dazu Staatsrat.“ Er stellte sich neben ihn und hustete ein paarmal laut, aber die Nase verharrte in ihrer andächtigen Stellung und beugte sich immerfort tief bis zur Erde. „Geehrter Herr!“ sagte Kowalew, indem er sich selbst Mut zuzusprechen suchte: „Geehrter Herr!“ „Was ist Ihnen gefällig?“ entgegnete jener, indem er sich umdrehte. — „Ich finde es sehr seltsam, mein Herr, ... Mir scheint, Sie sollten wissen, wo Ihr Platz ist ... und plötzlich finde ich Sie ... hier ... in der Kirche. Sie müssen selbst zugeben, daß ...“
„Ich verstehe nicht, was Sie sagen wollen. Bitte erklären Sie sich deutlicher.“ „Wie soll ich es ihm nur klar machen?“ dachte Kowalew, faßte jedoch wieder Mut und begann: „Ich will natürlich ... Übrigens bin ich ... Ohne Nase herumzulaufen ... Sie müssen doch zugeben, in meiner Lage ist das höchst peinlich. Ich bin doch kein Hökerweib, das an der Woskressenskibrücke sitzt und geschälte Apfelsinen feilbietet ... Die braucht freilich keine Nase ... Aber ein Mann, der Ansprüche auf einen Gouverneursposten hat ... und sie ganz ohne Zweifel erfüllt sehen wird ... Ich weiß wirklich nicht, mein Herr.“ — Hierbei zuckte der Major mit den Achseln. „Verzeihen Sie. Wenn man diese Sache vom Standpunkt des Ehr- und Pflichtbewußtseins betrachtet, dann müssen Sie doch selbst einsehen ...“ „Ich verstehe kein Wort,“ versetzte die Nase, „bitte drücken Sie sich etwas deutlicher aus.“
„Mein Herr,“ sagte Kowalew ernst und würdig. „Ich weiß nicht, wie ich Ihre Worte auffassen soll ... Die Sache liegt doch wohl sehr klar ... oder Sie wollen bloß nicht ... Sie sind doch meine Nase, meine eigene Nase!“ Die Nase sah den Major an und runzelte die Stirn.
„Sie befinden sich in einem Irrtum, mein Herr! Ich stehe völlig selbständig da. Nebenbei bemerkt kann es zwischen uns keine näheren Beziehungen geben. Nach den Knöpfen Ihrer Interimsuniform zu urteilen, dienen Sie im Senat oder doch im Justizministerium, während ich in der wissenschaftlichen Branche tätig bin.“ Kowalew befand sich in der größten Verlegenheit und war ganz verwirrt. „Was soll ich machen?“ dachte er. Doch in diesem Augenblick vernahm er in der Nähe das angenehme Rauschen einer Damenrobe. Eine ältere, ziemlich umfangreiche Dame, die in einem üppigen Spitzenkleide steckte, welches einige Ähnlichkeit mit einem gothischen Bau hatte, betrat die Kirche. Sie wurde begleitet von einer jüngeren und schlankeren Dame in einem Kleide, das sich in schönen Falten um ihre schlanke Gestalt legte, und mit einem Strohhut, der so leicht und zart war, wie eine Meringentorte. Hinter beiden stand ein großer Herr mit einem mächtigen Backenbart und einem ganzen Dutzend Kragen; er war eben im Begriff seine Tabaksdose zu öffnen und wollte gerade eine Prise nehmen. Kowalew näherte sich der Gruppe, ordnete den Batistkragen seines Vorhemdes, sowie die Berlocken an seiner Uhrkette und wendete mit einem lächelnden Seitenblick seine Aufmerksamkeit der duftigen Dame zu, die sich gleich einer Frühlingsblume leicht vornüberbeugte und ihr Händchen mit den weißen durchsichtigen Fingern an die Stirne führte. Das Lächeln, welches auf Kowalews Lippen schwebte, wurde immer breiter und intensiver, als ihm unter dem Hut ein Teil ihres Kinns und ihrer Wange entgegenleuchtete. Aber plötzlich sprang er zurück, wie wenn er sich an einem glühenden Eisen verbrannt hätte; er erinnerte sich, daß er in seinem Gesicht anstelle der Nase nur eine glatte Fläche hatte, und Tränen entströmten seinem Auge. Er drehte sich um um dem Herrn offen zu erklären, er trage bloß die Maske eines Staatsrats, während er in Wahrheit ein Betrüger und ein Lump sei; tatsächlich sei er nichts andres als seine eigene Nase. Aber die Nase war bereits verschwunden, sie hatte wahrscheinlich schon einen bedeutenden Vorsprung gewonnen und stattete wieder irgend jemandem einen Besuch ab. Kowalew verließ die Kirche. Das Wetter war wundervoll, heiter und sonnig; auf dem Newski-Prospekt wimmelte es nur so von Menschen. Ein wahrer Sturzbach von Damen flutete durch die Straße. Dort kam ihm schon ein guter Bekannter entgegen, der Hofrat ...“
Eine bedeutende Umarbeitung erfuhr auch die folgende Stelle der ursprünglichen Fassung: „Der ehrenwerte Beamte hörte ihn mit vielsagender Miene an und fuhr fort, das vor ihm liegende Geld zu zählen, von dem er 2 Rubel 33 Kopeken, die er für das Inserat erhalten hatte, beiseite legte. Zu beiden Seiten standen allerhand alte Weiber, Kommis, Hausburschen und Kutscher, jeder mit Zetteln in der Hand. In dem einen Zettel wurde angekündigt, es sei ein tüchtiger nüchterner Kutscher von guter Führung abzugeben; in dem andern wurde eine noch wenig gebrauchte Equipage feilgeboten, die aus der Zeit Peters des Großen stammte und keine heile Schraube mehr hatte. Der eine hatte ein gesundes Mädchen von neunzehn Jahren abzugeben, die als Wäscherin gedient hatte, aber auch bei andern häuslichen Arbeiten zu verwenden war, der jedoch schon mehrere Zähne fehlten; ein anderer suchte eine solide Droschke zu verkaufen, der nur eine Feder mangelte, oder einen jungen wilden Apfelschimmel von 17 Jahren; dort wurden ein Posten frisch aus London eingetroffener Rüben und Radieschensamen, und dort wieder sogenannte indische Radieschen ausgeboten, eine schöne Villa mit allen Bequemlichkeiten, zwei Pferdeställen und einem Platz, wo man sehr gut einen Garten anlegen konnte. Ferner wurde der Verlust eines Geldbeutels bekannt gegeben und dem ehrlichen Finder eine anständige Belohnung in Aussicht gestellt, oder es wurden Käufer für alte Sohlen gesucht, wobei die Reflektanten aufgefordert wurden, sich zu einer bestimmten Stunde zur Versteigerung einzufinden. Das Zimmer, in dem sich alle diese Leute aufhielten, war klein, vollgeraucht und die Luft in ihm war so dumpf und dick, daß man sie mit dem Messer schneiden konnte, denn die russischen Bauern haben die merkwürdige Eigentümlichkeit, die Luft bedeutend zu verdichten, und wo einmal vier Hausknechte in roten Hemden und ein Kutscher zusammenkommen, da kann man ruhig eine Axt in der Luft aufhängen. Zum Glück konnte der Kollegien-Assessor nichts davon riechen, er hielt sich ja ein Taschentuch vors Gesicht und dann befand sich ja auch seine Nase Gott weiß wo.“ —
Das von den Worten „Gleich, gleich“ bis zum Schluß des zweiten Kapitels reichende Stück ist eine spätere Bearbeitung des ursprünglichen weit einfacheren Textes. In dem ersten Manuskript lautete diese Stelle folgendermaßen:
„Gleich, gleich! — Zwei Rubel dreiundvierzig Kopeken ... einen Rubel sechzig Kopeken!“ sagte der grauhaarige Herr, während er den alten Weibern und den Hausburschen ihre Zettel ins Gesicht warf. „Und was wünschen Sie?“ fragte er endlich, indem er sich an Kowalew wandte.
„Ich möchte ganz besonders darum bitten ...,“ sagte Kowalew: „es ist eine unerhörte Gaunerei oder Betrügerei passiert — ich kann der Sache noch immer nicht auf den Grund kommen. Ich bitte Sie nur, in die Zeitung einrücken zu lassen, daß derjenige, der diesen Schurken dingfest macht, eine ausreichende Belohnung erhalten soll.“