„Ich habe dir’s schon gesagt, ich lasse nicht mit mir handeln. Ich bin nicht so wie andre Gutsbesitzer, bei denen du immer gerade dann erscheinst, wenn sie ihre fälligen Schulden bezahlen müssen. Ich kenne euch viel zu gut; ihr führt eine Liste über alle, welche Zahlungen zu machen haben. Das ist doch sehr einfach. So ein Mann ist in einer verzweifelten Lage, da gibt er euch natürlich alles um den halben Preis her. Bei mir ist das anders. Was soll ich mit deinem Gelde anfangen? Bei mir können die Sachen ruhig drei Jahre lang liegen bleiben; ich habe keine Hypothekengelder zu bezahlen!“
„Sie haben ganz recht, Konstantin Fjodorowitsch. Ich sage das ja auch nur, um auch ferner mit Ihnen in Verbindung zu bleiben, und nicht aus Habsucht und Eigennutz. Bitte, hier sind dreitausend Rubel Handgeld!“ Bei diesen Worten zog der Kaufmann ein Päckchen schmutziger Banknoten aus der Brusttasche. Kostanshoglo nahm sie sehr kaltblütig, ohne sie nachzuzählen in Empfang, und steckte sie in die Rocktasche.
„Hm,“ dachte Tschitschikow, „wie wenn das sein Taschentuch wäre!“ Doch jetzt erschien Kostanshoglo in der Türe des Salons. Er machte einen tiefen Eindruck auf Tschitschikow durch sein verbranntes Gesicht, die struppigen schwarzen Haare, welche stellenweise schon einen leichten Anflug von Grau erkennen ließen, den lebhaften Ausdruck der Augen und seine etwas gallige Art, die auf seine südliche Herkunft hindeutete. Er war kein echter Russe. Wußte er doch selbst nicht genau, woher seine Vorfahren stammten. Er kümmerte sich jedoch nicht um seinen Stammbaum; das paßte nicht in sein System, und er fand, daß sich in der Wirtschaft damit nicht viel anfangen ließe. Er selbst hielt sich für einen Russen, und kannte auch keine andere Sprache außer der russischen.
Platonow stellte Tschitschikow vor. Beide küßten sich.
„Weißt du Konstantin, ich habe mich entschlossen, eine kleine Reise zu machen, und mir einige unserer Gouvernements anzusehen. Ich will meine Langeweile los werden,“ sagte Platonow, „Pawel Iwanowitsch hat mir vorgeschlagen, mit ihm zu reisen.“
„Das ist ja vortrefflich!“ sagte Konstanshoglo. „Und welche Gegend gedenken Sie zu besuchen?“ fuhr er fort, indem er sich liebenswürdig an Tschitschikow wandte.
„Ich muß gestehen,“ sagte Tschitschikow, indem er den Kopf höflich auf die Seite neigte und mit der Hand über die Stullehne strich, „ich muß gestehen, daß ich eigentlich nicht in meinem eigenen, sondern im Interesse eines andern reise: ein naher Freund von mir, ich darf wohl sagen mein Wohltäter, General Betrischtschew hat mich gebeten, einige von seinen Verwandten aufzusuchen. Das mit den Verwandten ist natürlich sehr wichtig, aber andererseits reise ich doch auch sozusagen zu meinem eigenen Vergnügen, denn ganz abgesehen von dem Nutzen den das Reisen für die Hämorrhoiden hat; die Welt kennen zu lernen, sich in den Wirbel und Strudel des Menschenvolkes zu stürzen — das ist sozusagen ein lebendes Buch und auch eine Art Wissenschaft.“
„Sehr richtig! Es ist ganz gut, wenn man sich in der Welt umsieht.“
„Sehr fein bemerkt! Das ist tatsächlich wahr, es ist wirklich gut. Man sieht allerhand Dinge, die man sonst nie gesehen hätte, und trifft mit Menschen zusammen, denen man vielleicht niemals begegnet wäre. Manche Unterhaltung ist Goldes wert, wie zum Beispiel gleich hier, wo sich mir eine so glückliche Gelegenheit bietet ... Ich wende mich an Sie, verehrtester Konstantin Fjodorowitsch. Helfen Sie mir, belehren Sie mich, stillen Sie meinen Durst und weisen Sie mir den Weg zur Wahrheit. Ich lechze nach Ihren Worten, wie nach himmlischem Manna.“
„Ja, was denn nur? ... Was soll ich Sie denn lehren?“ sprach Kostanshoglo verlegen. „Ich habe doch selbst nur ein paar Groschen Lehrgeld bezahlt.“