„Gut, dann schreiben Sie eben: es ist nötig, oder es ist erwünscht, oder man legt Wert darauf, daß es den Anschein habe, als ob sie noch leben. Ohne schriftliche Fixierung geht das doch gar nicht. Denken Sie bloß an England oder sogar an Napoleon. Ich will Ihnen einen Mann mitgeben, der Sie überallhin begleiten wird.“

Er schellte. Ein Mann erschien in der Türe.

„Herr Sekretär! Rufen Sie den Kommissar.“ Gleich darauf trat auch der Kommissar herein, ein Mann, dem man es nicht recht ansehen konnte, was er war, ein Bauer oder ein Beamter. „Er wird Sie überall hinführen.“

Was war da zu machen? Tschitschikow entschloß sich aus Neugierde, dem Kommissar zu folgen und diese so überaus wichtigen Instanzen kennen zu lernen. Das „Bureau für Berichte und Anzeigen“ stand nur auf dem Aushängeschild, die Tür war dagegen verschlossen. Der Chef des Bureaus Chryljow war in das soeben gegründete Komitee für Gemeindebauten versetzt. Seine Stelle versah der Kammerdiener Berjosowski; aber auch der war von der Baukommission irgendwohin geschickt worden. Sie gingen daher in das Departement für Gemeindeangelegenheiten — da wurden jedoch gerade Reparaturen vorgenommen, hier weckten sie einen Mann, der betrunken dasaß und schlief, aber aus dem ließ sich auch nichts herausbringen. „Bei uns herrscht eine große Unordnung!“ sagte schließlich der Kommissar zu Tschitschikow. „Die Leute tanzen unserem Herrn alle auf der Nase. Bei uns hängt alles von der Baukommission ab; sie holt die Leute von ihrer Arbeit weg und schickt sie überallhin, wohin es ihr beliebt. Nur bei der Baukommission kommt man auf seinen Vorteil.“ Er war offenbar sehr unzufrieden mit der Baukommission. Tschitschikow wollte nicht mehr sehn. Als sie zum Obersten zurückkehrten, erklärte er diesem, bei ihm herrsche ein großer Wirrwar, man könne sich da unmöglich zurechtfinden, und ein Bureau für Berichte und Anzeigen gäbe es überhaupt nicht.

Der Oberst schäumte auf in edlem Zorn und drückte Tschitschikow dankbar die Hand. Er griff sofort zur Feder und verfaßte acht in strengstem Tone gehaltene Anfragen: mit welchem Rechte die Baukommission eigenmächtig über Beamte verfügt habe, die garnicht zu ihrem Ressort gehörten? wie der Oberverwalter es habe zulassen können, daß der Vorsitzende sich entfernte, um an einer Untersuchung teilzunehmen, ohne seinen Posten zuvor einem andern übergeben zu haben? und wie das Komitee für Gemeindeangelegenheiten ruhig darüber hinweggehen konnte, daß es überhaupt kein Bureau für Anzeigen und Berichte gebe?

„Das gibt wieder eine tolle Verwirrung!“ dachte Tschitschikow und wollte schon wegfahren, da aber sagte Koschkarjow:

„Nein, ich lasse Sie nicht fort. Hier handelt es sich um meine Ehre. Ich will Ihnen beweisen, was das ist: eine geregelte, organisierte Wirtschaft. Ich will Ihre Sache einem Mann übergeben, der allein soviel wert ist, wie alle anderen zusammen: er hat die Universität beendigt. Sehen Sie, solche Leibeigene habe ich! Um Ihre kostbare Zeit nicht allzulange in Anspruch zu nehmen, bitte ich Sie höflichst, sich einstweilen in meine Bibliothek verfügen zu wollen,“ fuhr der Oberst fort, indem er eine Seitentür öffnete: „Hier finden Sie Bücher, Papier, Federn, Bleistifte — mit einem Wort, alles, was Sie wünschen. Bitte! alles steht zu Ihrer Verfügung. Tuen Sie, als ob Sie zu Hause wären. Die Aufklärung und Wissenschaft sollte allen offen stehen.“

So sprach Koschkarjow, während er Tschitschikow in die Bibliothek geleitete. Diese war ein mächtiger Saal der von unten bis oben mit Büchern vollgepfropft war. Auch ein paar ausgestopfte Tiere befanden sich darin. Alle Wissenszweige waren vertreten: da gab es Bücher über Forstwissenschaft, Viehzucht, Schweinezucht, Gartenbau, Spezialzeitschriften über alle Wissensgebiete, wie sie einen zugeschickt werden, bloß damit man auf sie abonniert, die aber kein Mensch liest. Als Tschitschikow sich überzeugt hatte, daß dies alles Bücher waren, die sich kaum dazu eigneten, einem in angenehmer Weise die Zeit zu vertreiben, ging er an den nächsten Schrank, aber o weh! er geriet aus dem Regen in die Traufe: dieser enthielt wiederum nichts als philosophische Bücher. Das erste, was ihm ins Auge fiel, waren sechs gewaltige Bände mit der Ueberschrift: „Einführung in die Lehre vom Denken, Theorie der Abstraktion, der Allheit, und Wesenheit in ihrer Anwendung auf die Erkenntnis der organischen Prinzipien der Polarität in der gesellschaftlichen Produktivität.“ Was für ein Buch Tschitschikow auch aufschlagen mochte, auf jeder Seite las er immer nur von: Erscheinung, Entwickelung, Abstraktion, Geschlossenheit, An und Für sich sein, mit einem Wort, weiß der Teufel, was nicht alles in so einem Buche stand! „Das ist nichts für mich,“ sagte Tschitschikow, und ging an einen dritten Schrank, der wieder lauter kunstgeschichtliche Bücher enthielt. Er zog einen mächtigen Folianten mit Bildern aus der antiken Mythologie hervor, die sich nicht gerade durch übermäßige Sittsamkeit auszeichneten und begann darin zu blättern. Solche Bilder gefallen besonders Junggesellen in mittleren Jahren, mitunter aber auch alten Herren, die ihre Einbildungskraft durch Ballette und ähnliche gepfefferte Dinge anzuregen lieben. Nachdem Tschitschikow mit dem einen Buche fertig war, wollte er schon zu einem zweiten ähnlichen übergehen, als Oberst Koschkarjow mit strahlender Miene und einem Bogen Papier in der Tür erschien.

„Es ist alles erledigt; zur schönsten Zufriedenheit erledigt! Der Mensch, von dem ich Ihnen erzählt habe, ist tatsächlich ein Genie. Dafür will ich ihn aber auch über alle anderen erheben und ein eigenes Departement für ihn einrichten. Sehen Sie doch bloß, was das für ein heller Kopf ist, und wie er in ein paar Minuten mit allem fertig geworden ist.“

„Na, Gott sei Dank!“ dachte Tschitschikow und schickte sich an, zu hören. Der Oberst begann mit der Vorlesung: