Wie der Gesang eines Paradiesvogels erschienen Tschitschikow die süßtönenden Reden des Hausherrn, an denen er sich garnicht satt hören konnte. Das Wasser lief ihm im Munde zusammen. Seine Augen strahlten einen fettigen Glanz aus und nahmen einen zuckersüßen Ausdruck an; er hätte immer weiter zuhören mögen.
„Konstantin, ich glaube, es ist Zeit, daß wir uns erheben,“ sagte die Hausfrau und stand auf. Alle folgten ihr. Tschitschikow bot der Wirtin den Arm und führte sie in den Salon zurück, aber diesmal fehlte es seinen Bewegungen an der gewohnten Leichtigkeit und Gewandheit, denn seine Gedanken wurden von anderen weit wichtigeren Fragen bewegt.
„Du magst sagen, was du willst, es ist trotz alledem trostlos und langweilig,“ erklärte Platonow, der hinter ihnen herging.
„Der Gast ist kein dummer Kerl,“ dachte der Hausherr; „er ist aufmerksam, sehr gesetzt und würdig in seinen Reden und vor allem kein Schwätzer.“ Bei diesem Gedanken wurde er noch fröhlicher; die Unterhaltung schien ihn warm gemacht zu haben, und er freute sich, daß er einen Menschen gefunden hatte, der es verstand, seine weisen Ratschläge mit Verstand entgegenzunehmen.
Und als man dann in dem gemütlichen Zimmer, in dem einige Kerzen ein angenehmes Licht verbreiteten, dem Balkon gegenüber Platz nahm, als die Sterne hoch über den Baumwipfeln des schlafenden Gartens freundlich zu ihnen durch die Glastür hereinblinkten, da wurde es Tschitschikow so wohlig zu mute, wie schon lange nicht mehr: wie wenn er sich endlich nach langen Irrfahrten unter dem trauten Dach des Vaterhauses befände, wie wenn er schon alles sein eigen nannte, wonach sein Herz begehrte, und mit dem Worte „Genug“ seinen Pilgerstab in die Ecke gestellt hätte. Diese beglückende Stimmung verdankte er den klugen Reden des gastfreien Hausherrn. Für jeden Menschen gibt es gewisse Worte, die ihm lieber und vertrauter sind, als alle andern Worte. Und oft geschieht es, daß man irgendwo in einem entlegenen Nest, unter lauter Larven einen Menschen findet, dessen erwärmende Unterhaltung einen den unwegsamen Weg, die Unbequemlichkeiten des Nachtlagers, den Mißton des heutigen Treibens und den Trug vergessen läßt, der den Menschen umgarnt. Mit unbegreiflicher Lebhaftigkeit prägt sich ein so verbrachter Abend für alle Zeiten unserer Erinnerung ein, mit rührender Treue bewahrt sie uns jede noch so kleine Einzelheit auf: wer zugegen war, wo ein jeder saß, was er in der Hand hielt: die Wände, die Zimmerecken und jede unbedeutende Kleinigkeit.
Ganz so erging es Tschitschikow an jenem Abend, alles prägte sich seinem Gedächtnis tief ein: das freundliche schlicht möblierte Zimmer, der gutmütige Ausdruck im Gesicht des klugen Hausherrn, ja selbst das Tapetenmuster, die Pfeife mit dem Bernsteinmundstück, die Platonow gereicht wurde, der Rauch, den er Jarb in seine dicke Schnauze blies, Jarbs ärgerliches Schnauben, das Lachen der lieblichen Hausfrau, ihre vorwurfsvollen Worte: „Laß ihn doch, quäl doch das Tier nicht so.“ Die lustig flackerndern Kerzen, das zirpende Heimchen in der Zimmerecke, die Glastür, die Frühlingsnacht, die über die hohen Baumwipfel schwebend zu ihnen hineinblickte, der schwarze mit funkelnden Sternen übersäte Himmel, und der helle Gesang der Nachtigallen, die ihr Lied aus der Tiefe grünblättriger Haine laut hinausschmetterten in die herrliche Nacht ...
„Wie Ihre Reden mein Herz laben! hochverehrter Konstantin Fjodorowitsch!“ sagte Tschitschikow. „Ich kann wohl sagen, ich habe in ganz Rußland keinen Menschen getroffen, der Ihnen an Verstand gleichkäme.“
Der andere lächelte, fühlte er doch selbst, daß Tschitschikow unrecht hatte. „Nein, nein, wenn Sie einen wirklich klugen Menschen kennen lernen wollen, — hier ist einer, von dem man tatsächlich sagen kann: — das ist ein kluger Mensch; ich bin nicht wert, ihm die Schuhriemen aufzubinden.“
„Wer ist denn das?“ fragte Tschitschikow erstaunt.
„Das ist unser Branntweinpächter Murasow.“