„Und erst in unserer Provinz! Das können Sie sich garnicht vorstellen: man nennt mich hier garnicht anders als einen Filz und Geizhals. Sich selbst verzeihen sie alles. Da heißt es immer: ‚Ich habe freilich alles durchgebracht; aber das kommt daher, weil ich eben höhere Bedürfnisse hatte, weil ich die Handelsleute und Industriellen (er sollte lieber sagen, die Lumpen und Gauner!) unterstützte; freilich wenn man wie ein Schwein lebt, so wie dieser Kostanshoglo‘ ...“
„Ich wollte, ich wäre selbst ein solches Schwein!“ sagte Tschitschikow.
„Alles Unsinn! Was sind das für höhere Bedürfnisse! Wem wollen sie denn was weismachen? Wenn sie sich auch ein paar Bücher anschaffen, — sie lesen sie ja doch nicht. Na, und was übrig bleibt, das sind schließlich die Kosten und der ... Und das alles kommt bloß daher, weil ich keine Diners gebe und ihnen kein Geld leihen will. Diners gebe ich nun einmal nicht, weil mir das unbequem ist: das bin ich halt nicht gewöhnt. Will einer zu mir kommen und an meiner Tafel mitessen — mit dem größten Vergnügen. Und daß ich kein Geld leihe — das ist ganz einfach nicht wahr. Wenn jemand zu mir kommt, der wirklich Not leidet und mir genau Rechenschaft gibt, was er mit meinem Gelde anzufangen gedenkt: wenn ich aus seinen Worten entnehme, daß er einen vernünftigen Gebrauch davon machen und daß ihm das Geld einen wirklichen Gewinn eintragen wird, dann werde ich es ihm nicht abschlagen und nicht einmal Zinsen dafür verlangen.“
„Das muß ich mir merken,“ dachte Tschitschikow.
„So einem werde ich es nie abschlagen,“ fuhr Kostanshoglo fort. „Aber mein Geld aus dem Fenster zu schmeißen, fällt mir auch nicht ein. Nein, da muß man mich schon entschuldigen. Hol’s der Teufel! Da kriegt einer den Einfall, seiner Maitresse ein Diner zu geben, oder er will sein Haus luxuriös ausstatten; will wie ein Verrückter, mit irgend einem Frauenzimmer auf den Maskenball gehen, oder ein Jubiläum feiern, weil er so und soviel Jahre lang müßig auf der Welt herumläuft — und dazu soll ich ihm noch Geld leihen!“
Hier spuckte Kostanshoglo ärgerlich aus und hätte in Gegenwart seiner Frau beinah ein paar unanständige Schimpfworte fallen lassen. Der dunkele Schatten einer finsteren Hypochondrie verdüsterte sein Gesicht. Zahlreiche Quer- und Längsfalten bedeckten seine Stirn, ein deutliches Zeichen dafür, wie heftig sich in ihm die Galle regte.
„Gestatten Sie mir, hochverehrter Herr, Ihre Aufmerksamkeit noch einmal auf den Gegenstand unseres soeben unterbrochenen Gesprächs zurückzulenken,“ sagte Tschitschikow und stürzte noch ein Gläschen Himbeerlikör herunter, der wirklich ganz vorzüglich war. „Nehmen wir einmal an, ich kaufte jenes Gut, das Sie zu erwähnen geruhten, was denken Sie wohl? wie schnell und in wie langer Zeit könnte man wohl so reich werden, daß ...“
„Wenn Sie durchaus schnell reich werden wollen,“ unterbrach ihn Kostanshoglo kurz und streng, „dann werden Sie niemals reich werden; wenn Sie dagegen die feste Absicht haben, reich zu werden, und nicht nach der Zeit fragen, dann werden Sie sehr schnell zu Ihrem Ziele kommen.“
„Wirklich?“ sagte Tschitschikow.
„Ja,“ versetzte Kostanshoglo kurz, es schien fast, daß er sich über Tschitschikow ärgerte, „man muß die Arbeit lieb haben, ohne das kann man nichts erreichen. Man muß an der Landwirtschaft Freude haben! — Jawohl! Und glauben Sie mir — sie ist gar nicht langweilig. Das ist auch so ein neuer Einfall, daß es auf dem Lande langweilig ist ... ich für meinen Teil käme vor Langerweile um, wenn ich auch nur einen Tag in der Stadt verbringen müßte, so wie diese Herrschaften ihre Zeit totschlagen: in ihren Klubs, und Restaurants und Theatern. Narren! Nichts als Narren. Eine ganze Generation von lauter Eseln! Ein Landwirt hat keine Zeit zur Langenweile. In seinem Leben gibt es keine leeren Zwischenräume — jeder Augenblick ist ausgefüllt. Schon diese Mannigfaltigkeit seiner Beschäftigung, seiner Tätigkeit! — und welch einer Tätigkeit! — diese Tätigkeit hat etwas wahrhaft Erhebendes für Herz und Geist! Sagt was ihr wollt, der Mensch geht hier doch gewissermaßen Hand in Hand mit der Natur, wird zum Mitwisser und Mitarbeiter an der ganzen Schöpfung, an allem, was rund herum um ihn vorgeht. Sehen Sie doch nur hin, was das ganze Jahr über alles geschafft werden muß: wie noch vor Anbruch des Frühlings alles auf dem Posten ist und auf seine Ankunft wartet: da muß die Aussaat vorbereitet, das Korn in den Scheunen noch einmal durchgesehen, gemessen und getrocknet, da muß nachgerechnet werden, wieviel Arbeit zu allem erforderlich sein wird. Alles wird im voraus überlegt und dann ein Überschlag gemacht. Und wenn dann das Eis bricht und die Flüsse frei werden, wenn dann alles trocken ist und die Erde sich lockert — dann arbeitet in den Gärten und Gemüsebeeten der Spaten, und Pflug und Egge im Felde: man pflanzt, man setzt, man sät. Verstehen Sie, was das heißt? Das ist wohl eine Kleinigkeit? Es ist die künftige Ernte, die hier vorbereitet wird! Der Segen des ganzen Landes wird hier ausgesät. Die Nahrung für Millionen! ... Dann kommt der Sommer ... Nun beginnt die Heuernte, man mäht und mäht ... Doch jetzt kommt die Erntezeit; erst der Roggen, dann der Weizen, dann Gerste und Hafer. Alles ist in fieberhafter Tätigkeit; da heißt’s keinen Augenblick verlieren, man möchte zwanzig Augen haben, und doch hätte keines Zeit zum Ruhen. Und wenn dann alles fertig ist und auf die Tenne gebracht und zu Garben zusammengebunden ist — dann muß man schon wieder weiter denken; der Acker muß für die Wintersaat gepflügt, die Scheunen, die Darren, die Viehställe müssen geputzt werden, dazu kommt noch die ganze Frauenarbeit — wenn man dann die Summe zieht, so sieht man erst, was man geleistet hat; aber da ist ja ... Und erst der Winter! Da wird auf allen Tennen gedroschen und dann das gedroschene Korn von den Darren in die Scheunen gebracht. Man geht in die Mühlen und in die Fabriken, besucht die Arbeitswerkstätten und die Bauern und sieht, was sie tun und treiben. Ach, ich kann Ihnen sagen, wenn ein Zimmermann mit der Axt umzugehen weiß, dann kann ich zwei Stunden lang dastehen und ihm zuschauen, so ein Vergnügen macht mir’s, ihn arbeiten zu sehen. Und wenn man fühlt, daß diese ganze Tätigkeit einen Sinn und ein Ziel hat, wie um uns her alles wächst und sich mehrt und Frucht und Gewinn bringt — ich kann Ihnen garnicht sagen, was dann in einem vorgeht. Nicht deshalb, weil sich das Geld vermehrt — Geld ist natürlich auch eine schöne Sache — aber weil das alles das Werk deiner Hände ist; weil du siehst, daß du selbst die Ursache, der Schöpfer von alledem bist, und daß du wie irgend ein Magier oder Zauberer nichts wie Wohlstand, Glück und Überfluß über alles ausschüttest. Nun, sagen Sie, können Sie sich einen höheren Genuß vorstellen?“ fuhr Kostanshoglo fort und blickte empor; die Falten waren verschwunden. Wie ein König am Tage seiner feierlichen Krönung, so strahlte er in heller Freude, und sein Gesicht schien zu leuchten. „Nein, Sie werden auf der ganzen Welt keinen ähnlichen Genuß finden! Denn hierin ahmt der Mensch den Schöpfer nach: Gott hat sich das Schaffen als den höchsten aller Genüsse vorbehalten, und er verlangt vom Menschen, daß auch er gleich Ihm um ihn herum Glück und Wohlergehen schaffe. Und das nennt man eine langweilige Beschäftigung!“