„Was ich am unbegreiflichsten finde, ist, daß er mit ein paar Kopeken angefangen haben soll!“
„Das ist nun mal nicht anders. Das ist eben der Lauf der Dinge,“ sagte Kostanshoglo. „Wer reich geboren und erzogen ist, und von Jugend auf immer mit Tausenden zu tun hat, der erwirbt sich nicht noch was hinzu, der hat schon allerhand Launen, Bedürfnisse und weiß Gott was noch alles! Man muß von Anfang an anfangen und nicht mit der Mitte — mit der Kopeke und nicht mit dem Rubel — von unten und nicht von oben: dann erst lernt man die Welt und die Menschen ordentlich kennen, unter denen man später leben muß. Wenn man erst das eine und das andre am eignen Leibe gespürt und die Erfahrung gemacht hat, daß jede Kopeke, wie es heißt, mit einem Rubel festgenagelt ist, und wenn man erst alles durchgemacht und alle Prüfungen überstanden hat, dann wird man klug und besitzt Erfahrung genug, um keine Schnitzer zu machen und bei seinen Unternehmungen nicht Schiffbruch zu leiden. Glauben Sie mir, ich spreche die Wahrheit. Man muß von Anfang anfangen und nicht mit der Mitte. Wer mir sagt: ‚Gib mir hunderttausend Rubel, dann sollst du sehen, wie schnell ich reich werde,‘ dem glaube ich nicht; der spekuliert auf das Glück und geht nicht sicher. Man muß mit der Kopeke anfangen.“
„In diesem Falle müßte ich einmal sehr reich werden,“ versetzte Tschitschikow und mußte unwillkürlich an die toten Seelen denken: „denn ich fange in der Tat mit nichts an.“
„Konstantin, es ist wirklich Zeit, daß wir Pawel Iwanowitsch etwas Ruhe gönnen; er will sicher schlafen gehen,“ sagte die Hausfrau, „du aber plauderst immer weiter.“
„Natürlich werden Sie reich werden,“ erwiderte Kostanshoglo, ohne auf seine Frau zu hören. „Passen Sie auf, das Gold wird Ihnen noch einmal in Strömen zufließen. Sie werden gar nicht wissen, wo Sie damit hin sollen.“
Pawel Iwanowitsch war ganz wie verzaubert, er schwebte wie in einem herrlichen Reiche schmeichelnder Träume und Hoffnungen. Es war ihm ganz wirr im Kopfe. Seine feurige Einbildungskraft webte goldene Blumen in den silbernen Teppich seines mächtig anschwellenden Reichtums, und immer wieder klangen ihm Kostanshoglos Worte in den Ohren: „Das Gold wird Ihnen noch einmal in Strömen zufließen.“
„Wirklich Konstantin, für Pawel Iwanowitsch ist es Zeit schlafen zu gehen.“
„Was hast du nur? Geh doch schlafen, wenn du Lust hast,“ sagte der Hausherr und hielt inne; Platonow schnarchte so laut, daß das ganze Zimmer dröhnte, und neben ihm lag Jarb, der fast noch lauter schnarchte, als sein Herr. Jetzt erst merkte Kostanshoglo, daß es in der Tat Zeit zum Schlafengehen war, er rüttelte daher Platonow auf und sagte: „Schnarch doch nicht so!“, dann wünschte er Tschitschikow eine gute Nacht, alle gingen auseinander, und bald lag jeder in seinem Bett in tiefen Schlaf versunken.
Nur Tschitschikow konnte nicht einschlafen. Seine Gedanken wollten nicht zur Ruhe kommen. Er sann unaufhörlich darüber nach, wie er es anfangen sollte, der Besitzer eines wirklichen, echten und keines bloß eingebildeten oder phantastischen Gutes zu werden. Nach dem Gespräch mit dem Hausherrn war ihm mit einem Male alles klar! Die Möglichkeit, reich zu werden, lag in greifbarer Deutlichkeit vor ihm! Der so schwierige Beruf des Landwirts erschien ihm plötzlich so leicht, so einfach und natürlich, und ganz wie geschaffen für seine Natur! Wenn er nur erst seine Hypothek auf diese Toten hätte und Besitzer eines reellen Gutes wäre. Schon sah er sich im Geist alles verwalten und lenken — ganz wie Kostanshoglo es ihn gelehrt hatte — gewandt, umsichtig und sicher, ohne vorzeitige Neuerungen einzuführen, ehe er das Alte gründlich kennen gelernt hatte; alles sah er sich mit eigenen Augen an, er kannte alle Bauern persönlich, versagte sich jeden Luxus und Überfluß und widmete sich allein der Arbeit und dem Haushalt. Er genoß schon im voraus die große Freude, die ihn erwartete, wenn überall strenge Ordnung herrschen, alle Räder der Wirtschaftsmaschine sich munter bewegen und eins das andere vorwärts stoßen und zur Tätigkeit anspornen würde. Überall Leben und geschäftige Tätigkeit; wie in einer lustig klappernden Mühle sich das Korn im Handumdrehen verwandelt, so sollten in seiner Mühle alle Abfälle und jeglicher Plunder zu Staub zermahlen werden, um als bares Geld wieder herauszukommen. Sein wunderbarer Gastfreund stand beständig vor ihm und verließ ihn keinen Augenblick. Das war der erste Mann in ganz Rußland, vor dem er eine ganz persönliche Hochachtung empfand. Bis auf den heutigen Tag hatte er einen Menschen nur wegen seiner Titel und Würden oder weder seines hohen Einkommens geachtet: des Verstandes wegen hatte er eigentlich noch nie jemand besonders hoch geschätzt. Kostanshoglo war der erste Mann, mit dem es ihm anders ging. Tschitschikow fühlte, daß er sich mit diesem Menschen auf keine Kniffe und Kunststücke einlassen dürfe, und daher beschäftigte ihn jetzt ein ganz anderes Projekt — der Ankauf des Chlobujewschen Gutes. Er besaß selbst zehntausend Rubel, fünfzehntausend hoffte er von Kostanshoglo leihen zu können; hatte dieser doch selbst erklärt, er sei bereit, jedem zu helfen, der zu Reichtum und Wohlstand kommen wolle; den Rest — dachte er durch eine Hypothek zu decken, schlimmstenfalls aber konnte er den Verkäufer warten lassen. Das ging schließlich auch: mochte jener sich doch mit den Gerichten herumplagen, wenn es ihm Spaß machte! Und lange noch lag er so da und dachte darüber nach, bis schließlich Morpheus, der, wie man zu sagen pflegt, das ganze Haus schon vier Stunden lang in seinen Armen hielt, sich auch seiner erbarmte. Bald war Tschitschikow in einen tiefen Schlaf versunken.