„Weißt du, Wassja, ich habe mich entschlossen, mit Pawel Iwanowitsch eine kleine Reise durch das heilige Rußland zu machen. Vielleicht werde ich so meine Melancholie los.“

„Ja, wie kommst du nur plötzlich auf so etwas?“ sagte der Bruder Wassilij ganz erstaunt; er hätte beinahe noch hinzugefügt: „Und zu alledem willst du noch mit einem Menschen reisen, den du zum ersten Mal siehst, der vielleicht ein übler Kerl oder weiß Gott was nicht alles ist.“ Voller Mißtrauen schaute er nach Tschitschikow hin, aber er war erstaunt über sein respektables Äußeres.

Sie traten rechts durchs Tor in einen altertümlichen Hof: auch das Haus sah recht altertümlich aus; heute werden keine solchen Häuser mehr gebaut: es hatte ein hohes Dach, und überall waren Schutzdächer angebracht. Zwei gewaltige Linden standen in der Mitte des Hofes und warfen einen mächtigen Schatten, der fast die Hälfte der ganzen Fläche einnahm. Rings um sie herum standen mehrere Bänke. Blühende Fliederbüsche und Faulbäume faßten den Hof wie ein Perlenhalsband ein; eine Mauer friedigte ihn ein, welche ganz unter Blättern und Blüten verschwand. Das Herrenhaus war von allen Seiten geschlossen, nur eine kleine Tür und ein paar Fenster guckten freundlich unter den Ästen hervor. Hinter den schnurgeraden Baumstämmen sah man die Küche, die Vorratskammern und die Keller. Sie alle befanden sich im Garten. Die Nachtigallen schlugen laut und erfüllten ihn mit ihrem Gesang. Unwillkürlich zog ein beseeligendes Gefühl des Friedens in das Herz ein. Alles gemahnte an jene sorglosen Zeiten, wo die Menschen noch friedlich und gütlich nebeneinander lebten, und wo noch alles schlicht und einfach herging. Bruder Wassilij lud Tschitschikow ein, Platz zu nehmen, und man ließ sich auf den Bänken unter den Linden nieder.

Ein siebzehnjähriger Bursche in einem hübschen rosafarbenen Hemde brachte ein Tablett herein und stellte es vor ihnen auf den Tisch. Es war mit Karaffen voll Fruchtlimonaden der verschiedensten Arten und Farben besetzt. Hier waren alle Sorten vertreten: die einen waren dick und zähe wie Öl, andere moussierten wie Brauselimonaden. Nachdem der Bursche die Karaffen auf den Tisch gestellt hatte, ergriff er die Schaufel, die an einem Baume lehnte, und ging in den Garten. Die Gebrüder Platonow hatten wie ihr Schwager Kostanshoglo keine Dienstboten, sondern eigentlich nur Gärtner. Alle Knechte mußten der Reihe nach dieses Amt übernehmen. Bruder Wassilij behauptete immer, die Dienstboten bildeten keinen besonderen Stand: einem etwas reichen oder bringen, das könne ein jeder und dazu brauche man sich keine besonderen Bedienten zu halten; der Russe sei nur solange brav und fleißig, tüchtig und kein Faulpelz, als er Hemd und Bauernkittel trage, sowie er sich einen deutschen Rock anschaffe, werde er plötzlich plump und ungeschickt, er fange an zu faulenzen, wechsele sein Hemd nicht mehr, und gehe überhaupt nicht mehr ins Bad; er liege nur noch in seinem deutschen Rocke herum und schlafe, bis sich in seinem neuen Kleide zahllose Scharen von Wanzen und Flöhen einnisten. Vielleicht hatte er in diesem Punkte nicht ganz unrecht. Auf dem Gute der Brüder waren die Bauern ganz besonders vornehm und reich: der Kopfputz der Frauen schimmerte von Gold, und die Ärmel ihrer Hemden waren schön gestickt wie ein türkischer Schal. „Unser Haus ist berühmt wegen seiner Limonaden,“ sagte Wassilij.

Tschitschikow nahm das erste Fläschchen und schenkte sich ein Glas ein: es schmeckte ganz wie Lindenmeth, den er einst in Polen getrunken hatte: es moussierte wie Champagner, und die Kohlensäure stieg ihm in angenehmem Bogen aus dem Mund in die Nase. „Der reinste Nektar!“ sagte er. Er schenkte sich noch ein Gläschen aus einer zweiten Karaffe ein — und siehe da, es schmeckte noch besser.

„Das Getränk aller Getränke!“ sagte Tschitschikow. „Ich kann wohl sagen, bei Ihrem verehrten Schwager Konstantin Fjodorowitsch, habe ich den besten Likör, bei Ihnen dagegen die herrlichste Limonade getrunken, die ich jemals gekostet habe.“

„Der Likör kommt ja auch von uns: den hat meine Schwester gemacht. Und nach welcher Richtung gedenken Sie jetzt zu reisen? Welche Orte wollen Sie besuchen?“ fragte Bruder Wassilij.

„Ich reise,“ versetzte Tschitschikow, indem er sich ein wenig auf der Bank hin und her schaukelte, sich vornüber beugte und mit der Hand über das Knie strich: „ich reise eigentlich nicht so sehr in eigenem Interesse, wie in dem eines andern. General Betrischtschew, ein guter Freund von mir, und ich kann wohl sagen mein Wohltäter, hat mich gebeten, einige von seinen Verwandten zu besuchen. Die Sache mit den Verwandten ist natürlich sehr wichtig, andererseits aber reise ich doch auch wieder gewissermaßen in eigenen Angelegenheiten: denn ganz abgesehen von der guten Wirkung, die das Reisen auf die Hämorrhoiden hat, man erweitert seine Weltkenntnis, stürzt sich in den Strudel und Wirbel des Menschenvolkes — und das ist an und für sich schon sozusagen ein lebendiges Buch und auch eine Art Wissenschaft.“

Bruder Wassilij wurde nachdenklich. „Der gute Mann spricht etwas geschraubt, es liegt aber doch was Wahres in seinen Worten,“ dachte er. Er schwieg eine Weile still und sagte, indem er sich an seinen Bruder Platon wandte: „Weißt du, Platon, ich fange an zu glauben, eine Reise könnte dich wirklich etwas aufrütteln. Du leidest an einer Art geistigen Schlafkrankheit, du bist einfach eingeschlummert, — und nicht etwa weil du übersättigt oder übermüdet bist, sondern weil es dir an lebendigen Empfindungen und Eindrücken fehlt. Mir geht es gerade umgekehrt. Ich wünschte, ich könnte nicht so stark und lebhaft empfinden und mir die Dinge nicht so sehr zu Herzen nehmen.“

„Wozu nimmst du dir auch alles zu Herzen,“ sagte Platon. „Du suchst selbst nach Gründen oder erfindest dir welche, um dir Sorgen zu machen und dich unnütz aufzuregen.“