Jetzt erst sah er sich um und bemerkte, daß sie schon längst durch eine herrliche Allee fuhren, eine reizende Mauer aus Birkenstämmen zog sich zu beiden Seiten den Weg entlang. Die hellen Stämme der Espen und Birken glänzten wie ein schneeweißer Staketenzaun; schlank und leicht hoben sie sich von dem zarten Grün der kaum entfalteten Blätter ab. Die Nachtigallen im Gebüsch schlugen laut um die Wette. Gelbe Waldtulpen schimmerten hell auf dem Grase. Tschitschikow konnte sich nicht recht darüber klar werden, wie er plötzlich an diesen herrlichen Fleck gelangt war, denn noch kurze Zeit vorher hatten sie sich auf offenem Felde befunden. Zwischen den Bäumen hindurch sah man eine weiße steinerne Kirche, und auf der andern Seite hinter der Allee — ein Gitter. Am Ende des Weges tauchte jetzt ein Herr auf, der ihnen entgegenzugehen schien: er trug eine Mütze und einen Knotenstock in der Hand. Ein englischer Schäferhund auf langen dünnen Beinchen lief vor ihm her.

„Da ist ja mein Bruder!“ sagte Platonow, „Kutscher, halten Sie doch!“ Mit diesen Worten sprang er aus dem Wagen. Tschitschikow folgte seinem Beispiel. Die Hunde schlossen sofort Freundschaft und beschnupperten sich gegenseitig. Der mit den dünnen Beinen hieß Asor, schnell näherte er sich seinem Kameraden Jarb und fuhr ihm mit seiner flinken Zunge über die Schnauze, dann leckte er Platonow die Hände und sprang schließlich an Tschitschikow empor und küßte ihn aufs Ohr.

Die Brüder umarmten sich.

„Aber lieber Platon, was machst du mir für Geschichten?“ sagte der Bruder, und blieb stehen. Sein Name war Wassilij.

„Was meinst du?“ versetzte Platonow phlegmatisch.

„Aber ich bitte dich! Drei Tage lang läßt du überhaupt nichts von dir hören. Petuchs Stallknecht hat deinen Hengst mitgebracht. ‚Er ist mit einem Herrn weggefahren‘, sagt er. Hättest du mir doch nur ein Wort gesagt, wohin, wozu und auf wie lange du verreist bist, lieber Bruder, wer tut denn nur so was? Gott allein weiß, was ich mir all diese Tage für Gedanken gemacht habe!“

„Was soll ich machen? Ich habe es vergessen,“ versetzte Platonow. „Wir haben Konstantin Fjodorowitsch einen Besuch gemacht; er läßt dich grüßen; deine Schwester ebenfalls. Pawel Iwanowitsch, darf ich Ihnen meinen Bruder Wassilij vorstellen. Lieber Wassilij, dies ist Pawel Iwanowitsch Tschitschikow.“

Beide Herrn, die hiermit aufgefordert wurden, sich näher kennen zu lernen, drückten sich die Hand, nahmen ihre Mützen ab und küßten sich.

„Wer mag wohl dieser Tschitschikow sein?“ dachte Wassilij. „Mein Bruder Platon ist nicht gerade wählerisch in seinen Bekanntschaften.“ Er betrachtete Tschitschikow aufmerksam, soweit dies der Anstand zuließ, und überzeugte sich, daß dieser, nach seinem Äußern zu urteilen, ein sehr respektabler Herr war.

Tschitschikow betrachtete Wassilij seinerseits gleichfalls so aufmerksam, als dies der Anstand gerade zuließ und sah, daß der Bruder etwas kleiner war als Platon; sein Haar war etwas dunkeler und sein Gesicht lange nicht so hübsch, wie das des Bruders, aber in seinen Zügen lag viel mehr Leben, Bewegung und Herzensgüte. Man sah es ihm gleich an, daß er nicht so schläfrig war wie Platon. Aber hierauf achtete Pawel Iwanowitsch nur wenig.