Platonow lächelte.
„Und wie ist ihr Familienname?“ fragte Tschitschikow.
„Sie wohnt in unserm Städtchen und heißt Alexandra Iwanowna Chanassarowa.“
„Warum wenden Sie sich denn nicht an sie?“ fragte Platonow teilnehmend. „Ich meine, wenn sie sich in die Lage Ihrer Familie versetzte, könnte sie es Ihnen garnicht abschlagen.“
„O nein. Das bringt sie doch fertig. Meine Tante hat eine recht robuste Natur. Die Alte ist hart wie ein Kieselstein, Platon Michailowitsch! Außerdem sind aber noch genug andre Leute da, die sich bei ihr einzuschmeicheln suchen und beständig um sie herum sind. Da ist sogar einer, der es auf einen Gouverneursposten abgesehen hat und sich für einen Verwandten ausgibt .... Tu mir den Gefallen,“ sagte er plötzlich zu Platonow, „nächste Woche gebe ich ein Diner, zu dem ich alle Honoratioren der Stadt einladen will.“
Platonow riß die Augen auf. Er wußte noch nicht, daß es in Rußland — in den Residenzen und Provinzstädten — solche Lebenskünstler gibt, deren Existenz ein unauflösliches Rätsel bildet. So ein Mann hat sein ganzes Vermögen durchgebracht, steckt bis über die Ohren in Schulden, weiß nicht, wo er einen Groschen hernehmen soll und gibt dennoch plötzlich ein großes Diner. Alle Teilnehmer an diesem Fest behaupten, es sei das letzte, morgen werde der Hausherr in den Schuldturm kommen. Aber siehe da: es vergehen zehn Jahre — unser Hexenmeister behauptet nach wie vor seinen Platz in der Gesellschaft, steckt tiefer in Schulden denn je, und gibt noch immer Diners, von denen alle Gäste glauben, es seien die letzten, und noch immer ist alles überzeugt, daß der Hausherr morgen in den Schuldturm kommen werde.
Chlobujews Haus in der Stadt war ein höchst seltsames und eigenartiges Ding. Heute hielt dort ein Priester im Meßgewande eine Andacht ab, morgen übten französische Schauspieler ein Stück ein. Es gab Tage, wo es keine Brotkrume im Hause gab, was aber nicht ausschloß, daß bald darauf ein großes Fest stattfand, an dem viele Schauspieler und Künstler teilnahmen, die in höchst nobler Weise bewirtet und beschenkt wurden. Dann kamen wieder so trübe Zeiten, daß ein anderer sich an Chlobujews Stelle längst erhängt oder erschossen hätte; aber was ihn immer wieder rettete, war seine Religiosität, die sich merkwürdigerweise aufs beste mit seinem liederlichen Lebenswandel vertrug. In solchen Augenblicken las er die Lebensbeschreibungen von Märtyrern und Asketen, die ihren Geist dazu erzogen hatten, alles Unglück mit Gleichmut zu ertragen und sich darüber zu erheben. Dann wurde er ganz weich und gerührt, und seine Augen füllten sich mit Tränen. Er fing an zu beten — und seltsam! — immer kam ihm von irgend einer Seite eine unerwartete Hilfe; sei es nun, daß sich ein alter Freund an ihn erinnerte und ihm Geld schickte, oder daß irgend eine zufällig vorüberreisende unbekannte Dame, die von ihm gehört hatte, ihm in einer plötzlichen großmütigen Regung ihres weiblichen Herzens ein größeres Geschenk machte; oder er gewann einen Prozeß, von dem er selbst noch nie etwas gehört hatte. Dann pries er demütig die unerschöpfliche Barmherzigkeit der Vorsehung, ließ Dankgebete abhalten, und begann von neuem sein liederliches Leben.
„Er tut mir leid, er tut mir wirklich sehr leid,“ sagte Platonow zu Tschitschikow, nachdem sie sich von ihm verabschiedet und ihren Wagen wieder bestiegen hatten.[(9)]
„Ein verlorener Mensch!“ versetzte Tschitschikow. „Solche Leute sollte man nicht bedauern.“
Bald hatten sie ihn vergessen. Platonow dachte nicht mehr an ihn, weil ihn die Menschen bei seiner Trägheit und Apathie ebensowenig interessierten wie die ganze übrige Welt. Sein Herz krampfte sich mitleidig zusammen, wenn er andre Leute leiden sah, aber diese Empfindungen hinterließen keine dauernden Eindrücke in seiner Seele. Schon nach wenigen Augenblicken war Chlobujew vergessen. Platonow dachte nicht mehr an ihn, weil er kaum an sich selbst dachte. Auch Tschitschikow hatte Chlobujew vergessen, weil seine Gedanken allen Ernstes auf sein soeben erworbenes Gut gerichtet waren. Jedenfalls wurde er jetzt, wo er plötzlich kein bloß eingebildeter, sondern leibhaftiger Besitzer eines keineswegs phantastischen Landgutes geworden war, nachdenklich, seine Gedanken und Pläne wurden ruhiger und gesetzter und verliehen seinem Gesicht unwillkürlich einen bedeutenden Ausdruck: „Geduld und Arbeit! Das ist keine Hexerei, die habe ich sozusagen mit der Muttermilch eingesogen. Das ist für mich nichts neues. Aber werde ich in meinem Alter auch noch soviel Geduld aufbringen wie in meinen jungen Jahren?“ Genug, wie dem auch sein mochte, wie er die Sache auch ansah, von welcher Seite er sie betrachtete, er überzeugte sich, daß er mit dem Kauf ein gutes Geschäft gemacht hatte. Er konnte ja auch eine Hypothek auf das Gut aufnehmen, nachdem er zuvor das beste Land in kleine Parzellen geteilt und verkauft hatte. Aber er konnte die Sache schließlich auch selbst in die Hand nehmen, und ein tüchtiger Landwirt nach der Art Kostanshoglos werden; er durfte sicherlich auf dessen Rat und Beistand rechnen, jetzt wo er sein Nachbar geworden, und wo er ihm zu so großem Danke verpflichtet war. Ja, man konnte es auch folgendermaßen machen: man konnte das Land weiter verkaufen (selbstverständlich nur dann, wenn man sich selbst nicht mit der Bewirtschaftung des Gutes befassen wollte) und nur die toten und flüchtigen Bauern behalten. Das hätte noch einen andern Vorteil: man konnte überhaupt ganz vom Schauplatz verschwinden und Kostanshoglo das von ihm entliehene Geld gar nicht zurückgeben. Ein sonderbarer Gedanke! Man kann nicht sagen, daß Tschitschikow auf diesen Gedanken gekommen war, er stand vielmehr plötzlich wie von selbst vor ihm, neckte, verspottete ihn und blinzelte ihn listig an. Ein leichtsinniger, liederlicher Gedanke! Wer wohl der Schöpfer solcher Gedanken ist, die so plötzlich über uns kommen? ... Tschitschikow empfand eine große Freude, daß er Gutsbesitzer geworden war — kein bloß eingebildeter oder phantastischer, nein ein wirklicher wahrhafter Gutsbesitzer, der ein Grundstück, ein Stück Land und Leibeigene — keine bloß vorgestellten, nur in der Phantasie existierenden, sondern wirkliche lebendige Arbeiter besaß. Und allmählich fing er an, auf seinem Platz herumzuhopsen, sich die Hände zu reiben und sich selbst zuzublinzeln, er ballte die Hand, legte sie an den Mund wie eine Trompete und begann einen lustigen Marsch zu blasen, ja er rief sich sogar ganz laut ein paar aufmunternde Worte zu, und gab sich Kosenamen wie: mein Schnäuzchen, oder mein kleiner Kapaun! Aber er besann sich gleich darauf, daß er ja nicht allein sei, wurde plötzlich wieder still und suchte den Eindruck zu verwischen, den der Ausbruch einer ungezügelten Freude auf seinen Nachbar gemacht haben mochte; und als Platonow, der die ihm zu Ohren gekommenen Töne für Worte hielt, welche an ihn gerichtet waren, Tschitschikow ansah und fragte: „Wie meinen Sie?“ da antwortete jener verlegen: „Nichts, garnichts.“