Und Tentennikow machte sich ganz ernstlich an die Verwaltung und Bewirtschaftung seines Gutes. Er setzte den Erbzins herab, verringerte die Fronarbeit und ließ den Bauern mehr Zeit für ihre eigenen Arbeiten. Den dummen Verwalter jagte er davon und kümmerte sich selbst um alles. Er erschien selbst auf den Feldern, auf der Tenne, auf der Getreidedarre, in den Mühlen und am Landungsplatz; und er war beim Laden und bei der Abfertigung der Barken zugegen, sodaß die Trägen und Faulen sich bereits hinter den Ohren am Kopf kratzten. Aber das dauerte nicht lange.[(5)] Der Bauer ist nicht dumm, er begriff bald, daß der Herr zwar flink und gewandt sei und wirklich Lust habe, was Tüchtiges zu leisten, aber noch nicht recht wisse, wie er es anfangen solle; auch war seine Ausdrucksweise gar zu kompliziert und zu gebildet. Schließlich kam es soweit, daß sich Herr und Bauer — es wäre zu viel gesagt — garnicht verstanden, aber doch nicht recht miteinander harmonierten und es nie lernten, den gleichen Ton zu treffen.

Tentennikow bemerkte bald, daß auf dem herrschaftlichen Grund und Boden alles bei weitem nicht so gut gedieh, wie auf dem des Bauern: das Korn wurde früher ausgesät und ging später auf; und doch konnte man nicht sagen, daß die Leute schlecht arbeiteten. Der Herr stand immer selbst dabei und ließ den Bauern sogar einen Becher Branntwein reichen, wenn sie sich besonders viel Mühe gaben. Trotzdem aber stand bei den Bauern der Roggen schon längst in vollen Halmen, der Hafer reifte, die Hirse schoß mächtig empor, bei ihm dagegen grünte das Korn noch kaum und die Ähren waren kaum gefüllt. Mit einem Wort, der Herr merkte, daß ihn der Bauer einfach hinterging trotz aller Erleichterungen und Wohltaten, die er ihm angedeihen ließ. Er machte den Versuch, die Bauern zur Rede zu stellen, da erhielt er aber folgende Antwort: „Wie können Sie nur glauben, gnädiger Herr, daß wir nicht an den Nutzen und Vorteil der Herrschaft denken. Sie haben doch selbst gesehen, wieviel Mühe wir uns beim Pflügen und Säen gegeben haben! — Sie haben uns doch sogar einen Becher Branntwein geben lassen.“ Was konnte er darauf antworten?

„Warum steht denn aber das Getreide so schlecht?“ fragte der Herr weiter.

„Gott weiß es! Der Wurm hat’s wohl von unten angenagt! Und dann kommt noch der schlechte Sommer dazu: es hat ja nicht ein einziges Mal geregnet.“

Aber der Herr sah, daß der Wurm das Getreide der Bauern verschont hatte, und es regnete auch so merkwürdig, sozusagen streifenweise, sodaß nur der Bauer Vorteil davon hatte, während auch nicht ein Tropfen das herrschaftliche Kornfeld traf.

Und noch schwerer wurde es ihm mit den Frauen auszukommen. In einem fort bettelten sie um Befreiung von der Arbeit und klagten über die Lasten des Frondienstes. Seltsam! Er verlangte überhaupt keine Lieferungen von Leinwand, Beeren, Pilzen und Nüssen mehr von ihnen, erließ ihnen die Hälfte aller andern Arbeiten, weil er glaubte, die Frauen würden die freigewordene Zeit für ihre häuslichen Arbeiten verwenden, für die Wäsche und Kleidung ihrer Männer sorgen und ihre Gemüsegärten vergrößern. Welch ein Irrtum! Statt dessen griff der Müßiggang, das Raufen, die Klatschsucht und allerhand Zänkereien derartig unter dem schönen Geschlecht um sich, daß die Männer jeden Augenblick zum Herrn gelaufen kamen und ihn baten: „Gnädiger Herr, bringen Sie diesen Satan von einem Weibe zur Vernunft! Das ist ja der reinste Teufel. Mit der kann kein Mensch auskommen!“

Mehrmals schon hatte er sich überwunden und seine Zuflucht zur Strenge nehmen wollen. Aber wie konnte er es übers Herz bringen! Wie konnte er streng sein, wenn so eine Frau daher kam und nach rechter Weiberart zu heulen begann? Dazu sahen sie alle so krank und elend aus und waren in so häßliche widerwärtige Tücher und Lappen gehüllt! (Woher sie sie bloß nahmen — das weiß Gott allein!) „Fort, geh mir aus den Augen, daß ich dich nicht zu sehen brauche!“ rief der arme Tentennikow und hatte gleich darauf das Vergnügen zu sehen, wie das Weib aus dem Tore hinaustrat, sich mit einer Nachbarin um irgend eine Rübe zu zanken begann und ihr trotz ihrer Kränklichkeit so kräftig den Buckel volldrosch, wie es ein gesunder Bauer nicht schöner fertiggebracht hätte.

Eine Zeitlang wollte er eine Schule für sie gründen, aber das gab eine solch tolle Verwirrung, daß er ganz mutlos wurde, den Kopf hängen ließ, und bedauerte überhaupt damit angefangen zu haben!

Bei seiner Tätigkeit als Schiedsrichter und Mittler merkte er gleichfalls, daß sich mit all den juristischen Kniffen und Finessen nicht viel anfangen ließ, auf die ihn seine philosophischen Professoren gebracht hatten. Die eine Partei log, die andre schwindelte nicht weniger und schließlich konnte nur der Teufel aus der Sache klug werden. Und er erkannte, daß die schlichte Menschenkenntnis weit wertvoller war, als alle juristischen Kniffe und philosophischen Bücher; — er fühlte, daß ihm noch etwas fehlte, was dies aber war, das wußte nur Gott allein. Und es passierte etwas, was so oft zu passieren pflegt: weder verstand der Herr den Bauern noch der Bauer den Herrn; und beide, sowohl der Herr wie der Bauer schoben sich gegenseitig die Schuld zu. Dies kühlte den Eifer des Gutsbesitzers erheblich ab. Wenn er jetzt hinging, um die Arbeiten zu beaufsichtigen, dann ließ er es fast ganz an der früheren Aufmerksamkeit fehlen. Während der Heuernte achtete er nicht mehr auf den leisen Ton der Sensen, er sah nicht, wie die Heuschober errichtet, wie das Heu verladen wurde und bemerkte nicht, daß um ihn herum die Erntearbeiten in vollem Gange waren. — Seine Augen blickten in die Ferne; befand er sich abseits von den Arbeiten, so suchte das Auge irgend einen Gegenstand in der Nähe oder er blickte nach der Seite, wo der Fluß eine Wendung machte, und wo ein Kerl mit roten Beinen und rotem Schnabel auf und ab spazierte — ich meine natürlich einen Vogel und keinen Menschen; neugierig beobachtete er, wie der Vogel am Ufer einen Fisch fing und ihn eine Zeitlang im Schnabel hielt, tiefsinnig überlegte, ob er ihn verschlucken solle oder nicht, und aufmerksam den Fluß hinabblickte, wo in der Ferne ein anderer ähnlicher Vogel zu sehen war, der noch keinen Fisch gefangen hatte, aber aufmerksam nach dem Vogel mit dem Fisch im Schnabel ausschaute. Oder er schloß die Augen, richtete den Kopf in die Höhe zu dem blauen Himmelsraume empor, und ließ seine Nase den Geruch der Felder einsaugen und die Ohren den Gesang des gefiederten luftigen Sängervolkes auffangen, wenn sie sich allenthalben im Himmel und auf der Erde zu einem wundersamen Chore vereinen, in dem kein Mißklang die schöne Harmonie stört: im Roggen schlägt die Wachtel, der Wiesenknarrer pfeift im Grase, die Hänflinge fliegen zwitschernd herüber und hinüber, eine Schnepfe blökt während sie sich in die Luft schwingt, die Lerchen trillern, sich hoch im blauen Himmelsraum verlierend, und wie ein Trompetenton erklingt der Schrei der Kraniche, die hoch oben in den Lüften ihre dreieckigen Flugreihen formieren. Die ganze Umgegend tönt und klingt und gibt jeden Laut wundersam zurück ... O Gott! Wie herrlich ist doch Deine Welt noch in der Wildnis, in dem kleinsten Dörfchen, fern von den abscheulichen großen Landstraßen und Städten! Aber auch dieses wurde ihm mit der Zeit langweilig. Bald hörte er ganz auf, aufs Feld zu gehen, von nun ab hockte er beständig im Zimmer und wollte nicht einmal mehr den Verwalter empfangen, wenn dieser kam, um ihm seinen Bericht zu erstatten.

Früher sprach noch von Zeit zu Zeit ein Nachbar bei ihm vor; irgend ein Husarenleutnant a. D., ein leidenschaftlicher Raucher, der ganz mit Tabakqualm gesättigt war, oder ein radikaler Student, der seine Studien nicht vollendet hatte und seine Weisheit aus allerhand modernen Broschüren und Zeitungen schöpfte. Aber auch dies begann ihn zu langweilen. Die Unterhaltungen dieser Leute kamen ihm bald recht oberflächlich vor; ihr europäisch-sicheres und gewandtes Auftreten, die Ungeniertheit, mit der sie ihm aufs Knie klopften, ihre Schmeicheleien und Familiaritäten erschienen ihm gar zu unverhüllt und offen. Er beschloß daher, den Verkehr mit ihnen abzubrechen und entledigte sich ihrer in sehr schroffer Weise. Als nämlich ein Repräsentant jener Sorte von Obersten und Lebemännern, die heute bereits im Aussterben begriffen sind, ein überaus angenehmer Gesellschafter und Freund oberflächlicher Unterhaltungen und zugleich der Vordermann und Vertreter jener neuen bei uns eben erst aufkommenden Denkart, Warwar Nikolajewitsch Wischnepokromow ihn einmal besuchte, um sich so recht von Herzen über Politik, Philosophie, Literatur, Moral und sogar über die Finanzlage Englands mit ihm auszusprechen, da schickte er seinen Diener hinaus und ließ ihm sagen, er sei nicht zu Hause, wobei er zugleich die Unvorsichtigkeit hatte, sich am Fenster zu zeigen. Die Blicke des Hausherrn und des Gastes begegneten sich. Der eine murmelte natürlich „so ein Schweinehund!“ durch die Zähne, worauf ihm der andere gleichfalls so etwas wie einen Schweinehund nachsandte. Damit endete ihre Bekanntschaft. Seitdem besuchte ihn niemand mehr.