„Ja, was übersteigt denn unsere Kräfte nicht?“ versetzte Murasow. „Es gibt doch gar nichts, wozu unsere Kräfte ausreichen; alles geht über unsere Kraft. Ohne Hilfe von oben kann uns überhaupt nichts gelingen. Aber das Gebet gibt uns Kraft. Der Mensch schlägt ein Kreuz, sagt: ‚Gott hilf!‘ rudert und erreicht schließlich doch das Ufer. Darüber brauchte man nicht erst lange zu grübeln. So etwas muß man einfach als eine göttliche Mission auffassen. Der Wagen steht schon bereit für Sie; laufen Sie jetzt schnell zum Archimandriten, holen Sie sich das Buch, bitten Sie ihn um seinen Segen und dann machen Sie sich auf den Weg.“
„Nun gut, ich gehorche Ihnen und nehme es als einen Wink von oben. — Gott sei mir gnädig!“ sagte er zu sich selbst und fühlte plötzlich, wie Mut und Kraft sein Herz durchfluteten. Es war fast, als ob sein Geist aus einem tiefen Schlafe erwachte, beseelt von der Hoffnung auf einen Ausweg aus seiner traurigen und verzweifelten Lage. Ein Lichtschimmer blitzte in der Ferne auf ...
Doch verlassen wir Chlobujew und wenden wir uns wieder zu Tschitschikow.[(14)]
Unterdessen wurden bei den Gerichten immer neue Klagen eingereicht. Es tauchten plötzlich Verwandte auf, von denen niemand je etwas gehört hatte. Wie die Geier auf das Aas, so stürzte sich alles auf das ungeheuere Vermögen, das die Alte hinterlassen hatte: es regnete nur so von Denunziationen, man beschuldigte Tschitschikow und behauptete, das letzte Testament sei gefälscht, genau ebenso wie das erste; man brachte Beweise vor, daß er größere Geldsummen gestohlen und unterschlagen habe. Ja, man beschuldigte ihn sogar, tote Seelen gekauft und während seiner Dienstzeit im Zollamt zollpflichtiges Gut über die Grenze geschmuggelt zu haben. Alle alten Geschichten wurden ausgegraben, seine ganze Vergangenheit wurde wieder ans Licht gezogen. Gott allein weiß, wie man das alles herausgeschnüffelt und in Erfahrung gebracht hatte, jedenfalls waren plötzlich schwer belastende Dinge ans Licht gekommen, von denen Tschitschikow glaubte, niemand außer ihm und den vier Wänden, innerhalb deren er lebte, könne davon Kenntnis haben. Einstweilen war dies alles noch ein gerichtliches Geheimnis, noch war es ihm selbst nicht zu Ohren gekommen, obwohl ein vertrauliches Schreiben seines Rechtsanwaltes, daß ihm bald zugestellt wurde, ihn davon in Kenntnis setzte, daß die Sache bald losgehen müsse. Der Brief war nur ganz kurz: „Ich beeile mich, Ihnen mitzuteilen, daß uns in Ihrer Sache mancherlei Scherereien bevorstehen, aber lassen Sie sich einen guten Rat geben: regen Sie sich nicht unnütz auf. Die Hauptsache ist jetzt — Ruhe. Wir wollen die Sache schon wieder einrenken.“ Dieser Brief beruhigte ihn vollkommen. „Ein Genie!“ sagte Tschitschikow. Um seine glückliche Stimmung zu vervollständigen, brachte ihm in diesem Augenblick der Schneider auch noch den neuen Anzug. Eine unbändige Lust packte ihn, sich selbst in dem neuen Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz zu sehen. Er zog die Beinkleider an, die ihm überall so vorzüglich saßen, daß man ihn ruhig hätte abkonterfeien dürfen. Die Hosen lagen ganz eng an und ließen seine prachtvollen Lenden und die vollen Waden sehen; der Stoff schmiegte sich so glatt an, und ließ alle feinsten Einzelheiten erkennen, was ihnen eine noch größere Biegsamkeit und Elastizität verlieh. Als er hinten die Hosenschnalle anzog, da glich sein Bauch einer Trommel. Er schlug mit der Bürste darauf und sagte: „So ein Trottel! Und doch, im ganzen genommen, wirkt er höchst malerisch.“ Der Frack schien noch besser genäht zu sein, als die Hosen: da gab es auch nicht ein Fältchen, im Rücken saß er vorzüglich, die Taille war schön geschwungen und ließ die ganze Statur genau hervortreten. Auf Tschitschikows Bemerkung, der rechte Ärmel drücke ihn etwas unter der Achselhöhle, antwortete der Schneider bloß mit einem Lächeln: darum saß er auch um so besser in der Taille. „Sie können ganz ruhig sein, Sie können ganz ruhig sein, was die Arbeit angeht,“ wiederholte er mit unverhohlener Freude: „So einen Frack bekommen Sie überhaupt nicht wieder außer etwa in Petersburg.“ Der Schneider stammte selbst aus Petersburg, und auf seinem Schilde stand zu lesen: „Ein Ausländer aus London und Paris“. Er liebte es nicht zu spaßen und wollte mit den beiden Städten ein für allemal allen andern Schneidern den Mund stopfen, damit in Zukunft keiner seinen Kunden mehr mit einer dieser Städte kommen sollte. Mochte er doch irgend ein „Karlseruh“ oder „Kopenhaga“ auf sein Schild setzen.
Tschitschikow bezahlte den Schneider in nobelster Weise und begann sich, nachdem er allein geblieben war, aufmerksam im Spiegel zu betrachten: und zwar ganz wie ein Künstler, d. h. nach ästhetischen Gesichtspunkten und gewissermaßen con amore. Es stellte sich heraus, daß alles noch weit schöner war, als früher: seine Wangen waren noch interessanter, sein Kinn noch anziehender geworden; der weiße Kragen paßte vorzüglich zur Farbe der Wangen, die blaue Atlaskrawatte ließ den Kragen noch weißer erscheinen und das modern gefaltete Vorhemdchen verlieh der Krawatte einen besonderen Farbenton, die nobele Sammetweste bildete einen ausgezeichneten Fond für das Vorhemdchen und der Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz leuchtete wie Seide und vervollständigte noch die Harmonie des Ganzen. Er drehte sich rechts — und siehe, alles war vortrefflich; er drehte sich links — und es war noch besser! Er hatte die Figur eines Kammerherrn oder eines vornehmen Mannes, der fließend französisch parliert und, selbst wenn er wütend wird, es nicht wagt, ein russisches Schimpfwort zu gebrauchen, sondern sich aus Zartgefühl auch hierbei noch der französischen Sprache bedient. Hierauf neigte er seinen Kopf ein wenig auf die Seite und versuchte es, eine Pose anzunehmen, als spräche er mit einer Dame in mittleren Jahren, von modernster und exquisitester Bildung; das war einfach ein Tableau, etwas für einen Künstler: rein zum Malen! Zu seinem Pläsier machte er noch einen leichten Luftsprung: etwas wie ein Entrechat, sodaß die Kommode erzitterte und ein Fläschchen mit Kölnischem Wasser herunterfiel; aber das störte ihn nicht im mindesten. Er nannte das Fläschchen, wie es sich gehörte, ein albernes Ding, und dachte: „Zu wem soll ich jetzt zu allererst hingehen? Am besten, ich gehe ...“ Da ertönt plötzlich im Flur etwas wie Sporengeklirr, und in der Türe erscheint ein Gendarm: bis an die Zähne bewaffnet, als wollte er ein ganzes Heer repräsentieren, und sagt: „Sie haben sich sofort beim Generalgouverneur zu melden!“ Tschitschikow war ganz starr vor Schrecken. Vor ihm stand ein Schreckbild mit einem mächtigen Schnauzbart, einem wallenden Pferdeschweif, der ihm vom Kopfe herabfiel, eine Schärpe über der rechten und eine Schärpe über der linken Schulter und einen gewaltigen Pallasch an der Seite. Ja, es schien ihm, als ob er an der andern Seite noch ein Gewehr und weiß der Teufel was sonst noch alles hängen hatte: eine ganze Armee in einer Person! Er wollte etwas einwenden, aber die Schreckensgestalt antwortete grob: „Sie haben sofort mitzukommen!“ Hinter der Vorzimmertür sah er noch eine andre ähnliche Schreckensgestalt auftauchten; er warf einen Blick durchs Fenster: auf der Straße vor seinem Hause hielt eine Equipage. Was war da zu machen? Er mußte sich dazu bequemen, und ganz so wie er da war, in seinem Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz im Wagen Platz nehmen. Zitternd und zähneklappernd machte er sich auf den Weg und fuhr, begleitet von dem Gendarm direkt zum Generalgouverneur.
Im Vorzimmer ließ man ihm gar nicht erst Zeit sich zu sammeln. „Treten Sie ein, der Fürst erwartet Sie schon!“ sagte der diensthabende Beamte. Wie durch einen leichten Nebel sah er das Vorzimmer, voller Kuriere, die allerhand Pakete in Empfang nahmen, und hierauf einen Saal, den er durchschreiten mußte, und er dachte: „Wie? Wenn sie mich nun plötzlich ergreifen, und ohne gerichtliche Untersuchung und ohne alle Formalitäten einfach nach Sibirien befördern!“ Sein Herz fing heftig an zu klopfen, weit heftiger als bei dem eifersüchtigsten Liebhaber. Endlich tat sich die verhängnisvolle Tür auf: vor ihm lag ein Zimmer mit zahlreichen Schränken und Tischen, die mit Büchern und Portefeuilles bedeckt waren: der Fürst stand vor ihm, schrecklich in seinem Zorn wie der personifizierte Rachegott.
„Alleszermalmer!“ dachte Tschitschikow, „er wird mich zerreißen, wie der Wolf das Lamm!“
„Ich habe Sie geschont, ich habe Ihnen erlaubt, in der Stadt zu bleiben, während Sie eigentlich ins Zuchthaus gehörten; Sie aber haben sich von neuem durch den gemeinsten Schurkenstreich befleckt, mit dem sich jemals ein Mensch beschmutzt hat!“ Die Lippen des Fürsten bebten vor Zorn.
„Was ist das für ein gemeiner Schurkenstreich, Durchlaucht?“ sagte Tschitschikow, der am ganzen Leibe zitterte.