„Hören Sie, Ssemjon Ssemjonowitsch ... Sie beten doch, Sie gehen in die Kirche und lassen keine Frühmesse und keinen Abendgottesdienst aus. Trotzdem es Ihnen schwer wird, stehen Sie ganz früh auf und gehen — gehen um vier Uhr morgens in die Kirche, wo noch alles in tiefem Schlafe liegt.“
„Das ist etwas andres — Afanassij Wassiljewitsch. Hier weiß ich, daß ich das nicht um der Menschen willen, sondern um Dessen willen tue, der uns alle in dieses Leben gesandt hat. Was soll ich machen! Ich glaube, daß Er mir gnädig sein wird, daß Er mir verzeihen und mich in Gnaden aufnehmen wird, so häßlich und schlecht ich auch bin, während mich die Menschen mit dem Fuße fortstoßen und meine besten Freunde mich verraten und nachher noch sagen werden, sie hätten es in der besten Absicht getan.“
Ein bitteres Gefühl spiegelte sich in Chlobujews Gesicht. Dem alten Herrn traten die Tränen in die Augen ...
„Dann dienen Sie doch wenigstens Dem, Der allen Wesen so gnädig ist. Er freut sich ebenso sehr über die Arbeit, wie über ein Gebet. Suchen Sie sich irgend eine Beschäftigung, ganz gleich was für eine, wenn es nur eine Beschäftigung ist. Arbeiten Sie, als ob Sie es für Ihn und nicht für die Menschen täten. Schöpfen Sie meinetwegen Wasser in einem Sieb, aber denken Sie, daß Sie es um Seinetwillen tun. Schon das wäre ein Vorteil, Sie würden wenigstens keine Zeit und Gelegenheit finden, was Schlechtes zu tun: Ihr Geld zu verspielen, zu schmausen und zu schlemmen, unmäßig zu leben und den oberflächlichen weltlichen Genüssen nachzugehen. Ach Ssemjon Ssemjonowitsch. Kennen Sie Iwan Potapowitsch?“
„Jawohl. Ich kenne und schätze ihn sehr hoch!“
„Das war doch wirklich ein tüchtiger Kaufmann: er hatte über eine halbe Million; wie er aber sah, daß ihm alles zum Vorteil ausschlägt — da wurde er unmäßig und ließ sich gehen. Er ließ seinem Sohn französischen Unterricht geben und verheiratete seine Tochter an einen General. Von da ab sah man ihn nicht mehr im Laden oder in der Börsenstraße; wenn er einen Freund auf der Straße traf, dann schleppte er ihn gleich mit ins Gasthaus, um mit ihm Tee zu trinken. Da konnte er tagelang bei seinem Tee sitzen. Der Erfolg war natürlich, daß er Bankrott machte. Zu alledem hatte er noch Unglück mit seinem Sohn ... Sehen Sie, jetzt dient er bei mir als Kommis. Er hat ganz von Anfang angefangen. Seine Verhältnisse haben sich gebessert. Er könnte sich ganz leicht wieder eine halbe Million verdienen. Aber nun will er nicht mehr. ‚Jetzt bin ich halt Kommis, und als Kommis will ich auch sterben. Nun bin ich frisch und gesund geworden,‘ sagte er, ‚damals aber hatte ich einen dicken Bauch und die beginnende Wassersucht ... Nein ich danke,‘ sagte er. Tee nimmt er überhaupt nicht mehr in den Mund. Kohlsuppe und Brei, das ist seine ganze Nahrung. Jawohl! Und so fromm ist er geworden, wie keiner von uns, und er tut soviel Gutes für die Armen, wie selten einer; mancher andere würde auch gerne helfen, wenn er nicht sein ganzes Vermögen durchgebracht hätte.“
Der arme Chlobujew war nachdenklich geworden. Der Alte ergriff seine beiden Hände: „Ssemjon Ssemjonowitsch! Wenn Sie wüßten, wie leid Sie mir tun! Ich habe die ganze Zeit über an Sie gedacht. Hören Sie, Sie wissen doch, daß in unserem Kloster ein Eremit lebt, der nie einen Menschen sieht. Das ist ein Mann von großem Verstande, oh, von einem solchen Verstande, ich kann’s gar nicht sagen. Er sagt auch nie ein Wort. Aber wenn er einmal einen Rat erteilt ... Ich erzählte ihm einmal, ich habe einen kranken Freund, den Namen nannte ich ihm nicht ... Er hörte mich ruhig an und unterbrach mich dann plötzlich mit folgenden Worten: ‚Gottes Sache vor allem. Da baut man Kirchen und es ist kein Geld da: man muß Geld für den Kirchenbau sammeln!‘ Und damit schlug er die Türe zu. Ich dachte lange nach, was das wohl bedeuten könne ‚Offenbar will er mir keinen Rat erteilen‘, sagte ich mir. Und so ging ich denn zu unserm Archimandriten. Kaum hatte ich sein Zimmer betreten, so fragt er mich schon, ob ich nicht einen Menschen kenne, den man beauftragen könne, Geld für den Bau einer Kirche zu sammeln, es müßte aber ein Mann aus dem Adels- oder aus dem Kaufmannsstande sein, der eine bessere Erziehung genossen habe und sich der Sache annehmen wolle, als ob sein ganzes Heil davon abhänge? Ich blieb ganz bestürzt stehen. Gott im Himmel. Das ist ja das Amt, das der Mönch Ssemjon Ssemjonowitsch übertragen will. Das Wandern wäre ja sehr gut gegen seine Krankheit. Wenn er mit seinem Buche vom Gutsbesitzer zum Bauern und vom Bauern zum Bürger gehen wird, wird er sehen, wie die Menschen leben und was ein jeder für Bedürfnisse hat. Wenn er dann wiederkommt, nachdem er mehrere Provinzen durchwandert hat, wird er Land und Leute besser kennen, als alle Stadtbewohner. Und solche Menschen brauchen wir ja gerade! Der Fürst hat mir erklärt, er gäbe viel dafür, wenn er solch einen Beamten finden könnte, der die Verhältnisse nicht aus den Büchern und Akten, sondern tatsächlich kennt, so wie sie in Wirklichkeit sind, denn aus den Akten kann man, wie man sagt, überhaupt nichts mehr erfahren: so verwickelt seien die Dinge.“
„Sie haben mich ganz verwirrt und ratlos gemacht, Afanassij Wassiljewitsch,“ sagte Chlobujew, indem er Murasow erstaunt anblickte. „Ich kann nicht einmal glauben, daß Sie das zu mir sagen: dazu bedarf man eines unermüdlichen, tatkräftigen Menschen. Und dann kann ich doch nicht Frau und Kinder verlassen, die ja nicht einmal was zu essen haben?“
„Um Frau und Kinder brauchen Sie sich nicht zu sorgen. Für die will ich schon Sorge tragen, und an Lehrern soll es den Kindern nicht fehlen. Es ist doch besser und anständiger, Geld und milde Gaben für ein gottgefälliges Werk zu sammeln, als mit dem Felleisen herumzugehen und zu betteln. Ich gebe Ihnen einen einfachen Wagen, Sie brauchen aber keine Angst zu haben, daß er Sie zu sehr durchrütteln wird: das wird Ihnen nur gut tun, das ist ganz gesund. Und dann gebe ich Ihnen noch etwas Geld auf den Weg, damit Sie auf Ihrer Reise denen etwas geben können, die am meisten Not leiden. Sie werden auf diese Weise manch gutes Werk tun können: Sie werden schon keine Fehler machen und wirklich nur denen geben, die es wert sind. Wenn Sie so das Land bereisen, werden Sie die Menschen tatsächlich kennen lernen ... und es wird Ihnen nicht so gehen, wie irgend einem Beamten, vor dem alle Angst haben ... Mit Ihnen wird jeder gern sprechen wollen, weil er weiß, daß Sie Geld für die Kirche sammeln.“
„Ich sehe in der Tat, daß dies ein vortrefflicher Gedanke ist, und ich wünschte mir wirklich, ich könnte auch nur einen kleinen Teil davon ausführen; aber ich fürchte, es übersteigt meine Kräfte!“