„Ich will auch an meine Seele denken, nur retten Sie mich!“

„Pawel Iwanowitsch!“ sprach der alte Murasow und hielt einen Augenblick inne. „Es liegt nicht in meiner Macht, Sie zu retten — das sehen Sie doch selbst. Aber ich verspreche Ihnen, alles zu tun, was ich nur kann, um Ihr Los zu erleichtern, und Sie zu befreien. Ich weiß nicht, ob mir dies gelingen wird, aber ich werde mir die größte Mühe geben. Sollte ich jedoch wider Erwarten Glück haben: Pawel Iwanowitsch — dann bitte ich mir einen Lohn für meine Bemühungen aus. Pawel Iwanowitsch, ich flehe Sie an: lassen Sie ab von dieser Gier und Jagd nach dem Erwerb. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort: wenn ich mein ganzes Vermögen verlöre — und es ist weit größer als das Ihrige — ich würde ihm keine Träne nachweinen. Wahrlich, was liegt am Besitz, den man mir jeden Tag konfiszieren kann, worauf es ankommt, das sind die Güter, die mir niemand zu nehmen oder zu stehlen vermag! Sie haben doch schon lange genug auf dieser Welt gelebt. Sie nennen ja Ihr Leben selbst einen schwankenden Kahn auf wogendem Meer. Sie besitzen genug, um den Rest Ihrer Tage sorglos verleben zu können. Lassen Sie sich in einem stillen Erdenwinkel nieder; in der Nähe einer Kirche, nahe bei schlichten braven Menschen, oder wenn Sie schon den glühenden Wunsch haben, Nachkommen zu hinterlassen, so heiraten Sie ein armes braves Mädchen, das an einfache Verhältnisse und an ein mäßiges Leben gewöhnt ist. Vergessen Sie diese lärmende Welt und all ihre Launen und Verführungen: es schadet gar nichts, wenn auch die Welt Sie vergißt: sie kann uns keinen Frieden gewähren, Sie sehen ja selbst: sie ist voller Feinde, Verführungen und Verrätereien.“

„Unbedingt, ganz unbedingt! Ich hatte schon die Absicht und wollte eben ein ordentliches Leben beginnen, wollte mich ganz der Landwirtschaft widmen und meine Bedürfnisse einschränken. Der Dämon der Verführung hat mich verwirrt und vom rechten Wege abgeführt, dieser Satan, dieser verfluchte Teufel, o diese Schlangenbrut!“

Ganz neue, ungeahnte Gefühle, die er sich nicht zu erklären vermochte, durchdrangen plötzlich seine Brust, es war, als ob sich in ihm etwas regte; und aus tiefem Schlummer erwachte etwas ganz Fernes, längst Vergessenes ... etwas, das eine strenge tote Lehre in frühester Kindheit im Keime erstickt hatte, das eine trübselige, trostlose Jugend, die Enge des Vaterhauses, die Einsamkeit seines traurigen Lebens fern von der Familie, die Armut und Armseligkeit der ersten Eindrücke in ihm unterdrückt hatten; und alles das, was das harte und kalte Auge des Schicksals, das ihn traurig und wie durch ein trübes, vom Schneesturme verwehtes Fenster angeblickt, in sein Inneres zurückgeschreckt hatte, schien sich nun plötzlich losreißen und nach außen drängen zu wollen. Ein Stöhnen entrang sich seiner Brust, er bedeckte sein Antlitz mit beiden Händen und sprach mit schmerzdurchzitterter Stimme: „Wahrhaftig, Sie haben recht!“

„Ihre Menschenkenntnis und Ihre Erfahrung haben Ihnen nicht geholfen, weil Sie sie in den Dienst des Unrechts stellten. Hätten Sie doch einer gerechten Sache gedient! ... Ach Pawel Iwanowitsch, warum haben Sie sich selbst zugrunde gerichtet. Erwachen Sie: noch ist es nicht zu spät, noch ist es Zeit ...“

„Nein, es ist zu spät, zu spät!“ stöhnte Tschitschikow mit einer Stimme, bei deren Klang Murasow fast das Herz springen wollte. „Ich fange an zu fühlen, zu begreifen, daß ich irrte und weit, weit vom rechten Wege abwich, aber ich kann nicht mehr anders! Nein, ich bin einmal so erzogen. Mein Vater hat mir beständig Moral gepredigt, hat mich geschlagen und mich schöne Sittensprüche abschreiben lassen, während er selbst vor meinen Augen den Nachbarn ihr Holz wegstahl und mich zwang, ihm dabei behilflich zu sein. Ich selbst war Zeuge, wie er einen falschen Prozeß begann und ein armes Waisenmädchen verführte, deren Vormund er war. Das lebendige Beispiel wirkt mehr als alle Moralpredigten. Ich sehe und fühle es sehr gut, daß ich ein schlechtes Leben führe, Afanassij Iwanowitsch, und doch verabscheue ich das Laster nicht: ich bin stumpf geworden, ich liebe das Gute nicht, und mir fehlt jene herrliche Neigung zu gottgefälligen Werken, die uns bald zur zweiten Natur, zur Gewohnheit wird ... Ich kann nicht mit demselben Eifer dem Guten dienen, der mich beseelt, wenn mir Reichtum und Wohlstand als Preis winken. Ich spreche die Wahrheit — was soll ich machen?“

Der Greis seufzte tief auf ....

„Pawel Iwanowitsch! Sie haben soviel Willenskraft, soviel Geduld und Ausdauer. Die Arznei schmeckt bitter, und doch schluckt sie der Kranke, denn er weiß: nur so kann er genesen. Sie lieben das Gute nicht — so zwingen Sie sich, das Gute zu tun, ohne es zu lieben. Das wird Ihnen noch höher angerechnet werden, als dem, der das Gute tut, weil er es lieb hat. Versuchen Sie es, sich nur ein paar Mal zu zwingen ... dann wird die Liebe schon von selbst kommen. Glauben Sie mir, es läßt sich alles erreichen. Es ist uns gesagt worden: Das Reich Gottes muß errungen werden. Es muß mit Gewalt erstürmt, mit Gewalt erworben und errungen werden. Ach, Pawel Iwanowitsch! Wahrlich: Sie besitzen diese Kraft, die so vielen andern fehlt, diese eiserne Geduld, und Sie sollten unterliegen? Wahrhaftig! ich glaube fürwahr: Sie waren ein Held, ein Heros heute in unserer Zeit, wo alle Menschen so schwach, so energie- und willenlos sind.“

Man sah förmlich, wie diese Worte Tschitschikow in die Seele drangen und den Ehrgeiz, der tief auf ihrem Grunde schlummerte, aufstachelten. War es auch kein bestimmter Entschluß, so war es doch etwas Starkes, Festes, was einem Entschlusse sehr ähnlich sah, das jetzt in seinen Augen aufblitzte ....

„Afanassij Wassiljewitsch!“ sprach er mit fester Stimme: „wenn es Ihnen gelingen sollte, mir die Freiheit und die Mittel zu verschaffen, damit ich diese Stadt wenn auch nur mit einem kleinen Vermögen verlassen kann, dann gebe ich Ihnen mein Wort, ich will ein neues Leben beginnen: dann kaufe ich mir ein kleines Gut, werde Landwirt und fange an zu sparen, nicht für mich selbst, sondern um andern zu helfen und Gutes zu tun, soweit es in meinen Kräften steht; ich will versuchen, mich selbst und all diese städtischen Diners und Schlemmereien zu vergessen, und ein einfaches nur der Arbeit gewidmetes Leben zu führen.“