„O welch ein schreckliches Schicksal, Afanassij Wassiljewitsch. Ward je einem Menschen ein solch furchtbares Los zuteil? Mit welch geradezu mörderischer Geduld und Ausdauer habe ich mir jede Kopeke erspart; wahrlich mit harter Mühe und Arbeit, im Schweiße meines Angesichts habe ich sie erworben. Ich habe doch niemand beraubt oder die Staatskasse bestohlen, wie es andre Leute machen. Und wozu habe ich Kopeke auf Kopeke gespart? Um den Rest meiner Tage anständig zu verleben; um meiner Frau und meinen Kindern etwas zu hinterlassen, denn ich wollte mir eine Familie gründen, zum Wohle des Staates und um meinem Vaterlande zu dienen. Das war mein einziges Ziel. Ich habe unrecht getan; ich leugne es nicht, ich habe mich schwer vergangen ... aber was soll ich tun? Und doch wich ich erst da vom geraden Wege ab, als ich sah, daß der gerade Weg nicht zum Ziele führt, und daß der krumme eben der kürzere ist. Aber ich habe doch gearbeitet und mich ehrlich angestrengt. Wenn ich jemand was fortgenommen habe, so nahm ich’s nur den Reichen. Es gibt doch Schurken beim Gericht, die der Krone Tausende stehlen, die armen Leute plündern und denen, die nichts haben, die letzte Kopeke wegnehmen! Nein, sagen Sie, hab ich nicht Unglück? — noch jedes Mal, wenn ich die Früchte meiner Mühe zu ernten, sie schon sozusagen mit Händen zu greifen glaubte, brach ein Sturm über mich herein, strandete ich an einem Riff, und mein ganzes Schiff zerschellte. Einmal hatte ich schon dreihunderttausend Rubel Kapital in Händen und ein dreistöckiges Haus dazu, zweimal schon habe ich mir ein Gut gekauft ... Ach Afanassij Wassiljewitsch. Womit verdiente ich diese Schicksalsschläge? Glich denn nicht schon ohnedies mein Leben einem schwankenden Kahn auf stürmischem Ozean? Wo bleibt da die ewige Gerechtigkeit? Wo der Lohn für meine Geduld und meine unerhörte Ausdauer? Dreimal mußte ich von Anfang anfangen: nachdem ich alles verloren, begann ich von neuem, mit wenigen Kopeken in der Tasche, während sich ein anderer längst dem Trunke ergeben hätte und in der Schenke verkommen wäre. Wie vieles mußte ich in mir unterdrücken, wieviel mußte ich aushalten! Wahrlich, jede Kopeke ist sozusagen mit dem ganzen Aufgebot meiner Geisteskraft errungen! Wie leicht hatten es andre Leute, für mich aber war jede Kopeke wie das Sprichwort sagt mit einem silbernen Nagel festgenagelt, und diese festgenagelte Kopeke mußte ich mir, Gott sei mein Zeuge, mit geradezu eiserner Geduld und Unermüdlichkeit erringen.“

Er fing an zu schluchzen, ein unerträglicher Schmerz zerriß sein Herz; kraftlos sank er auf einen Stuhl nieder und riß dabei den einen herabhängenden halbzerfetzten Frackschoß vollends ab; er schleuderte ihn weit von sich, fuhr sich mit beiden Händen durch sein Haar, um dessen Pflege er sonst so eifrig bemüht war, und zerraufte es unbarmherzig; er schien sich an seinem eigenen Schmerze zu weiden, und sein durch nichts zu beschwichtigendes Herzeleid mit dem physischen Schmerz betäuben zu wollen.

Murasow saß ihm lange stumm gegenüber, in die Betrachtung dieses seltsamen noch nie gesehenen Schauspieles versunken. Unterdessen wand sich der unglückliche erbitterte Mensch, der sich noch vor kurzem mit der Gewandtheit und Ungezwungenheit eines Weltmannes oder Militärs bewegt hatte, in einem unwürdigen Aufzuge, mit zerzausten Haaren, zerrissenem Frack, aufgeknöpften Beinkleidern und mit blutender Hand zu seinen Füßen, fortwährend bittere Flüche gegen die feindlichen Mächte ausstoßend, die den Menschen befehden.

„Ach Pawel Iwanowitsch, Pawel Iwanowitsch! Was hätte aus Ihnen für ein Mensch werden können, wenn Sie sich mit derselben Kraft und Ausdauer einer ehrlichen Arbeit gewidmet und sich ein edleres Ziel gesteckt hätten. Herrgott! wieviel Gutes hätten Sie stiften können! Wenn doch nur einer der Menschen, die das Gute lieben, soviel Anstrengungen machte, wie Sie es taten, um Kopeke auf Kopeke zu häufen, wenn sie es doch verständen, ihre Eigenliebe und ihren Ehrgeiz so für das Gute zu opfern, ohne sich selbst zu schonen, wie Sie sich nicht schonten, um Ihren Besitz zu mehren! — Gott, wie herrlich würde es dann auf unserer Erde aussehen! ... Pawel Iwanowitsch, Pawel Iwanowitsch! Nicht das ist das Traurige, daß Sie schuldig wurden und sich an andern vergingen, sondern daß Sie sich so schwer an sich selbst vergangen haben: an Ihren reichen Kräften und Fähigkeiten, die Ihnen zuteil wurden. Es war Ihre Bestimmung: ein großer Mann zu werden, Sie aber haben Ihre Kräfte verzettelt und sich selbst zugrunde gerichtet.“

Es gibt unergründliche Tiefen der menschlichen Seele: wie weit sich auch der irrende Mensch vom geraden Wege entfernt haben, wie verstockt auch der unverbesserliche Verbrecher in seinen Gefühlen sein mag, wie trotzig er auf seinem lasterhaften Leben beharren mag: wenn man ihm sein besseres Selbst und seine von ihm selbst in den Kot gezogenen Tugenden vorhält, dann bäumt sich alles in ihm, und tieferschüttert steht er da.

„Afanassij Wassiljewitsch,“ sagte der arme Tschitschikow und ergriff Murasows beide Hände. „Oh! wenn es mir gelänge, frei zu kommen und mein Vermögen zurückzugewinnen! Ich schwöre Ihnen, ich würde von nun ab ein ganz neues Leben beginnen! Retten Sie mich, o mein Wohltäter, retten Sie mich!“

„Was kann ich nur tun? Ich müßte wider das Gesetz streiten. Aber selbst wenn ich mich dazu entschließen könnte, vergessen Sie eines nicht: der Fürst ist sehr gerecht, — er wird unter keinen Umständen nachgeben.“

„O, mein Wohltäter! Sie können alles erreichen! Mich schreckt das Gesetz nicht — gegen das Gesetz werde ich schon Mittel und Wege finden — was mich empört, ist dies: daß ich unschuldig ins Gefängnis geworfen wurde, wie ein Hund, daß mein ganzes Vermögen, meine Papiere, meine Schatulle .... O, retten Sie mich! Helfen Sie mir!“

Er umklammerte die Füße des alten Mannes und benetzte sie mit seinen Tränen.

„Ach, Pawel Iwanowitsch, Pawel Iwanowitsch!“ sagte der alte Murasow, indem er den Kopf schüttelte: „wie hat Sie doch dieser Reichtum verblendet! Sie denken nur an ihn und hören nicht auf Ihre arme Seele?“