„Aber Afanassij Wassiljewitsch! Das war doch ein Verbrechen gegen den Staat, das nahezu an Landesverrat grenzt!“
„Ich verteidige ihn nicht. Aber ist es denn gerecht, einen Jüngling, der sich infolge seiner Unerfahrenheit von anderen verführen und fortreißen läßt, ebenso hart zu bestrafen, wie einen der Rädelsführer? Dieser Derpennikow mußte doch dieselbe Strafe erleiden wie irgend ein Woronoi-Drjannoi, und doch war ihr Vergehen ganz verschieden.“
„Um Gottes willen ...“ sagte der Fürst, dem man seine Aufregung deutlich anmerkte: „Wissen Sie etwas davon? Sprechen Sie, ich bitte Sie! Ich habe erst neulich nach Petersburg geschrieben und gebeten, man möge sein Los mildern.“
„Nein, Durchlaucht, ich sage nicht, daß ich etwas weiß, was Sie nicht auch wissen. Es gibt allerdings einen Umstand, der ihm von Nutzen sein könnte, aber er würde selbst nichts davon hören wollen, weil das einem andern schaden würde. Ich meine bloß dies: ob Sie sich damals nicht vielleicht allzusehr übereilt haben? Verzeihen Sie mir, Durchlaucht, ich urteile nach meinem eigenen schwachen Verstande. Sie haben mir mehrmals geboten, aufrichtig zu sein. Als ich noch Direktor war, da hatte ich auch viele Arbeiter unter mir: gute und schlechte. Ich hätte damals auch das frühere Leben meiner Leute berücksichtigen müssen, denn wenn man nicht alles ganz kaltblütig überlegt, sondern die Menschen gleich anschreit — dann schüchtert man sie nur ein, und kriegt überhaupt nichts aus ihnen heraus; zeigt man ihnen dagegen Teilnahme und fragt sie nach allem, wie ein Bruder den Bruder fragt — dann sagen sie einem alles ganz von selbst und bitten gar nicht darum, daß man Gnade walten lassen solle; sie sind auch garnicht erbittert und zürnen niemandem, weil sie sehen, daß nicht wir sie bestrafen wollen, sondern das Gesetz.“
Der Fürst versank in Nachdenken, doch in diesem Augenblick trat ein junger Beamter ins Zimmer und blieb mit dem Portefeuille unter dem Arm ehrfurchtsvoll an der Türe stehen. Sorge und angestrengte Tätigkeit spiegelten sich auf seinem jungen und noch frischen Gesicht. Man sah es ihm an, daß er Beamter für besondere Aufträge war. Dies war einer der wenigen Menschen, die wirklich mit Liebe bei der Sache waren und denen das Aktenstudium Freude machte. Er hatte weder einen brennenden Ehrgeiz, noch einen heißen Durst nach Geld und Reichtum, noch suchte er es den andern gleichzutun, er arbeitete nur aus dem Grunde, weil er überzeugt war, daß er hier an dieser Stelle an seinem Platze war, wie an keiner andern der Welt, und daß das seine Lebensaufgabe sei. Wenn es galt, eine verwickelte Sache Schritt für Schritt zu verfolgen, zu analysieren, sie in ihre Teile zu zerlegen, in diesem Labyrinth den leitenden Faden zu entdecken, und alles aufzuklären, — dann war er in seinem Element. Er fand sich reichlich belohnt für seine Mühe und Arbeit und die vielen schlaflosen Nächte, wenn die Sache sich endlich aufzuhellen begann, wenn ihre geheimsten Triebfedern ans Licht kamen und er fühlte, daß er imstande war, sie mit wenigen Worten klar und deutlich darzulegen, sodaß sie jedem einleuchtete und vollkommen durchsichtig wurde. Man kann wohl sagen, kein Schüler freut sich so sehr, wenn ihm endlich der Sinn eines schwierigen Satzes oder die wahre Bedeutung des Gedankens eines großen Schriftstellers aufgeht, als er sich freute, wenn es ihm gelungen war, eine verwickelte Sache zu entwirren. Dafür aber ....
„... mit Brot in den Gegenden wo Hungersnot herrscht; ich kenne diesen Teil besser als die Beamten: ich will selbst untersuchen, was und wieviel ein jeder braucht. Und wenn Euere Durchlaucht gestatten, will ich auch persönlich mit den Sektierern reden. Unsereiner, d. h. ein einfacher Mann, kann sie ja doch leichter zum Reden bringen, und vielleicht gelingt’s mir mit Gottes Hilfe, die Sache auf friedlichem Wege zu schlichten. Die Beamten aber werden doch nicht mit ihnen fertig: da kommt es höchstens zu weitläufigen Schreibereien; sie werden ja schon so nicht mehr klug aus den Akten und sehen bald über all dem Papier die Sache selbst nicht mehr. Ich will auch von Ihnen kein Geld dafür haben, denn bei Gott, in solch einer Zeit wäre es wirklich eine Schande, noch an seinen Vorteil zu denken, wo die Menschen vor Hunger sterben. Ich habe noch etwas Korn in Reserve: außerdem habe ich schon nach Sibirien schicken lassen; bis zum nächsten Sommer erhalte ich wieder neues geliefert.“
„Gott allein kann es Ihnen vergelten, Afanassij Iwanowitsch, Sie leisten mir einen sehr großen Dienst damit. Ich sage Ihnen kein Wort mehr, weil hier — das werden Sie selbst fühlen — weil hier jedes Wort ohnmächtig wäre. Aber lassen Sie mich wenigstens noch eins über jene Bitte sagen. Sagen Sie selbst: habe ich denn das Recht, ganz über eine solche Sache hinwegzugehen, wäre es anständig und ehrlich von mir, diesen Schurken zu verzeihen?“
„Bei Gott! Durchlaucht, so darf man sie nicht nennen, um so mehr, da es viele ehrenwerte Männer unter ihnen gibt. Die Lage der Menschen ist oft schwer, Durchlaucht, oft sogar sehr schwer. Mitunter scheint es, daß ein Mensch nach allen Seiten hin schuldig ist, und wenn man dann näher zusieht — ist er es garnicht gewesen.“
„Aber was werden sie selbst sagen, wenn ich sie laufen lasse? Es gibt doch Leute unter ihnen, die nachher noch hochnäsiger werden und am Ende noch behaupten werden, sie hätten uns eingeschüchtert. Sie werden die ersten sein, die keine Achtung für ....“
„Durchlaucht, erlauben Sie mir, Ihnen meine Ansicht zu sagen: lassen Sie sie alle rufen, erklären Sie ihnen, daß Ihnen alles bekannt ist, schildern Sie ihnen Ihre eigene Lage, so wie Sie sie mir eben geschildert haben, und fragen Sie sie um Rat: was ein jeder von ihnen an Ihrer Stelle gemacht hätte.“