„Ja, glauben Sie denn, daß sie besseren Regungen zugänglich sind außer allerhand Intrigen und dem Wunsch, sich zu bereichern? Glauben Sie mir, sie werden mich auslachen.“

„Das glaube ich nicht, Durchlaucht. Jeder Mensch, selbst der, der schlechter ist als die andern, hat ein gesundes Gefühl für das Rechte. Es sei denn etwa irgend ein fremder Wucherer oder einer, der kein Russe ist .. Nein, Durchlaucht, Sie haben es nicht nötig, sich zu verstecken. Sagen Sie es ihnen ganz offen, wie Sie es mir gesagt haben. Sie schmähen sie ja doch und sagen, Sie seien ein stolzer und ehrgeiziger Mensch, der gar nichts hören will und sehr selbstbewußt ist — nun so mögen sie die Dinge sehen, wie sie sind. Was liegt Ihnen schließlich daran? Ihre Sache ist doch gerecht und gut. Sprechen Sie zu ihnen, als legten Sie nicht vor ihnen, sondern vor Gott selbst Rechenschaft ab.“

„Afanassij Iwanowitsch,“ sagte der Fürst nachdenklich: „ich will es mir überlegen, einstweilen aber danke ich Ihnen herzlich für Ihren Rat.“

„Und wie ist es mit Tschitschikow, Durchlaucht? Wollen Sie ihm die Freiheit schenken?“

„Sagen Sie diesem Tschitschikow, er soll machen daß er fortkommt, und zwar so schnell als möglich; je weiter er von hier ist, desto besser. Ihm könnte ich niemals verzeihen.“

Murasow verneigte sich und begab sich vom Fürsten direkt zu Tschitschikow. Er fand ihn bereits in der besten Laune, in höchster Seelenruhe mit einem respektablen Mittagessen beschäftigt, das ihm in mehreren Porzellanschüsseln aus einem gleichfalls recht respektablen Restaurant in die Zelle gebracht worden war. Aus seinen ersten Worten konnte der alte Herr sofort erkennen, daß Tschitschikow schon mit einzelnen von den gerissenen Beamten gesprochen hatte. Er begriff sogar, daß hier auch der gelehrte Rechtsanwalt seine unsichtbare Hand mit im Spiel hatte.

„Hören Sie, Pawel Iwanowitsch,“ sagte er, „ich bringe Ihnen die Freiheit, aber unter einer Bedingung, daß Sie sofort die Stadt verlassen. Packen Sie alle Ihre Sachen, und machen Sie, daß Sie fortkommen; Sie dürfen es keinen Augenblick aufschieben, sonst verschlimmern Sie nur Ihre Lage. Ich weiß, daß Ihnen irgend ein Mensch hier Verhaltungsmaßregeln gibt; daher will ich Ihnen verraten, daß man noch einer andern Affäre auf der Spur ist, und keine Macht der Erde wird ihn mehr retten können. Es macht ihm natürlich Spaß, auch andere Leute zugrunde zu richten, da es ihm allein zu langweilig wäre, aber die Sache wird bald aufgedeckt sein. Ich habe Sie in der besten Geistesverfassung zurückgelassen, in einer besseren als jetzt. Ich rate Ihnen daher ernstlich, folgen Sie meinem Rat. Ja, ja, es kommt wirklich nicht auf den Besitz allein an, um dessentwillen die Menschen sich miteinander streiten und einander umbringen, als ob es möglich wäre, hier auf Erden ein geordnetes Leben zu beginnen, ohne an das künftige zu denken. Glauben Sie mir Pawel Iwanowitsch, solange die Menschen nicht all das fahren lassen, um dessentwillen sie sich in dieser Welt auffressen und zerfleischen, und nicht daran denken, ihren geistigen Besitz in Ordnung zu bringen — wird es auch um den irdischen Besitz nicht wohlbestellt sein. Es werden Zeiten der Hungersnot und der Armut kommen, wie für ein ganzes Volk, so auch für den Einzelnen ... Das ist doch so klar. Sagen Sie, was Sie wollen, der Körper hängt doch von der Seele ab. Wie aber kann man dann verlangen, daß alles gut gehe? Denken Sie nicht an die toten Seelen, sondern an Ihre eigene lebendige Seele, und machen Sie sich mit Gottes Hilfe auf den Weg zu einem neuen Leben! Ich verreise auch morgen. Beeilen Sie sich! Es kann Ihnen schlecht gehen, — wenn ich nicht mehr da bin.“

Der Alte verstummte und ging hinaus. Tschitschikow versank in Nachdenken. Der Sinn des Lebens erschien ihm abermals in seiner hohen Bedeutung. „Murasow hat recht,“ sagte er, „es wird Zeit, einen andern Weg einzuschlagen.“ Mit diesen Worten verließ er das Gefängnis. Der Wachposten trug ihm die Schatulle nach ..... Seliphan und Petruschka waren ganz selig, als sie sahen, daß ihr Herr wieder frei war, und freuten sich, als ob Gott weiß was passiert wäre. „Nun, meine Lieben,“ sagte Tschitschikow, indem er sich gnädig an sie wandte: „jetzt müssen wir packen und abreisen.“

„Seien Sie unbesorgt, Pawel Iwanowitsch. Sie sollen sehen, wie wir fliegen werden,“ sprach Seliphan: „Wir werden jetzt einen guten Weg haben: es ist reichlich Schnee gefallen. Es ist wirklich Zeit, daß wir die Stadt verlassen. Wahrhaftig, ich habe sie bald so satt, daß ich sie garnicht mehr ansehen mag.“

„Geh zum Wagenbauer und sage ihm, er soll unsere Kutsche auf ein Schlittengestell setzen,“ versetzte Tschitschikow und ging selbst in die Stadt. Aber er konnte sich doch nicht entschließen, Abschiedsbesuche zu machen. Nach diesem unglücklichen Vorfall war es ihm peinlich, um so mehr, da in der Stadt allerlei äußerst ungünstige Gerüchte über ihn zirkulierten. Er suchte jeder Begegnung mit Bekannten sorgfältig aus dem Wege zu gehn und trat nur ganz unbemerkt in den Laden jenes Kaufmannes, bei dem er den Stoff von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz gekauft hatte; er erstand noch einmal vier Arschin zu einem Frack und Hosen und begab sich hierauf selbst zu demselben Schneider, der ihm den Anzug genäht hatte. Dieser erklärte sich bereit, seinen Fleiß und Eifer für den doppelten Preis gleichfalls zu verdoppeln und ließ das Völkchen seiner Gehilfen die ganze Nacht hindurch bei Kerzenlicht mit Schere, Bügeleisen und Zähnen arbeiten, sodaß der Frack noch am nächsten Tage fertig war. Die Pferde waren schon angespannt, aber Tschitschikow wollte den Frack dennoch erst anprobieren. Er war sehr schön, ganz ebenso schön wie der erste. Aber ach! Tschitschikow bemerkte etwas Glänzendes, weiß Schimmerndes zwischen seinen Haaren und murmelte schmerzlich: „Wie konnte ich mich auch so der Verzweiflung hingeben? Vor allem aber hätte ich mir die Haare nicht ausraufen dürfen!“ Nachdem er seine Schneiderrechnung bezahlt hatte, setzte er sich in seinen Wagen und verließ die Stadt in einer seltsamen Gemütsverfassung. Das war nicht mehr der alte Tschitschikow: das war nur noch eine Ruine des früheren Tschitschikow. Man konnte seinen inneren Seelenzustand mit einem zerstörten Gebäude vergleichen, das nur deswegen niedergerissen wurde, um ein neues daraus zu erbauen, mit dessen Wiederaufbau man jedoch noch nicht begonnen hat, weil der Architekt den definitiven Plan noch nicht gesandt und die Arbeiter im Zweifel sind, was sie tun sollen. Eine Stunde vor ihm war der alte Murasow zusammen mit Potapytsch in einem mit Matten gedeckten Zeltwagen abgefahren, und eine Stunde nach Tschitschikows Abreise erging der Befehl an die Beamten, vor dem Fürsten zu erscheinen: er verreise nach Petersburg und wolle sie vorher alle, bis auf den letzten noch einmal sehen.