übersetzt von
Mario Spiro und S. Bugow
Der Mantel
In einer Ministerial-Abteilung ...
Aber es ist sicher besser, ich sage nicht in welcher. In Rußland nämlich gibt es keine empfindlichere Menschenklasse, als die der Ministerial-, Armee- und Kanzleibeamten, kurz, aller derer, die man im allgemeinen unter dem Namen „Bürokraten“ zusammenzufassen pflegt. Hält sich heutzutage der eine von ihnen für auch nur ein wenig in seiner Ehre gekränkt, so bildet er sich sogleich ein, daß in seiner Person auch die ganze Gesellschaft eine Unbill erlitten hat. So soll neulich einmal ein Kreisrichter — ich weiß nicht mehr, in welcher Stadt — einen Bericht abgefaßt haben, in dem er dartun wollte, daß man den Erlassen der Regierung nicht mehr die gebührende Achtung entgegenbringe, erfreche man sich doch sogar, dem geheiligten Titel eines Kreisrichters eine verächtliche Nebenbedeutung beizulegen. Und zum Beweise dafür hatte er seinem Berichte einen riesigen Folianten beigelegt, eine Art Roman, in dem man auf jeder zehnten Seite einem völlig berauschten Kreisrichter begegnen konnte. Um also von vornherein allen künftigen Reklamationen den Riegel vorzuschieben, habe ich es vorgezogen, den Schauplatz der folgenden Vorgänge undeutlich zu lassen und mich mit der Angabe: In einer Ministerialabteilung zu begnügen. In einer Ministerialabteilung war ein Individuum beschäftigt, natürlich ein Beamter, der — ich kann es leider nicht verschweigen — ein wenig schlicht und unbedeutend aussah. Er war recht klein, und pockennarbig, hatte rote Haare, die ihm jedoch an der Stirn bereits ausgefallen waren, und war sogar etwas kurzsichtig, beide Wangen waren voller Runzeln, und sein Gesicht hatte eine bleiche Farbe, wie bei allen Leuten, die an Hämorrhoiden leiden. Was soll man machen. So sah nun mal unser Held aus, so hatte ihn das Petersburger Klima verunstaltet. Was seinen Rang im Amte betrifft — denn bei uns ziemt es sich vor allem, den Rang eines Beamten festzustellen — so war er das, was man im allgemeinen unter einem ewigen „Titular-Rat“[9] versteht; d. h. er war einer jener Unseligen, die bekanntlich schon so oft die ironischen Pfeile gewisser Schriftsteller herausgefordert haben, einer Menschenklasse, die die beklagenswerte Angewohnheit hat, Arme, die sich nicht zu verteidigen vermögen, anzugreifen. Der Familienname dieses Beamten war Baschmatschkin (zu deutsch Schuhmann). Dieser Name läßt deutlich erkennen, daß er von dem Worte Schuh herstammt; wann und zu welcher Zeit er jedoch von einem Schuh hergeleitet worden ist, das ist völlig unbekannt. Der Vater, der Großvater und sogar der Schwager unseres Beamten, sowie überhaupt sämtliche Baschmatschkins hatten immer nur Stiefel getragen, die sie sich dreimal im Jahre neu sohlen ließen. Der Vor- und Vatername unseres Helden war Akakij Akakiewitsch. Vielleicht wird der Leser diese Namen etwas seltsam und gesucht finden, aber ich kann ihm die Versicherung geben, daß dem nicht so ist, sondern daß die Umstände es zur Unmöglichkeit gemacht hatten, ihm andere Namen zu geben. Man höre, wie das kam! Akakij Akakiewitsch wurde, wenn mich nicht alles trügt, in der Nacht zum 23. März geboren. Seine verstorbene Mutter, die einen Beamten geheiratet hatte, eine gute, einfache Frau, ging natürlich, wie sich’s auch gebührt, sofort daran, ihren Neugeborenen taufen zu lassen. Die Mutter lag noch im Bette, das sich der Türe gegenüber befand, zu ihrer Rechten stand der Pate, Iwan Iwanowitsch Jeroschkin, eine sehr gewichtige Persönlichkeit seines Amtes, Bürochef im Senate, — und ihm zur Linken die Patin Arina Semenowna Biellobruschkow, die Frau eines Polizei-Inspektors, die mit mancherlei Vorzügen ausgestattet war. Man schlug der Wöchnerin drei Namen zur Auswahl vor: Mokius, Sosias oder den des Märtyrers Chosdasat.
„Nein,“ dachte sie, „die gefallen mir alle nicht!“
Um ihren Wünschen Rechnung zu tragen, schlug man im Kalender ein anderes Blatt auf und legte den Finger auf drei andere Namen: Trifili, Dula und Warachatius. „Aber das ist ja wie eine Strafe Gottes!“ rief die alte Mutter aus. „Hat man jemals solche Namen gesehen? Wahrhaftig, heute höre ich sie zum ersten Male in meinem ganzen Leben. Wenn es wenigstens noch Waradat oder Baruch wäre, aber Trifili und Warachatius!“
Man blätterte von neuem im Kalender und fand nun Pawsikachi und Wachtissi.
„Nein, nun wird es mir klar,“ rief die Alte, „es soll nicht sein! So mag er denn meinetwegen den Namen seines Vaters bekommen, wenn man nun einmal keinen besseren wählen kann. Der Vater heißt Akaki. So mag der Sohn denn auch Akaki heißen!“ Und so taufte man ihn denn auf den Namen Akaki Akakiewitsch. Das Kind wurde über den Taufstein gehalten: natürlich schrie es hierbei und verzog das Gesicht zu einer Grimasse, wie wenn es hätte ahnen können, daß es eines Tages Titular-Rat werden würde. So aber spielte sich dies alles ab. Wir haben diese Tatsachen deshalb so breit erzählt, damit der Leser sich davon überzeugen kann, daß es gar nicht anders hätte kommen können und daß ein anderer Name für den kleinen Akaki unmöglich gewesen wäre.
Zu welcher Zeit Akaki Akakiewitsch in die Kanzlei eintrat und wer ihm dort einen Platz verschaffte, vermag heute niemand mehr zu sagen. Wie viele Vorgesetzte aller möglichen Schattierungen auch schon aufeinander gefolgt waren, er nahm unentwegt seinen alten Platz ein, man sah ihn stets auf demselben Stuhle sitzen, in derselben Haltung, über dieselbe Arbeit gebeugt, mit demselben Range, so daß man hätte glauben können, daß er schon in diesem Zustande fertig auf die Welt gekommen sei, mit seinen kahlen Schläfen und in seiner Dienstuniform. — In der Kanzlei, in der er angestellt war, nahm niemand auch nur die geringste Rücksicht auf ihn. Selbst die Bureaudiener erhoben sich nicht bei seinem Eintritte, sie beachteten ihn nicht im mindesten und rechneten mit ihm nicht mehr als mit einer Fliege, die gerade davongeflogen war. Seine Vorgesetzten behandelten ihn mit kalter Herrschsucht. Die Gehilfen des Bureauchefs dachten nicht einmal daran, ihm zu sagen, wenn sie vor ihm einen Stoß von Papieren aufhäuften:
„Haben Sie doch die Güte, dieses hier abzuschreiben!“ —