Aber seine Angst verflog sofort, als der Gast mit einer schier unglaublichen Gewandtheit seine Verbeugung machte, wobei er zum Zeichen der Achtung seinen Kopf etwas zur Seite geneigt hielt. In kurzen aber bestimmten Worten erklärte dieser, daß er schon seit längerer Zeit teils in Geschäften, teils aus Wißbegierde Rußland bereise: unser Land sei sehr reich an merkwürdigen Dingen, ganz abgesehen von dem Überfluß an Erwerbsmöglichkeiten und den großen Unterschieden in der Bodenbeschaffenheit; er sei entzückt von der reizenden Lage des Gutes, hätte es aber trotz dieser entzückenden Lage doch niemals gewagt, den Gutsherrn durch seinen ungelegenen Besuch zu belästigen, wenn nicht seiner Kutsche infolge der Überschwemmungen dieses Frühjahrs und der schlechten Wege plötzlich ein Unfall zugestoßen wäre; die Reparatur werde nämlich die Meisterhand geübter Schmiedekünstler erfordern. Bei alledem aber hätte er es sich, auch wenn mit seiner Kutsche gar nichts passiert wäre, dennoch nicht versagen können, ihm persönlich seine Aufwartung zu machen.
Als der Gast seine Rede beendigt hatte, machte er mit geradezu bezaubernder Liebenswürdigkeit einen Kratzfuß und ließ dabei seine eleganten Lackstiefel mit den reizenden Perlmutterknöpfen sehen, um gleich darauf, trotz seiner Körperfülle, mit der Elastizität eines Gummiballes ein paar Schritte zurückzuspringen.
Andrei Iwanowitsch hatte sich schon längst beruhigt; er nahm an, das müsse irgend ein wißbegieriger Gelehrter oder Professor sein, der Rußland bereist, um Pflanzen oder vielleicht sogar seltene Fossilien zu sammeln. Er erklärte sogleich seine Bereitwilligkeit, ihm in allen Dingen behilflich zu sein; bot ihm seine Wagenbauer und Schmiede für die Reparatur der Kutsche an, bat ihn, sich’s bei ihm so bequem zu machen, wie in seinem eigenen Hause, ließ den Gast in einem großen Lehnsessel à la Voltaire Platz nehmen, und schickte sich an, seine Erzählung anzuhören, die sicherlich von allerhand gelehrten naturwissenschaftlichen Gegenständen handeln würde.
Allein der Gast brachte die Rede mehr auf einige Gegenstände des inneren Lebens. Er verglich sein Leben mit einem Schiff, das auf hoher See von heillosen Stürmen und Winden dahingetrieben werde; erwähnte wie oft er schon Amt und Beruf habe wechseln müssen, wieviel er für die Wahrheit gelitten habe und wie er infolge der Nachstellungen seiner Feinde schon oft in Lebensgefahr geschwebt habe, und noch vielerlei andres, woraus Tentennikow ersehen konnte, daß sein Gast eher ein Mann der Praxis sei. Zum Schluß führte er sein weißes Batisttaschentuch an die Nase und schneuzte sich so laut, wie Andrei Iwanowitsch es noch niemals gehört hatte. Mitunter begegnet man wohl in einem Orchester einer solchen vertrackten Trompete; wenn die einmal einen Ton von sich gibt, dann scheint es einem, als habe es nicht im Orchester, sondern im eigenen Ohre gekracht. Ein ähnlicher Laut erdröhnte jetzt durch die plötzlich erwachten Gemächer des in ewigen Schlaf versunkenen Hauses, und gleich darauf erfüllte die Luft ein intensiver Geruch nach Kölnischem Wasser, der sich durch ein leichtes Schütteln des Batisttaschentuches unsichtbar im Zimmer verbreitete.
Der Leser hat vielleicht schon erraten, daß der Gast kein andrer war, als unser verehrter, von uns so lange vernachlässigter Pawel Iwanowitsch Tschitschikow. Er war etwas älter geworden: diese Zeit war an ihm offenbar nicht ohne Stürme und Sorgen vorübergegangen. Selbst der Frack, in dem er stets zu erscheinen pflegte, schien etwas abgetragen zu sein; auch Kutscher und Equipage, der Diener, die Pferde und das Geschirr sahen ein wenig verbraucht und verschlissen aus. Auch seine Finanzlage schien nicht allzu glänzend zu sein. Aber der Ausdruck seines Gesichts, und der feine Anstand seines Auftretens waren noch ganz dieselben wie früher. Ja sein Benehmen und seine Formen waren eher noch etwas liebenswürdiger geworden, und er legte die Füße noch gewandter übereinander, wenn er im Lehnstuhle Platz nahm. Seine Aussprache war fast noch weicher, in seinen Worten und Redewendungen lag beinahe noch mehr Vorsicht und Mäßigung, in seiner Haltung noch mehr Klugheit und Sicherheit, und fast noch mehr Takt in seinem ganzen Betragen. Sein Kragen und sein Vorhemd waren weißer und glänzender als Schnee, und obwohl er auf Reisen war, klebte auch nicht ein Federchen an seinem Frack: er hätte sofort eine Einladung zu einem Geburtstagsdiner annehmen können. Kinn und Backen waren so glatt rasiert, daß nur ein Blinder über die angenehme Fülle und Rundung nicht in Entzücken geraten konnte.
Im Hause ging sofort eine gewaltige Umwälzung vor sich, die eine Hälfte, die bislang stets in Dunkel und Finsternis gelegen hatte, weil die Laden geschlossen und zugenagelt waren, erstrahlte plötzlich in blendender Helligkeit. In den schön erleuchteten Zimmern wurden die Möbel umgestellt, und bald nahm alles folgendes Aussehen an: das Zimmer, welches zum Schlafgemach ausersehen war, wurde mit allen zur Nachttoilette nötigen Gegenständen ausgerüstet, die Stube die als Arbeitszimmer dienen sollte ... doch halt, zuerst müssen wir wissen, daß in diesem Zimmer drei Tische standen: ein Schreibtisch vor dem Sofa, ein Spieltisch vor dem Spiegel zwischen den Fenstern und ein dritter Ecktisch in einer Zimmerecke, zwischen der Schlafzimmertüre und der in den unbewohnten anstoßenden Salon führenden Türe, in dem zerbrochene Möbel standen. Dieser Saal diente bis jetzt als Vorzimmer und war etwa ein Jahr lang von niemandem betreten worden. Auf diesem Ecktische fand die Garderobe ihren Platz, die der Reisende in seinem Koffer mitgebracht hatte und zwar: ein Paar zu dem bekannten Frack gehörige Beinkleider, ein Paar neue Beinkleider, ein Paar graue Beinkleider, zwei Sammetwesten, zwei Atlaswesten und ein Gehrock. Dies alles wurde übereinander, in Form einer Pyramide aufgeschichtet, und ein seidenes Taschentuch über das Ganze gebreitet. In der andern Ecke zwischen Tür und Fenster wurden in langer Reihe die Stiefel aufgestellt: ein Paar nicht mehr ganz neue, ein Paar ganz neue, ein Paar Lackschuhe und ein Paar Morgenschuhe. Auch sie wurden ebenso schamhaft mit einem seidenen Taschentuch zugedeckt — ganz als ob sie überhaupt nicht vorhanden wären. Auf dem Schreibtisch wurden sofort folgende Gegenstände in schönster Ordnung gruppiert: die Schatulle, eine Flasche mit Kölnischem Wasser, ein Kalender und zwei Romane, von beiden jedoch nur der zweite Band. Die reine Wäsche wurde in der Kommode untergebracht, die sich schon vorher im Schlafzimmer befand; die Wäsche hingegen, die zur Wäscherin geschafft werden sollte, wurde zu einem Bündel zusammengebunden und unter das Bett geschoben. Auch der Koffer wurde, nachdem er ausgeräumt war, unters Bett gestellt. Der Säbel, der unterwegs immer mitgenommen wurde, um den Räubern und Dieben Schrecken einzujagen, wurde auch im Schlafzimmer untergebracht und an einem Nagel in der Nähe des Bettes aufgehängt. Alles nahm das Aussehen höchster Sauberkeit und einer ganz ungewöhnlichen Ordnungsliebe an. Nirgends war ein Papierschnitzel, ein Federchen oder ein Stäubchen zu entdecken. Selbst die Luft schien gleichsam feiner und besser geworden zu sein: in ihr verbreitete sich der angenehme Geruch einer frischen gesunden Mannsperson, die ihre Wäsche nicht zu lange trägt, regelmäßig baden geht und sich Sonntags mit einem nassen Schwamm abwäscht. In dem Saal, der als Vorzimmer diente, schien sich eine Zeitlang der Geruch des Dieners Petruschka festsetzen zu wollen, aber Petruschka wurde bald ausquartiert und, wie es sich gehörte, in der Küche untergebracht.
In den ersten Tagen fürchtete Andrei Iwanowitsch ein wenig für seine Unabhängigkeit; er hatte einige Sorge, der Gast könne ihn belästigen, unliebsame Änderungen in seiner Lebensweise einführen, und die von ihm mit soviel Glück aufgestellte Tageseinteilung stören, allein seine Besorgnisse waren unbegründet. Unser Freund Pawel Iwanowitsch legte eine ganz außerordentliche Elastizität und Fähigkeit an den Tag, sich an alles anzupassen. Er sprach sich beifällig über die philosophische Langsamkeit seines Wirtes aus und erklärte, sie verheiße ein langes Leben. Über sein Einsiedlertum äußerte er sich sehr treffend, es nähre in dem Menschen die großen Gedanken. Er warf auch einen Blick auf die Bibliothek, sprach sehr lobend über die Bücher im allgemeinen und bemerkte, sie bewahrten den Menschen vor dem Müßiggang. Er ließ nur sehr wenige Worte fallen, aber alles, was er sagte war ernst und bedeutend. In allem, was er tat, aber erwies er sich fast noch liebenswürdiger und taktvoller. Er kam und ging immer zur rechten Zeit, plagte den Wirt nicht mit Fragen und Wünschen, wenn dieser einsilbig und nicht zur Unterhaltung geneigt war; spielte mit Vergnügen eine Partie Schach mit ihm, und schwieg gleichfalls mit Vergnügen. Während der eine den Tabakrauch in krausen Wolken in die Luft blies, suchte sich der andre, da er keine Pfeife rauchte, eine ähnliche Beschäftigung: so holte er zum Beispiel seine Tabaksdose aus schwarzem Silber aus der Tasche, nahm sie zwischen zwei Finger seiner linken Hand, und drehte sie mit einem Finger der rechten rasch um den der linken, ganz so, wie die Erdkugel sich um ihre eigene Achse dreht, oder er trommelte mit dem Finger auf dem Deckel herum und pfiff eine Melodie dazu. Mit einem Wort, er störte seinen Wirt nicht im mindesten. „Zum erstenmal im Leben sehe ich einen Menschen, mit dem sich’s leben läßt!“ sagte Tentennikow zu sich selbst, „diese Kunst ist bei uns im allgemeinen recht wenig verbreitet. Unter uns gibt es mancherlei Leute: kluge, gebildete und auch wirklich gute Menschen, aber Menschen von immer gleichmäßigem Charakter, Menschen, mit denen man ein Jahrhundert lang zusammen leben könnte, ohne sich zu zanken — solche Menschen kenne ich nicht. Wieviel solche Leute gibt’s denn bei uns überhaupt? Dies ist der erste Mensch dieser Art, den ich kennen lerne.“ So urteilte Tentennikow über seinen Gast.
Tschitschikow war seinerseits gleichfalls sehr froh, daß er eine Zeitlang bei einem so ruhigen und friedlichen Herrn wohnen durfte. Das Zigeunerleben hatte er gründlich satt bekommen. Sich einmal einen Monat lang ordentlich ausruhen, den Anblick des herrlichen Gutes, den Duft der Felder und des beginnenden Frühlings so recht von Herzen genießen zu können, das war sogar mit Rücksicht auf die Hämorrhoiden von großem Nutzen und Vorteil.
Man hätte nicht leicht einen schöneren Winkel zu seiner Erholung finden können. Der Frühling, dessen Sieg durch starke Fröste aufgehalten worden war, entfaltete sich plötzlich in seiner ganzen Pracht, und überall sproßte junges Leben. Wälder und Wiesen schimmerten bläulich, aus dem frischen Smaragd des ersten Grünes leuchtete hell das Gelb der Kuhblume hervor, und die rötlich-violette Anemone neigte sanft ihr zartes Köpfchen. Schwärme von Mücken und Scharen von Insekten zeigten sich über den Sümpfen, verfolgt von der langbeinigen Wasserspinne, und von allen Seiten flüchteten die Vögel in das trockene, schützende Schilfrohr. Hier strömte alles zusammen, um einander zu sehen und sich näher kennen zu lernen. Plötzlich bevölkerte sich die Erde, die Wälder erwachten, in den Wiesen wurde es lebendig und laut. In den Dörfern schlang sich der Reigen. Wieviel Raum gab es hier, um sich im Freien zu ergehen. Wie hell leuchtete das Grün! Wie frisch war die Luft! Wieviel Vogelsang in den Gärten! Paradiesisches Jauchzen und Jubeln des Alls! Das Dorf tönte und sang, wie bei einem Hochzeitsfest!
Tschitschikow ging viel spazieren. Zu Wanderungen und Spaziergängen bot sich die reichste Gelegenheit. Bald erging er sich auf dem flachen Hochplateau, wo sich die Aussicht auf die unten liegenden Täler, mit den großen Seen auftat, welche die über die Ufer getretenen Flüsse zurückgelassen hatten, und aus denen ganze Inseln von dunklen noch unbelaubten Wäldern hervorragten; oder er schritt mitten durch das Dickicht dunkler Wälder, und finsterer Gründe, wo die Bäume mit Vogelnestern geschmückt, dicht beisammen standen und die Raben krächzend durcheinander flogen, und gleich einer Wolke den Himmel verfinsterten. Über trockeneres Erdreich konnte man bis zum Landungsplatz wandern, wo die ersten Barken, mit Erbsen, Gerste und Weizen beladen in die See stachen, und wo sich das Wasser mit ohrenbetäubendem Getöse auf das Mühlrad stürzte, das sich langsam in Bewegung zu setzen begann. Oder er ging hin, um sich die ersten Frühjahrsarbeiten anzusehen, und zu beobachten, wie sich ein Stück frisch gepflügtes Ackerland mitten durch das Grün der Felder zog und der Sämann mit der Hand auf das Sieb trommelnd, welches ihm auf der Brust hing, gleichmäßig den Samen ausstreute, ohne auch nur ein Körnchen auf der einen oder andern Seite zu verschütten.