Tschitschikow besuchte jedes Fleckchen. Er unterhielt sich und besprach alles mit dem Verwalter, mit den Bauern und dem Müller. Er erkundigte sich nach allem, nach dem Wo und Wie und fragte wie es mit dem Haushalt stehe, wieviel Getreide verkauft werde, was im Frühjahr und Herbst für Korn gemahlen wird, wie jeder Bauer heißt, wer mit diesem und jenem verwandt ist, wo er seine Kuh gekauft hat, womit er sein Schwein füttert, mit einem Wort er vergaß nichts. Er ließ sich auch sagen, wieviel Bauern gestorben wären, und erfuhr, daß es nur wenige seien. Als kluger Mann erkannte er sofort, daß es nicht allzu glänzend um Andrei Iwanowitsch’ Haushalt stand. Überall entdeckte er Unterlassungssünden, Nachlässigkeit, Diebstahl, auch die Trunksucht war recht verbreitet, und er dachte sich: „Was der Tentennikow doch für ein Rindvieh ist! So ein Gut! und es so zu vernachlässigen! Man könnte sicherlich ein Einkommen von fünfzigtausend Rubeln daraus herauswirtschaften!“

Mehr als einmal kam ihm bei diesen Spaziergängen der Gedanke, selbst einmal — d. h. natürlich nicht jetzt, sondern später, wenn die Hauptsache erledigt sein, und er Geld in Händen haben würde — selbst einmal so ein friedlicher Besitzer eines ähnlichen Gutes zu werden. Und sofort tauchte natürlich das Bild eines jungen, frischen Weibchens mit weißem Gesicht, aus dem Kaufmannsstande oder sonst einem reichen Kreise vor ihm auf. Ja, er träumte sogar davon, daß sie musikalisch sei. Er stellte sich auch die junge Generation seiner Nachkommen vor, deren Bestimmung es war, die Familie Tschitschikow zu verewigen: einen munteren Jungen und eine schöne Tochter, oder sogar zwei Jungen und zwei, ja selbst drei Mädel, damit alle wissen sollten, daß er wirklich gelebt, existiert, und nicht etwa bloß wie ein Gespenst oder Schatten über die Erde gewandelt wäre — und damit er sich vor dem Vaterlande nicht zu schämen brauchte. Dann kam ihm wohl der Gedanke, daß es nicht übel wäre, wenn er auch im Rang ein wenig aufrückte: Staatsrat zum Beispiel. Das war immerhin ein recht anständiger und achtbarer Titel! Was kommt einem nicht alles in den Sinn, wenn man spazieren geht: so mancherlei, was den Menschen aus dieser langweiligen, traurigen Gegenwart entführt, ihn neckt, reizt, seine Einbildungskraft bewegt und ihr selbst dann noch schmeichelt, wenn er überzeugt ist, daß es nie eintreffen wird.

Auch Tschitschikows Bedienten gefiel es recht gut auf dem Lande. Sie gewöhnten sich schnell an das neue Leben. Petruschka schloß bald Freundschaft mit dem Hausdiener Grigorij, obwohl beide zuerst sehr wichtig taten und sich furchtbar aufbliesen. Petruschka suchte Grigorij Sand in die Augen zu streuen und mit seiner Erfahrenheit und Weltkenntnis zu imponieren; Grigorij aber übertrumpfte ihn sofort mit Petersburg, wo Petruschka noch nicht gewesen war. Er machte zwar noch einen Versuch zu opponieren und wollte die ganze Entfernung der Gegenden geltend machen, die er besucht hatte, aber Grigorij nannte ihm einen solchen Ort, den man nicht einmal auf der Karte hätte finden können, und er sprach von mehr als dreißigtausend Werst, sodaß der Diener Pawel Iwanowitschs ganz verdutzt sitzen blieb, den Mund weit aufriß und von allen Knechten und Mägden ausgelacht wurde. Trotzdem nahm die Sache den allerschönsten Ausgang; beide Diener schlossen eine enge Freundschaft. Am Ende des Dorfes Lyssyer Pimen war eine Schenke, die einem gewissen Akulka gehörte, den man den Bauernvater nannte. Hier in diesem Lokal konnte man sie zu allen Tageszeiten sehen. Dort wurde die Freundschaft besiegelt, damit wurden sie zu „Stammgästen“ der Kneipe wie man sich im Volke auszudrücken liebt.

Für Seliphan gab es andre Anziehungspunkte. Jeden Abend wurden im Dorfe Lieder gesungen; die Dorfjugend versammelte sich, um den beginnenden Frühling durch Gesänge und Tänze zu feiern; es schlang sich der Reigen und löste sich wieder. Die schlanken rosigen Mädchen, von einem Liebreiz, wie man ihn heute in den größeren Dörfern kaum noch findet, machten einen gewaltigen Eindruck auf ihn, sodaß er stundenlang dastehen und sie angaffen konnte. Es war schwer zu sagen, welche von ihnen die Schönste war; sie hatten alle schneeweiße Busen und Hälse, große runde und verschleierte Augen, den Gang eines Pfaus und einen Zopf der bis an den Gürtel reichte. Wenn er sie bei ihren weißen Händen faßte, und sich mit ihnen langsam im Reigen vorwärtsbewegte oder zusammen mit den andern Burschen gleich einer Mauer gegen sie vorrückte, wenn die Mädchen laut lachend auf sie zukamen und sangen: „Wo ist der Bräutigam, Bojaren?“ und wenn dann die Gegend ringsum allmählich in Nacht versank und weit hinter dem Flusse das treue Echo der Melodie melancholisch zurücktönte, dann wußte er kaum, wie ihm geschah. Und noch lange nachher: am Morgen und in der Dämmerung, ob er schlief oder wachte — immer wieder kam es ihm so vor, als halte er ein Paar weiße Hände in seinen Händen und bewege sich langsam mit ihnen im Reigen.

Auch Tschitschikows Pferde fühlten sich in ihrer neuen Wohnung sehr wohl. Das Deichselpferd, der Assessor, und selbst der Schecke fanden den Aufenthalt bei Tentennikow gar nicht langweilig, den Hafer vortrefflich und die Lage der Ställe außerordentlich bequem. Ein jedes hatte seinen Stand, der zwar von dem des andern durch einen Verschlag abgeteilt war, über den man jedoch leicht hinweggucken konnte. Daher konnte man auch die andern Pferde sehen, und wenn es einem unter ihnen, selbst dem das in der äußersten Ecke stand, einfiel loszuwiehern, war es den andern leicht möglich, dem Kameraden in der gleichen Weise zu antworten.

Mit einem Wort, alles fühlte sich bei Tentennikow bald wie zu Hause. Was jedoch die Angelegenheit anbetraf, wegen der Pawel Iwanowitsch das weite Rußland bereiste, nämlich die toten Seelen, so war er in dieser Beziehung äußerst vorsichtig und taktvoll geworden, selbst dann wenn er es mit kompletten Narren zu tun hatte. Tentennikow aber las doch immerhin Bücher, philosophierte, suchte sich über die Ursachen und Gründe aller Erscheinungen klar zu werden — über ihr Warum und Weshalb .... „Nein, vielleicht ist es besser, ich fange vom andern Ende an!“ So dachte Tschitschikow. Er plauderte oft mit den Knechten und Mägden, und so erfuhr er unter anderem einmal, daß der Herr früher häufig zu einem seiner Nachbarn — einem General zu Gaste fuhr, daß der General eine Tochter habe, daß der Herr für das Fräulein — und auch das Fräulein für den Herrn eine gewisse ... daß sie sich aber plötzlich entzweit und von da ab für immer gemieden hätten. Er selbst hatte auch schon bemerkt, daß Andrei Iwanowitsch beständig mit Bleistift und Feder allerhand Köpfe zeichnete, die einander alle sehr ähnlich sahen.

Eines Tages nach dem Mittagessen, als er wieder einmal nach seiner Gewohnheit die silberne Tabaksdose mit dem Zeigefinger um ihre Achse drehte, sagte er zu Tentennikow: „Sie haben alles was das Herz begehrt, Andrei Iwanowitsch; nur eins fehlt Ihnen noch.“

„Das wäre?“ fragte jener, indem er eine krause Rauchwolke in die Luft blies.

„Eine Lebensgefährtin,“ versetzte Tschitschikow. Andrei Iwanowitsch entgegnete nichts, und damit war das Gespräch für dies Mal zu Ende.

Tschitschikow ließ sich jedoch nicht einschüchtern, suchte sich einen andern Zeitpunkt aus — diesmal war es vor dem Abendbrot — und sagte plötzlich mitten in der Unterhaltung: „Wirklich, Andrei Iwanowitsch, Sie sollten heiraten!“