Der junge Mann verbarg sein Gesicht in den Händen, und oft noch zuckte er später bei der Erkenntnis zusammen, daß das menschliche Herz doch nur wenig menschliche Empfindung in sich berge, und daß soviel Härte und Roheit selbst denen eigen wäre, die eine feine und vornehme Erziehung genossen hätten, und o Gott! auch in denen, die im allgemeinen für gütige und ehrenwerte Menschen galten.
Nirgends konnte man einen Beamten finden, der seinen Pflichten mit gleichem Eifer oblag wie unser Akaki Akakiewitsch. Was sage ich, mit gleichem Eifer — arbeitete er doch mit Liebe, mit Leidenschaft. Wenn er Akten abschrieb, so öffnete sich vor ihm eine überaus schöne, eine freundliche Welt. Man konnte von seinen Zügen das Vergnügen, das ihm das Kopieren bereitete, ablesen. Es gab für ihn Lieblingsbuchstaben, die er mit einer ganz besonderen Genugtuung malte — in der wahren Bedeutung des Wortes; kam er an eine wichtige Stelle, so wurde er ein ganz anderer: er lächelte, seine Augen funkelten, seine Lippen bewegten sich, — und wer ihn kannte, konnte leicht aus seiner Physiognomie ersehen, welchen Buchstaben er jetzt gerade druckte.
Wäre er nach Verdienst belohnt worden, so hätte er sich zu seinem eigenen Erstaunen vielleicht zum Range eines Staatsrates erhoben gesehen. Aber, wie seine witzigen Kollegen sagten, durfte er in seinem Knopfloche nichts wie eine Schnalle tragen, und seine ganze Beharrlichkeit trug ihm nur Hämorrhoiden ein.
Übrigens muß ich hier hinzufügen, daß er eines Tages doch eine gewisse Aufmerksamkeit erregte. Ein Direktor, ein anständiger, wohlgesinnter Mann, der ihn für seinen langen Dienst belohnen wollte, befahl, ihm eine wichtigere Arbeit anzuvertrauen als die, die in der Kopierung der gewöhnlichen Akten bestand, und zwar sollte er einen Bericht an irgend eine andere Behörde abfassen, die Titel verschiedener Akten ändern und im ganzen Texte das Pronomen der ersten Person durch das der dritten ersetzen.
Akaki machte sich an die Arbeit, aber sie erregte ihn derartig, sie kostete ihn solche Anstrengungen, daß ihm der Schweiß von der Stirn rann und er endlich ausrief:
„Nein, gebt mir lieber etwas zum Abschreiben!“
Und von nun an ließ man ihn bis an sein Lebensende kopieren.
Es schien fast, als ob außer seinen Kopieen nichts auf der Welt für ihn existiere. An seinen Anzug dachte er nie. Seine ursprünglich grüne Uniform hatte allmählich eine mehlig-rote Farbe angenommen; sein Kragen war so eng und so niedrig, daß sein Hals, der eigentlich kurz war, beträchtlich über ihn hinausragte und abnorm lang erschien, ähnlich wie bei jenen Gipskatzen mit beweglichen Köpfen, die die fremden Hausierer in den russischen Dörfern feilbieten, um sie an die Bauern zu verkaufen.
Stets gab es irgend ein Ding, das an seiner Kleidung haften geblieben war, — bald ein Faden, bald ein Strohhalm. Außerdem hatte er eine ganz besondere Vorliebe dafür, gerade in dem Momente unter einem Fenster vorbeizugehen, wo man aus ihm einen nichts weniger als reinlichen Gegenstand auf die Straße warf, und nur selten war sein Hut nicht mit einer Melonenschale oder ähnlichem Plunder garniert. Niemals fiel es ihm ein, sich mit dem, was auf den Straßen vor sich ging und alltäglich vor sich geht, zu beschäftigen, mit Dingen, die die kecken forschenden Blicke seiner jungen Kollegen unbedingt auf sich zogen; ja, die waren gewohnt, wenn sie spazieren gingen, auf dem entgegengesetzten Trottoir sofort alles Merkwürdige herauszufinden, wenn etwa ein Sterblicher mit zerrissenen Beinkleidern sich zeigte, was ihnen stets ein boshaftes Lächeln entlockte.
Akaki Akakiewitsch seinerseits sah nur die geraden und regelmäßigen Linien seiner Kopieen vor sich, und er mußte schon plötzlich an die Schnauze eines Pferdes, das ihm seinen vollen Atem ins Gesicht blies, geraten, um sich zu erinnern, daß er sich nicht vor seinem Pult befand, vor seinen schönen kalligraphischen Musterbeispielen, sondern mitten auf der Straße. Und kam er nach Hause, so setzte er sich sofort zu Tisch, schlang hastig seine Kohlsuppe hinunter und verzehrte dann unbekümmert um das, was man ihm vorsetzte, irgend ein Stück Rindfleisch mit Knoblauch — samt den Fliegen und andern Lieblichkeiten, die Gott und der Zufall dazugetan hatten. Hatte er seinen Magen gefüllt, dann stand er auf, holte ein kleines Tintenfaß aus der Tasche und begann pflichtgemäß die Akten abzuschreiben, die er sich nach Hause mitgenommen hatte. Hatte er zufällig gerade keine dienstlichen Schriftstücke abzuschreiben, so kopierte er zu seinem eigenen Vergnügen Dokumente, denen er eine besondere Wichtigkeit beimaß — nicht wegen ihrer mehr oder weniger interessanten Fassung, sondern weil sie an irgend eine hochgestellte Persönlichkeit gerichtet waren.