Nicht nur eine Stunde oder zwei kämpften die Kosaken und Polen. Immer weniger wurden ihrer auf beiden Seiten; doch Pan Danilo ermattete nicht: mit seiner langen Lanze hob er die Feinde aus dem Sattel, und trat mit seinem tapferen Roß das Fußvolk nieder. Schon leert sich der Hof, schon fliehen die Polen, schon reißen die Kosaken die goldenen Schupans und die reiche Rüstung von den Gefallenen herab. Schon will Pan Danilo zur Verfolgung aufbrechen, schon blickt er sich um, die Seinen zu sammeln ..... doch da kocht in ihm die Wut, vor ihm taucht Katerinas Vater auf. Nun steht er auf dem Berge und zielt mit seiner Muskete nach ihm. Danilo treibt sein Pferd grad auf ihn los .... Kosak, du eilst ins Verderben! Da kracht die Muskete, und der Zauberer ist hinter dem Berge verschwunden. Nur der getreue Stetzko hat noch gesehen, wie das rote Gewand und die seltsame Mütze im Husch vorbeiflogen. Danilo schwankt und stürzt zu Boden. Der treue Stetzko eilte zu seinem Pan: sein Herr liegt ausgestreckt auf der Erde, und hat die hellen Augen geschlossen, und das hellrote Blut quillt aus seiner Brust. Aber er erkannte den treuen Diener noch, leis hob er die Lider und blitzte ihn mit den Augen an: „Leb wohl, mein Stetzko! Sag Katerina, sie soll meinen Sohn nicht verlassen! Verlaßt auch ihr ihn nicht, ihr meine treuen Diener!“ und er verstummte. Die tapfere Kosakenseele war aus dem adligen Leibe entflohen; blau sind seine Lippen, der Kosak schläft einen Schlaf, aus dem es kein Erwachen gibt.
Da schluchzte der getreue Diener auf und winkte Katerina mit der Hand: „Komm, komm schnell herbei, Pani! Dein Pan hat ausgetobt; sieh, da liegt er, trunken auf feuchtem Erdreich; nimmer wird der aus seinem Rausche erwachen!“
Da schlug Katerina die Hände zusammen und sank über den Leichnam hin wie eine Garbe. „O mein Gemahl, du mein Gemahl! Bist du’s, der geschlossenen Auges daliegt? Steh auf, mein herzallerliebster Falke, rühr deine süße Hand! Erhebe dich doch! O, schau sie nur einmal noch an, deine Katerina, reg deine Lippen und sprich nur ein einziges Wörtlein! ... Doch ach, du schweigst, du schweigst, mein lieber herrlicher Pan! Bläulich wardst du wie das Schwarze Meer, und dein Herz schlägt nicht! Warum bist du so kalt, mein Pan? O, ich seh’s, meine Tränen sind nicht heiß genug, sie können dich nicht erwärmen! Ich seh’s, nicht laut genug ist meine Klage, denn sie kann dich nicht erwecken! Wer wird jetzt deine Heere anführen? Wer wird nun auf deinem Rappen dahinjagen und laut jauchzend vor den Kosaken den Säbel schwingen? Kosaken, Kosaken! Wo ist eure Ehre und euer Ruhm? Da liegt eure Ehre und euer Ruhm geschlossenen Augs auf der feuchten Erde. O, begrabt nun auch mich, begrabt mich zusammen mit ihm! Streut mir Erde auf die Augen, preßt die Bretter von Ahorn mir auf die weißen Brüste! Ich brauche meine Schönheit nicht mehr!“
Und Katerina weinte und klagte bitterlich, da aber steigt eine Staubwolke in der Ferne auf: Gorobetz, der alte Jessaul, sprengt zu Hilfe heran.
X.
Voller Wunder ist der Dnjepr bei heiterem Wetter, wenn er frei und ungehemmt durch Gebirg und Wälder seine reichen Wasser trägt. Da ertönt kein leises Rauschen und kein mächtiger Donnerlaut. Du blickst hin und weißt es kaum, ob sich sein hehrer breiter Rücken regt, ob nicht; ganz aus Glas gegossen scheint die Flut und sein blauer Spiegelweg windet sich, breit ohne Maßen, lang ohn’ Ende, in verschlungenen Bahnen durch die grüne Welt. Dann blickt auch die heiße Sonne selig von der Höhe herab und taucht ihre Strahlen in die kühlen gläsernen Wässer, und selig spiegeln sich die Wälder am Ufer in den klaren Fluten. O, ihr Grüngelockten! Ihr drängt euch mit den Feldblumen zum Wasser hin, beugt euch hinab, schaut hinein und könnt euch nicht satt sehen an eurem klaren Angesicht und ihr lächelt ihm zu und grüßt es, indem ihr die Zweige schüttelt. Aber in die Mitte des Dnjepr wagt ihr doch nicht zu blicken: in sie hinein blickt nur die Sonne und der blaue Himmel, und selten nur kommt ein Vogel bis mitten über den Dnjepr geflogen. O, du herrlicher Fluß! Kein Strom in der Welt kommt dir gleich. Voller Wunder ist auch der Dnjepr in einer stillen Sommernacht, wenn alles in Schlummer sinkt: Mensch und Tier und Vogel. Nur Gott allein blickt majestätisch auf Himmel und Erde und schüttelt gewaltig sein wunderbares Ornat. Und von dem Kleide regnen Sterne herab; die Sterne aber glühen und leuchten über die Welt, und spiegeln sich alle im Dnjepr wieder. Der Dnjepr birgt sie alle in seinem dunklen Schoße, und kein einziger kann ihm entrinnen — es sei denn, daß er am Himmel erlischt. Der schwarze Wald mit seinen Reih an Reih schlafenden Raben und die in grauer Urzeit geborstenen Berge beugen sich vor und suchen ihn wenigstens mit ihren langen Schatten zu bedecken — vergebens! Es gibt nichts auf der Welt, das den Dnjepr überdecken könnte. Azurblau fließt er gemessen dahin, und bei Nacht wie bei Tage sieht man ihn so, wie nur ein Menschenauge sehen kann. Wenn er sich wiegt und wie ein verzärteltes Kind bei der nächtlichen Kühle ans Ufer schmiegt, dann wird er zur silbernen Flut und die flammt auf, wie die stählerne Schneide einer Damaszenerklinge und dann liegt er wieder tiefblau da und schlummert. Und auch dann ist der Dnjepr voller Wunder und kein Fluß in der Welt kommt ihm gleich! Doch wenn sich am Himmel die blauen Wolken zu Bergen ballen, der schwarze Wald bis auf die Wurzeln bebt, die Eichen krachen und der Blitz, aus den Wolken splitternd, plötzlich die ganze Welt erhellt — o, dann ist der Dnjepr schrecklich! Die Wasserhügel tosen, wenn sie gegen die steinigen Felsen anprallen, sinken blitzend und stöhnend zurück und ächzen und heulen in der Ferne. So jammert wohl die alte Kosakenmutter, wenn sie ihren Sohn ins Kriegslager geleitet: frei und kühn reitet er auf seinem rabenschwarzen Roß dahin, die Hand in die Hüfte gestemmt und die Mütze keck aufs Ohr geschoben, sie aber läuft schluchzend hinter ihm her, hängt sich an den Steigbügel, greift ihm in die Zügel, ringt die Hände und zerfließt in heißen Tränen.
Wild und schwarz ragen zwischen den kämpfenden Wellen auf der Landzunge verkohlte Baumstümpfe und Steine in die Luft. Ein Boot, das landen will, wird ans Ufer geworfen, schießt hoch empor und sinkt dann wieder tief abwärts. Wer ist der Kosak, der sich in den Kahn gewagt, zu einer Zeit, da der alte Dnjepr grollt? Der weiß nicht, daß der Dnjepr die Menschen hinabschlingt wie Fliegen!
Doch nun landete das Boot, und der Zauberer entstieg ihm. Ihm ist nicht heiter zumute. Er grollt über den Totenschmaus, den die Kosaken ihrem erschlagenen Herrn zu Ehren abhielten. Die Polen mußten ihn teuer bezahlen, vierundvierzig vornehme Herren in schönen Schupans, ihr ganzes Pferdegeschirr und dreiunddreißig Knechte dazu wurden in Stücke gehauen, und die übrigen saßen mit ihren Rossen gefangen und sollten an die Tataren verkauft werden.
Er stieg die steinernen Stufen zwischen den verkohlten Baumstümpfen hinab, wo sich tief unten im Erdreich seine Hütte befand. Leise und ohne mit der Türe zu knarren, trat er ein, stellte einen Topf auf den gedeckten Tisch und begann mit seinen langen Armen unbekannte Kräuter in ihn hineinzuwerfen, dann holte er einen Krug herbei, der aus einem merkwürdigen Holz geschnitzt war, schöpfte Wasser und begann es wieder auszugießen, während seine Lippen Beschwörungen murmelten.
Rosiges Licht erhellte die Kammer, und schrecklich war es, sein Gesicht zu schauen: es sah ganz blutig aus, tiefe schwarze Furchen gruben sich drein, und die Augen glühten wie ein Feuer. Schrecklicher Sünder! Der Bart war ihm längst ergraut, und das Gesicht von Runzeln durchfurcht, schon ist er fast gänzlich verdorrt, und noch immer trachtet er nach gottlästerlichen Taten. Inmitten des Raumes erhob sich jetzt eine weiße wehende Wolke, und etwas wie Freude huschte über des Zaubrers Gesicht. Doch warum stand er plötzlich regungslos mit weitgeöffnetem Munde da, warum wagte er es nicht, sich zu bewegen? Und warum sträubten sich die Haare wie Borsten auf dem Haupte? In der Wolke erschien ihm ein sonderbares Gesicht. Ungebeten und ungerufen kam es zu Gaste; immer deutlicher trat es hervor und bohrte die starren Augen in ihn hinein. Die Züge, die Brauen, die Augen, die Lippen — alles war ihm unbekannt und noch nie in seinem Leben hatte er es gesehen. Auch war nichts eigentlich Grauenhaftes an ihm, und doch packte ihn ein unüberwindliches Entsetzen. Das seltsame unbekannte Haupt blickte ihn noch immer starr durch die Wolke an. Doch nun war die Wolke verschwunden, aber das unbekannte Gesicht hing noch klarer vor ihm, und die scharfen schneidenden Blicke wollten sich nicht von ihm wenden. Der Zauberer wurde so weiß wie Leinen; mit einer furchtbaren Stimme, die ihn selber fremd dünkte, schrie er auf, warf den Topf um. Alles war verschwunden.